Peter Michael Lingens
Reaktionäres Universitäres

Eine Zugangsbeschränkung ist besser als demotivierendes „Wegprüfen“.

Natürlich hat auch mein jüngster Sohn, 21, Student der Politikwissenschaften, im Wiener Audimax vorbeigeschaut. Aber offenbar fällt der Apfel nicht weit vom reaktionären väterlichen Stamm: Anders als Georg Hoffmann-Ostenhof, der meint, dass die Studenten „wissen, was sie tun“, nahm er eher Christian Rainers Eindruck einer chaotischen Tupperware-Party auf hohem Bierniveau mit nach Hause.

(Allerdings ist es mit „basisdemokratischen“ Veranstaltungen wie mit Jam-Sessions: Musiker, die ausschließlich improvisieren, können an einem Tag glänzend und am nächsten ­äußerst dürftig spielen. Vielleicht hat er einen schwarzen Tag und Edith Meinhart, die die „Generation Audimax“ für ­profil beschrieb, eine Sternstunde erwischt.) Sein Urteil über den Zustand der Wiener Universität (die er mittlerweile gegen die Webster University getauscht hat) stimmt freilich voll mit dem der Besetzer überein: Die Überfüllung der Hörsäle sei unerträglich, der Kontakt zu den Professoren ungenügend und der frontale Unterricht unbefriedigend.

Auch ich glaube, dass es unmöglich ist, dem universitären System Österreichs, so wie es sich derzeit darstellt, ein gutes Zeugnis auszustellen: Es produziert zu wenige Absolventen; zu viele Studenten belegen – wie mein Sohn – Fächer mit schlechten Berufsaussichten (Jus, Politik, Publizistik), und zu wenige belegen jene naturwissenschaftlichen und technischen Fächer, deren Absolventen die Wirtschaft sucht. (Letzteres scheint mir freilich vor allem ein Versagen der Schulen.) Nur gerade die Montanuniversität hat internationalen Rang.

Dabei besteht kein Zweifel, dass gute Schulen und gute Universitäten die wichtigste Voraussetzung dafür sind, dass Österreich im globalen Konkurrenzkampf bestehen kann. Genau das stellen die Audimax-Besetzer freilich „grundsätzlich“ infrage: Der „Druck der Konkurrenz“ sei auszuschalten. Auch sonst stellen sie durchwegs „grundsätzlich“ klar: Universitäten müssten „für alle“ da sein. Die Bedürfnisse der Wirtschaft seien hintanzustellen. Jeder müsse die ­Möglichkeit haben, das Studium seiner Neigung zu ergreifen, usw. usf.

Alles sehr schön, wenn unbegrenzt Geld zur Verfügung stünde: Dann sollte jeder, gleich wie groß sein Talent ist, gratis studieren können. Dann sollten die Universitäten jede gewünschte Bildung vermitteln und könnten die Orchideenfächer gleichzeitig blühen. Dann sollte es für die Massenfächer wie Jus und Publizistik auch massenhaft Räume und Professoren geben, auch wenn niemand so viele Juristen und Publizisten braucht. Denn es wäre ganz gleich, ob die Absolventen nachher einen Job finden, denn in der unendlich reichen Gesellschaft ist für jeden genug da. Nur leider spielt es das nicht. Selbst wenn Österreichs Bildungsausgaben irgendwann doch die von der EU geforderten zwei Prozent des BIP erreichen, werden die Hörsäle überfüllt und die Mittel knapp sein – Deutschland demonstriert es. Man wird nicht darum herumkommen, die prosaischen „kleinen“ Fragen der „Zugangsregelung“, der „Beratung“ oder der „Studiengebühr“ erfolgreich zu lösen.

Ich habe dazu erwartungsgemäß eine reaktionäre Meinung: Wie die ÖVP halte ich Studiengebühren für eher sinnvoll. Das übliche Argument, dass die überwältigende Mehrheit der Studenten aus finanziell bessergestellten Familien kommt, sodass bei einem kostenlosen Studium in die genau verkehrte Richtung umverteilt wird, ist zwar im Detail richtig, aber im Großen irreführend: Die gehobene Mittelschicht, aus der die Studenten mehrheitlich kommen, sorgt auch weit überproportional für die Steuern, die normalerweise nach unten umverteilt werden. Über das Gratisstudium kommt im Wege ausgleichender Ungerechtigkeit etwas davon an diese viel strapazierten „Nettozahler“ zurück.

Meine Argumente für die Studiengebühren sind andere: Erstens bringen sie doch etwas ein. Zweitens vermindern sie die Studiendauer. Drittens vermitteln sie, dass Studium etwas wert ist. Allerdings halte ich die Gebühren nicht für zentral – es geht auch ohne. Bessere Beratung ist aus Johannes Hahns Zusatzbudget ­finanzierbar. Für unverzichtbar halte ich hingegen die Zugangsbeschränkung. In Österreich wird sie derzeit entweder grotesk über Eignungsprüfungen gehandhabt oder – dort, wo solche Prüfungen nicht EU-konform wären – durch frühe Fachprüfungen ersetzt, bei der die Hälfte der Antretenden durchfällt und demotiviert wird.

Seriöser wird das im Rest der Welt mittels der Schulabschlussnoten bewerkstelligt: In Deutschland ist es ein Notenschnitt, in England eine bestimmte, bei der Abschlussprüfung zu erreichende Punktezahl.
Irgendetwas dergleichen wird auch in Österreich kommen müssen, auch wenn wir derzeit noch nicht einmal die stan­dardisierte Matura umgesetzt haben, die dafür Voraussetzung ist.

Als Werner Faymann sich kurzfristig überraschend zur „Zugangsregelung“ bekannte, erfuhr er rasch, wie sehr langjährige SP-Propaganda diesen Weg verbaut hat. Er wird zur Linken mit dem immer gleichen Argument abgelehnt: dass die Kinder aus bessergestellten Familien auch dort einen Vorsprung hätten. Es ist das ein Vorsprung, den dreißig Jahre roter Bildungspolitik nicht vermindern konnten und den auch der uneingeschränkte Zugang zur Universität nicht vermindert. Man kann nicht bei der Universität, man muss im Kindergarten und in Vorschulen beginnen, wenn man etwas davon aufholen will.

peter.lingens@profil.at

7.11.2009 20:22
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schwarzweiß, 10. 11. '09 15:11
Wert eines Studiums
Man braucht niemandem durch Gebühren zu vermitteln, dass ein Studium etwas wert ist. Der Wert ergibt sich aus der Tätigkeit an sich, aus dem Willen, ein Studium zu absolvieren und aus sich den daraus ergebenden Chancen. Wenn Gebühren, dann nur deshalb, weil die Unis das Geld möglicherweise brauchen. Dann sollten die Gebühren 1. aber auch wirklich gesetzlich zweckgebunden werden und 2. Stipendienbezieher sie erst NACH ERHALT der finanz. Unterstützung bezahlen müssen.
eulenauge, 08. 11. '09 21:23
Hagenberg haben Sie erwartungsgemäß vergessen.
Schließlich muß ja Gugging her: Sie sind gar nicht so reaktionär wie Sie schreiben, nur, wie hierzulande üblich, vorauseilend im Gerhorsam gegenüber Herrn Konrad.

Und daß Sie zugeben, daß sich ihr Sprößling vertschüßt hat, weil er sich's halt richten kann, mag ehrlich oder Koketterie sein.

Es beschreibt die Realität.
felk, 08. 11. '09 11:06
hier in Athen...
haben wir den Numerus Clausus...
spätestens mit der Zentralmatura wird auch in Österreich landesweit Gerechtigkeit herrschen, dann steht dem NC bei uns auch nichts mehr im Weg.
wer HIER zu schlecht abgeschlossen hat, um in Athen studieren zu können, wird ja nicht vom Studium ausgeschlossen: er/sie muss eben nach Patras oder auf die Inseln gehen, wo es auch ruhiger zugeht und man sich wahrscheinlich sogar besser aufs Studieren konzentrieren kann.
Bei Medizin und dgl. kann das bald passieren. in mein Fach - Deutsche Philologie - kommt aber praktisch jedeR rein, der/die die "Panellinies" (=Matura) geschafft hat. auch in Athen.
und wer einmal "drin" ist, wird gepäppelt: Gratisbücher(!), Gratis-Mensa(!), Halbpreis bei den Öffis und keine Zeit-/Altersbeschränkung (ich bin Jg '68). Ein Traum!
Almi66, 08. 11. '09 06:20
"Ausgemustert" wird schon früher...
Mit gleichem Recht, wie Ihr verehrter Sohn gerne in aufgelockert gefüllten Hörsälen Publizistik studieren möchte, möchten Kinder und Jugendliche-ungeachtet ihrer Herkunft- anständig unterrichtet werden.

Warum schaffen es noch immer 80 Prozent der Nachkommen aus wohlhabenderen (vulgo gebildeteren) Schichten zu universitären Ehren und nur 20 Prozent aus dem Hacklermilieu. Stimmt schon: Wir brauchen in Österreich nicht nur (Halb)Gebildete, sondern auch Arbeiter und kleine Angestellte. Nur müssen das immer die selben 80 Prozent der Bevölkerung sein?
wpkatz, 08. 11. '09 01:12
Notenschnitt?
Warum soll eine Fachprüfung schlechter sein als ein Notenschnitt? Da werden die Studenten wenigstens an ihrem gewählte Fach beurteilt. Mein bestes Beispiel gegen die Schulnoten ist ein Schulkollege, der in der Schule im Schnitt durchschnittlich war aber Medizin in Mindestzeit absolviert hat und jetzt ein erfolgreicher und beliebter Arzt ist. Der hätte bei den normalerweise für Medizin verlangten 1,.. nie seine Chance bekommen.
felk, 08. 11. '09 11:13
Re: Notenschnitt?
stimmt! ein schlechter Schüler ist mitunter ein ausgezeichneter Student (und umgekehrt).
was wieder zeigt, dass es an unserem SchulSYSTEM hapert, an dem somancher Begabte scheitert.
und: auch Studieren will gelernt sein, und viele sind mit 18 dafür einfach zu jung!!!