Christian Rainer
Blaue Wunden

Eine historische Wahrheit über die schwarz-blaue Koalition gibt es nicht. Aber valide Wertungen.

Am 3. Februar 2000 unterzeichneten Wolfgang Schüssel und Jörg Haider jenen Koalitionspakt, der dem Land die schwarz-blaue Koalition brachte, der Europa veranlasste, Sanktionen gegen Österreich zu verhängen und der den westlichen Demokratien erstmals die Regierungsbeteiligung einer extrem rechten, geschichtsrevisionistischen Partei brachte. Dieser wohl größte Schock in der Geschichte der Zweiten Republik ist also genau zehn Jahre her.
Eine einheitliche Darstellung der Geschehnisse ist ausständig, erst recht eine Bewertung der Folgen. Man fragt sich, ob die uneinheitliche Sicht darauf beruht, dass bloß ein Jahrzehnt vergangen ist und die Klärung noch aussteht; oder ob man sich im Gegenteil wundern sollte, dass die klare Sicht fehlt, obwohl eben nur wenig Zeit verstrichen ist; oder ob historische Ereignisse generell einer willkürlichen Interpretation anheimfallen, was konkret nur deshalb auffällt, weil wir selbst Zeugen der Vorgänge waren.
Eine Version, die jene zuvor genannten nicht ausschließt, aber eine bessere Erklärung bietet: Eine historische Wahrheit über die schwarz-blaue Koalition kann es nicht geben. Einige widersprüchliche Fakten lassen sich abgleichen. Davon abgesehen, ist diese Episode der österreichischen Geschichte aber eher Wertungen zugänglich als der Wahrheitsfindung. Zu sehr spielten persönliche Befindlichkeiten der involvierten Politiker eine Rolle, als dass sich die Beweggründe für und gegen die damalige Koalitionsentscheidung letztgültig beurteilen ließen. Zu stark müssen moralische Benchmarks herangezogen werden, um die politische Sinnhaftigkeit des Tabubruchs exakt zu vermessen.

Über einige Eckpunkte der Ereignisse im Jahr 2000 scheint Einigkeit zu herrschen, auch über heikle. So sind sich Volkspartei und Sozialdemokratie einig, dass die Vorgangsweise der Europäischen Union falsch war. Die ÖVP streicht dabei regelmäßig hervor, die Sanktionen der EU-14 hätten den Zusammenhalt innerhalb der Regierung, aber auch den Schulterschluss im Land massiv verstärkt und damit der Koalition ein Überleben gesichert, das sonst bedroht gewesen wäre. Aus der dazu kongruenten Perspektive der Sozialdemokraten: Die Opposition stand in dem Augenblick auf verlorenem Boden, als die EU Österreich mit ihren Maßnahmen schurigelte, zumal diese auch aus Sicht der SPÖ überzogen waren.
In ähnlicher Position befanden sich viele Medien, allen voran profil: Sosehr wir der Meinung waren, dass die Umarmung einer extrem rechten Partei, deren Anführer den Nationalsozialismus in vielem bewunderte, ein schändlicher Akt gegenüber europäischen Werten und der eigenen Geschichte war (wir titelten „Schande Europas“), so sehr mussten wir die Vorgangsweise Europas als dummen Aktionismus werten.
Wie stark diese anscheinend gleiche Wertung der ausländischen Reaktionen damals wie heute durch Emotionen aufgeweicht wird, zeigt sich allerdings schnell: So sprechen ÖVP und rechtes Lager eben stets von „Sanktionen“, während die SPÖ auf der Bezeichnung „Maßnahmen“ zu beharren versucht. So etwa in zwei parallel geführten Interviews der aktuellen Ausgabe von „Die Zeit“ mit Andreas Khol und Alfred Gusenbauer, wo bereits die auf Europa gemünzten Titel Uneinigkeit demons­trieren. Khol wird zitiert mit: „Es war glattes Mobbing“, während Gusenbauer erklärt: „Man fühlte: Wir sind nicht allein.“
Die zentrale Differenz bei der Einordnung von Schwarz-Blau liegt aber anderswo: bei einer Bewertung der langfristigen Sinnhaftigkeit der damaligen Entscheidungen. Hier beginnt der Streit schon bei der Frage, ob Wolfgang Schüssel überhaupt eine Entscheidung getroffen hat: Nach der Darstellung der Volkspartei habe der ÖGB die Unterschrift unter einen Koalitionspakt mit der SPÖ verweigert, womit dem Land nur die Option der kleinen Koalition geblieben sei. Laut SPÖ hingegen habe sich Schüssel so aus weiteren Verhandlungen gestohlen, zumal er ohnehin stets mit Haider koalieren wollte – was Schüssel wiederum vehement bestreitet. profil neigte stets der SPÖ-Version zu, da hochrangige ÖVP-Funktionäre gegenüber profil-Mitarbeitern zu einem frühen Zeitpunkt von jenem Schüssel-Plan berichtet hatten.
Die ÖVP argumentierte die Sinnhaftigkeit ihres Vorgehens mit der „Zähmung“ Jörg Haiders und dem „Niederringen“ des rechten Lagers durch eine „Entzauberung“ im Regierungsalltag. Dem hielt profil stets entgegen, dass die mögliche Entzauberung in keiner Relation zur Reinwaschung von Menschen mit nationalsozialistischem und xenophobem Gedankengut durch Regierungsbeteiligung steht. Diese Relation zwischen Kalkül und ­Moral ist willkürlich. Die Folgewirkung dieser Reinwaschung hingegen ist manifest: in der gesellschaftlichen und politischen Akzeptanz von Menschen wie Martin Graf und Heinz-Christian Strache zehn Jahre später. Ebenso manifest ist das Wiedererstarken des rechten Lagers zur Größe des Jahres 2000 – entgegen der Hoffnung auf ein „Niederringen“.
Uneinigkeit herrscht schließlich auch bei der Bewertung der inhaltlichen Leistungen der schwarz-blauen und schwarz-orangen Koalitionen. Hier verlaufen die Meinungsgrenzen recht elegant entlang der parteipolitischen Linien. Überraschen kann da allenfalls die Sicht auf den einst ­
besten Finanzminister der Nachkriegsgeschichte: Karl-Heinz Grasser wird vielfach bis heute als ebendieser gesehen sowie als rechtschaffener Verteidiger der Interessen kleiner Leute. (Und das quer durch die politischen Lager.)

christian.rainer@profil.at

30.1.2010 12:50
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fammayer1, 27. 02. '10 20:52
Sanktionen gegen Österreich anzuzetteln war XXX
Die Sanktionen gegen Österreich anzuzetteln war ein schwerer Fehler. Die Konsequenzen dafür werden die Verantwortlichen in der SPÖ noch zu tragen haben, glaub ich.
haraldh., 28. 02. '10 18:15
Re: Sanktionen gegen Österreich anzuzetteln war XXX
glauben sie noch immer an d.märchen?
glauben sie tatsächlich, d.ein neuer, unbekannter oppositionsführer wie gusenbauer war, chirac u.andere konservative regierungchefs dazu bringen konnte eu-weite sanktionen gegen d.regierungsbeteiligung d.haider-fpö auszulösen?
oder glauben sie ernstlich, d.gusenbauer u.d.spö d.evp dazu bringen konnte, d.sie d.övp ausschließen wollte?
nicht einmal d.övp selbst hält diesen vorwurf gegen gusenbauer u.d.spö noch aufrecht - sie brauchen nur d. interviews v.khol & co lesen.
auch d.märchen, d.gusenb. mit d.staatschefs champagnesiert hätte wurde v.gusenbauer bei der tv-wahldebatte gusenb.-schü. 2006 richtig gestellt. in wahrheit hat ihn schüssel darum gebeten um gutes wetter f.d.ö.regierung zu machen. schüssel widersprach nicht, als gusenbauer das sagte.
chaneu, 01. 02. '10 13:08
kotz
„Es war glattes Mobbing“, während Gusenbauer erklärt: „Man fühlte: Wir sind nicht allein.“

ich war 2000 sehr froh darüber, dass sich europa in diese frage eingemischt hat. leider hat europa wie in den meißten brisanten fällten keinerlei lösungskompetenz, allerdings haben europäische politiker zumindest ihre abscheu vor den österreichern (bzw. deren faschistischen politkern) kundgetan.

dies hatte tatsächlich etwas tröstendens.

allerdings muss ich zugeben, die klaviatur der opfer beherrscht nun mal keiner besser als die rechten mistkerle. es ist ekelerregend wie sie es verstehen sich aus der täterrolle als permanentes opfer zu verkaufen. geschlagen werden sie in ihrer frechheit nur noch von den radikalen moslems, aber irgendwie passen sie zusammen.
muttutgut, 01. 02. '10 21:06
Re: kotz
Ihr Beitrag ist ein gutes Beispiel für eine politische Meinung, die auf einem Grundgefühl (ekelerregend) beruht. Ich meine, dass das nicht der Ansatz ist, der Klarheit schafft. Christian Rainer vertrickt sich in seinem Artikel genau in diesem Netz. Nicht was die SPÖ und die ÖVP übereinstimmend für richtig EMPFINDEN ist die historische Wahrheit, sondern wahr ist vielmehr, was durch die Faktenlage unabhängig von einem politischen Gefühl argumentativ untermauert bewiesen werden kann.
Dazu muss man Hypothesen aufstellen, wie z.B. "Die Sanktionen wurden vorrangig in Ländern als Mittel gegen Schwarz-Blau eingesetzt, die von NS-Truppen überrannt u. traumatisiert wurden." So eine These muss dann wissenschaftlich verifizert/falsifiziert werden. Das ist der Weg zu wahrer historischer Erkenntnis.
keohane, 20. 02. '10 12:21
Re: kotz
@chaneu: Ich bin absolut ihrer Meinung! Rechte Mistkerle sind EKELERREGEND!! Und diese Opferrolle die sie als Taeter regelmaessig einnehmen fuehrt dazu das ich am liebsten kotzen moechte.

@muttutgut: Das Profil ist ein Magazin und keine Wissenschaftliche Dessertation. Hypothesen, Fakten und Klarheit, diese Ansprueche erhebt die Wissenschaft.
muttutgut, 31. 01. '10 18:32
Wertung und Wahrheit
Ich denke, es ist die Aufgabe von Journalisten und Historikern die Fakten über die Wenderegierung zusammenzutragen. Dass die damals handelnden Personen auch heute noch mit aller Kraft versuchen die Tatsachen des Scheiterns dieses Wendeprojekts durch ihre verklärenden Wertungen zu verschleiern, kann man im Kleine Zeitung-Interview mit Wolfgang Schüssel und Susanne Ries-Passer sehr gut studieren. Es sollte ein Ziel des kritischen Journalismus sein, diese schönfärberische Selbstbewertung durch die historische Wahrheit zu ersetzen.
Dass das keine leichte Aufgabe ist, lässt sich am von der ÖVP noch immer aufrechterhaltenen Märtyrermythos von Engelbert Dollfuß als Retter Österreichs ablesen.
Es wird ein stetes Streben nach einer faktengestützten Beurteilung von Schwarz-Blau notwendig sein.
franzullrich, 07. 02. '10 12:30
Re: Wertung und Wahrheit
heute 07.2.2010 habe ich die sendung pessestunde im orf2 gesehen.dieser herr chrstian reiner ist eine zumutung.lässt seine interviewpartner nicht ausreden und übt eine hässliche arroganz aus.ein unsyamphatischer typ.
dies hat mit dem thema nicts zu tun aber sollte mitgetreilt werden.