Georg Hoffmann-Ostenhof
Aufregend fad

Die Welt hatte lange Zeit panische Angst vor den Deutschen. Das ist nun endgültig vorbei.

Das war der langweiligste deutsche Wahlkampf seit Menschengedenken. Auch die Resultate des Urnengangs regten sowohl in Deutschland als auch in der Welt kaum ­jemanden groß auf. Und das ist im historischen Rückblick das Sensationelle. Deutschland war im vergangenen Jahrhundert noch allemal für starke Gefühle gut. Kein Wunder: Lieferten die Deutschen der Weltgeschichte doch zwei Monsterkriege, Adolf Hitler und die Berliner Mauer. Noch vor 20 Jahren, als diese niedergerissen wurde, da ging in Europa die Angst um.

Vor wenigen Wochen wurden in London die Memos von Charles Powell, dem Berater der damaligen konservativen britischen Premierministerin Margaret Thatcher, veröffentlicht. Sie zeigen, wie sehr die „eiserne Lady“ das durch die Wiedervereinigung erstarkte Deutschland als Gefahr betrachtete. Die Deutschen waren für sie unberechenbar, „zerrissen zwischen Angriffslust und Selbstzweifel“. Wieder drohe ein fataler deutscher „Sonderweg“.
Die Gesprächsnotizen förderten aber noch Interessanteres zutage als Frau Thatchers Schaudern vor den „dunklen Seiten des deutschen Charakters“. Geradezu panisch reagierte auch der damalige französische Präsident François Mitterrand auf die turbulenten Ereignisse im nördlichen Nachbarland.

Schrill warnte der Franzose – der öffentlich seine Männerfreundschaft mit Kanzler Helmut Kohl und die unverbrüchliche „amitié franco-allemande“ zelebrierte – Frau Thatcher: Nun werde der „hässliche Deutsche“ wieder sein Haupt erheben, raunte er. Bei territorialer Vergrößerung Deutschlands könnte der Kontinent auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurückfallen – eine Ära, als das Reich vom größenwahnsinnigen Kaiser Wilhelm II. regiert wurde. Der Franzose fürchtete, Kanzler Helmut Kohl werde einen Weg einschlagen, der einem modernen Deutschland „mehr Macht verschaffen würde, als Hitler je hatte“.

Noch 1995 überlegte man in Paris ernstlich, ein Veto ­gegen einen EU-Beitritt Österreichs einzulegen. Dies würde den germanischen Teil Europas noch stärker machen, als er ohnehin schon sei, wurde argumentiert. Wie sich bald herausstellte, waren alle diese Ängste unbegründet: Weder erlebte Deutschland nach der errungenen Einheit die Renaissance eines militanten Nationalismus, noch kamen Bonn und dann Berlin vom europäischen Weg ab. Im Gegenteil: Das Land zwischen Ost- und Bodensee wurde unter Helmut Kohl und später unter Gerhard Schröder geradezu zum EU-Musterschüler. Der Abbau des von Frau Thatcher apostrophierten Selbstzweifels, eine Entwicklung, die tatsächlich in den vergangenen Jahren vor sich ging, führte keineswegs zu aggressivem Übermut und militaristischer Angriffslust. Das hässliche Gesicht des Deutschen wollte sich nicht und nicht zeigen.

Deutschland hat sich als ganz normales Land etabliert, freut sich der „New York Times“-Kolumnist Roger Cohen, der gerade von einem Trip nach Berlin und Frankfurt zurückgekehrt ist. Die deutsche Langeweile feiert er als „Wunder“. Um die erfrischende Nüchternheit und Pathoslosigkeit des deutschen Volkes zu illustrieren, zitiert er zwei ehemalige DDR-Oppositionelle: „Wir wollten Gerechtigkeit und haben Rechtsstaat bekommen“, sagt Bärbel Bohley. Und Joachim Gauck ergänzt ironisch: „Wir haben vom Paradies geträumt und sind in Nordrhein-Westfalen aufgewacht.“

Spätestens jetzt kann die Welt vom germanophoben Albtraum aufwachen und klar erkennen: Nichts deutet auf die Gefahr hin, dass die Deutschen in die alte teutonische Barbarei zurückfallen könnten. Vieles aber lässt die Annahme gerechtfertigt erscheinen, dass die Berliner Republik des 21. Jahrhunderts der zivilisierteste Staat Europas ist. Nehmen wir die jüngste Bundestagswahl: Im ganzen Wahlkampf wurde die so genannte Ausländerfrage von keiner einzigen der fünf Parlamentsparteien thematisiert. Und Deutschland ist mindestens ebenso sehr ein Einwanderungsland wie Österreich. Das sollte die heimische ­Politik zur Kenntnis nehmen – und sich schämen. Seit den sechziger Jahren haben Parteien, die rassistisch und xenophob hetzen, keine Chance, auch nur in die Nähe des Deutschen Bundestags zu kommen.

Die Volksparteien der Mitte verlieren, die Ränder gewinnen. So lautet die Wahlanalyse. Aber wie sehen da die Ränder aus? Am rechten Rand des Parteienspektrums gestärkt wurde die respektable wirtschaftsliberale FDP des Guido Wester­welle. Und vor der „Linken“, die ebenfalls zu den Gewinnern der Wahl zählt, muss man sich auch nicht ernsthaft fürchten. Die Entstehungsgeschichte dieser Partei mag suspekt sein. Ihre Frontmänner, Oskar Lafontaine, ein wortgewaltiger ehemaliger SPD-Chef, und Gregor Gysi, ein feinsinniger, wenn auch ein wenig zwielichtiger früherer Anwalt aus der DDR, sind nicht gerade wüste Revoluzzer, sondern durchschnittliche Linkssozialisten, die, wie es aussieht, demnächst aus der politischen Quarantäne entlassen werden.

Ein radikaler Sozialabbau ist nicht zu erwarten: Merkel hat, so nörgeln innerparteiliche Kritiker, die konservative CDU sozialdemokratisiert. Auch die FDP-Liberalen bekennen sich wie die Union zur „sozialen Marktwirtschaft“. Eventuelle Versuche, allzu scharf ins soziale Netz zu schneiden, sind zum Scheitern verurteilt. Sie würden auf vehementen Widerstand der öffentlichen Meinung und der Opposition treffen. Schließlich muss man sich vor Augen halten, wer das Personal des „politischen Rechtsrucks“ Deutschlands ist, von dem jetzt allerorten geschrieben wird: Angela Merkel, eine pragmatische Frau aus dem Osten, und Guido Westerwelle, ein bekennender Schwuler, den die Wähler in die Regierung gewählt haben. Denkt man an Deutschland in der Nacht, ist man keinesfalls um den Schlaf gebracht. Ganz im Gegenteil.

georg.ostenhof@profil.at

3.10.2009 14:35
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eulenauge, 05. 10. '09 16:05
Die feindliche Übernahme der DDR
hat sich als gigantische Fehlspekulation erwiesen, mit noch gigantischeren Folgekosten. Da hält sich die Abenteuerlust in Grenzen.
derpradler, 03. 10. '09 17:49
Geschichtslücken auf Österreichisch
Die 2 Weltkriege lieferten nicht die Deutschen sondern die Deutschen und die Österreicher! lernen Sie Geschichte und unterlassen Sie diese falsche Darstellung unserer Geschichte!