Hypo Alpe-Adria: Grazer Wechselseitige gab ihre Anteile bereits 2006 an Tilo Berlin ab
Das schlechte Geschäft der Grazer Wechselseitigen mit Tilo Berlin: Die Versicherung übertrug ihre Hypo-Anteile bereits im Dezember 2006, bezahlt wurden sie erst nach dem Einstieg der BayernLB.
Eigentlich war Tilo Berlin ja nach München gereist, um sich freizuspielen. Dienstag der Vorwoche wurde der Hamburger Vermögensverwalter auf eigenen Wunsch bei der Staatsanwaltschaft München I vorstellig. Doch die mehrstündige Einvernahme nahm einen aus seiner Sicht alles andere als erfreulichen Ausgang. Seit vergangenem Mittwoch steht auch Tilo Berlin im Visier der deutschen Justiz. Die Münchner Ermittler verdächtigen ihn nun der Beihilfe zur Untreue in Zusammenhang mit dem Verkauf der Hypo Alpe-Adria an die Bayerische Landesbank Mitte 2007. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Berlin hatte sich mithilfe einer illustren Investorenrunde um den Jahreswechsel 2006/2007 in die Kärntner Landesbank eingekauft und beim Deal mit der BayernLB wenige Monate später rund 160 Millionen Euro abgesahnt. Die Liste von Berlins Partnern galt lange als eines der bestgehüteten Geheimnisse im Hypo-Skandal. Donnerstag vergangener Woche veröffentlichte profil online eine Abschrift des Originals, das bei Hausdurchsuchungen im Vorjahr von der Staatsanwaltschaft München sichergestellt worden war.
Inexistenter Investor. Berlin hatte die Liste eine einseitige Tabelle mit dem Titel Kapitalerhöhungen 2006/2007 Tranchen 1a/1b bereits im Dezember 2006 der Kärntner Landesregierung vorgelegt. Darauf finden sich 46 teils klingende Namen von privaten und institutionellen Investoren aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. In das profil vorliegende Dokument hatte Tilo Berlin zwar Namen, Orte und Länder eingetragen, nicht aber die Höhe des jeweiligen Engagements.
Ein Großteil der Genannten hat die Teilnahme an dem Projekt zwischenzeitlich öffentlich bestätigt und doch dürfte es Berlin mit den Tatsachen nicht allzu genau genommen haben. Freitag vergangener Woche meldete sich in der profil-Redaktion der Grazer Rechtsanwalt Georg Eisenberger als Vertreter des Tiroler Holzindustriellen Friedrich Klausner. In einem der Redaktion zugegangenen E-Mail hält der Rechtsanwalt unmissverständlich fest: Laut der von profil veröffentlichten Investorenliste soll unser Mandant, Herr Friedrich Klausner, Mitglied der Hypo-Alpe-Adria-Investoren sein, welche von der Transaktion mit der BayernLB profitiert hätten. Dies ist unrichtig. Vielmehr ist es so, dass Herrn Klausner ein Investment in die Hypo Alpe-Adria angeboten wurde, er sich aber von einem solchen Investment vor Abschluss der Hypo-Alpe-Adria-Transaktion mit der BayernLB ohne jeglichen wie auch immer gearteten finanziellen oder sonstigen Vorteil zurückgezogen hat. Herr Klausner hat daher weder direkt noch indirekt, noch durch einen Treuhänder, noch in sonst irgendeiner Weise von dieser Transaktion profitiert.
Obwohl Klausner also gar nicht mit von der Partie war, hatte Berlin den Industriellen ausdrücklich als Investor angeführt eine weitere Inszenierung in einer an Inszenierungen nicht eben armen Affäre.
Zwischenfinanzierung. Fakt ist, dass die Investoren Berlin zunächst 250 Millionen Euro anvertraut hatten, mit denen er im Wege zweier Kapitalerhöhungen eine Ende Dezember 2006, eine Anfang März 2007 9,1 Prozent an der Hypo Alpe-Adria-Bank International AG erwarb.
Mit im Paket: der Erwerb zusätzlicher 16 Prozent und einer Aktie aus dem Besitz der Grazer Wechselseitigen Versicherung (GraWe, 15 Prozent) und der Hypo-Mitarbeiterstiftung (ein Prozent) für weitere 385 Millionen Euro, zahlbar am 30. Juni 2007. Die Umstände der Finanzierung dieser dritten, größten und gleichzeitig letzten Tranche sind weiterhin nebulos. Wie ausführlich berichtet, spielten die Investoren hier kaum mehr eine Rolle. Von den erforderlichen 385 Millionen Euro kamen 300 Millionen Euro von der Bayerischen Landesbank selbst. Diese sicherte Tilo Berlin noch im April 2007 eine Zwischenfinanzierung über 300 Millionen Euro zu, damit dieser seinen vertraglichen Verpflichtungen gegenüber GraWe und Mitarbeiterstiftung nachkommen konnte. Die Beteiligten verstricken sich hier in Widersprüche. Berlin erklärte jüngst gegenüber deutschen Medien, er habe das Geld weder gebraucht noch gewollt. Werner Schmidt dagegen behauptet jetzt, man habe mit diesem Kredit verhindern wollen, dass ein anderer Kreditgeber Zugriff auf Anteile der Hypo Alpe-Adria erhalte.
Tatsache ist, dass Berlin nur dank der BayernLB-Finanzierung die Sperrminorität bei der Hypo sichern konnte. Einen Monat später, Ende Mai, wurde der mehrheitliche Einstieg der Bayern in die Klagenfurter Bank finalisiert. Sie übernahmen dabei neben den Hypo-Anteilen der Kärntner Landesholding auch den weitaus größten Teil von Tilo Berlins Paket und das zu einem deutlich höheren Preis, als er selbst dafür bezahlen musste. Unter dem Strich investierte das Konsortium Berlin 635 Millionen Euro und kassierte 795 Millionen Euro; ergab einen Gewinn von etwa 160 Millionen Euro innerhalb weniger Wochen.
Nun stellt sich die Frage: Warum nahmen die Anteile der GraWe den Umweg über Tilo Berlin, statt direkt an die Bayern zu gehen? Oder anders gefragt: Warum verzichtete die Versicherung auf einen besseren Verkaufspreis? Wir waren vertraglich gebunden, sagt jetzt GraWe-Chef Othmar Ederer. Seiner Darstellung zufolge sollen die Konditionen des Berlin-Geschäfts also der Erwerb von 9,1 Prozent über zwei Kapitalerhöhungen und die Aufstockung auf die Sperrminorität mithilfe der GraWe bereits am 11. Dezember 2006 fixiert worden sein. Ab diesem Tag war der Deal aus unserer Sicht erledigt, so Ederer, alles, was danach kam, konnten wir mangels entsprechender Vertragsklauseln nicht mehr beeinflussen. Der Gruppe Berlin stand es frei, mit den Anteilen zu machen, was sie wollte.
Die Versicherung spielte in Berlins Plan eine Schlüsselrolle. Aus Aufsichtsratsprotokollen der Kärntner Landesholding sie hielt bis Dezember 2006 49,4 Prozent geht hervor, dass Tilo Berlin die Erlangung eines 25-prozentigen Aktienpakets zu einer nicht verhandelbaren Vorbedingung gemacht hatte. Und weil das Land Kärnten zunächst keine Anteile abgeben wollte, kam die mit dem Hypo-Engagement ohnehin nie wirklich glückliche GraWe in die Ziehung. Und nur dank des gesicherten Zugriffs auf ebendiese Sperrminorität konnten die Verhandlungen mit den Bayern überhaupt in Gang kommen.
Die seinerzeitigen Hypo-Verantwortlichen Jörg Haider, Wolfgang Kulterer und Tilo Berlin schworen stets, erst im Frühjahr 2007 von den Begehrlichkeiten der Bayern erfahren und das Geschäft innerhalb weniger Wochen finalisiert zu haben.
profil-Recherchen haben längst das Gegenteil belegt. Bereits Mitte Dezember 2006, also noch bevor die Gruppe Berlin der Hypo die ersten 125 Millionen injiziert hatte, war Aufsichtsratspräsident Kulterer mit BayernLB-Chef Werner Schmidt in Kontakt getreten. Und noch ehe die Gruppe Berlin im März 2007 die zweiten 125 Millionen Euro nach Klagenfurt überwies, waren die Verhandlungen bereits weit fortgeschritten. Das bestätigt jetzt erstmals auch Othmar Ederer: Wir wussten ab Ende Jänner 2007, dass die Bayern ernsthaft an der Hypo interessiert sind.
Bruchteil. Damit untermauert Ederer die Version des 2009 unsanft aus der BayernLB-Vorstandsetage entfernten Werner Schmidt. Dieser hatte gegenüber der Staatsanwaltschaft München bereits vor Wochen von einem entsprechenden Geheimtreffen mit Kulterer, Berlin und Vertrauten von Jörg Haider am 31. Jänner 2007 berichtet. Sosehr sich damalige Berlin-Kompagnons und -Profiteure wie Veit Sorger, Präsident der Industriellenvereinigung, jetzt mühen, die hohen Risken ihrer Veranlagung herauszustreichen in Wahrheit war das Risiko gleich null. Berlin wusste zu einem Zeitpunkt vom Interesse der BayernLB, da seine Konsorten erst einen Bruchteil investiert hatten. Und selbst als der Deal mit den Bayern im Mai 2007 finalisiert war, hatte die Gruppe Berlin kaum mehr als ein Drittel des gesamten Investments über 635 Millionen Euro geleistet: nämlich nur die 250 Millionen Euro aus den ersten beiden Kapitalerhöhungen.
Die fehlenden 385 Millionen dagegen flossen dank des generösen BayernLB-Kredits erst am 29. Juni 2007 auf die Konten von Grazer Wechselseitige Versicherung und Hypo-Mitarbeiterstiftung, also einen Monat nachdem die Bayern offiziell als neuer Mehrheitseigentümer vorgestellt worden waren.
Anders gesagt: Die Gruppe Berlin fixierte im Mai 2007 den Verkauf eines Aktienpakets, das erst zu einem Bruchteil bezahlt war. Und das zu einem Preis, der auch noch deutlich unter dem Gebot der Bayern lag. Die Grazer Wechselseitige schaute durch die Finger. Wir haben seinerzeit geprüft, ob ein Ausstieg aus dem Vertrag möglich ist, bekennt GraWe-Chef Ederer, aber das war nicht möglich, da sich Berlin aus unserer Sicht nichts zuschulden kommen hatte lassen. Das zu überprüfen obliegt nun der Justiz.






















