Helmut A. Gansterer
Peter Drucker

Er wäre jetzt 100 und gehört uns ganz allein.

„Er war präzise, systematisch und ein Großliterat“ Dr. Gerd Prechtl, Unternehmensberater

Diese Kolumne hat zum Ziel, den gebürtigen Wiener Peter Drucker zu würdigen. Er war Gründungsvater des wissenschaftlichen Managements. Er wäre am 19. November 100 Jahre alt geworden. Wir hätten dies fast noch feiern dürfen, Auge in Auge. Er starb am 11. November 2004 mit 94 Jahren in Claremont, USA, als großer Geist ­österreichischer Herkunft. Schon vor fünfzig Jahren wurde er verehrt und mit Gattungsbegriffen versehen. Seine nicknames hatten nie mit Fantasie zu tun. Sie waren eher der statischen Anatomie entlehnt. Man nannte ihn Wirbelsäule, Trapezmuskel und Bizeps der Wettbewerbsgesellschaft.

Ich verdanke einigen Gentlemen den Hinweis aufs Jubiläum. In zeitlicher Reihenfolge: Ernst R. Rosi als Senior Advisor des Vorstands der Raiffeisen Zentralbank (RZB), Walter Rothensteiner als GD derselben, Präsident Dr. Richard Straub von der Peter Drucker Society of Austria, Unternehmensberater Gerd Prechtl, IV-Generalsekretär Markus Beyrer und Fredmund Malik vom Management­institut St. Gallen. Man liest daran ab: Peter Drucker ist sechs Jahre nach seinem Tod still alive.

Am 19. November wird man in namhaften Medien über Peter Drucker viel lesen und hören und sehen. Freuen wir uns darauf. Er war der Moses des Managements. Er war der Weise vom Berg. Er verlas Tontafeln, die er selbst geschrieben hatte. Er war nicht fehlerfrei, aber seine pragmatische Nüchternheit blieb ein Fels im Ozean des Schwachsinns, der über „Management“ in populären Sachbüchern geschrieben wurde. Drucker war ein Mann der Fachleute, nicht des Publikums. Er hat keine Herzen bewegt. Es gibt keine Super-­Tele-Fotos von Paparazzi, keine Homestorys. Als Idol herkömmlicher Art war er ungeeignet. Dieses österreichische Idol hat Ruud Klein in einem profil-Cartoon unvergesslich gezeichnet, in Form eines beliebten Schönbrunn-Panda­bären und eines Popstars: „Fu Long faul, Falco tot“.

Man darf leichten Herzens im Nachhinein prophezeien: In Österreich, das Peter Drucker als Mann des jüdisch-intellektuellen Großbürgertums im Jahr 1933 verließ, wäre er nie was geworden. Zu wenig tot, vor allem nicht faul wie Fu Long. Selbst Prechtl, glaube ich, hat nicht den ganzen Drucker geschafft, vom ersten Buch namens „The End of Economic Man“ (John Day, New York, 1939) über „The Effective Executive“ (Harper & Row, New York, 1967) bis zum Sammelwerk „Was ist Management? Das Beste aus 50 Jahren“ (Econ/Ullstein/List, München, 2002).

Peter Druckers Biografie ist nicht frei von Tragödien. Er hat sich aber feinsinnig, beinahe fröhlich, jedenfalls mit ­äußerster Bescheidenheit verwahrt, mit jenen Künstlern in einen Topf geworfen zu werden, die erst im Ausland berühmt werden mussten, um in Österreich etwas zu gelten. In erster Linie dürfte er damit die „Londoner“ gemeint ­haben. Oskar Kokoschka vergaß nie, dass man ihn daheim nur für einen irren Maler und eines der Opfer von Alma Mahler gehalten hatte. In London hätte er beliebig reich werden können. Anton Bruckner, in London als Komponist und Organist gefeiert, zwei Generationen vor Kokoschka, vergaß nie, dass man ihn daheim wegen seiner einfachen Herkunft und seines unmusikalischen Äußeren verachtet hatte. Selbst Joseph Haydn, ein heiteres Gemüt und ein „Genie“ selbst für Mozart und Beethoven, hatte schon hundert Jahre vor Bruckner traurig die „Bravo“- und „Da capo“-Rufe Londons im Ohr, wenn er sich daheim wieder als ­Eisenstadt-Esterházy-Engerling fühlte.

Es mag Sinn machen, sich diese Schicksale österreichischer Künstler vor Augen zu halten. Es erleichtert die Lektüre der zahlreichen Autobiografiefragmente Peter Druckers. Meines Wissen wollte er gar nicht zurück. Er wanderte lustvoll von der Ostküste zur Westküste Nordamerikas und wieder zurück. Ich kenne kein Dokument, das auf Sehnsucht nach Österreich wiese. Gleichwohl wird er am 19. November als UNSER ­PETER DRUCKER fixiert werden. Es wird ein Grabraub, aber kein Beinbruch sein. Ich verweise allerdings auf eine Letztinstanz, die Peter Drucker Society of Austria. Im Zweifelsfall gilt ihr Wort, nicht meines.

Jubiläen, wie auch alle Volksfeste, haben ihren Sinn. Jenes des Hunderters von Peter Drucker zeigt wieder mal, dass Österreich das Wirtschaftswissenschaftsland Europas und der EU ist. Scusi und Pardon an Italien und Frankreich und Tschuldigung an Deutschland, aber alles Glänzende kam aus Österreich. Nationalökonomisch ist das eh klar. Jeder Student zwischen Bologna und Uppsala kennt die Wiener Schule. Sie ist mit den Namen Carl Menger, Ludwig von Mises, Joseph Alois Schumpeter und Friedrich August von Hayek ver­bunden.

Wir sind aber auch betriebswirtschaftlich vorn. Wir zeugten mit Ernest Dichter den besten Motivator, mit Paul Watzlawick den besten Soziologen und Erfolgspsychologen, mit Peter Drucker den besten Managementlehrer und mit den Neuwirth-Schrammeln und Resetarits-Stubnblues die intellektuell höchste Musik für Konzernfeiern.

helmut.gansterer@profil.at

7.11.2009 13:52
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