Georg Hoffmann-Ostenhof
Kreuzfidel

Mit welch unsinnigen Argumenten die Schulkruzifixe verteidigt werden.

Und wer nimmt auf meine areligiösen Gefühle Rücksicht? So witzelt so mancher von uns Heiden, wenn sich wieder einmal Gläubige in ihren tiefsten spirituellen Emotionen durch böse Blasphemie und Religionsspott verletzt sehen und nach dem Kadi rufen. Seit vergangener Woche wissen wir, wer nun die Gefühle von Agnostikern und Atheisten schützt: der Europäische Gerichtshof in Straßburg.

Es geht natürlich nicht nur um die Gefühle und nicht nur um die Gottlosen. Auch hinter andere Nichtchristen, hinter Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften, die den sym­bolischen Dominanzanspruch des Christentums als Belästigung empfinden, stellen sich die sieben hohen Richter in ihrem jüngsten Urteil. Sie machen klar: Ein christliches Kreuz im Klassenzimmer verletzt die Religionsfreiheit. Auf jeden Fall brauche die Freiheit, keiner Religion anzugehören, besonderen Schutz.
Und wieder flackert wie schon öfter eine Kreuzdiskussion auf: Soll das Kruzifix aus den öffentlichen Schulen verbannt werden oder nicht? Dabei haben die Abwiegler in diesem immer wieder abgeblasenen Kulturkampf ein starkes Argument: Angesichts der gewaltigen Probleme, mit denen Europa konfrontiert ist, erscheint die Frage, ob das Kreuz an Schulwänden hängen soll, als eine so nebensächliche, dass es geradezu lächerlich ist, sich darüber aufzuregen.

Das mag sein. Brisant wird aber das Ganze durch die Vehemenz und Leidenschaft, mit denen die Freunde des Kreuzes an diesem festhalten und die Straßburger Richter geradezu als Verderber Europas attackiert werden. Wenn man sieht, mit welchen unwahren, unsinnigen und die Intelligenz beleidigenden Argumenten das Schulkreuz verteidigt wird – flächendeckend von Vatikan und Berlusconi bis zu Strache, von den italienischen Linken bis zu Kardinal Christoph Schönborn und Erwin Pröll – und wie die Verteidiger damit immer wieder durchkommen, dann freilich wird einem ein wenig mulmig.

E Eine der zentralen Denkfiguren lautet: Was kann man gegen das Kreuz haben, ist es doch nicht mehr bloß ein christliches Zeichen, sondern ein universelles Symbol der Liebe und Toleranz geworden? Nun mag man die segensreiche Wirkung der Caritas hervorstreichen, auf die Botschaft der Liebe im Neuen Testament hinweisen und die relativ anständige Position kirchlicher Institutionen in der so genannten Ausländerfrage preisen. Aber man muss nicht auf die Kreuzzüge und die Inquisition zurückgehen, um zu wissen, dass mit dem Segen der Geistlichkeit und unter dem Zeichen des Kreuzes bis in die jüngste Zeit immer wieder gemordet, malträtiert und massakriert wurde. So geschichtsvergessen kann man gar nicht sein, das Kruzifix taxfrei zum Symbol der Liebe und Toleranz zu erklären. Wenn H. C. Strache mit hochgehaltenem Kruzifix gegen den Islam, die Moscheen und Minarette in den Kampf zieht, dann ist das nicht, wie von kirchlicher Seite immer wieder behauptet, ein eklatanter Missbrauch des Symbols – die Strache-Aktion steht durchaus in alter christlicher Tradition.

E Werden die Kreuze abgehängt, so versündige man sich gegen die europäische Identität, lautet eine weitere Argumentation. Die Wurzeln Europas liegen im Christentum. „Dieser Kontinent hat nur dann eine Zukunft, wenn er diese Wurzeln nicht leugnet“, erklärt etwa Christoph Schönborn. Zweifellos ist Europa in seiner Geschichte christlich geprägt. Mindestens so stark wurzelt der Kontinent aber auch in der Aufklärung und im Antiklerikalismus. Demokratie, Arbeiterrechte, Frauenemanzipation, Freiheit der Meinung und der Wissenschaft, Menschenrechte – all diese zentralen Werte Europas mussten im harten und langen Kampf gegen den erbitterten Widerstand der katholischen Kirche errungen werden. Und heute leben wir in einem Europa der religiösen Vielfalt. Warum in jenen öffentlichen Gebäuden, die für alle da sind – für Christen, Juden, Moslems, Buddhisten und Atheisten gleichermaßen –, das Christentum ein symbolisches Monopol haben muss, ist beim besten Willen rational nicht zu begründen.

E Schließlich haben die Gegner der Straßburger Richter einen Horror Vacui. Wer und was stößt in die symbolische Leere ­hinein, sollte das Kreuz von den Schulwänden verschwinden?, wird bange gefragt. Nicht auszudenken. Der Islam, der Hedonismus, gar der Antichrist? Diese Ängste sind wohl besonders absurd. Es geht ja nur um die Institutionen des modernen Staats, der gegenüber Religionen neutral sein soll. Das Kreuz bleibt so oder so auch im öffentlichen Raum allgegenwärtig – in den unzähligen Marterln an jeder Wegkreuzung, auf den Kirchtürmen und den Berggipfeln. Sagen wir es deutlich: Länder wie Österreich bleiben auch ohne Kruzifixe in staatlichen Institutionen voll mit christlichen Symbolen. Und ewig bimmeln die Kirchenglocken.

Es geht natürlich um etwas ganz anderes, als vorgegeben wird. Mit dem Kreuz in den Schulen ragt eine theokratische Vergangenheit in unsere demokratische Gegenwart hinein. Ein letztes Signum des absolutistischen Allmachtsanspruchs der Kirche. In einer modernen Republik, im Europa von heute hat der aber nichts zu suchen.

Das hat nun der Europäische Gerichtshof klar festgestellt. Und es ist beruhigend, dass, im Unterschied zur österreichischen Politik, zumindest die heimischen Verfassungsrechtler Heinz Mayer und Bernd Christian Funk hinter dem Straßburger Urteil stehen. Jetzt wird auch eingewandt: Dieses habe für Österreich keine Relevanz, weil die Schulkreuzfrage im Konkordat geregelt sei. In Klassen mit mehr als fünfzig Prozent christlichen Schülern muss ein Kruzifix hängen. Und der Vertrag mit dem Vatikan stehe in Verfassungsrang. Dem muss aber einfach entgegnet werden: Wenn das Konkordat die Menschenrechte verletzt, dann muss eben das Konkordat aufgekündigt werden.

georg.ostenhof@profil.at

7.11.2009 13:46
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fammayer1, 14. 11. '09 15:55
Ostenhof ist Mitglied der Internationale IV
Ostenhof ist Mitglied der Internationale IV und ein leidenschaftlicher Kämpfer gegen jede Form des Glaubens.

http://de.wikipedia.org/wiki/Vierte_Internationale
lurkerabove, 10. 11. '09 15:28
das politisch korrekte Establishment mokiert sich über die rückständigen Idioten
Ostenhof mag mit seinen Argumenten durchaus recht haben, aber er sollte sich schon fragen (genauso wie die meisten seiner enthusiastischen Befürworter hier) ob der Zeitpunkt momentan nicht eher ungeeignet ist, den bildungsbürgerlichen Besserwisser herauszukehren.

Eine ganze Menge Leute, die weder mit dem Kruzifix noch mit Strache bisher viel am Hut hatten sind derzeit in einer ziemlich depressiven Grundstimmung, und sehen, dass die "fortschrittlichen" opinion leaders auch keine Rezepte gegen die Krise haben, sondern nur herumwursteln. Oder eben den Kampf von vor 30 Jahren weiterkämpfen. (Endlich das Konkordat abschaffen.)

Da fällt ein ganzseitiges Inserat von HC Strache über Kruzifixe und die EU auf recht fruchtbaren Boden.

Wie war das eigentlich vor 80 Jahren, Herr Ostenhof?
schwarzweiß, 10. 11. '09 14:51
klerikaler Machtanspruch
Für mich sind die Kreuze in den Klassenzimmern eine Manifestation des katholischen Machtanspruchs in Österreich, verfestigt durch das Konkordat. Die politische Entwicklung in Westeuropa nach dem Krieg ist zwar eine andere (Demokratie ist der katholischen Lehre diametral entgegengesetzt), dennoch sollen Leute, die sich dagegen noch kaum wehren können, nämlich Kinder, diesen Machtanspruch zu spüren bekommen. Man kann durchaus Kinder katholisch erziehen und ihnen den Glauben an Gott näherbringen, das hat aber auf rein freiwilliger Basis zu geschehen. Das Kreuz in der Klasse steht dieser Freiwilligkeit aber entgegen, da es für alle unübersehbar ist. Österreich sollte auf Grund seiner Vergangenheit (Klerikalfaschismus 1934-38) mit religiösen Symbolen etwas sensibler umgehen als es das bisher getan hat.
schwarzweiß, 10. 11. '09 14:54
Fortsetzung
Die christlichen Wurzeln Österreichs sind mit der Anzahl und Dimension der kath. Gotteshäuser hinreichend dokumentiert. Und was das Kopftuch betrifft: Das ist tatsächlich eine persönliche Angelegenheit. Ein Kreuz an der Wand einer Schule, in die alle Kinder gehen müssen, ist es hingegen nicht.
TheRealBook, 09. 11. '09 08:49
H-Ostenhof : Das Schneewittchen der Selbstverzwerger
Selbstverzwerger Ostenhof hat etwas vergessen : Mit der Abschaffung der Kreuze sind natürlich auch sämtliche Kopftücher aus dem Schulbild rigoros zu entfernen.

Die vielfältigen Denkprozesse und Meinungskriege im Werdegang des Abendlandes zeugen auch von permanenter geistiger Auseinandersetzung, welche es zb. im Islam nie gab. Hierzu schweigt der Hypokrit keusch.

Selbst wenn das Abendland vor Dekadenz strotzt, muss es den neuen Symbolen wie Kopftuch, Türban, Halbmond, Minaretten und shariatischen Hängekränen trotzen. Die Schulkreuzerln allein genügen da nicht, man wird auch den Kampf gegen notorische Selbstdemontierer a la Ostenhof angehen müssen, die in ihrer Ignoranz abendländische Errungenschaften (wie zB die Demokratie) seelenruhig veräußern, von denen sie sonst so gern profitieren.
TimeFlies, 09. 11. '09 11:36
Re: H-Ostenhof : Das Schneewittchen der Selbstverzwerger
Inwiefern soll das Entfernen religiöser Symbole aus öffentlichen Räumen irgendetwas mit einer "Veräußerung" der Demokratie zu tun haben? Gerade die Kirche hat sich die längste Zeit ihres Bestehens gegen demokratische Bewegungen gestellt.
Es versteht sich von selbst, dass mit religiösen Symbolen auch Kopftücher oder Halbmonde gemeint sind. Diese haben in öffentlichen Schulen ebenfalls nichts verloren.
Würde man die gegenwärtige Gesetzeslage für alle Religionen gleichberechtigt anwenden, müsste bei einer Mehrheit moslemischer Schüler in der Klasse der Halbmond angebracht werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Christen das wollen. Ich als Atheist möchte das jedenfalls nicht.
TimeFlies, 09. 11. '09 11:37
Re: H-Ostenhof : Das Schneewittchen der Selbstverzwerger
Nachtrag: Ein vehementeres Auftreten gegenüber islamistischen Tendenzen wäre dringend notwendig, jedoch halte ich rechtsstaatliche Methoden dafür eher geeignet als Holzkreuzchen and Wand.
TheRealBook, 09. 11. '09 17:08
Re: H-Ostenhof : Selbstverzwerger und Gegenaufklärer
@Timeflies
Auf "rechtsstaatliche Methoden" können Sie lange warten, der Staat und auch die Medien schlafen nämlich bei der Causa Islam. In Deutschland zb entsteht eine Moschee nach der anderen, und Politik wie Kirche gratulieren süßlich den Betreibern "islamischer Landnahme" (Ralph Giordano).

Dennoch : Die Kirche ist heute keine Gefahr mehr für die Demokratie. Letztere hat schließlich ihre politische Mission sowie ihr Regelwerk durchgesetzt, verschläft aber wegen der gutmenschlichen Sandmännchen und überkorrekten Tugendfaschisten deutliche Warnsignale wie die sukzessive Implementation islamischer Strukturen, denen freilich auch die geradezu paläokonservativ anmutende Sharia inhärent ist. Wollen Sie das ?

Ostenhof ist ein Gegenaufklärer !
Der Kran grüßt !
TheRealBook, 09. 11. '09 17:18
Re: H-Ostenhof : Das Schneewittchen der Selbstverzwerger
@Timeflies
Auf rechtsstaatliche Methoden können Sie lange warten, da die Politik wie auch die Medien deutliche Warnsignale, die der Islam aussendet, feige ignorieren.

In Deutschland entsteht eine Moschee nach der anderen, und Politik und Kirche gratulieren süßlich den Betreibern "islamischer Landnahme" (Ralph Giordano).

Dennoch : Die Kirche ist heute doch keine Gefahr mehr für die Demokratie ! Diese hat ihre politische Mission und ihr Regelwerk durchgesetzt, verschläft aber dank gutmenschlicher Sandmännchen und geifernder Tugendfaschisten sämtliche Entwicklungen wie die sukzessive Implementierung islamischer Strukturen auf demokratischen Boden. Damit einher geht freilich auch das Rechtsmodell Sharia.

Ostenhof ist ein notorischer Gegenaufklärer !

Es grüßt der Kran.
Noriker, 09. 11. '09 19:56
Re: H-Ostenhof : Das Schneewittchen der Selbstverzwerger
Kleiner Fall von Vergleich Äpfel - Birnen. Hoffmann-Ostenhof und Gleichgesinnte (wie ich) wollen, dass christliche Symbole von den Schul-WÄNDEN genommen werden. Ist mir nicht bekannt, dass Kopftücher an selbigen hängen. Kopftücher sind ein persönliches Kleidungsstück (wenn auch Blödsinn) wie etwa ein Kreuz am Ketterl um den Hals. Niemand will einem Christenschulkind das vom G´nack reissen.
Das Konkordat muss sowieso weg. Wie kann es sein, dass eine machtgeile und korrupte ausländische (!)Institution wie der Vatikan uns Österreichern sagen kann, was wir dürfen und was nicht.
eulenauge, 08. 11. '09 21:46
Hände falten, Goschen halten!
Darum gehts, und daher auch die Aufregung. Das Abendland - wenn schon - geht auf die griechische Kultur zurück und den Kampf eben gegen diese Kirche.

Unterdrückung als Selbstvertständlichkeit zu empfinden und das schon den Kindern im Kindergarten - so in Oberösterreich - , später in der Schule einzubläuen ist Vorraussetzung für die autoritäre Bewältigung der Krise auf Kosten des Prekariats - kein Kremser und kein Linzer Polizist sitzt in Untersuchungshaft.

Zum Linzer 1. Mai: Die Prügelpolizei und ihre Staatsanwälte hatten 5 Teilnehmer vor den Kadi gezerrt.

Resultat 3 Freisprüche, 1 Einstellung, 1 bedingte Geldstrafe, was bei der Anklage "Widerstand gegen die Staatsgewalt" ein Freispruch zweiter Klasse ist.

Aber das Signal ist gesetzt, und das Kreuz hängt in Ewigkeit, Amen.
TimeFlies, 08. 11. '09 21:15
Vielen Dank
für diesen objektiven Bericht! Angesichts der hysterischen Reaktionen mancher Christen (bis zu "die Kreuzgegener sollen sterben" des italienischen Verteidigungsministers) könnte man es als Atheist mit der Angst zu tun bekommen. Ich hoffe, das Konkordat gehört - so wie die Kreuze in öffentlichen Gebäuden - bald der Vergangenheit an.
fammayer1, 14. 11. '09 16:04
Re: Vielen Dank
Und was schlagen Sie in Hinblick auf die ausstehende Restitution vor?

http://de.wikipedia.org/wiki/Religionsfonds#Der_Religionsfonds
apirkner, 08. 11. '09 10:43
Zustimmung
Stimme den Ausführungen von Hrn. Ostenhof vollumfänglich zu. Einziger Schönheitsfehler: Es war nicht der Europäische Gerichtshof (EuGH - der ist in Luxemburg!) sondern der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (korrekterweise in Straßburg), eine Institution des Europarates. Hier geht es um die Verletzung der Menschenrechtskonvention, nicht um einen Verstoss gegen EU-Recht!
wpkatz, 08. 11. '09 01:06
genau
Ich bin mit Herrn Ostenhof wirklich fast nie einer Meinung, aber diesmal stehe ich 100% dahinter. Und über die Geiferei der Kreuz-Verteidiger wird mir nicht nur ein wenig mulmig.