Schmied will sparen und reformieren: Die zehn Fallgruben der Unterrichtsministerin
- Wird ihr die Regierung den Rücken stärken?
- Schmied: "Da gibt es sicher Aufklärungsbedarf"
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Die zehn Fallgruben der Unterrichtsministerin: Claudia Schmied will gleichzeitig sparen und die Schule reformieren. Wenn ihr die Regierung nicht den Rücken stärkt, wird sie scheitern.
Von Martina Lettner, Edith Meinhart und Christa Zöchling
Gemessen an ihren Ansprüchen und ihrer inneren Überzeugung, ist Unterrichtsministerin Claudia Schmied wohl jetzt schon gescheitert. Bei Amtsbeginn im Jahr 2006 fügte sie sich einem faulen Kompromiss und begnügte sich mit dem Vorhaben, das Projekt Gesamtschule als Versuchsmodell zu etablieren. Das Koalitionsabkommen ließ ihr keine andere Wahl, auch wenn dutzende Expertenstudien belegen, dass die frühe Selektion im österreichischen Schulsystem Kinder aus unterprivilegierten Schichten benachteiligt. Von Rücktritt war damals allerdings keine Rede.
Jetzt sagt Schmied, sie habe schon bessere Tage gesehen, sei sich aber keines politischen Fehlers bewusst. Als vorvergangene Woche ihr Ressortbudget und die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung um zwei Wochenstunden an die Medien gespielt worden waren, hätte sie nur die Möglichkeit gehabt, das Vorhaben zu leugnen oder die Fakten auf den Tisch zu legen: dass Überstunden nicht länger bezahlt werden könnten, Deutschförderkurse gestrichen, Projekte zu neuen Unterrichtsformen abgesagt sind und dass vor allem die Neue Mittelschule, die gerade im Anfangsjahr einen immensen Verwaltungsaufwand sowie wissenschaftliche Betreuung und Begleitstudien erfordert, zum Scheitern verurteilt ist, wenn die Lehrer keinen Solidaritätsbeitrag leisten.
Schmieds Versprechen, die Lehrer für die erhöhte Unterrichtsverpflichtung bei anderen Aufgaben zu entlasten, ist bis heute vage geblieben. Da gibt es sicher Aufklärungsbedarf, gesteht sie. Ihre Stärke bezieht sie derzeit vor allem aus dem Volkszorn, der gegenüber Lehrern jederzeit abrufbar ist und aus der Unterstützung der Kronen Zeitung, deren Wohlwollen sie sich vorvergangene Woche mit einem Besuch bei Krone-Herausgeber Hans Dichand sicherte.
Die ÖVP-Regierungsriege lässt Schmied im Kampf mit der schwarzen Lehrergewerkschaft allein. Ein Papier aus den Budgetverhandlungen, das als Alternative eine Gehaltskürzung der Lehrer vorsah, sei nie ernsthaft in Erwägung gezogen worden, heißt es nun distanziert aus dem Finanzministerium. Kein Wunder, vermuten ÖVP-Politiker doch hinter der Stundenerhöhung eine versteckte Mittelbeschaffung für Schmieds Prestigeprojekt der Neuen Mittelschule und eine Austrocknung der allgemeinbildenden höheren Schulen (AHS) Reformen also, die die ÖVP seit Jahrzehnten erfolgreich boykottiert.
In der Lehrerschaft hat Schmied zwar viele heimliche Sympathien. Doch dass sie ihr Sparprogramm als Reform verkauft und durch ihr ungeschicktes Vorgehen die Lehrer in die Arme der reformunwilligen Gewerkschaft treibt, nehmen ihr selbst leidenschaftliche Unterstützer in der Sache übel.
Die zehn Irrtümer der Unterrichtsministerin
12.3.2009 14:02
Eosa, 14. 03. '09 12:20
Fehlende Wertschätzung im Schulsystem!
Als dipl. Betreuungspädagogin bin ich für "Verhaltensauffällige Schüler/innen" betreuend und beratend tätig. Mit mir noch weitere etwa 80 im Bundesland. Ich betreue und berate aber nicht nur schwierige Schüler/innen, sondern die damit verbundenen Systeme wie ihre Familien und die Schule. Wir arbeiten mit Schulklassen zum Thema Soziale Kompetenzen, Gewaltprävention, Mobbing...
Ich erlebe täglich überaus engagierte und motivierte Lehrer/innen. Und ich erlebe ein überaus unbewegliches Schulsystem mit oftmals überforderten Familien. Können Sie mir sagen, wer eigentlich wirklich "verhaltensauffällig" ist? Die Kinder senden verschlüsselte Signale, wenn sie mit der Welt, in der sie leben, nicht zurecht kommen. Gott sei Danke!
Eosa, 14. 03. '09 12:22
Re: Fehlende Wertschätzung im Schulsystem!
Und ich vermisse die mediale Präsenz des Berufsstandes der Betreuungslehrer/innen in den Medien!
Warum werden wir nie genannt? Viele von uns haben zusätzliche Studien und/oder Ausbildungen absolviert - aber es ist, als wären wir Gift für das Schulsystem!
Die Medien reden von mehr Sozialarbeit an der Schule, Ausweitung der Schulpsychologie, doch die qualifizierten und zertifizierten Pädagog/innen für Verhaltensauffälligkeiten vor Ort und ihr Einsatz werden totgeschwiegen!
Wissen Sie vielleicht, warum?
Eosa, 14. 03. '09 12:33
Re: Fehlende Wertschätzung im Schulsystem!
Ich bin ausgebildete Sonderschullehrerin, Montessori-Heilpädagogin und diplomierte Betreuungspädagogin für verhaltensauffällige Schüler/innen, nun absolviere ich noch ein Masterstudium für Schulentwicklung an der Universität Klagenfurt.
Mein Bedürfnis nach grundlegender Veränderung der Schulstruktur versteht sich von selbst!
Nach mittlerweile 8 nebenberuflichen und arbeitsintensiven Studiensemestern schreibe ich an meiner Abschlussarbeit! Ich organisiere (kooperative) Projekte an diversen Schulen, die ich evaluiere - um Missverständnissen vorzubeugen, unentgeltlich!
Der OÖ Landesschulrat wies meine Anfrage auf Studien- bzw. Fahrtkosten-Zuschuss mit der Begründung zurück: "Wir brauchen keine Schulentwickler!"
Übrigens - vor Einritt ins Schulsystem war ich in der freien Wirtschaft tätig.
fomesi83, 12. 03. '09 23:09
zu Re: Strukturmaßnahme?
Und wieder einer, der auf Schmieds Mogelpackung hereinfällt:
1. 100 min in der Klasse sind zusätzlich 100 min zu Hause- die Zeit bei denselben Schülern im selben Fach wird ja nicht erhöht.
2. "Arbeitsplatzgarantie": Kollegen mit befristetem Vertrag werden dadurch sofort freigesetzt.
3. Normarbeitszeit im öffentlichen Dienst 40 Stunden/Woche, 38,5 in Betrieben.
4. Probieren Sie doch mal diesen Link:
http://www.schulpsychologie.at/fileadmin/upload/Studie_LehrerIN_2000.pdf
(u.A. Punkt 7.4 ab Seite 96).
Aber das wird Ihnen nicht gefallen, es widerspricht Ihren Vorurteilen.
5. Über Ihre Entbehrungen reden Sie doch mal mit Ihrer Standesvertretung. Aber es winkt ja doch irgendwann der Titel "Gott in Weiß", während "Gott Kupfer" nicht nur tot, sondern auch ausgestorben ist.
mfg
elavie, 12. 03. '09 10:29
quereinsteiger und jobrotation
na ja, dass das nicht ganz so klappt, sieht die frau ministerin ja bei sich selbst. ausserdem kann und darf man das ja gar nicht ernst nehmen, ist wohl eher einer der letzten versuche doch noch irgendwas zu sagen bevor sie von der lehrerschaft in die wüste geschickt wird.
Bildungsliberaler, 11. 03. '09 15:30
Plus 10% - Minus 10%
Wer lässt sich schon gerne zu 10% Mehrarbeit verpflichten! Das hierbei die Emotionen frei werden ist verständlich. Dabei hat die Ministerin jedoch recht. Wie soll eine Reform mit Schülerreduktion, Team-teaching, etc. finanziert weden.
Hier folgende Überlegung: Die Konzentration während des Unterrichtes lässt bei unseren Jugendlichen in allen Alterstufen auf Grund der gesellschaftlichen Reizüberflutung rasch nach. Wenn nun die Unterrichtseiheiten von 50 Min. auf sinnvolle 45 Min. reduziert würden, so könnte diese Zeit in einer Unterrichtsstundenerhöhung wunderbar aufgefangen werden. Netto würden die Lehrer genausoviel Zeit aufwenden, jedoch die Effizienz bei den Schülern in den Klassen würde sich spührbar verbessern!
Dies ein kleiner Hinweis für einen entemotionalisierten Kompromiss!
ÖVGD, 09. 03. '09 10:17
Zur Abwechslung ...
Wenn Frau Bildungsministerin Schmied in Punkt 9 meint: "Eine Sprachlehrerin könnte zur Abwechslung als Dolmetscherin arbeiten, so eine Öffnung kann den Schulen und dem Unterricht nur guttun", so kann ich als professionelle Dolmetscherin nur vorschlagen: „Warum sollte eine Sprachlehrerin zur Abwechslung nicht auch einmal eine Legislaturperiode als Bildungsministerin arbeiten, so eine Öffnung kann dem Ministerium nur guttun.“ Ich selbst würde, da ich viel für Banken dolmetsche, dann zur Abwechslung in den Aufsichtsrat einer großen Bank wechseln.
abersicher, 09. 03. '09 13:17
Re: Zur Abwechslung ...
ja, schdimd, lehrerInnen sollten zur abwechslung dolmetschen, da hat die frau minister schon recht. und dolmetscherInnen sollten zur abwechslung unterrichten. und wie wär's, wenn humanmedizinerInnen zur abwechslung in der tierklinik arbeiten? und umgekehrt? oder wir setzen aua-pilotInnen zur abwechslung tageweise ans steuer der U4? und um den straßenbahnfahrerInnen eine abwechslung zu verschaffen, setzen wir sie gelegentlich neben den co-piloten in der boeing 777 nach shanghai? ja, sicher, das machen wir. zur abwechslung.
katie60, 09. 03. '09 04:50
Strukturmaßnahme?
Ich danke für diesen Artikel, der zumindest teilweise davon absieht LehrerInnen für die Missstände im Bildungssystem verantwortlich zu machen.
....in Finnland ist der Job eines Lehrers/einer Lehrerin ein angesehener Beruf
.... in der Schweiz verdienen LehrerInnen um einiges mehr als hierzulande
.... ein angelernte Cutterin im ORF verdient Brutto genausoviel wie ich (AHS) nach 22 Dienstjahren
.... mein Arbeitsplatz besteht aus einem halben Tisch
.... 4 Computer für 70 LehrerInnen
.... to continue!!
Im übrigen, wie wäre es, wenn der ganze öffentliche Dienst einen Solidarbeitrag leistet und nicht nur die LehrerInnen.
Liebe Grüße
Mag. Katharina Langwid
AHS-Professorin in Wien
gio8888, 11. 03. '09 22:53
Re: Strukturmaßnahme?
liebe frau magister
wenn sie genau lesen und hinhören, wird von ihnen verlangt das sie lediglich 100min mehr in der schule verbringen, und nicht zuhause. arbeiten tun sie, so glaube ich ja sowieso. also verstehe ich die aufregung nicht.
und weiters, weil sie punkte angeführt haben die sie "beklagen", ich bin im Karnkenhaus tätig:
in der Schwiez verdient ein Arzt das Doppelte
ein Putzfrau verdient netto in der stunde mehr als ich nach turnus und 3 ausbildungsjahr
ich habe keinen eigenen Arbeitsplatz
ein dienstzimmer mit 2 Computern für 22 Ärzte
keine 8 wochen ferien im Sommer bei vollen bezügen
keine "Zwickerltage" frei
keine Semester-, Osterf-, Weihnachts-, Pfingstferien, keine Schulautonomentage
Bitte nachdenken bevor sie so unqualifizierte Meldungen von sich geben Danke
deutschlehrer, 13. 03. '09 19:35
Re: Strukturmaßnahme?
An die Frau Dr:
Liebe Frau Dr, meine Frau ist auch Ärztin. Wir haben gegenseitig große Hochachtung vor unserer Arbeit und machen uns nicht gegenseitig herunter.
Zum Nachdenken: Ich unterrichte Deutsch in einer AHS. Der Vorschlag der Frau Minister geht sicher nicht dahin, dass ich zwei Stunden in der Schule sitze und dort meine Korrekturen ausführe. Da erspart sie sich nämlich gar nichts. Für mich kann das nur heißen, ich bekomme eine Klasse mehr, (min. 3 Unterrichtsstunden) Egal wie lange ich nachdenke, ich komme nicht drauf, wie ich das machen soll, ohne weit mehr zu arbeiten, ohne mehr zu verbessern. Und vor allem nicht, was das einem meiner Schüler bringen soll? Das wäre als sollten Sie 10% mehr Patienten in der gleichen Zeit behandeln. Eine Qualitätssteigerung? LG
Marco_Montessori, 07. 03. '09 22:06
Scheitern?
Warum so schnell von Scheitern reden? Als Lehrer meine ich: allein dass dieser Artikel in einem wichtigen österreichischen Medium so erscheint, finde ich einen großen Fortschritt.
Hier steht ein so gültiger Überblick im Raum, in solcher Kürze und Klarheit, an menschlich bewegenden Beispielen nachvollziehbar und erlebbar - großartig. Danke!