Zirkus Knie: Die dramatische Zunahme
von Verletzungen im Spitzensport
Die Zahl der Verletzungen im Spitzensport ist dramatisch gestiegen. Immer mehr Athleten suchen private Hilfe von Spezialisten. Als Vorbild dient eine US-Klinik.
Die Saison dauerte ganze 30 Sekunden. Beim Weltcup-Saisonauftakt am 24. Oktober in Sölden stürzte Nicole Hosp im Riesentorlauf gar nicht spektakulär. Aber ich hab das Knie überstreckt und verdreht. Ich hab einen Stich gespürt und sofort gewusst, dass es schlimm ist, sagt die Tiroler Weltcup-Skirennläuferin. Kurz vor elf Uhr passierte es, um 14 Uhr lag Hosp mit einem Riss des vorderen Kreuzbands bereits auf dem OP-Tisch der privaten Sportsclinic Austria in Hochrum bei Innsbruck, wo sie von ihrem langjährigen chirurgischen Betreuer Christian Hoser operiert wurde.
Der Unfallchirurg entnahm aus dem hinteren Oberschenkel ein Stück der Semitendunosus-Sehne und setzte sie anstelle des gerissenen Kreuzbands ein. Vier Tage später konnte Hosp die Klinik wieder verlassen. Jetzt beginnt die Rehabilitation, die seit Jahren bei der Behandlung von Sportverletzungen mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Hosp darf das Gelenk drei Wochen lang nicht belasten. Lymphdrainagen sollen die Schwellung verringern, mittels Elektrostimulation wird versucht, während der inaktiven Zeit das Muskelvolumen zu bewahren und Muskelschwund zu verhindern. Eine leichte Bewegungstherapie soll Muskeln und Gelenke in dieser ersten Rehab-Phase in Schuss halten.
Der subjektive Eindruck ist: Solche Sportunfälle geschehen immer öfter und nicht nur im Spitzensport. Im vergangenen Winter berichteten die Medien von einer angeblichen Häufung der Skiunfälle, die Operateure kämen mit der Arbeit kaum mehr nach. Das Gegenteil ist wahr, sagt Unfallchirurg Hoser. Das Wiener Institut Sicher Leben, ein Zweig des Kuratoriums für Verkehrssicherheit, erhebt alljährlich das Unfallgeschehen auch im Bereich des Sports: Gab es im Jahr 2001 in Österreich insgesamt 205.000 Sportunfälle, so waren es im Vorjahr nur noch 200.200.
Und das gilt insbesondere für den Volkssport Skilauf: Seit Einführung des Carvingskis sind die Verletzungen im Zeitraum 1997 bis 2008 um 20 Prozent zurückgegangen, berichtet Thomas Woldrich, Leiter der Abteilung Breitensport im Österreichischen Skiverband (ÖSV). Carvingski sind kürzer, drehfreudiger, leichter zu fahren und weniger ermüdend. Bei einem Sturz ist die Hebelwirkung auf Fuß und Bein geringer als bei früheren Brettern, lautet die Erklärung der Experten. Knieverletzungen kommen bei Frauen häufiger vor als bei Männern, weil der weibliche Oberschenkelknochen in einem anderen Winkel aufs Knie aufsetzt und weil Kniemuskulatur und Bänder bei Frauen schwächer ausgebildet sind. Bei Männern sind es vor allem Knie- und Schulterverletzungen. Männer haben ein anderes Sturzverhalten, erklärt Woldrich. Die statistische Wahrscheinlichkeit, sich beim Skilauf zu verletzen, beträgt laut Studien eins pro 1000 Skiläufer und Skitag. Vor 15 Jahren waren es drei.
Kontrast. Der deutliche Rückgang im Breitensport kontrastiert aber mit einer Verletzungshäufung im Spitzensport: Pro Jahr ist im Durchschnitt jeder vierte Athlet verletzt, klagt ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, der seit 1990 Erhebungen über die Verletzungshäufigkeit im Skirennsport durchführen lässt. Damals gab es mehr Verletzungen der unteren Extremitäten, jetzt sind es mehr Verletzungen im Bereich der Schulter, des Kopfes und des Rückens. Der Salto rückwärts ist ein anderes Verletzungsmuster. Dennoch fordern Hochgeschwindigkeitsbewerbe wie Abfahrt und Super-G weniger Opfer als die technischen Disziplinen.
Als eine der Ursachen ortet Schröcksnadel Veränderungen bei Material und Normen. Der Läufer, so der ÖSV-Chef, müsse seine Feinmotorik immer wieder aufs Neue an die geänderten Bedingungen anpassen. In dieser Umstellungsphase komme es häufig zu Verletzungen. So wurden zuerst die Ski taillierter, bei höher gestelltem Schuh. Weil sich das als gefährlich erwies, wurden die Ski wieder breiter, der Schuh tiefer positioniert. Prompt gab es mehr Verletzungen. Und obwohl die äußeren Sicherheitsmaßnahmen verstärkt wurden vermehrter Einsatz von Fangnetzen, Entschärfung von Gefahrenzonen , ging die Zahl der Unfälle nicht zurück.
Es nimmt nicht nur die Zahl der Verletzungen im Skirennsport zu, sondern vor allem der Schweregrad, konstatiert Erich Müller, Ordinarius für Sport- und Bewegungswissenschaft an der Universität Salzburg. Die Zahl der Brüche nimmt ab, dafür steigt die Zahl der Bandverletzungen deutlich an. Das ist auch ein großes Thema beim Internationalen Skiverband FIS, der dem Trend durch ein neues Reglement begegnen will. Ein eigener Kongress widmet sich diese Woche an der Universität Salzburg dem Thema. Die neuesten Verletzungsdaten im Skirennlauf, die dort präsentiert werden sollen, sind laut Müller von einiger Brisanz: Hatte bisher fast jeder zweite Skirennläufer eine schwere Verletzung hinter sich, so geht die Entwicklung jetzt in Richtung zwei schwere Verletzungen. Eine dramatische Zunahme, sagt Müller.
Auch im Fußball nimmt die Zahl der Verletzungen stark zu. Allerdings, so Müller, müsse man die absoluten Zahlen auf Personen-Spielstunden umrechnen, und die steigen in Österreich, weil viel mehr Menschen Fußball spielen. Aber im Profifußball ist die Zunahme evident, wie jeder Fan am Beispiel der zahlreichen Ausfälle beobachten kann. Aktuelles Beispiel sind zwei Fußball-Legionäre: Emanuel Pogatetz (Middlesborough) feierte am vorvergangenen Samstag nach monatelangem Laborieren an einer Knieverletzung ein bitteres Comeback, als er sich bei einem Kopfballcrash im Match gegen Plymouth einen Jochbeinbruch zuzog. Am Tag danach ging auch Andreas Ibertsberger (Hoffenheim) im Spiel gegen Freiburg mit einem Jochbeinbruch zu Boden.
Funktionsstörung. Wie im Skisport stehen auch im Fußball die Knieverletzungen an der Spitze der Statistik, vor Läsionen des Sprunggelenks und der Schulter, berichtet Ernst Schopp, Teamarzt der österreichischen National-Elf. Und unter den Knieverletzungen stehen an erster Stelle die Innenbandverletzungen, die zumeist durch äußere Attacken gegen das Knie zustande kommen (siehe auch Kasten, Seite 99). Solche Strukturschädigungen hat man früher bagatellisiert, so der Mediziner. Heute weiß man: Sie führen zu einer koordinativen Störung der Kniefunktion. Bänder haben laut Schopp in allen Gelenken neben der Halte- noch eine Steuerfunktion. Aus der Bandspannung heraus entsteht ein Schutzmechanismus, den jeder Laie an sich selbst beobachten kann, wenn er umknickt und der Fuß reflexartig eine Verletzung zu verhindern trachtet.
Rezeptoren im gelenknahen Bereich und im Band selbst steuern diese blitzartige Reaktion. Sobald die Struktur geschädigt ist, funktioniert dieser Mechanismus nicht mehr. Und obwohl das Gelenk stabil ist, fühlt sich der Patient unsicher, er kippt mit dem Fuß immer wieder um. Wenn das Band nicht durch Rehab wiederhergestellt wird, wird es weiter geschädigt, bis es ganz kaputt ist, erklärt Schopp. Deshalb ist die Rehab so wichtig.
Eine ganze Reihe derartiger Erkenntnisse kommt aus den USA, und speziell von einem Mann, der wie kein anderer vor allem die Behandlung von Knieverletzungen revolutioniert hat: Richard Steadman begann in einer kleinen Klinik am Lake Tahoe in Nevada, heute betreibt er die Steadman Hawkins Clinic in Vail in Colorado. Steadman beschäftigt neben zehn Ärzten 25 Leute allein in Forschung und Dokumentation. Die Physiotherapeuten sind für ihn seit jeher genauso wichtig wie die Mediziner. Er will nicht wie andere orthopädische Chirurgen immerzu operieren, sondern sucht solche Eingriffe möglichst zu vermeiden. Eine eigene Stiftung, die auch von Spendengeldern gespeist wird, dient zur Finanzierung der wissenschaftlichen Arbeiten und zum Aufbau einer Datenbank.
Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, ärztlicher Betreuer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und von Bayern München, stieß bei seiner Suche nach Spitzenchirurgen für seine Leute in den USA auf Steadman: Bei uns hat man noch am offenen Knie operiert, da haben die schon Mitte der achtziger Jahre mittels Schlüssellochtechnik einen Kreuzbandriss versorgt. In Deutschland hat man ein Jahr zur Wiederherstellung gebraucht, in den USA vier, fünf Monate. Steadman gilt für mich aufgrund seiner Ergebnisse bis heute als letzte Instanz bei schwierigen Fragestellungen. Wie Steadman versucht auch Müller-Wohlfahrt, möglichst ohne Chirurgie auszukommen, ein Zugang, den mittlerweile viele Kollegen wählen. Man muss nicht alles operieren. Selbst ein Kreuzbandriss heilt mitunter auch so, sagt beispielsweise Reinhard Weinstabl, Sporttraumatologe an der Wiener Privatklinik. Wichtig sei daher die enge Zusammenarbeit mit dem Physiotherapeuten, der von der Hilfskraft zum gleichberechtigten Partner aufgestiegen ist, so Weinstabl.
Nachdem sich viele europäische Spitzensportler bei Steadman in Vail behandeln ließen, suchte ein Schweizer Mediziner und Geschäftsmann sowie Steadman-Vertrauter namens Andreas Bänziger nach Möglichkeiten, das Klinikmodell von Vail nach Europa zu verpflanzen. Er sah sich an Universitäten nach Spitzenunfallchirurgen um, die sich in einer privaten Struktur auch in der Wissenschaft und Ärztefortbildung engagieren wollten. Vor zwei Jahren gründete er zusammen mit ehemaligen Oberärzten der Universitätsklinik in Innsbruck die Sportsclinic Austria, seit Kurzem gibt es eine ähnliche Einrichtung in Hannover. Weitere solche Kliniken sollen europaweit folgen.
Die an der Universitätsklinik verbliebenen Kollegen werfen den Abgängern cherry picking vor, sie würden sich nur die Rosinen holen, während die komplizierten Fälle und die Versorgung der Allgemeinheit der Klinik überlassen bleibe. Eine Reihe von Unfallchirurgen ist schon von den Universitäten in Privatspitäler abgewandert, in Innsbruck genauso wie in Graz, Wien oder Salzburg. Alexander Giurea, Unfallchirurg an der Wiener Universitätsklinik, der auch privat operiert, weiß, warum: starre, schwerfällige Strukturen, Übermacht der Vorstände, wenig Möglichkeiten zur Spezialisierung und mangelnde finanzielle Attraktivität. Die privaten Anbieter sind medizinisch oft gleich gut wie die Leute an der Klinik, aber bei komplizierten Verletzungen ist die Klinik besser, sagt Giurea. Für Christian Hoser, Nicole Hosps Operateur, hingegen liegen die Vorteile der Privatstruktur für Arzt und Patient auf der Hand: Wir sind schneller und effizienter. Wir müssen auch nicht auf eine Magnetresonanztomografie tagelang warten.













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