Georg Hoffmann-Ostenhof
Stress und Gott

Warum die Rückkehr der Religion ein Märchen ist.
Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt das Gespenst der Religion, so paraphrasiert der Philosoph Peter Sloterdijk Karl Marx gleich zu Beginn seines neuen Werks Du musst dein Leben ändern. Anfang des 21. Jahrhunderts, zwei Jahrzehnte nachdem das Marxsche kommunistische Gespenst zur endgültigen Ruhe gefunden hat, spuke überall die Religion, meint Sloterdijk.
Ihre Wiederkehr sei in aller Munde. Die Mächte des alten Europas haben sich zu einer pompösen Willkommensfeier verbündet auf ihr versammeln sich ungleiche Gäste: der Papst und die islamischen Gelehrten, die amerikanischen Präsidenten und die neuen Kremlherren, alle Metterniche und Guizots unserer Tage, die französischen Kuratoren und die deutschen Soziologen, dichtet der Philosophieprofessor.
Gott ist also wieder voll da. Ja, die Beziehung des Menschen zu ihm sei sogar direkt im Gehirn angelegt, fanden jüngst Neurobiologen heraus. Jene, die nach wie vor an den Fortschritt der Menschheit glauben, daran also, dass letztlich mit Wissen und Wohlstand der Glaube ans Jenseits und an höhere Mächte langsam verschwinden würde, sehen in unserer Zeit, die nun allgemein als die postsekulare genannt wird, überaus alt aus. Aufklärerische Religionskritik erscheint heute als lächerlicher Anachronismus. Aber gehört die Säkularisierung wirklich der Vergangenheit an, ist die Emanzipation von Gott nach über zwei Jahrhunderten wirklich an ihrem Ende angelangt? Die Frohbotschaft lautet: Nein!
Eines ist klar: Der Fortschrittselan des 19. Jahrhunderts ist längst verflogen. Dafür haben nicht zuletzt die Weltkriege, der Holocaust, Hiroshima und der Gulag gesorgt. Die Hoffnung der Aufklärer, die Brücken zu den Sphären des Übersinnlichen würden demnächst abgebrochen, erwies sich als Illusion: Nach wie vor wird weiter kräftig geglaubt und gebetet. Nur in Europa leerten sich die Kirchen zunehmend. Amerika freilich scheint die These, der Fortschritt werde den Glauben vertreiben, gänzlich zu falsifizieren. Just das am meisten entwickelte, reichste und dynamischste Land der Welt, die globale Hegemonialmacht, erlebte nicht nur keine Säkularisierung wie diesseits des Atlantiks im Gegenteil: Heute werden in den USA mehr Gebete gen Himmel geschickt, glauben mehr Menschen an das Leben nach dem Tod, an Gott und Teufel als noch vor 80 Jahren.
Da scheint auf den ersten Blick Europa mit seiner fortschreitenden Entchristianisierung eher der Sonderfall zu sein als das glaubensstarke Amerika. Dass der wiedergeborene Christ George W. Bush acht Jahre im Weißen Haus saß, war logisch. So sah es aus. Ist es aber doch nicht.
Die Anzahl der amerikanischen Ungläubigen hat sich von 1990 bis 2008 verdoppelt, der regelmäßige Kirchgang ist in den USA zwar weiter verbreitet als in Europa, aber auch dort wollen sich immer mehr am Sonntag ausschlafen, statt vor einem Altar zu knien und fromme Lieder zu singen. Das zeigt eine Untersuchung des Pew Research Center. Die USA sind also doch nicht gänzlich immun gegen Säkularisierung.
Noch interessanter ist aber eine groß angelegte, jüngst in der Zeitschrift Evolutionary Psychology erschienene Studie, die ganz anschaulich erklärt, warum die Amerikaner um so viel religiöser als andere vergleichbare Länder sind. 25 entwickelte westliche Industrienationen werden verglichen. Das Ergebnis ist eindeutig: Je dysfunktionaler eine Gesellschaft ist gemessen an 25 Indikatoren wie Mordfrequenz, Abtreibungszahlen, Teenage-Schwangerschaften, Armut, und Ungleichheit , desto mehr Menschen wenden sich Gott zu, wobei Religiosität an selbst proklamierter Gläubigkeit, Kirchgangs- und Betfrequenz festgemacht wird. So wird klar, warum die Amerikaner und die Portugiesen um so viel religiöser sind als etwa die Skandinavier, Holländer oder Japaner. Denn je mehr fundamentale Lebensrisiken, wie Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit, sozialstaatlich abgefedert werden, desto weniger blicken die Menschen zu höheren Mächten. Die Leichtigkeit, mit der große Bevölkerungsschichten den Glauben an Gott aufgeben, wenn die Lebensbedingungen sich verbessern, widerlegt die These, dass Religiosität und religiöse Praxis Ausdruck der invariablen menschlichen Natur seien, schreibt Gregory Paul, der Autor der Untersuchung. Nach ihm ist der Glaube an übernatürliche Phänomene die spezifische Stress-Bewältigungsstrategie in dysfunktionalen Gesellschaften.
Also hatten sich die alten Aufklärer und Religionskritiker doch nicht geirrt? Aber der Osten erlebt nach so langen Jahren des von oben verordneten Atheismus eine Rechristianisierung, frohlockt der Vatikan. Gewiss: Die Kirchen waren nach dem Fall des Kommunismus voller als zuvor. Aber so toll ist die Wiederkehr der Religion auch dort nicht.
Das demonstrierte vorvergangenes Wochenende Polen, das katholische Land Europas schlechthin. Eine satanische Provokation sahen prominente Katholiken wie Lech Walesa im Plan der Popikone Madonna, just am 15. August in Warschau ein Konzert zu geben, ist doch der Tag für die verehrte Schwarze Madonna von Tschenstochau reserviert. Ihre Himmelfahrt sollte nicht mit den unheiligen Sounds der blonden Madonna untermalt werden. Monatelang wurde gegen das teuflische Spektakel mobilisiert. Aber siehe da: 80.000 Polen bejubelten die Sängerin. Nur wenige Dutzend Anhänger der schwarzen Muttergottes wollten sich zum Protest einfinden.
Und was lehrt uns das alles? Zweierlei. Das Bedürfnis nach Glauben mag zwar im menschlichen Gehirn zu verorten sein, aber man sollte eine andere Erkenntnis der Neurobiologie nicht vergessen: Das Gehirn ist überaus flexibel und anpassungsfähig. Und zweitens ist die Religion ein Gespenst, das man letztlich leicht in die Flucht schlagen kann. Durch öffentliche Wohlfahrt und besseres Leben.
georg.ostenhof@profil.at

























