Hindukitsch-Operette Slumdog Millionaire:
Ein Film, der dennoch Misstrauen verdient

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An der Hindukitsch-Operette „Slumdog Millionaire“, acht Oscars schwer, führt derzeit kein Weg vorbei. Stefan Grissemann über einen Film, der dennoch Misstrauen verdient.

Indien kann so charmant sein. Auch im Kino – die rohe Gewalt ist nur eine Finte. Sie schlägt, schneller als man schauen kann, in jenen Frohsinn um, der uns den tristen Anblick des indischen Elends versüßt. Mit einer Folterszene startet der Film „Slumdog Millionaire“, für den hiesigen Kinoeinsatz (ab Freitag dieser Woche) planlos verhalbdeutscht („Slumdog Millionär“) – aber das ist nur Vorspiel: Danach setzt sich die Lebenslust ins Recht. Sicher, in Bombays Wellblechhüttensiedlungen herrschen Mord und Totschlag, Kinderhandel und -misshandlung, aber Regisseur Danny Boyle lässt sich davon die Laune nicht verderben und wirft sich mit entfesselter Kamera in die Konfusion seiner Erzählung: Wohlfühlkino aus dem Slum-Inferno.

Auch wenn dies seit Monaten schon gebetsmühlenartig in allen Medienkanälen wiederholt wird: „Slumdog Millionaire“ hat mit Bollywood nicht viel zu tun, zitiert Indiens Filmindustrie bloß im Vorübergehen. Der Farbenpracht, den Choreografien und Exaltationen Bollywoods ist dieser Film fern. Er stellt vielmehr einen Fall von spätkolonialistischem Kultur-Kidnapping dar: Der Brite Boyle kapert an Spiel- und Inszenierungsstilen, was er in die Finger kriegt, verquirlt Tourismusszenen (Taj Mahal!) und Kriminalmelodram (Gangster!) zu einem Rührstück mit Gossenglamour-Gegenwert – indisches Kunstgewerbe, made in Britain. Der Begriff „Meisterwerk“ saß locker in den Rezensionen, als „Slumdog Millionaire“ im vergangenen November in US-Kinos startete, im Februar folgten acht Oscars und damit das endgültige Film-zur-Zeit-Zertifikat. Selten schien Kino so viel positive Energie zu bündeln. Boyles Stil ist der sinnliche Naturalismus: Alles ist plastisch, als wär’s am eigenen Leib zu erfahren, als streifte man selbst durch die Straßen der Stadt. Die Hitze! Das Chaos! Noch die Kloake, in die ein armes Slum-Kind hier tauchen muss, stinkt weniger zum Himmel als in den Kinosaal hinein. Amerika, ach was: die Welt liebt diesen Film, allem Gestank, allem Gewirr, aller Gewalt zum Trotz.

Vikas Swarups Bestseller „Q & A“ von 2005 ist die Quelle des Films, und man merkt der Konstruktion der Kinoerzählung seine papierene Vorlage leider an: Ein junger Mann aus den Elendsvierteln von Mumbai, gespielt von dem 18-jährigen Londoner Dev Patel, kann als Gast in der indischen Variante der „Millionenshow“ jede Frage beantworten – weil ihn die Straße alles schon gelehrt hat. Er legt sich, verliebt in eine junge Schöne, mit neureichen Kriminellen und feindseligen Polizisten an, während Boyle in einer Rückblendenserie Szenen einer miserablen Kindheit Revue passieren lässt – und der junge Mann zur finalen 20-Millionen-Rupien-Frage antritt.

Das filmische Erzählen ist Boyles Stärke nicht, die Freude am Stereotyp schon eher: Ein übler Medienzyniker (Anil Kapoor als Armin Assingers teuflischer Wiedergänger) versucht dem lieben Helden und seiner zu rettenden Schönen (Freida Pinto) den Millionengewinn und das gemeinsame Lebensglück zu versauen. Es ist gerade die ostentative Cleverness, die an diesem Film so irritiert. Sein Kalkül ist mit Händen zu greifen, sein unentwegter Dynamismus mehr als nur ein bisschen ranschmeißerisch: „Slumdog Millionaire“ ist zum Heulen hip. Dabei sind seine als Novitäten gefeierten Ideen gar nicht so neu, wie sie aussehen mögen: Dass die durch die Stadt hastende Wackelkamera des gewiss begabten Anthony Dod Mantle Realismus allein noch nicht gewährleistet, hat schon Dänemarks Dogma-Kino einst leidvoll demons­triert. Und die Idee, Bollywoods Fiktionen mit Indiens sozialem Realismus zu kreuzen, hatte Michael Glawogger in der Bombay-Episode seiner Metropolenreise „Megacities“ schon vor elf Jahren: Die abschließende „Slumdog“-Musicalnummer am Bahnsteig sieht aus, als stamme sie aus jenem Film.

Boyles Arbeit ist jedenfalls ein gewaltiger Kassenmagnet: Allein in Nordamerika konnte „Slumdog Millionaire“ sein Budget, 15 Millionen Dollar, locker achtfach wieder einspielen, das weltweite Zwischenergebnis des Films beläuft sich bereits auf 250 Millionen Dollar. Sein Erfolg ist kein Zufall: Boyle bedient die Welt mit Märchenprinzromantik und Multikulturpolitik. „Slumdog Millionaire“ ist, was die Gegenwartspopkultur sucht, braucht und verdient: globalistisches Entertainment mit Lizenz zum Kitsch. Wenn einem da ein wenig flau im Magen wird: An der Handkamera muss das nicht liegen.


Der Trailer zum Film 'Slumdog Millionaire'

14.3.2009 17:00
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bezzerwizzer, 18. 03. '09 21:07
:-) köstlich
"Ein übler Medienzyniker (Anil Kapoor als Armin Assingers teuflischer Wiedergänger)"

danke herr grissemann ;-)

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