„Dieser dünnbrettrige Selbstverwirklichungsirrsinn!“

30.6.2007, 15:16
  • Interview

Starregisseurin Andrea Breth über ihre Inszenierung von Tschaikowskis Oper „Eugen Onegin“ bei den Salzburger Festspielen, ihren Kampf gegen eine schwere psychische Krankheit, die Kritiklosigkeit des Publikums und ihre Distanz zum Wiener Burgtheater.

profil: Was fasziniert eine so analytische und textorientierte Regisseurin, wie Sie es sind, an dem Pathos-Durchlauferhitzer Oper?

Breth: Es ist vollkommen falsch zu glauben, es gehe in der Oper immer nur um Emotionen. Die russische Oper ist völlig unsentimental, im Gegensatz zur westlichen. Auch „Eugen Onegin“ ist von einer gewissen Kälte. Es geht um eine Gesellschaft, die sich mitten in einer Veränderung befindet, aber nicht weiß, wohin sie sich verändern soll. Wie bei Tschechow wimmelt es von überflüssigen Menschen. Dieses Lebensgefühl betrifft nicht nur das 19. Jahrhundert.

profil: Sie haben erst spät zur Oper gefunden. Keine Zeit? Keine Lust?

Breth: Opernprojekte wurden schon relativ früh an mich herangetragen. Damals war ich aber noch sehr jung und dachte, ich kann das nicht. Ich musste erst darüber nachdenken, wie man Musiktheater macht. Auch während meiner Zeit an der Berliner Schaubühne gab es mehrere Angebote, die ich aus einem simplen Grund ablehnte: Ich hatte keine Zeit.

profil: Was ist das Besondere beziehungsweise Schwierige am Musiktheater?

Breth: Zunächst einmal ist es ganz wichtig, dass Dirigent und Regisseur einander verstehen …

profil: … das hilft wahrscheinlich.

Breth: Sonst kann es grauenhaft werden – wenn im Orchestergraben etwas ganz anderes los ist als auf der Bühne. Aber in dieser Hinsicht hatte ich jedes Mal Glück. Auch mit den Stücken: Ich scheine ein

Faible für Katastrophengeschichten zu

haben, Geschichten über zerstörte Verhältnisse, Macht und Ohnmacht. Sie holen mich immer wieder ein.

profil: Ohnmacht und zerstörte Verhältnisse prägten auch das Leben von Peter Tschaikowski. Welche Rolle spielt das Wissen um biografische Hintergründe in Ihrer inszenatorischen Arbeit?

Breth: Keine wesentliche, aber man sollte schon etwas über die Autoren beziehungsweise Komponisten wissen. Tschaikowski war ein ungemein scheuer Mensch – hochneurotisch, wie man heute sagen würde. Er hatte Angst vor Menschen und Begegnungen. Als eines Tages Tolstoi seinen Besuch ankündigte, starb er mehrere Tode. Er war ein Workaholic, der ständig Fluchttendenzen entwickelte. In seinem Tagebuch notierte er regelmäßig, dass er sich erholen müsse, doch kaum hatte er es hingeschrieben, arbeitete er fieberhaft weiter.

profil: „Eugen Onegin“ ist Ihre erste Inszenierung nach einer schweren psychischen Krankheit, mit der Sie vergangenes Jahr zu kämpfen hatten. Wie geht es Ihnen heute?

Breth: Sehr gut. Trotzdem ist es schwierig für mich, darüber zu sprechen. Diese Krankheit – die Manie – ist zwar sehr weit verbreitet, doch es gibt sehr wenig Wissen und kaum Verständnis in der Gesellschaft. Man glaubt zum Beispiel immer, dass manische Menschen genau wüssten, was sie tun. Doch das Gegenteil ist der Fall. Es gibt ganze Phasen, an die ich mich überhaupt nicht mehr erinnern kann.

profil: Sie hatten Blackouts?

Breth: Dauernd. Man durchlebt höchst unangenehme Zustände – eine permanente Schlaflosigkeit etwa, was zu einer extremen Überreizung führt. Aggressionen kommen hoch, die man nicht kennt. Man kennt sich teilweise selbst nicht mehr, ist buchstäblich außer sich. Dabei verletzt man andere Menschen aufs Grauenhafteste, ohne es zu merken, weil man sich ständig im Recht fühlt: Man denkt, die anderen sind krank. Die Krankheit hat auch etwas Ruinöses: Beziehungen gehen kaputt. Der Arbeitsplatz ist gefährdet. Manche Menschen verschulden sich hoffnungslos. Sie schmeißen das Geld raus und denken, es spiele überhaupt keine Rolle. Sie kaufen und kaufen und kaufen, und irgendwann kommen die Rechnungen. Man glaubt gar nicht, wie viele Menschen an dieser Krankheit leiden, aber die Öffentlichkeit weiß leider fast gar nichts darüber. Sie müsste wesentlich besser aufgeklärt werden.

profil: Was weiß man über die Ursachen der Krankheit?

Breth: Man versucht immer, einen äußeren Grund zu finden, einen Auslöser. Den gibt es aber nicht. Wenn man das Pech hat, bei einem Arzt in Behandlung zu sein, der den Überblick verliert und die falsche medikamentöse Einstellung vornimmt, dann kommt man in Teufels Küche, und zwar im tiefsten Sinne des Wortes. Das war bei mir der Fall. Ich hatte zunächst eine falsche Behandlung.

profil: Ist es nicht sogar für Psychiater schwer, gleich den richtigen Ansatz zu finden?

Breth: Es ist nicht ganz leicht, denn in der Krankheit wird man zum Chamäleon und entwickelt ungemein raffinierte Strategien, die es dem Gegenüber schwer machen, zwischen „normalem“ und krankheitsbedingtem Verhalten zu unterscheiden. Dabei werden Dinge freigesetzt, die erst im Nachhinein ins eigene Bewusstsein rücken, wenn man langsam wieder gesund wird. In der Phase der Manie jedoch ist man ohnmächtig. Man isst nichts mehr, ist ständig umgetrieben und höchst suizidgefährdet. Verschärft wird die Situation durch das absolute Unverständnis, das einem entgegenschlägt. Es ist allerdings auch sehr schwer zu verstehen für andere Menschen, selbst für die Familie und Freunde. Es ist ja für einen selbst schon nicht zu verstehen.

profil: Wie verläuft der Heilungsprozess?

Breth: Es dauert – dann ist man wieder gesund, und zwar so gesund, dass man unter Umständen besser arbeiten kann als zuvor. Ich merke das auch: Ich spüre überhaupt keinen Druck, ich bin gelassen und fühle mich wohl. Ich bin wieder bei mir, nicht mehr außer mir.

profil: Sie hätten in der vergangenen Saison das Großprojekt „Wallenstein“ am Burgtheater inszenieren sollen. Angesichts Ihrer Krankheit wurde die Premiere zunächst mehrmals verschoben und schließlich für Dezember 2008 angesetzt. Nun wird das Stück von Thomas Langhoff inszeniert, in einer wesentlich schlankeren Version. Haben Sie Verständnis für diese Entscheidung?

Breth: Ich habe meinem Arbeitgeber gegenüber nie verhehlt, dass ich unter Depressionen leide. Ich hätte jedes Verständnis gehabt, wenn die Premiere aufgrund betriebsinterner Notwendigkeiten spätestens im vergangenen Jänner fällig gewesen wäre. Als ich aber begriffen habe, dass „Wallenstein“ drei Monate nach „Eugen Onegin“ Premiere hat, ist mir ein bisschen das Verständnis weggebrochen. Aber die Entscheidung wurde nun einmal so und nicht anders getroffen – und ich werde es überleben. Jedenfalls bin ich dankbar für das Vertrauen, das Jürgen Flimm in mich gesetzt hat. Auch er hatte es nicht leicht, denn in Salzburg geht es um ganz andere Summen als am Burgtheater. Das werde ich Flimm nie vergessen.

profil: Sie fühlen sich von Burgtheaterdirektor Klaus Bachler im Stich gelassen?

Breth: Es kränkt mich zumindest sehr, dass es keine einzige Aufführung mehr von mir am Burgtheater gibt. Ich bin aus diesem Haus eliminiert worden.

profil: Mit welcher offiziellen Begründung? Die muss es, wenn es so ist, doch gegeben haben.

Breth: Das weiß ich nicht. Ich bin nicht hingegangen, um nach den Gründen zu fragen. Jedenfalls gibt es zu diesem von mir so innig geliebten Theater nun eine große Distanz.

profil: Was erwarten Sie sich vom designierten Burgtheater-Intendanten Matthias Hartmann?

Breth: Die Generation der Intendanten ist ein wenig verloren gegangen. Aber bei der Auswahl, die man auf dem so genannten Markt im Moment hat, wüsste ich im Moment keinen Besseren für den Job als Hartmann, denn er ist ein sehr guter Manager. Als Regie führender Intendant hat er offenbar auch kein Problem damit, gute Regisseure zu engagieren. Das ist nicht selbstverständlich.

profil: Die größte Herausforderung für einen Intendanten besteht heute wohl darin, mit dem Budget auszukommen, das ihm bewilligt wird. Schrumpft da nicht alles andere zur Nebensache?

Breth: Die Theater stehen nicht rasend gut da, nicht nur finanziell, auch künstlerisch. Es gibt zu viele Experimente um der Experimente willen. Am meisten ärgere ich mich über jene Regisseure, die es für konventionell und spießig halten, auf der Bühne heute noch Geschichten zu erzählen, obwohl sie alle ins Kino gehen, wo in Wahrheit auch nichts anderes geboten wird als Geschichten, und streichen dann in ihrem dünnbrettrigen Selbstverwirklichungsirrsinn Stücke bis zur Unkenntlichkeit zusammen. Das finde ich, Entschuldigung, einfach schlecht! Aber dieser Diskurs wird nicht geführt – alles, was zählt, ist die Auslastung. Und die ist mit dem aktuellen Shakespeare-Zyklus an der Burg natürlich grandios.

profil: Auch das Feuilleton lobte den Zyklus als mutigen programmatischen Akzent.

Breth: Das ist mir unerklärlich. Egal, wie groß ein Haus ist – irgendeine Linie ist notwendig, sonst wird es ein Gemischtwarenladen. Man mag von Herrn Peymann halten, was man will – diesen Vorwurf kann man ihm rückblickend nicht machen.

profil: Den Vorwurf der Gemischtwarenhandlungsmentalität machte man Klaus Bachler oft, allerdings eher zu Beginn seiner Amtszeit.

Breth: Wenn man an der Burg radikal

Shakespeare programmiert und im Akademietheater nur zeitgenössische Stücke, dann sieht das zwar so aus, als wäre es eine Linie, aber es sagt noch nichts über eine ästhetische und inhaltliche Stringenz aus. Alles scheint inzwischen möglich zu sein, auch wenn es vielleicht überhaupt nicht möglich ist. Die Durchschnittlichkeit ist König. Auch das Publikum hat sich verändert, ist völlig kritiklos geworden.

profil: Woran liegt das?

Breth: Heute wird alles eingekauft, was gerade en vogue ist. Dadurch geht jede Exklusivität verloren, das gilt für alle Festivals. Andererseits muss man heute einfach koproduzieren, weil das Geld immer knapper wird. Hier kommen nun die Politiker ins Spiel, die deklarieren sollten, was sie eigentlich wollen. Einerseits wollen sie den Mozartkugel-Effekt multiplizieren, andererseits sind sie nicht bereit, die Etats aufzustocken.

profil: Politiker sind bekanntlich nicht nur für Budgets zuständig, sondern auch für Personalbestellungen. Haben Sie die Neubesetzung der Staatsoperndirektion mit Interesse verfolgt?

Breth: Es geht. Ich will das nicht beurteilen, dafür fehlt mir die Kompetenz. Ich halte es jedenfalls für ungemein schwer, ein Haus wie die Staatsoper zu leiten. Es gibt einfach zu viele Imponderabilien: Man muss auf Jahre hinaus vorplanen, Sänger engagieren und sich mit diesen elenden Agenturen und dem Riesenapparat herumschlagen. Aber wir sind uns wohl alle darüber einig, dass die Staatsoper derzeit nicht unbedingt an der Spitze der europäischen Opernhäuser steht, was jedoch der Fall sein sollte.

profil: Sie sagen, das Publikum sei kritiklos geworden. Ist das ein Problem der Saturiertheit?

Breth: Sicher.

profil: Wie geht es Ihnen als Regisseurin denn damit, für ein saturiertes Publikum zu inszenieren?

Breth: Hier liegt tatsächlich ein großer Zwiespalt vor. Wenn ich inszeniere, interessiert mich das Publikum eigentlich gar nicht – mein Interesse gilt nur dem Werk. Würde ich anfangen, lange über das Publikum nachzudenken, dann würde mir wahrscheinlich irgendwann der Regiegriffel aus der Hand fallen. Heute ist ja fast nur noch Unterhaltungstheater gefragt, und dieses alles infizierende Bedürfnis nach Unterhaltung macht mich abwechselnd zornig und traurig. Wenn ich mir ausmale, was hier in Salzburg bald los sein wird – dieser aberwitzige Aufmarsch, wenn die Promis in ihren Limousinen vorfahren –, dann würde ich am liebsten einfach nur meine Arbeit abliefern und abreisen, noch bevor der letzte Ton verklungen ist. Andererseits hält mich mein Egoismus davon ab, denn wo hat man sonst die Chance, mit so wunderbaren Sängern und einem menschlich wie künstlerisch so grandiosen Mann wie Daniel Barenboim zusammenzuarbeiten? Das ist in der Tat eine Art Gewissenskonflikt, auf den der Satz aus „Emilia Galotti“ zutrifft: „Verführung ist die wahre Gewalt.“ Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass Theater immer elitär war – niemals eine Massenveranstaltung. Und ich bleibe hartnäckig bei meiner Meinung, dass eine Gesellschaft sich Kultur nicht nur leisten kann, sondern muss, und zwar umso dringlicher, je kultur-, geist- und seelenloser wir sind.

profil: Gibt es zeitgenössische Bühnenautoren, denen Sie zutrauen, den Zeitgeist kritisch auf den Punkt zu bringen?

Breth: Nicht wirklich. Aber es gab sie ja auch früher ganz selten. Es ist schwer, die Zeit einzufangen, etwas zu schreiben, was unmittelbar ist, und dabei nicht im tagespolitischen Zusammenhang stecken zu bleiben. Die Gefahr der Verflachung ist einfach zu groß. Als Regisseurin brauche ich eine geistige Herausforderung, alles andere wäre Zeitverschwendung. So jung bin ich schließlich auch nicht mehr: Ich kann an zwei Händen abzählen, wie viel ich noch inszenieren werde. Man soll nicht so tun, als könnte man mit 120 immer noch irgendwelche Kinderstücke aufführen. Einen „Don Carlos“ oder einen „Wallenstein“ macht man, weil es zu einem bestimmten Zeitpunkt nahezu lebensnotwendig ist. Das muss so sein, sonst kann man nicht inszenieren – ich jedenfalls nicht.

profil: Wäre der „Faust“ für Sie, wie für viele andere Regisseure, der Olymp?

Breth: Nein, weil ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, wie man den zweiten Teil inszenieren soll, denn das ist kein Theater mehr, sondern reine Philosophie. Die größeren Dramatiker und verrückteren Theaterhunde sind und bleiben für mich Schiller und Kleist.

Interview: Sven Gächter





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