Helmut A. Gansterer
Der Knacks

Lehren aus einem Meisterstück von Roger Willemsen.

„Nicht alles, was einen Sprung hat, ist eine Schüssel“ Wiener Weisheit

In Reportagen zur Frankfurter Buchmesse hörte man, ­einer falle im Ozean der Besucher auf. Erstens, weil er hoch im Halm stehe. Zweitens, weil er ein prominentes Gesicht habe. Drittens, weil er die Kunstform des unangestrengten Strahlens beherrsche wie kein Zweiter. Tatsächlich tümmelte ­Roger Willemsen wie ein fröhlich quiekender Delfin durch die Menge. Die braven Brillen unter den braven Locken schnalzten mal hie und mal dort aus den Wellen, wie in ­einem flink geschnittenen Musikvideo von Rudi Dolezal. „Warum soll ich nicht fröhlich sein“, fragte er Wolfgang Tischer, der seit 1996 Erfinder und front-man des Literatur-Cafés ist, des literarischen Treffpunkts im Internet, „wenn ich die Ehre habe, wieder mit Ihnen zu plaudern?“ Komplimente wie diese laufen Willemsen flach von der Lippe. Man hat ihm das früher als berechnende Freundlichkeit nach­getragen. Inzwischen weiß man, er kann nicht anders. Er ist gnadenlos gut erzogen. Sein Umgangston entspricht dem Äußeren eines ewigen Wiener Sängerknaben.

In Deutschland trifft man viele Kollegen, für die Willemsen „a man you love to hate“ ist. Ich will ihnen keinen Neid unterstellen, aber nicht ausschließen, dass Roger Willemsen auf ihren Nerven lastet. Gemessen an seinen Taten, müsste der heute 53-Jährige ein deutscher Ötzi sein. Schon 1993, als er den Grimme-Preis in Gold hob, lobte man sein Einfühlungsvermögen, seine verständliche Schnellsprache und grausam korrekte Grammatik. Nach zirka 2000 TV-Interviews mit Geistesmenschen aller Disziplinen, erstklassigen Dokus und Talkshow-Auftritten schien er sich mit seinem Rückzug vom Fern­sehen endlich ins Knie geschossen zu haben. Doch siehe: Er stand auch dann so steil wie Gary Cooper in „High Noon“ nach dem Duell.

„Ich war wie erlöst“, sagte Willemsen. Befreit vom Packeis regelmäßiger TV-Verpflichtung, Quote und Bildschirmruhm, zeigte sich sein Multitalent erst recht. Mit dem Erzählprogramm „… und Du so?“ tourt er durch ausverkaufte Theater. Dieter Hildebrandt liebt ihn als Bühnenpartner: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort – Die Weltgeschichte der Lüge.“ Und keine Buchmesse blieb fortan ohne Willemsen-Buch. Zuletzt waren es zwei: „Vages Erinnern – Präzises Vergessen“ (Frühling 2008) und „Der Knacks“ (Herbst 2008).

Ehe wir den „Knacks“ näher ins Auge fassen, ein Sub­kapitel zum Thema „Wie viel Arbeit passt in ein Menschenleben?“. In Willemsens Fall: Soziales Engagement geht sich noch aus, sogar weltweit: Amnesty International, Terre des Femmes, CARE, UN-Flüchtlingshilfe, Afghanistan. Er ist enttäuscht, wie vage auch unerschrockene Magazine wie „Spiegel“ und profil sein Buch „Hier spricht Guantánamo“ (Interviews mit Häftlingen) aufgriffen.

Österreich ist Roger Willemsen vertraut. Als 1976-Maturant studierte er nach Bonn, Florenz und München auch in Wien. Er promovierte über die Dichtungstheorie von ­Robert Musil, dessen „Mann ohne Eigenschaften“ das beliebteste ungelesene Werk der Österreicher ist. Willemsen blieb den Österreichern dennoch fremd. Er rutscht mit seinen Büchern spät oder gar nicht in die Bestsellerlisten. Bildungsfernsehen by Willemsen kam selten via ORF zu uns. Wir sind A kloans Landl mit wenig Mandln. Hätten Österreichs Unternehmer je so gedacht wie der ORF, wären wir heute nicht mit 36.000 Euro pro Kopf unter den Top Ten der Welt, vor Deutschland.

Schwer zu sagen, was „Der Knacks“ ist. Literarisches Sachbuch? Nützliche Literatur? Eher Ersteres. Es ist so lebensnützlich wie François Lelords „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“, nur andersrum. Über Lelords Werk schrieb Elke Heidenreich: „Wenn man dieses Buch gelesen hat – ich schwöre es –, ist man glücklich“ (Verlag Piper, 8,50 Euro). Wenn man Willemsens „Knacks“ liest, ist man zunächst – ich schwöre es – unglücklich. Es zeigt die Sprünge, die sich entlang unseres Lebens auftun, von den Haarrissen der Kindheit bis zu den Grand Canyons in jenem Alter, wo wir als Opas und Omas infrage kommen, also ab 50. Vielleicht kein Zufall, dass Roger Willemsen nun mit 53 in diesen Zeitschlitz fällt.

Um es gleich zu gestehen: Ich liebe dieses Buch trotz vieler Einwände. Es ging mir nahe wie einst Bellows „Herzog“ oder Theroux’ „Orlando oder die Liebe zur Fotografie“. ­Etwas Geliebtes kann man nur mit gerührten Flüchen rühmen. Es ist glänzend geschrieben und eitel. Es ist klug und bildungsbeflissen. Keine 20 Seiten, da ich mangels Bildung nicht nachschlagen musste. Der Index am Ende des Buchs ist ein Querschnitt aller Grübler seit Ramses. „Der Knacks“ (S. Fischer, 2008, 304 Seiten, 18,90 Euro) zeigt grandios unsere Gefährdungen, und wie sie umso größer werden, je älter wir werden. Es ist ein Diagnosebuch ohne Beispiel, witzig, originell – und grausam speziell zu hoffärtig alternden Solarium-Damen. Zu vielen seiner Diagnosen gäbe es auch sinnvolle Therapien. Die ließ er vorerst weg. Er bietet sie sicher im nächsten Buch, als Antwort auf Fragen, die wir ohne ihn nie gestellt hätten.

helmut.gansterer@profil.at

31.1.2009 17:04
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