Christian Rainer
Besteuert Omas und Häuslbauer!

Der Genosse der Glosse will Vermögen besteuern. Das darf kein Argument dagegen sein.

Der große Taktiker Werner Faymann verliert Spiel um Spiel. Zwei Landtagswahlen hat er verpatzt. Bei der EU-Wahl matcht sich der farblose Hannes Swoboda mit dem skrupellosen Ernst Strasser. Auf den EU-Kommissar hat der Kanzler namens der Partei schon verzichtet. Seine Bildungsministerin geht vor den Lehrern nicht nur in die Knie, sondern sang- und klanglos unter. Bei der Demontage des ORF-Generaldirektors kann er nichts gewinnen, nur sein Gesicht verlieren. In der Verteidigung von Helmut Zilk ist ihm das schon passiert.

Und jetzt schwächelt Faymann auch noch in der eigenen Partei (siehe Seite 26): Um eine Meuterei zu verhindern, schwenkt er bei der Vermögenssteuer auf den Kurs seiner Landesorganisationen ein, viel zu spät und daher mit bleibendem Schaden: Nicht einmal hier konnte er sich aus der trüben Melange von offener Konfliktscheu und heimlicher „Krone“-Treue lösen und dem natürlichen Weg der Partei hin zum ideologischen Kernthema folgen. Werner Faymann droht Viktor Klima zu werden. Entzaubert. Ein Genosse der Glosse.

Die SPÖ plädiert also für eine Besteuerung von Vermögen, zum Teil aus achtbaren Motiven, die das Auseinanderklaffen von Armut und Reichtum als Antrieb haben, zum anderen mit populistischem Kalkül, weil so die Kern­klientel gebunden, die Funktionäre mobilisiert und der eine oder andere zusätzliche Wähler gewonnen werden können. ÖVP, FPÖ und BZÖ sind gegen entsprechende Pläne. Muss man also ein strammer Linker sein, um so ein Vorhaben für sinnvoll zu halten?

Muss man nicht. Hier zwei gute Gründe, um abseits ideologisch befeuerter Gefühlslagen eine Adaption des Steuersystems zu betreiben. Plus ein Ruf nach Realismus. Plus ein Einschub. Der Einschub zuerst: Wie kein anderes Thema bestimmt beim Steuerrecht das Sein das Bewusstsein. Wer Geld besitzt, will keine Vermögenssteuer; wer bloß viel verdient, will keinen hohen Grenzsteuersatz; wer Immobilien hat, wehrt sich nur gegen realistische Einheitswerte. Unternehmer wie Hans Peter Haselsteiner sind mit ihrer Meinung da die (koketten?) Ausnahmen; Journalisten sind es meist nicht.

Das erste Argument: Die Finanzkrise hat bisher zwar die Reichen mit ihrem in Wertpapieren veranlagten Vermögen ungleich mehr Geld gekostet als die Armen. Das spräche gegen eine zusätzliche Belastung von Vermögen zu diesem Zeitpunkt. Innerhalb weniger Monate wird allerdings eine ganz andere Art von Betroffenheit entstehen: eine existenzielle Krise durch Massenarbeitslosigkeit. Da ist es aus politischen Gründen angebracht, jenen ein bisschen wegzunehmen, die (sehr diffus) als die Schuldigen gesehen werden und die (näher an der Wahrheit) auch tatsächlich eine Verantwortung für die Geschehnisse tragen. Ob dies nur eine symbolische Geste ist oder eine tatsächliche Umverteilung, bleibt zweitrangig. Erstrangig: Vielleicht lässt sich so verhindern, dass der nächste Wiener Bürgermeister Heinz-Christian Strache heißt und der nächste Bundeskanzler ebenso.

Das zweite Argument: Dass die Schere zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahrzehnten aufgegangen sei, ist kein linkes und auch kein blödes politisches Statement, sondern die Wahrheit. Das gilt zunächst für die Spitzeneinkommen. Die sind aber nur ein punktuelles Phänomen, haben wenig gesellschaftspolitische Spreng- oder Veränderungskraft und werden überdies bereits hoch besteuert (und die Besteuerung stieg durch kalte Progression). Das bedenkliche Ungleichgewicht besteht daher vor allem beim Vermögen. Da wuchs der Spalt zwischen Besitzenden und nicht Besitzenden. Er wird ohne Eingriffe ins System natürlich weiter wachsen (außer es käme zu einer Hyperinflation oder zu einem Währungsschnitt oder die EZB beginnt, Banknoten zu drucken – dann würden die Geldvermögen schrumpfen). In Österreich waren Vermögens-, Erbschafts- und Schenkungssteuer schon traditionell niedriger als in anderen Staaten. Wie zum Hohn wurden die Reste unlängst auch noch gestrichen. Wer also keine Veränderung der Gesellschaft durch eine weitere Aufspreizung zwischen Arm und Reich will, wer also bloß die derzeitigen Verhältnisse erhalten will, der muss für Vermögenssteuern sein – ganz ohne Drang zur politischen Veränderung, ganz ideologiefrei.

Es bleibt die Notwendigkeit von Realismus: Vermögens-, Erbschafts- und Schenkungssteuern müssen nämlich auch den berühmten Häuslbauer und das sagenumwobene Sparbuch der Oma fürs Enkerl treffen. Tun sie das nicht, dann wird es bestenfalls ein paar echte Gestopfte treffen, der Unterschied zwischen Hausbesitzer und nicht Hausbesitzer, zwischen Enkerl mit Oma und Enkerl ohne Oma würde aber weiter größer werden.
Das wollen die Sozialdemokraten (neuerdings inklusive Parteichef) noch nicht wahrhaben.

christian.rainer@profil.at

18.4.2009 15:34
Seite bookmarken bei: ? Hilfe
kiara190461, 01. 08. '09 11:18
reiche Häuslbauer
Auch ich habe ein Haus, weil einem auf dem Land gar nichts anderes übrig bleibt, es gibt kaum Wohnungen (zumindest keine großen, familiengeeigneten). Eine höhere Besteuerung würde für mich bedeuten, dass ich mir mein Haus nicht mehr leisten kann und mit meinen Kindern in eine kleine Wohnung ziehen müsste.
Ich gehöre in diesem Land sicher zu den besser Verdienenden, deshalb, weil ich nicht die Mühe gescheut habe, Matura und eine höhere Ausbildung zu machen. Ich fände es unfair dafür bestraft zu werden. Vielen ist das eben zu mühsam, wollen lieber mit 15 schon Geld verdienen und haben dann auf lange Sicht gesehen eben weniger Einkommen.
wpkatz, 20. 04. '09 14:38
loose-loose situation
Ich habe den Verdacht, dass die Ungleichheiten in erster Linie durch die paar Prozent Superreiche verursacht wurden.

Will man wirklich nur diese besteuern, haben die Stiftungen und Firmen, Anwälte und Steuerberater sowie die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen.

Sollen es Omas und Häuslbauer werden, so sind das Menschen die dafür Jahrzehnte gespart haben (meist wurden weder Sparbücher noch Häuser geschenkt) und dann die Dummen sind.

Finanztransaktionssteuer: der österreichische Kapitalmarkt ist sowieso ein Witzmarkt, soll man die übrigen Interessenten auch vergraulen?

Die riesigen zusätzlichen Staatsausgaben können nur durch Inflation und/oder geringere Ausgaben bzw. höhere Einnahmen finanziert werden.
steppinka, 20. 04. '09 15:10
Re: loose-loose situation
"locker-locker-situation"? Immer locker bleiben?
Almi66, 19. 04. '09 06:42
Reichstes Prozent hält 27% am Gesamtvermögen
Würden, wie es auch geplant zu sein scheint, nur Vermögen bzw. Kapitalerträge besteuert, die über einer "Häuselbauergrenze" liegen, so kämen immer noch ansehnliche Steuererträge heraus.

Was ich jedoch für essenzieller halte: Eine Einführung einer europäischen Finanztransaktionssteuer. Es geht doch auf Dauer nicht an, dass Konzerne wie Siemens oder Porsche nur mehr einen geringen Teil ihrer Umsätze mit der Produktion von Gütern erwirtschaften. In der Hauptsache sind es Finanzspekulationen.

Das bringt eine Menge Geld, das anderen Menschen weggenommen wird (die gesamte Geldmenge bleibt ja in etwa gleich) und fördert keine Arbeitsplätze.

Deshalb wäre die Einführung einer Tobin-Tax eine international sinnvolle Umverteilung.
TwitterFACEBOOKNewsletter Anmeldung

Profil ·_



TOP-Stellenangebote





» Job-Detailsuche
» Top-Unternehmen
» Jobs per E-Mail
» Firmen finden Sie
Finden Sie hier ab sofort die besten Jobs.
Präsentiert von www.karriere.at