Rainer Nikowitz
Lehrgut

Es stimmt gar nicht, dass moslemische Religionslehrer hierzulande eigentlich keinerlei Ausbildung haben. Schon beim allerersten Eignungstest trennt sich nämlich die Spreu vom Weizen.

Yusuf schwitzte. Daran waren wieder einmal nur die Ungläubigen schuld. Wenn er seinen letzten Job als Kellner nicht verloren hätte, weil ausländerfeindliche Österreicher ständig Schweinsbraten bei ihm bestellt hatten – eine Provokation, die selbst der langmütigste Fundamentalist klarerweise nicht länger als eine halbe Stunde aushalten konnte –, dann säße er gar nicht hier. Der Test war ganz schön schwierig, und Yusuf musste sich trotz seines gesunden Selbstbewusstseins, das er als Moslem und Mann – als doppelt Auserwählter also – hatte, eingestehen, dass ihn diese Aufgabe ordentlich nervös machte. Also schwitzte er. Und war beleidigt.

„Was verstehen Sie unter einem Rechtsstaat?“,
lautete die nächste Frage. Yusuf überflog hastig die drei Antwortmöglichkeiten.
a) Die Ungläubigen werden daran ersticken
b) Wenn man ein einklagbares Recht darauf hat, nach der Urteilsvollstreckung seine abgehackte Hand mit nach Hause nehmen zu dürfen
c) Diese Frage ist eine Beleidigung
Yusuf seufzte. Wie sollte man aus all diesen hervorragenden Möglichkeiten bloß die richtige herausfiltern?
Ursprünglich hatte Yusuf ja gar nicht den Plan gehabt, Religionslehrer zu werden. Aber die Ausbildung zum Maler und Anstreicher hätte viel länger gedauert. Und außerdem hatte er ganz gute Karten in der Moschee, seit sein elfjähriger Großcousin der ganzen Familie viel Ehre gemacht und sich in der alten Heimat gemeinsam mit einem von Zionisten beschmutzten Pissoir direkt in den siebenten Himmel gesprengt hatte.

„Was halten Sie von Demokratie?“
a) Gar nichts
b) Diese Frage ist eine Beleidigung
c) Die Ungläubigen werden daran ersticken
Yusuf war am Rande der Verzweiflung. So hart hatte er sich die Auslesekriterien nicht vorgestellt. Das Ganze erinnerte ihn ein wenig daran, wie er einmal knapp vor der gemischten Sauna gescheitert war – und zwar nur, weil er seinen Wintermantel noch angehabt hatte. Als ob er etwas dafür könnte, dass die Ungläubigen selbst beim Wetter hoffnungslos unterlegen waren und einen Winter hatten. Himmel, was war er damals beleidigt gewesen!

„Was soll man mit Moslems, die vom einzig wahren Glauben abfallen, machen?“
Na, was schon? Yusuf verzog missbilligend den Mund. Darauf gab es ja wohl wirklich nur eine Antwort.
a) Köpfen
b) Vierteilen
c) Steinigen
Verdammt! Damit hatte Yusuf nicht gerechnet. Dieser Test war dermaßen schwer, dass Yusuf langsam zu der Überzeugung kam, dass sich der österreichische Unterdrückerstaat in seine Erstellung eingemischt haben musste, wie immer von dem Ziel beseelt, alle Moslems zu demütigen.

„Sie sind Moslem. Fühlen Sie sich als Europäer?“
a) Diese Frage ist eine Beleidigung
b) Fühlen sich die Europäer als Moslems?
c) Die Ungläubigen werden schon noch ersticken
Europäer? Wieso Europäer? Yusuf schnaubte verächtlich. Er kam aus dem großartigsten Land der Welt. Er war halt nur gerade nicht dort, weil …, weil … – das war doch jetzt völlig egal! Warum also sollte er Europäer sein wollen? Wollte ein Löwe lieber eine Nacktschnecke sein? Blöde ­Frage.
Und wieder wusste Yusuf nicht, wie er sie beantworten sollte. Langsam wurde er so zornig, dass er am liebsten auf der Stelle eine dänische Fahne verbrannt hätte. Er hatte immer einen kleinen Vorrat dänischer Fahnen zu Hause. Sie lagen in seinem Nachttisch gleich unter dem Standardwerk „9/11 – das größte Verbrechen des Mossad“.
Sein Onkel – derjenige von seinen Onkeln, der erst nach zwei Monaten bemerkt hatte, dass seine Frau nicht mehr in der Burka, sondern einfach weg war –, der ihn zu diesem Test gedrängt hatte, hatte gemeint, das ginge alles ganz leicht und er hätte dann in null Komma nichts einen super Job – noch dazu bezahlt von den Ungläubigen. Aber wenn das hier so weiterging, musste er vielleicht doch noch Maler und Anstreicher werden. Und dann vielleicht das Frauenhaus ausmalen, in dem die Tante aus der Burka jetzt war. Da würde er dann aber ordentlich beleidigt sein.

„Welches der folgenden Menschenrechte ist für Sie das wichtigste?“
a) Das nicht
b) Das auch nicht
c) Keines von beiden
Tja. Das war es dann wohl. Yusuf atmete tief durch und legte dann den Kugelschreiber beiseite. Er spürte die Berufung, ja. Immer noch spürte er sie. Er wusste, er könnte jungen Menschen viel mitgeben auf ihren Weg durch eine vollkommen verlotterte Welt.
Aber vielleicht war er eben einfach noch nicht so weit.

rainer.nikowitz@profil.at

31.1.2009 17:07
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