Vor 20 Jahren starb Thomas Bernhard: Bis heute Österreichs streitbarster Schriftsteller
- Bild: Fotograf Dreissinger mit Bernhard, Wien 1988
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Sein Sprachverwüstungswerk betrieb er mit kaltem Enthusiasmus. Vor 20 Jahren starb Thomas Bernhard, aber seine Stimme klingt bis heute giftig nach: Stefan Grissemann über Österreichs angriffslustigsten Schriftsteller.
Schon ein Dichter sei lächerlich und, wo auch immer, für die Menschengesellschaft schwer erträglich, hackte Thomas Bernhard 1979, in der Begründung seines Austritts aus der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, in die Tasten seiner alten, vom Großvater geerbten Smith-Schreibmaschine: Um wie vieles lächerlicher und unzumutbarer als ein einzelner aber sei eine ganze Horde von Schriftstellern und Dichtern und solchen, die sich dafür halten, auf einem Haufen!. Schon das Jahrbuch der Akademie, so Bernhard diplomatisch weiter, liste nichts als obskure Ehrungen auf, die ihre Mitglieder, geistige Regenwürmer allesamt, erfahren hätten; es sei im Übrigen schade, dass dieses Jahrbuch auf derart kostbarem Papier gedruckt sei, dass es zur Beheizung meines Ofens in Ohlsdorf denkbar ungeeignet ist. Diese wohl abgewogenen Worte beschließen auf Verfügung Bernhards den soeben als späte Nachlass-Erstausgabe erschienenen Band Meine Preise.
Die Sprache war ihm eine Abrissbirne, seine Heimat ein Demontageprojekt. Bernhards Lieblingsziel: Österreichs Widerwärtigkeit im Allgemeinen und die ungeheuerliche Niedertracht seiner Bewohner im Besonderen. Thomas Bernhards Werk ist ein Triumph der Tirade, die lebenslange Abrechnung mit einer katholischen, national- und pseudosozialistischen Kleinkariertenrepublik. Und heute? Ein erzkonservativer Weihbischof, der Harry Potter für Satanismus hält, erregt Oberösterreich, während der Dritte Nationalratspräsident, von der SPÖ freundlich gestützt, schützend die Hand über Mitarbeiter hält, die in ihrer Freizeit dem Neonazi-Shopping frönen. Das Österreich des Jahres 2009, es müsste Thomas Bernhard zur hellen Freude gereichen.
Mit dem Unterhaltungswert des Nihilismus kokettierte Bernhard hemmungslos, so wuchs sich die Negation vom literarischen Kunstmittel alsbald zum Weltbild aus. Ablehnung machte ihn glücklich, Erfolg schreckte ihn ab. Er verabscheue das Publikum, schrieb der Schriftsteller 1975 in einem Leserbrief an die Zeitschrift Theater heute, gerade als er sich als Dramatiker einen Namen gemacht hatte. Denn das Publikum sei der Feind des Geistes, daher müsse es, naturgemäß, mein Feind bleiben. Die intellektuelle Souveränität diente Thomas Bernhard, dem unehelichen Sohn eines Tischlers und einer Dienstbotin, stets dazu, sich mit der Aura der Überlegenheit zu imprägnieren: Mit gepflegtem Salzburger Stadtidiom und halbaristokratischem Gebaren ließ er sich vor Kameras und Mikrofonen gern auf polemisch improvisierte Gedankenspiele ein, deren musikalische Rhythmik nicht zu überhören war Solo für Sarkasmus und freie Assoziation. In der kategorischen Proklamation seiner fixen Ideen, in der Selbststilisierung als Ignorant und Wahnsinniger wurde da früh ein eminenter Komödiant erkennbar, dessen abgründiger Witz sich indes nur den dafür Gestimmten erschloss: Was dem einen sein Heinz Erhardt, ist dem andern sein Bernhard, konstatierte Willi Winkler 1986.
Die alte Rede vom menschenscheuen Schriftsteller, der sich von der Welt, so gut es ging, zurückgezogen hatte, deckt sich mit dem Bild, das Thomas Bernhard in Filmen und Fernsehinterviews lustvoll abgab, keineswegs. Er wusste sehr zu schätzen, wie die Medien mit sich spielen ließen: wie man Journalisten auflaufen lassen und sie dabei noch für sich benutzen konnte. Die Peitsche ließ er trocken knallen, wenn er gerade Lust auf Konfrontation hatte, aber eine Scheibe Zuckerbrot war immer drin, wenn man sich nur hartnäckig genug für ihn interessierte: Einem niederländischen Filmteam, das ihm um 1980 vor den Toren seines Vierkanthofs im oberösterreichischen Ohlsdorf auflauerte, gewährte er nach knappen abschlägigen Antworten überraschend doch noch ein Interview. Er sei durch und durch glücklich, beschied er seinem jungen Gesprächspartner schließlich mit spöttischem Lächeln, von oben bis unten, von der linken Hand bis zur rechten; das ist wie ein Kreuz, und das ist das Schöne daran: eine katholische Existenz. Die Selbstironie kam bei Bernhard dem Selbsthass bisweilen gefährlich nah.
In den fünfziger Jahren hatte er sich am Salzburger Mozarteum neben dem Musikunterricht auch am Schauspiel versucht, vor allem komische Rollen, erläuterte er kühl. Die mediale Selbststilisierung war ihm jedenfalls eine Freude: In Ferry Radax Fernsehfilm Drei Tage gab er im Juni 1970 mit mürrischem Gesichtsausdruck über seine eigene Person Auskunft aber ausschließlich zu seinen Bedingungen. Er hatte eine weiß gestrichene Hamburger Vorort-Parkbank gewählt, auf der er während der Dreharbeiten sprechend zu sitzen gedenke, also über die gesamte, knapp einstündige Dauer des Films so gut wie regungslos bleiben wolle. Etwas mehr Freiheiten erkämpfte sich später die ORF-Journalistin Krista Fleischmann, die er 1981 und 1986 zwei große TV-Porträts drehen ließ, in denen er sein kolportiertes öffentliches Bild des menschenhassenden, mieselsüchtigen Apokalyptikers freudig konterkarierte.
Er gelte ja als so genannter ernster Schriftsteller, genau wie Béla Bartók als ernster Komponist gelte, meint Bernhard mit herabgezogenen Mundwinkeln in Drei Tage, und dieser Ruf verbreite sich. Er fügt an: Im Grunde ist das ein sehr schlechter Ruf. Mir ist absolut unbehaglich dabei. In Wahrheit aber sei er der typische Geschichtenzerstörer, ein Zertrümmerer der seriösen Literatur: Wenn sich irgendwo Anzeichen einer Geschichte bilden, wenn ich nur in der Ferne irgendwo hinter einem Prosahügel die Andeutung einer Geschichte auftauchen seh, schieß ich sie ab. Bücher schreibe er aus Opposition gegen mich selbst, weil mir Widerstände alles bedeuten.
Für journalistische Interventionen war sich Bernhard nie zu schade, auch in Kommentaren und Glossen ritt er dann und wann seine kulturpolitischen Attacken, den sicheren Skandal jeweils lustvoll ins Auge gefasst. Den einstigen Bundeskanzler Bruno Kreisky bezeichnete er in einem viel Leser-Widerwillen erregenden profil-Gastkommentar 1981 etwa als renitent gewordenen Spießbürger, seine Kollegen Gerhard Roth und Peter Turrini, die dem Kanzler ein Geburtstagsbuch gewidmet hatten, als schwachsinnig, charakterlos und opportunistisch. Die Freude darüber, damit eine Menge Leute aufgescheucht zu haben, hat Bernhard nie geleugnet. Hinter jeder freundlich anmutenden Mitteilung verbarg sich bei Bernhard der rhetorische Vorschlaghammer: Ein drohend nachgesetztes nicht? verlieh seinen Erläuterungen die Anmutung eines Kreuzverhörs, und den Begriff sterben dehnte, drehte und wendete er mit kaltem Zynismus im Mund, als müsse er einer ganz besonderen Verachtung Ausdruck verleihen. Der Tod hatte ihn bereits als Teenager infolge einer schweren Lungenkrankheit bedroht. Mit 18 war ihm in einem Sterbezimmer die letzte Ölung zuteil geworden. Er beschloss, sich mit aller Gewalt aufs Leben zu konzentrieren. In den Monaten danach, im Sanatorium, entschied er sich aus schierer Langeweile, wie er sagte, und um nicht verrückt zu werden, fürs Schreiben.
Man kann und konnte sich nie sicher sein, wenn Thomas Bernhard von sich selbst berichtete, wo die Selbstinszenierung endete und das Bekenntnis begann. Seinen Biografen machte es Bernhard schon dadurch schwer, dass er so viel und gern von sich gesprochen und geschrieben hat. Die fünf autobiografischen Romane bieten letztlich so wenig Orientierung wie die unzähligen anderen Selbstzeugnisse, all das Geschriebene, Deklamierte, Dahingesagte und übers Hörensagen in Umlauf Gebrachte: Thomas Bernhard bleibt ungreifbar, über den Tod weit hinaus.
Foto: Sepp Dreissinger






















