Hypo Alpe-Adria: Hochstapelnde Vorstände, planlose Gremien, zerstrittene Eigentümer
Hochstapelnde Vorstände, planlose Gremien, zerstrittene Eigentümer: Ein geheimes Dossier des langjährigen Großaktionärs Grazer Wechselseitige offenbart, wie chaotisch es in der Kärntner Landesbank vor der Verstaatlichung zuging.
Am Ende hatten sich die Verantwortlichen nichts mehr zu sagen. Aber da war es ohnehin längst zu spät. Vor nunmehr drei Wochen musste die Klagenfurter Hypo Alpe-Adria mittels Verstaatlichung vor dem Aus bewahrt werden. Die früheren Eigentümer Bayerische Landesbank (67,08 Prozent), Grazer Wechselseitige Versicherung (20,48 Prozent), Land Kärnten (12,42 Prozent) sowie die Mitarbeiterstiftung (0,02 Prozent) haben jetzt ein Problem weniger, die Steuerzahler eines mehr.
Die Republik Österreich hat unvermittelt eine Bank am Hals, die in nur drei Jahren 2,45 Milliarden Euro Kapital verballert hat und jetzt noch einmal 1,5 Milliarden Euro beansprucht, um 2009 überhaupt bilanzieren zu können. All das unter den Augen einer Nationalbank, welche die Finanzen der Hypo Alpe-Adria noch Ende 2008 mehr als wohlwollend beurteilt hatte. Und noch immer ist unklar, wie es überhaupt so weit kommen konnte.
Wie ausführlich berichtet, deutet vieles darauf hin, dass das frühere Management um den Vorstandsvorsitzenden Tilo Berlin (Juni 2007 bis April 2009) die Bankenaufsicht fortgesetzt mit überzogenen Zahlen narrte. So konnte Berlin die OeNB noch im Dezember 2008 glauben machen, die Hypo Alpe-Adria werde auf Grundlage eines weitgehend bereinigten Kreditportfolios 2009 einen Gewinn von 225 Millionen Euro erwirtschaften tatsächlich dürften im Vorjahr infolge massiver Vorsorgen und Abschreibungen im Kredit- und Leasinggeschäft am Balkan insgesamt 1,6 Milliarden Euro verraucht sein.
Und nicht nur die Nationalbank fiel darauf herein. profil liegt nun ein fünfseitiges Dossier der Grazer Wechselseitigen Versicherung (GraWe) vor, das am 9. Dezember 2009 im Büro von Generaldirektor Othmar Ederer aufgesetzt und dem 13-köpfigen Aufsichtsrat der Hypo Alpe-Adria tags darauf vorgelegt wurde. Darin heißt es unter anderem: In den letzten drei Jahren musste die Aktionärin BVG (Anm.: das Hypo-Beteiligungsvehikel der GraWe) leidvoll feststellen, dass weder die vom Konzernvorstand vorbereiteten Businesspläne noch die im Geschäftsjahr 2008 getätigten Aussagen des damaligen Konzernvorstandes (Anm: Tilo Berlin), wonach im Geschäftsjahr 2008 letztmalig ein Einzelwertberichtigungsbedarf idHv 0,5 Mrd. besteht und in weiterer Folge sämtliche Risiken abgebaut sind, mit der wirtschaftlichen Realität übereinstimmten.
Das sensible Schriftstück untermauert nicht nur den Verdacht der kreativen Buchführung auf Vorstandsebene. Es ist gleichsam das Manifest eines Scheiterns auf allen Ebenen. Statt den Hypo-Managern auf die Finger zu schauen oder gar die Sanierung der Bank anzugehen, waren die Vertreter der Großaktionäre BayernLB, Grazer Wechselseitige und Land Kärnten im Jahresverlauf 2009 zunehmend mit sich selbst beschäftigt und trauten einander irgendwann nicht mehr über den Weg. Daran änderte auch Tilo Berlins Abgang nichts er wurde am 1. Juni durch den früheren Volksbank-Chef Franz Pinkl ersetzt (unter dessen Aufsichtsratsvorsitz Ende 2008 übrigens auch die Kommunalkredit Austria notverstaatlicht werden musste).
Wie sich jetzt erst herausstellt, war das Ausmaß des Hypo-Desasters intern spätestens Anfang November bekannt und sollte zunächst vertuscht werden. In dem GraWe-Papier steht zu lesen: Auf Anregung der Minderheitsaktionäre BVG und KLH (Anm: Kärntner Landesholding) hat wegen der erwarteten Verluste bereits am 05.11.2009 in Klagenfurt in Anwesenheit des Konzernvorstandes VDir. Pinkl und des Finanzlandesrates Mag. Dobernig ein Gespräch stattgefunden, bei dem seitens der BVG auch gegenüber der BayernLB klar zum Ausdruck gebracht worden ist, dass a) die Informationspolitik generell verbesserungsfähig und b) ein Mitziehen bei einer allfälligen Kapitalerhöhung seitens der Minderheitsaktionärin (Anm: BVG) grundsätzlich nicht möglich ist. Zwischen allen Beteiligten wurde im Interesse der Hypo Alpe-Adria-Bank International bis auf Weiteres Stillschweigen vereinbart.
Der Pakt hielt keine Woche. Am 10. November informierte die Bayerische Landesbank die deutsche Öffentlichkeit erstmals über einen deutlichen Jahresfehlbetrag bei der Kärntner Tochter. Nachdem die BayernLB ohne zeitgerechte Vorwarnung der Mitaktionäre eine Ad-hoc-Meldung tätigte, ist auch die Hypo Alpe-Adria
gezwungen gewesen, eine sinngleiche Meldung abzugeben, so die Grazer Wechselseitige an die Adresse der damaligen Miteigentümer.
Ab da ging anscheinend nichts mehr. Am 16. November traten die Hypo-Eigentümervertreter zwar erneut zusammen, diesmal in München. Anstelle konkreter Beschlüsse wurde jedoch einmal mehr vertagt. Seitens des Hauptaktionärs BayernLB wurde
zugesagt, bis zum 25.11.2009 den übrigen Aktionären zwecks rechtzeitiger Prüfung
eine Unterlage mit folgenden Inhalten zu übermitteln: konkrete Vorschläge zur Struktur einer möglichen Rekapitalisierung, inklusive möglicher Beiträge der Minderheitsgesellschafter.
Funkstille. Und wieder verstrich kostbare Zeit. Am 25.11.2009 wurde die Minderheitsaktionärin telefonisch informiert, dass man mit der Herstellung der zugesagten Unterlagen seitens der BayernLB noch nicht fertig wäre
In weiterer Folge ist es bis zum 07.12.2009 zu keiner Kontaktaufnahme zwischen dem Hauptaktionär und der Minderheitsaktionärin gekommen.
Am 7. Dezember war das Schicksal der Klagenfurter Bank dann offenbar besiegelt. Aus dem Dossier der GraWe geht hervor, dass Hypo-Vorstandschef Franz Pinkl die Aktionäre an diesem Tag unvermittelt mit einem Konzept zur Vollverstaatlichung der Bank bedrängte: Nach Darlegung ihrer bisherigen Positionen wurden die Aktionärsvertreter erstmals mit einem laut Aussage des Vorstandes im eigenen Verantwortungsbereich erarbeiteten Lösungsansatz konfrontiert. Schriftliche Unterlagen zu dieser Strukturüberlegung wurden nicht ausgehändigt
Auf Nachfrage wurde vom Vorstandsvorsitzenden mitgeteilt, dass die Strukturüberlegungen mit keinem Aktionär vorbesprochen worden sind und andere Handlungsalternativen nicht geprüft wurden bzw. mangels Aktivitäten der Aktionäre auch nicht geprüft werden konnten.
Könnte auch heißen: Nachdem BayernLB, Grazer Wechselseitige und Land Kärnten zunächst über Wochen aneinander vorbei und schließlich gar nicht mehr redeten, blieb dem Management nichts anderes übrig, als die Republik Österreich ins Spiel zu bringen, um den bevorstehenden Konkurs abzuwenden. Was schließlich auch in der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember geschah oder richtiger: geschehen musste.















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