Aufs Aug und in die Goschen

31.5.2008, 10:12

Eine Wiener Band deklariert die verbale Gewalt ihrer Liedtexte als Hetz.

Wir mischen auf im Frauenhaus, wir peitschen die Emanzen aus, wir treiben die Lesben vor uns her, des fällt uns Kerls gar net schwer (…) Die Fotzen – ja, die ghörn verdroschen, zuerst aufs Aug und dann in d’ Goschen.“ So singen Die Hinichen, laut Eigenwerbung die ordinärste Bänd von Österreich, und wer hofft, diese verkürzte Wiedergabe verfälsche die wahre Botschaft, hofft vergebens, denn der vollständige Text ist genauso Verbalgewalt pur wie dieser Auszug. Am 23. Mai hätte die Band diesen ihren Klassiker im von der Gemeinde Wien subventionierten Lokal Planet Musik vortragen sollen, der Auftritt wurde jedoch nach Protesten diverser Frauenvereine storniert. Nicht so schlimm für die Kerls, sie traten stattdessen halt im Schutzhaus am Ameisbach auf, aber trotzdem beklagten sie sich als Verfolgte und warfen den Protestierenden Zensur vor, denn ihr Text sei nichts als Satire.

Und schon stand die alte Frage im Raum: Dürfen der Freiheit der Kunst Grenzen gesetzt werden? Sie scheint umso relevanter, als Songs, in denen Gewalt an Frauen imaginiert und verbalisiert wird, Konjunktur haben.
Allerdings wird sie meiner Meinung nach falsch gestellt. Denn tatsächlich sollte sie lauten: Ist alles Kunst, was sich so deklariert, um eine Diskussion über Inhalte zu tabuisieren?

Ich wollte nicht vorschnell urteilen, daher ersuchte ich die Hinichen per E-Mail, mir zu erklären, was an ihrem Frauenhaus-Text satirisch sei.
Der darauf folgende Briefwechsel – den ich leider aus Platzgründen nicht zur Gänze wiedergeben kann – bestätigte meinen Verdacht, dass es vergebens ist, Stumpfsinn auf Tiefsinn abzusuchen, weil in der Szene, wo die Kerls aufmischen, die These, in der Kunst sei alles erlaubt, längst abgewandelt wurde zu: Alles ist erlaubt, wenn wir’s Kunst nennen. Fassungslos über meine Frage sei er, schrieb mir Herr Ing. Hans Winter im Namen der Hinichen, und: Wie weit sind wir mit politischer Korrektheit schon gekommen, dass man Satire erklären oder deklarieren muss?

Ich wies darauf hin, dass Satire auf kritischer Distanz basiere, wohingegen „Wir mischen auf im Frauenhaus“ eins zu eins Gewalt und Frauenverachtung transportiere und vom johlenden Publikum auch genauso aufgenommen werde. Herr Winter schrieb mir, dass moralinsaure Zeigefinger-Moralisten wie ich der Welt immer nur Elend, Krieg, Hass, Unterdrückung und freudlose Betroffenheits-Kabaretts gebracht hätten, was meine Frage nicht wirklich beantwortete. Auch andere Argumente seinerseits überzeugten mich wenig: Der Band zu unterstellen, sie rufe allen Ernstes zu Gewalt gegen Frauen auf, sei angesichts des gutbürgerlichen Backgrounds der „Hinichen“ absurd!
Und: Unsere Konzertbesucher gehen immer entspannt und mit Lachtränen in den Augen friedlich nach Hause. Und: Wir erfüllen eine gewisse sozial-hygienische Ventil-Funktion, denn in einer restriktiven Moral/Zensur-Gesellschaft würde sich der Schmutz ganz andere, viel schlimmere Wege, als bei einem Konzert mitzusingen, suchen – analog zu unseren hypersteril aufwachsenden Kindern, die dann unter Allergien und Neurodermitis leiden.

Ich darauf: Gewaltausübung ist keine Eigenart des Proletariats, sondern zieht sich durch alle Schichten der Bevölkerung. Und: Wenn Ihr Publikum nach einem Song wie „Wir mischen auf im Frauenhaus“ „entspannt und mit Lachtränen in den Augen nach Hause“ geht, wie Sie schreiben, dann beruhigt mich das ungefähr so sehr wie die Vorstellung, dass Menschen auf eine Doku über, sagen wir mal, die Anwendung von Foltermethoden in Nordkorea „entspannt und mit Lachtränen in den Augen“ reagieren. Und: Jetzt haben Texte wie „Wir mischen auf im Frauenhaus“ plötzlich angeblich eine sozial-hygienische Ventil-Funktion. Also doch nix mit Satire? Womit wir beim Verdacht des Hochmuts wären, denn Sie entwerfen damit das Bild eines gewaltbereiten Publikums, dem man Gelegenheit geben muss, sich durch das Mitsingen Gewalt beschwörender Texte abzureagieren, damit es nicht wirklich tätlich wird. Abgesehen von dieser wenig schmeichelhaften Einschätzung Ihrer ZuhörerInnen ist es auch vermessen zu behaupten, man könne ein gesellschaftliches Problem wie die Gewalt an Frauen unter Kontrolle kriegen, indem man bei kollektivem Gesang die verbale Sau rauslässt.

Wie zu erwarten war, kam es zu keinerlei Einigung. Der E-Mail-Dialog gipfelte schließlich in einer versöhnlich-besorgten Frage Herrn Ing. Winters: Wieso lassen sich Frauen mit gewaltbereiten Männern ein, wieso versagt hier das feminine Radar? Kann man diesen Charakterdefekt nicht schon nach einem Gespräch oder „einer Nacht“ erkennen? Versöhnlich-besorgt? Hoppla, jetzt hätte mein feminines Radar beinahe ausgelassen. Also nein, an dieser Frage versöhnt mich nix. Denn sie heißt: selber schuld. Wenn Weiber, die doch von Natur aus hellsehende Fledermäuse sind, bei einem Gewalttäter und in der Folge davon im Frauenhaus landen, dann … Ja, was? Dann dürfen – aufgrund ihres gutbürgerlichen Backgrounds selbstverständ­-lich ganz friedliche – Brachialsatiriker sie verbal aufmischen, weil solcherne F…rauenzimmer eh nix anderes kennen und wollen? Oh ja, Kunst soll sich durchaus mit einem Phänomen wie Gewalt auseinandersetzen. Aber die geschäftsmäßige Spekulation mit der Lust an der Gemeinheit ist keine Auseinandersetzung, sondern bedient eben jene Reflexe, gegen die zu sein sie scheinheilig vorgibt, sobald man sie kritisiert.


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