Sven Gächter
Volkskunde

Die „Krone“ ist Österreich, und Österreich ist „Krone“: was die phänomenale Erfolgsgeschichte einer Tageszeitung über ein Land verrät.

Man muss mitunter länger blättern, um endlich im prallen Leben zu landen. Am 8. April 2009 entfaltet es sich erst auf den Seiten 56 und 57, dort aber standesgemäß üppig: „Großbusige!!! Wienerin!!!“ in der Tigergasse. Eine andere Wienerin „macht’s ohne!“, während eine Nymphomanin „besucht! Nonstop!!!“. Freunde der exotischen Wonnen kommen bei „Bombenaraberin!“ beziehungsweise „Turbo­türkin!“ sicher wunschlos auf ihre Kosten. In der Seeböckgasse verspricht Marika „Vollendung 20,–!!!“ und Andrea nicht weniger als „Wahnsinnssex 20,–!!!“. Beim ­„Naturhausbesuch!“ schließlich locken „reife Riesenmelonen!“. Kann man kundenfreundlicher verwöhnt werden?
Es wäre unstatthaft, den Erfolg der „Kronen Zeitung“ auf das klein gedruckte erotische Panoptikum im Blattinneren zu reduzieren, zumal es praktisch ausschließlich dem männlichen Teil der geneigten Klientel zugedacht ist. Das Prinzip Triebabfuhr allein kann die Zugkraft der, gemessen an der Bevölkerung, potentesten Tageszeitung der Welt (knapp drei Millionen Leser pro Tag) nicht erklären – es sei denn, man subsumiere unter „Triebabfuhr“ alles, was den niederen Instinkten näher liegt als dem nüchternen Verstand.

Die „Krone“ ist ein Phänomen, das sich selbst genügt. Daraus schöpft das Blatt sein strammes Selbstbewusstsein und seine erdrückende Breitenwirkung in allen Schichten der Bevölkerung. Mit weiten Teilen des heimischen ­Establishments teilt Herausgeber Hans Dichand den unerschütterlichen Glauben an die gleichsam staatstragende Relevanz seiner Zeitung: Publizistik als self-fulfilling prophecy, die täglich neu beglaubigt wird.
Dabei wirkt nichts an der „Krone“ modern: nicht das vorsintflutliche Layout, nicht die hausbackenen Standards (vom Kräuterpfarrer über die Tierecke bis zur erzbischöflichen Sonntagsbetrachtung), nicht die miefigen Kolumnen und schon gar nicht die provinzielle und zutiefst humorfreie Weltanschauung, die sich siebenmal pro Woche rabiat Bahn bricht. ­Genau darin die marktbeherrschende Zauberformel zu erkennen erfordert keine besondere analytische Anstrengung: Die „Krone“ ist, was und wie sie ist, weil Österreich ist, was und wie das Land ist, allen kollateralen Fortschritten zum Trotz.
Jede einzelne der berüchtigten „Krone“-Kampagnen bedient in Wahrheit den immer gleichen Reflex: die offenbar tief in der nationalen Identität verwurzelte Weigerung, in der Gegenwart anzukommen und sich damit anders als prinzipiell schroff ablehnend auseinanderzusetzen. Leitwährung in diesem hermetischen Geisteskosmos ist nicht das Argument, sondern das Ressentiment – gegen Veränderung, gegen Weltoffenheit und vor allem gegen Ausländer. Die stilbildenden „Krone“-Kolumnisten – über Jahrzehnte hinweg Richard „Staberl“ Nimmerrichter, bis heute Hausdichter Wolf Martin, seit einiger Zeit Postbote Michael Jeannée und nicht zuletzt, unermüdlich, Hans „Cato“ Dichand selbst – müssen dem gesunden Volksempfinden nicht lange nachspüren, denn sie definieren es geradezu. Und wo die Blattlinie nicht ausreicht, lässt das wehrhafte Kleinbürgertum in der Leserbriefrubrik „Das freie Wort“ seinen Vorurteilen und Aversionen freien Lauf.

Er streichle lieber seinen Hund „daheim, als Macht auszuüben“, meinte Hans Dichand einmal kokett. Nimmt man seine Tierliebe beim Wort, dann kann man ermessen, welche Genugtuung es ihm bereiten muss, die Geschicke eines Landes seit nunmehr einem halben Jahrhundert maßgeblich mitzubestimmen, durch die ebenso konkurrenz- wie schonungslose Monopolisierung der öffentlichen Meinung. Dass die Macht der „Krone“, wie Michael Frank, Wien-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, schreibt, „mehr Projektion als Wirklichkeit“ ist, relativiert Dichands Erfolg nicht etwa – es erfasst dessen Kern. Haupttreibstoff der „Krone“ sind Ängste: Ängste, die den kleinen Mann und die kleine Frau täglich umtreiben, und die Angst des landläufigen Spitzenpolitikers, das Vertrauen der kleinen Leute zu verlieren, wenn er sich dem in der „Krone“ manifestierten Konsens nicht beugen sollte.
Dieser vorauseilende Opportunismus entspringt jenem gegenaufklärerischen Mainstream, der Österreich nach wie vor über weite Strecken prägt und der in der „Kronen Zeitung“ buchstäblich sein Leitmedium gefunden hat. Nicht von ungefähr wird das Boulevard-Imperium bis heute unangefochten vom 88-jährigen Herausgeber Hans Dichand befehligt, der den Lesertypus, nach dessen Bedürfnissen er sein Blatt seit 50 Jahren ausrichtet, nicht umständlich demografisch durchleuchten lassen muss, weil er ihn selbst am besten repräsentiert. Die Zukunft spielt dabei naturgemäß keine Rolle, denn die „Krone“ war immer ausschließlich den Werten der Vergangenheit verpflichtet – einer Vergangenheit, die offenbar noch stark und strahlkräftig genug ist, um ­täglich drei Millionen Österreicher zu ­narkotisieren. 

sven.gaechter@profil.at

9.4.2009 19:27
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finali, 15. 04. '09 11:22
verflechtungen
mich persönlich würde z.b. interessieren was ein herr pelinka (sprecher der unterrichtsministerin) mit einem herrn pelinka (schreiber in heute) zu tun hat. hilft man sich da gegenseitig? der artikel des herrn chefredakteurs gegen die lehrer in der heute ist ja heute wieder einmal sehr gelungen.
mansisses, 15. 04. '09 01:44
Lesertypus
Der im Artikel hergestellte Zusammenhang zwischen Lesertypus und 88-jährigem Herausgeber (88 - igitt!) klingt herabwürdigend gegenüber der älteren Generation und stimmt so leider nicht, sonst müsste die Krone mit ihren Lesern in ca. 15 Jahren auf natürliche Weise aussterben. Wird sie aber nicht, weil ihre jungen Leser (und die Journalisten!) mangels Bildung massenweise nachwachsen. Das Abschaffen der Werte der Vergangenheit bringt nicht automatisch eine gute Zukunft.
Ein Bildungssystem, in dem z.B. Lehrer sich unter anderem weigern, zwei (50-Minuten-)Stunden mehr zu unterrichten, setzt eben jeder Krone die Krone auf.
chaneu, 14. 04. '09 14:01
ja, aber...........
am besten gefällt mir ihre beschreibung: .....immer gleichen Reflex: die offenbar tief in der nationalen Identität verwurzelte Weigerung, in der Gegenwart anzukommen....... haha, genau das denk ich mir schon seit jahrzehnten, so ist österreich.

ABER: ist die österreichische nation so viel schlechter drann als andere? nur weil sie dämlich sind? wäre es denn erstrebenswerter engländer oder spanier zu sein, inwiefern sind diese nationen besser drann?
zwecks der videoüberwachung oder der masseneinwandeung.

haben sie sich schon mal in einen kuhdorf in spanien aufgehalten, wissen sie wie es in den ehemaligen stahlindustiegebieten englands zugeht? diese länder führen bürgerkriege (gegen ihre eigene bevölkerung - die basken und die iren)
squier, 13. 04. '09 12:59
Für's Häusl perfekt
Die Reaktion von Gottseibeiuns Jeannée mit seiner feigen Post und der wie immer kindlich formulierte Reim von Wolf am Ostersonntag zeigt doch, dass diese Leute genau wissen, dass sie elenden Journalismus mit allem Negativen und den Ängsten der Menschen machen.
Das Kleinformat wird von so vielen Menschen gelesen, weil es eben handlich ist (für's Häusl perfekt) und weil darin so viele "Schuldige" präsentiert werden, die für unser eigenes Versagen herhalten müssen (EU, Ausländer ...) und weil sie so herrlich im nationalen, raunzenden Kanonen mitsingt.
Lipizzaner, Mozartkugeln, Kronen Zeitung - dass muss eine Demokratie ertragen/aushalten.
indyman54, 12. 04. '09 15:45
Grammatik der Österreicher
Ich weiß leider nicht mehr wann diese Schlagzeile das Titelblatt zierte. Leider! - aber sie war so gut, dass ich sie bis heute nicht vergessen hab!!!
"Polizist biss in Semmel mit Maus" - Wer kann das noch überbieten??? - Und genau das braucht Österreich!!!
Uriel0756, 11. 04. '09 17:59
Na und
Selbst wenn alle 3 Mio Österreicher so dumpf und blöd sind wie beschrieben: wir leben in einer Demokratie - und ein Teil dieses Volkes sind nun mal diese 3 Mio Leser. Es wäre gut das endlich einmal zur Kenntnis zu nehmen und nicht beleidigt zu schwadronieren. Vielen Menschen spricht die Krone aus dem Herzen - Journalisten und Politiker haben doch längst vergessen wie sich das wirkliche Leben abspielt. Es mag für diese Kaste üblich sein business zu fliegen - die meisten dieser 3 Mio können nicht einmal daran denken - bezahlen aber den AUA-Flop. Wer die Kriminalität hautnah (nicht in Villenvierteln oder Ghettos) erlebt, und das permanent - das muss man ernst nehmen. Man kann die davon Betroffenen nicht stereotyp als Realitätsverweigerer, oder Nazis verunglimpfen oder belügen.
baumisms, 12. 04. '09 00:43
Re: Na und
q.e.d. - Was zu beweisen war.
Genau Ihr Posting beweist die Richtigkeit des Artikels. ALLE Ihre Behauptungen finden sich überhaupt nicht darin, aber Sie reagieren auf etwas, das der Autor gar nicht behauptet hat, das Sie aber gerade mit Ihren Aussagen als Tatsache bestätigen. Weil Sie genau wissen, daß der Autor recht hat.

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