Helmut A. Gansterer
Weise Reise

Zur höheren Ehre der mobilen Schriftsteller.

Die großen Reisenden packen ihre Tornister. Im September geht’s wieder in die Ferne. Nach einem feinen Spruch des Hollywood-Kasperls W. C. Fields („Wer Hunde und kleine Kinder hasst, kann kein schlechter Mensch sein“) warten sie, bis die Normalbürger mit ihrer zweibeinigen und vierbeinigen Entourage aus den Ferien zurück sind. Als Profis würden sie nie im Juli oder August wegfahren, so wie sie im Süden nie zu Mittag unterwegs sind, weil zwischen „12 Uhr und 15 Uhr sieht man nur Touristen und Esel auf der Straße“, wie man in Griechenland sagt.

Alle Globetrotter, die ich kennen lernte, gehören einer Gattung an. Sie zeigen unabhängig von Alter, Geschlecht und der Größe der Reisekasse eine strenge Verwandtschaft. Das ist berührend, weil sie selbst sich als krasse Individuen sehen, die wohlgefällig das Einzigartige ihrer Persönlichkeit wahrnehmen. Ein gewisser Außenseiterstolz mag ihr einziges Manko sein. Ansonst sind sie durchwegs angenehm. Sie zählen eher zu den Stillen als zu den Lauten, eher zu den Zuhörern als Rednern. Sie ruhen fühlbar in sich selbst. Meist sind sie weniger auf der Flucht vor dem Alten als auf der Suche nach dem Anderen. Sie sind etymologisch neugierig, gierig auf Neues, mit allen Sinnen, die nach Unbekanntem lechzen, dem ­Augensinn, Geschmackssinn, Gehörsinn, Tastsinn.

Die Damen und Herren dieser Spezies sind immer auch große LeserInnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens verbinden sich Bücher gut mit Introversion, solange diese nicht krankhaft in Erstarrung mündet. Zweitens können echte Reisende, die sich jenseits der Urlaubsresorts bewegen, mit Leerläufen kreativ umgehen. Alle wurden dabei Leseratten. Manche wurden auch Weltliteraten wie Christoph Ransmayr und Raoul Schott, Weltfotografen wie Willy Puchner und Lois Lammerhuber, manche vielleicht auch achtbare Zeichner. Drittens ist Literatur die beste Reisevorbereitung.

Es gibt unter tausend guten Zitaten zum Begriff „Reise“ ein besonders klasses, das für alles im Leben hilft: „Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt.“ Der erste Schritt jeder neuen Vierwochenreise (ich schreibe auch für Berufstätige) beginnt elf Monate davor, am Ende der letzten Reise, mit dem ersten Roman, den man liest. Man schlüpft in fremde Existenzen und lernt aus fremden Erfahrungen; selbst in den Werken meines Darlings Wilhelm Genazino, wo merkwürdige Flaneure schon an ihrer Wohnung und ihrer Straße scheitern. Es schadet freilich nicht, zwischendurch auch gezielt die Weltliteratur des nächsten Reiseziels abzuschreiten. Töricht etwa, erstmals Lissabon zu erkunden, ohne zuvor „Das Buch der Unruhe“ (Fernando Pessoa) und „Erklärt Pereira“ (Antonio Tabucchi) gelesen zu haben, oder Cees Nootebooms Novelle „Die folgende Geschichte“.

Stichwort Nooteboom: Er ist einer von zwei Autoren, die ich besonders ans Herz lege. Man wird im Internet fünfhundert so genannte „Reiseschriftsteller“ finden, ein irres Gemenge von Uralt & Neu, von Forschungstagebuch und heroinhaltiger Reisefantastik, von Tourismus-Hassgesängen und staatlich bezahlter Schönfärberei. Vereinzelt auch stilistische Elite, weil jeder Autor sich irgendwann bewegte und darüber schrieb. Meine zwei Helden reüssierten zweifach: als Romanciers und als Reisereporter. Und sie haben den Vorzug, noch am Leben zu sein. Ihre Schilderungen sind wesentlich gültig, wie ich an vielen Orten erkannte.

Ein Beispiel: Ich lese „Hotel Nooteboom“, einen Reisetexte-Sammelband des niederländischen Autors. Dort, wo er über den Ärmsten-der-Armen-Gürtel des afrikanischen Kontinents schreibt, erschüttert ein Déjà-vu. Ich erkenne aufs Sandkorn genau die eigenen Impressionen, als ich als Botschafter von profil-News-Ö3-Volkshilfe-Caritas unsere Entwicklungshilfe an Gambia kontrollierte. Nooteboom schlüpft in fremde Welten wie unsereins in weichgewaschene T-Shirts. Auch in Asien. Selbst Nobelpreisträger Yasunari Kawabata erreicht in „Tausend Kraniche“ nicht die Beschreibung japanischer Keramik und Teekunst, die Noo­te­boom in seinem ersten Erfolgsroman „Rituale“ bietet. Nachsatz: Schadenfreude is my middle name. An „Hotel Nooteboom“ entzückte mich die Verlagsidee, den Umschlag optisch abgegriffen zu gestalten. Zehntausende willige Käufer warfen das Buch empört zurück.

Der Amerikaner Paul Theroux ist mir heute ein untoter Held. Er war meine Nummer eins. Seine sensible Reportage „The Great Railway Bazaar“ half selbst in Tibet, obwohl sie China nicht erreichte. Sein Roman „Orlando oder die Liebe zur Fotografie“ blieb lange Zeit mein Favorit. Und „The Pillars of Hercules“ (im RoRoRo-TB mit deutscher Schwerblütigkeit „An den Gestaden des Mittelmeeres“ übersetzt) blieb wahrscheinlich das beste Reisebuch für uns ­Mittelmeer-User. Verglichen mit früheren Theroux-Werken fühlt man allerdings Mieselsucht. Ich weiß auch, warum. Es fiel in die Zeit des erbärmlichen Streits von Paul Theroux mit seinem Freund und Mentor, dem Nobelpreisträger V. S. Naipaul. Das könnte uns egal sein. Ist es aber nicht. Es verrät die Idee des Reisens als zuverlässige Erhebung ins Höhere. Schieben wir lieber Peter Handke statt Paul Theroux ein, und gleich als Nummer eins. Er lehrte uns inniger als jeder andere die Grundlagen des Spazierengehens und die Kunst des genauen Sehens. Handke-LeserInnen haben schon eine Weltreise gemacht, sobald sie den eigenen Garten durchqueren und das Bahnhofswirtshaus aufsuchen und dann wieder heimgehen.

helmut.gansterer@profil.at

15.8.2009 12:33
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