Der All-Mächtige: Seit fast 50 Jahren rettet Perry Rhodan wöchentlich das Universum

22.8.2009, 12:10
  • Eine Würdigung zum 2500. Berufsjubiläum

Seit einem halben Jahrhundert rettet Perry Rhodan wöchentlich das Universum. Soeben beging der Science-Fiction-Heftromanheld sein 2500. Dienstjubiläum. Sogar der Konkurrenz aus dem Internet trotzt er. Wie schafft er das nur?

Von Sebastian Hofer

Man kann sich Perry Rhodan auf mehrere Arten nähern. Der Polyport-Hof Ithafor wäre eine Möglichkeit, eine Art großindustrieller Hochleistungsbeamer im Kugelsternhaufen Dhogar, mit dem sich auch kosmische Entfernungen relativ problemlos überwinden lassen. Man könnte aber auch die U-Bahn nach Wien-Penzing nehmen und bei Herrn Zenker läuten. Wolfgang Zenker, 48, Diplomingenieur, Bausachverständiger im Amt der niederösterreichischen Landesregierung, Vater dreier Kinder, zählt zu den fanatischeren Rhodanisten ­Österreichs, auch wenn er sich selbst lieber als „nicht lesenden Sympathisanten“ deklariert, weil: „Vor lauter Fanaktivitäten kommt man ja gar nicht mehr zum Lesen.“ Wolfgang Zenker ist nicht nur Rhodan-Fan, sondern auch ironiebegabt. In seinem Vorzimmer steht eine exquisite Sammlung antiker Matchbox-Autos. „Der andere Teil der nicht überwundenen Kindheit“, sagt Zenker und grinst.

Am 8. September 1961 brach Perry Rhodan, Major der US Space Force, in sein erstes Heft­romanabenteuer auf: „Operation Stardust“. Das Heft kostete vier Schilling, war 64 Seiten dick und bot leichte Muse für schwere Zeiten: Ein halbes Jahr zuvor war Juri Gagarin als erster Mensch in den Weltraum geflogen, der neue US-Präsident John F. Kennedy hatte gefährlichen Ärger in der kubanischen Schweinebucht, und in Berlin wurde seit Kurzem an einer Mauer quer durch die Stadt gebaut.

Rhodan seinerseits landete ohne gröbere Probleme auf dem Mond, entdeckte eine neue Sorte Außerirdischer und wurde kurz darauf unsterblich, besser gesagt: relativ unsterblich (im Sinne von: Altersschwäche – kein Problem, Laserkanonen – heikel). Auch auf dem freien Unterhaltungsmarkt erwies sich Rhodan als äußerst widerstandsfähig: Seit 1961 läuft die Serie ohne Unterbrechung als gigantomanischer Fortsetzungsroman, kürzlich wurde der 2500. Band veröffentlicht. Rhodan hat JFK überdauert, die Sowjetunion und die Berliner Mauer, sogar der neuen Konkurrenz aus dem Internet trotzt er mit respektablem Erfolg. Die 200.000er-Auflagen der goldenen achtziger Jahre erreicht die Heftromanserie heute zwar nicht mehr, aber mit 80.000 wöchentlichen Lesern zählt Perry Rhodan zu den major players nicht nur der deutschsprachigen Popkultur. In Japan, China, Russland, Frankreich, Italien, Tschechien, Holland und Brasilien erscheinen Lizenzausgaben. Laut Verlagsangaben liegt die weltweite Gesamt­auflage der Serie bei 1,5 Milliarden Stück. ­Perry Rhodan hat sich zu echter All-Macht aufgeschwungen.

Auch in Wien-Penzing herrscht er uneingeschränkt. Wolfgang Zenker führt ins Esszimmer, wo Co-Rhodanist Erich Loydl, 45, Bankbeamter, ein knallbuntes Gebirge aus Rhodan-Memorabilia bewacht: Erstausgaben, Illustrationen, Zinnfiguren, Raumschiffzeichnungen, Kalender, Pappkameraden, Weltraumschnaps. Dass ihr Hobby einen ansatzweise schrulligen Beigeschmack hat, ist Loydl und Zenker wohl bewusst, ficht sie aber, ehrlich gesagt, überhaupt nicht an. Zenker: „Natürlich braucht man sich bei Heftromanen nicht immer nobelpreisverdächtige Werke zu erwarten. Früher wurde man als Perry-Rhodan-Leser auch noch schief angeschaut. Aber spätestens mit ‚Star Wars‘ ist Science Fiction salonfähig geworden. Das ist nicht nur Literatur für ältere Herren.“

Fantreffen. Loydl und Zenker hat das Rhodan-Fieber schon in früher Jugend gepackt, Ende der siebziger Jahre muss das gewesen sein; Ende 1996 gründeten sie den Wiener Perry-Rhodan-Stammtisch. Einmal im Monat trifft man sich mit Gleichgesinnten im Lokal „Neubauschenke“, plaudert unter Hirschgeweihen und Biedermeiergemälden „über Gott, die Welt und Perry Rhodan“ (Zenker), heckt Fantreffen und Festschriften aus und debattiert brisante Fragen: Wie viele Parkscheine müsste Perry Rhodan ausfüllen, wenn er mit einem interstellaren Schlachtschiff draußen vor dem Lokal parken wollte? (Bei einer Schlachtschiffgröße von knapp 2,5 Kilometern wären, so ergab die Überschlagsrechnung, rund 500.000 Zweistundenscheine fällig, Rhodan würde also wohl eher auswärts parken.) Rund 60 regelmäßige Besucher umfasst der Wiener Stammtisch, die Gemeinde ist ziemlich homogen: Der typische Rhodan-Fan ist offenbar zwischen 40 und 50 Jahre alt, zeitlos gekleidet, an Technik interessiert und Bartträger. Frauen und Jugendliche machen sich rar, sogar Loydl und Zenker geben zu: „Der Lesernachwuchs ist enden wollend.“

Darüber macht sich auch Klaus Frick, 45, Perry-Rhodan-Chefredakteur beim Pabel-Moewig Verlag, keine Illusionen. „Für einen ­Jugendlichen sind Heftromane heute sicher kein besonders interessantes Medium. Das ist einfach so. Die Konkurrenz durch Fernsehen, Computerspiele oder Internet ist eben groß.“ Natürlich könnte sich Frick auch einfach zurücklehnen: Rhodanisten sind treue Fans, und die aktuelle Kernleserschaft hält sich bestimmt noch dreißig, vielleicht sogar vierzig Jahre. Trotzdem versucht er, neue Leser zu gewinnen, etwa mit E-Books, Hörbuch-Downloads oder, ganz neu, einer Perry-Rhodan-Applikation für das iPhone. Ab September wird der Rhodan-Autor Michael Marcus Thurner via Twitter zeitnah über seine Arbeit berichten.

Tatsächlich erscheint die Rhodan-Serie, bei allem Retro-Appeal, durchaus zukunftsfähig. Immerhin bildet jedes Heft schon für sich eine Art Hypertext: Neben der aktuellen Romanepisode umfassen die Bändchen stets eine Fülle an Querverweisen und Feedbackschleifen: Glossare, Nachrichtenjournale, Kommentare, Risszeichnungen, eine üppige Leserbriefecke, und alles hängt mit allem zusammen. Insofern kann der Rhodan-Kosmos es durchaus mit dem Internet aufnehmen – nur dass es bei ihm nicht so oft um Sex geht. Perry Rhodan ist leider auch ein bisschen bieder. Der Held des Universums ist ein Kind der deutschen Nachkriegszeit, und so etwas schüttelt man auch im Weltraum nicht so leicht ab.

Perry Rhodan, der US-Major und Sternenfahrer, irrlichtert auf ganz eigentümliche Art durch den deutschen Sehnsuchtsraum, der sich zwischen Novalis und Old Shatterhand, Rudolf Steiner und Jerry Cotton auftut. Das liegt in der Natur seiner Gründung: 1960 entwickelten die Pulp-Fiction-Autoren Karl-Herbert Scheer und Walter Ernsting (alias Clark Darlton) eine neue Heftromanserie für den Pabel Verlag. In ihrer Leidenschaft für das Genre glichen sich Scheer und Ernsting, in ihrem Wesen und Schreiben unterschieden sich die Rhodan-Erfinder radikal: Während Scheer seinem technokratisch angehauchten Militarismus in endlosen Raumschlachtenschilderungen freien Lauf ließ (und von Rhodanisten dafür den Spitznamen „Handgranaten-Herbert“ kassierte), forcierte der überzeugte Pazifist Ernsting einen ideologiefreien Humanismus. Mit späteren Autorengenerationen mischten sich dazu auch noch psychedelische Esoterik, Cyberpunk und Postmoderne.

Perry-Rhodan-System. Diese Schizophrenie hat sich in der Rhodan-Rezeption bis heute erhalten. Das Perry-Rhodan-System hat viele Perspektiven. Die Tageszeitung „Die Welt“ bezeichnete den Sternenfahrer anno 2005 als „utopisch-aufrechten Politiker“, der „Stern“ seinerseits identifizierte Rhodan als „deutschen Helden“ und bescheinigte ihm protofaschistische Tendenzen: „Die ideologischen Fundamente der Weltraumoper – sie stammen aus der Mottenkiste völkischer Mythen.“ Das mag für die Fundamente des Sechziger-Jahre-Rhodan zutreffen, heute erscheint dieser jedoch als aufgeklärt-pazifistischer Held einer postmodernen Bricolage: Noch immer geht es, ganz prinzipiell, um den alten Kampf Gut gegen Böse, nur dass das Gute nie ganz gut und das Böse manchmal auch ganz okay ist. Das Leben ist sogar in der fünften Dimension noch ziemlich kompliziert.

Trotzdem mangelt es Rhodan nicht an Tatkraft. „Der Terraner überlegte nicht lange. Als Sofortumschalter war er dazu in der Lage, binnen einer Sekunde schwer wiegende Entscheidungen zu treffen“, heißt es etwa in Band 2502, „Im Museumsraumer“. Diese Entscheidungsfreude kommt ihm nicht einmal in den kompliziertesten Situationen abhanden: „Es war ein tödliches Spiel mit maximalem Risiko. Ebenso gut war möglich, dass keinerlei Gefahr drohte.“ Sofortumschalter müsste man sein.
Aber auch Rhodan-Leser haben es nicht immer leicht. Perry-Rhodan-Hefte sind, bei aller Kürze im Satzbau, aller Beschränkung im Wortschatz, eine herausfordernde Lektüre. In den fast 50 Jahren ihres Bestehens ist der unerbittlich weiter und immer weiter fortgesetzten Rhodan-Geschichte ein Rattenschwanz an Figuren, Zeiten und Welten gewachsen, der längst weit ins Absurde hineinreicht. Im Lauf seiner rund 3000-jährigen Karriere hat Rhodan wirklich alles gesehen, was es im Universum so zu sehen gibt, sogar in Wien war er schon (Heft 2284 und 2285). Auf Wunsch verschickt der Pabel-Moewig Verlag kleine Einsteiger-Leitfäden, die zumindest die wichtigsten Eckpunkte der Rhodan’schen Kosmologie umreißen. Die Langlebigkeit hat ihre Tücken, sorgt aber andererseits auch für eine umso stärkere Leserbindung: Perry Rhodan, der treueste Begleiter und beste Freund des Menschen.

Lindenstraße-Effekt. Chefredakteur Frick nennt das den „Lindenstraße-Effekt“: „Wir schaffen ein heimatliches Universum, in dem sich die Leute zu Hause fühlen.“ Die Serie ist so lang wie das Leben selbst, Leserbiografie und Heft­romaninhalt verknüpfen sich unweigerlich miteinander: Wo war ich eigentlich, als Perry im Anti-Universum auf sein negatives Spiegelbild traf (Heft 600–607)? Was hat Perry noch mal während unserer Flitterwochen getrieben? „Es kommt immer wieder vor, dass mir Leser, die lange pausiert haben, von ihrem Wiedereinstieg in die Serie berichten“, erzählt Frick. „Meistens fällt dann das Wort ,heimkommen‘.“

Das Private ist kosmisch, das Kosmische privat und Perry Rhodan die längste Seifenoper der Welt. Dem entspricht die Produktionsweise: Die Serie entsteht in Gemeinschaftsarbeit. Mehrere Autoren arbeiten parallel an neuen Rhodan-Romanen; als Vorlage dienen ihnen umfangreiche Exposés, die der Chefautor etappenweise erstellt und die das grobe Handlungsgerüst sowie, ganz wichtig, die technisch-physikalischen Details der jeweils aktuellen Galaxien, Raumgleiter und Todesstrahlen umreißen. Der Rest ist, je nach Anspruch des Autors, literarisches Malen nach Zahlen oder freie Improvisation.

Der Wiener Kabarettist und Rhodan-Romancier Leo Lukas präferiert Zweiteres: „Als Kabarettist habe ich die Lizenz zum Scherzen“ (siehe Interview). Seit 2001 gehört Lukas zum derzeit elfköpfigen Autorenteam, das sich in jüngster Zeit fast ausschließlich aus der Fan­szene rekrutiert. Rhodan-Autor Michael Marcus Thurner etwa zählte zu den Gründungsmitgliedern des Wiener Fanstammtischs, bevor ihn die Berufung ins Allerheiligste des Perryversums ereilte. Für seine Stammtischbrüder Wolfgang Zenker und Erich Loydl gehört das zum Zentralreiz der Serie: „Das gibt es sonst nirgendwo, dass man mit den Machern so eng in Kontakt kommt.“ Produzenten und Konsumenten gehen eine innige Symbiose ein. Dementsprechend blüht im Perryversum auch eine Fankultur, wie man sie höchstens noch aus dem Sport kennt: Fanclubs werden gegründet, Fantreffen organisiert, Fanbücher, Fanfilme, Fanbriefmarken gebastelt (sowie, unlängst am Wiener Stammtisch, sogar Fan-Salzteigskulpturen). Dabei zeichnet den typischen Rhodan-Fan ein gewisser Hang zur Pedanterie aus. Der (offenkundig von Rhodanisten betreute) Perry-Rhodan-Eintrag auf Wikipedia umfasst nicht weniger als 24 Druckseiten. Aber weil das so gut wie gar nichts ist, gibt es seit Jänner 2004 auch eine Perry­pedia (perrypedia.proc.org). Inzwischen umfasst ­diese fast 19.000 Einträge.

Natürlich spürt diese Detailversessenheit auch die Redaktion. Jeder falsche Anschluss, jeder kleinste Fehler wird verlässlich aufgespürt und der Redaktion um die Ohren gehaut. Und wenn sich die Autoren gar erdreisten, Lieblingsfiguren oder -raumschiffe zu entsorgen, kann sich Klaus Frick auf einen Proteststurm kosmischen Ausmaßes gefasst machen. Hin und wieder gibt die Redaktion in solchen Fällen auch nach und reanimiert den eingemahnten Charakter. Manchmal provoziert sie die Leserschaft aber auch mit Vorsatz. Frick: „Vor ein paar Jahren haben wir den kleinen Klonelefanten Norman erfunden, den die Stammleser richtig gehasst haben. Trotzdem haben wir ihn immer wieder vorkommen lassen. Erst jetzt im Juli ­haben wir ihn doch noch umgebracht.“ Es kann schließlich nicht jeder unsterblich sein.

Tolpatsch99, 02. 09. '09 23:38
Angriff der Klonkrieger
Die Beschreibung des Rhodan-Stammtisches klingt ein bisserl wie der Angriff der Perry-Klonkrieger. Ach so, falsche Serie ... macht auch nix.
Ragyapa, 02. 09. '09 22:17
... ,aber ein kleiner Schritt für die Menschheit.
Da soll noch jemand vom lebensfremden elfenbeinenen akademischen Turm sprechen!!! Ist der Dipl.-Ing. (Welche Studienrichtung: UFOlogie? Weltraumplanung?Astrologie?Raumstationsbau?) ein Studienkollege von Dipl.-Ing. James Tiberius Kirk? Klingt für mich alles ein wenig nach Judith & Mel und Florrrian Silberrreisen im Weltall. Vermute, dass dort (wo immer das ist!) schon (mehrfach und erfolgreich) der Musikantenstadl gastiert hat.




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