Peter Michael Lingens
Ist die Krise vorbei?

Ein Versuch, die guten Nachrichten auf ihre Nachhaltigkeit zu prüfen.
Die Krise ist vorbei, rückte der Herausgeber der Zeit, Josef Joffe, einen großen Satz gelassen auf die Titelseite des deutschen Weltblatts, und auch hierzulande keimt auf den Wirtschaftsseiten wieder leiser Optimismus.
Das ist gut, denn Wirtschaft hängt wesentlich von Stimmungslagen ab. Schon deshalb will ich alles eher als widersprechen nur aus berufsbedingter Skepsis gegen alle Wirtschaftsberichterstattung zu leiser Vorsicht mahnen: Dieselben Zeitungen haben vor zwei, drei Jahren noch weit und breit keine Krise geahnt.
Was sind die Signale der Erholung: Die Aktienmärkte für Joffe ein klassischer Frühindikator erholen sich beständig. Die US-Wirtschaft ist im zweiten Quartal nur mehr um 1,5 Prozent geschrumpft (gegenüber minus 5,5 Prozent und minus 6,3 Prozent in den Quartalen davor). Es wurden wieder neue Häuser (plus fünf Prozent) verkauft, und es brachen keine Banken mehr zusammen. China weist trotz des Rückgangs seiner Exporte ein Wirtschaftswachstum von 7,9 Prozent aus. Und Deutschland schreibt immerhin eine schwarze Null.
In Österreich melden Erste Bank und Bank Austria respektable Gewinne, zu denen auch die Töchter im Osten (ausgenommen die Ukraine) beigetragen haben. Von allen diesen Zahlen beeindruckt mich Chinas Wachstum am meisten: Die Binnennachfrage scheint tatsächlich angesprungen zu sein was das Ausland weniger kauft, kaufen die Chinesen mehr. Das ist, wenn es anhält, eine nachhaltige Entwicklung. Hierzulande beeindrucken mich die Zahlen der Banken mit großen Engagements in den neuen EU-Staaten: Sie scheinen ihre Kredite tatsächlich mit der behaupteten Vorsicht vergeben zu haben. Ihre guten Resultate sollten Österreichs Bonität wieder etwas verbessern und damit die Zinsen senken, die es derzeit für Kredite zahlen muss.
Alle anderen positiven Signale lassen sich auch weniger optimistisch deuten: Natürlich steigen die Aktienkurse nach einem derart dramatischen Einbruch wieder an, schon gar, wenn alle Staaten gigantische Mengen Geldes in die Wirtschaft pumpen. Dass die US-Wirtschaft so viel weniger zu schrumpfen scheint, ist trotzdem eindrucksvoll nur misstraue ich den offiziellen Zahlen: Sie waren in der Vergangenheit erheblich geschönt und wiesen auch auf Halde lagernde Autos, faule Kredite oder sich ständig verbilligende, aber leistungsfähigere Computer als Wachstum aus.
Bevor das US-BIP nicht von einem Spezialisten durchleuchtet worden ist, bleibe ich bei meiner Skepsis, die sich zumindest in der Vergangenheit bewährt hat: Ich war unter den wenigen Journalisten, die schon vor Jahren auf die in Wahrheit schlechte Verfassung der US-Wirtschaft hingewiesen haben. Dass die Milliarden, die Obama jetzt in diese Wirtschaft pumpt, einen ankurbelnden Effekt haben, konnte kaum ausbleiben. Die Gretchenfrage ist nur in den USA wie in Europa , ob er nachhaltig ist. Ob die Krise wirklich vorbei ist, wird sich in meinen Augen daher frühestens im Verlauf des nächsten Jahres weisen. Dann werden nämlich alle Staaten darangehen müssen, die gigantischen Schulden, die sie zur Krisenbekämpfung angehäuft haben, irgendwie abzutragen, weil die zu zahlenden Zinsen sie sonst jegliche Manövrierfähigkeit kosten: Österreich etwa wird bei einer Staatsverschuldung von geschätzten 80 Prozent des BIP seinen Zinsendienst nur unter Ächzen und Stöhnen bedienen können.
Alles spricht dafür, dass so gut wie alle Staaten mit Ausnahme Chinas daher die Steuern erhöhen müssen, um die notwendigsten staatlichen Leistungen zu erbringen. Diese erhöhten Steuern dürften die gegenwärtige Erholung der Wirtschaft wieder deutlich dämpfen.
Längerfristig wird alles davon abhängen, ob die Wirtschaftskrise nur eine Folge der Finanzkrise war oder auch die Folge einer gewissen Marktsättigung ist: Die Autoproduktion etwa wäre auch ohne Finanzkrise eingebrochen, weil es dort, wo man Autos auch bezahlen kann, einfach schon zu viele gibt. Dass man mit einer Abwrackprämie dennoch einen Auto-Boom auslösen kann, ist nicht weiter erstaunlich nur dürften im nächsten Jahr die Autos weniger gekauft werden, die jetzt mehr gekauft wurden. Ich könnte mir vorstellen, dass es eine ähnliche Marktsättigung wie bei Autos auch bei diversen Haushalts- und anderen Geräten gibt, sodass die Produktionsrückgänge uns dort erhalten bleiben. Mit Sicherheit explodiert die Zahl der Arbeitslosen, die wenig konsumieren und den Staat viel kosten werden. Ich würde darin die eigentliche Krise sehen.
Von der nationalökonomischen Theorie her ist die Zukunft jedenfalls ungemein spannend: Wenn die Krise wirklich vorbei ist, dann hatte Keynes gegenüber Liberalen wie Milton Friedman oder auch dem Wiener Professor für Volkswirtschaftslehre Erich Streissler uneingeschränkt Recht: Es wäre dann gelungen, eine Wirtschaftskrise, die durch die gigantische Verschuldung der USA ausgelöst wurde, durch eine noch größere Verschuldung sowohl der USA wie der EU und Japans nachhaltig zu überwinden, weil, wie Joffe schreibt, die Regierungen aus dem Crash von 1929 gelernt haben. Statt Austerity zu verordnen, haben sie weltweit Billionen in die Schlacht geworfen: Als Konjunktur- und Liquiditätshilfen. Vielleicht, welcher Aberwitz, wird das eine der kürzesten Rezessionen der Nachkriegszeit. Vielleicht vielleicht auch ganz und gar nicht.
peter.lingens@profil.at

























