Peter Michael Lingens
Die manipulierte Handy-Gefahr
Die spektakuläre Untersuchung der medizinischen Fakultät Wien, wonach Handystrahlung das Erbgut schädigt, ist definitiv wissenschaftlich unbrauchbar.
Ich verlege im Nebenberuf ein Jugendmagazin, und da dessen Leser zwischen zwölf und 15 Jahre alt sind, ist das Handy dort ein zentrales Thema: Schließlich nutzen Jugendliche es oft mehrere Stunden am Tag.
Die Zeitschrift hat versucht, sie zu einer weniger exzessiven Nutzung zu animieren und insbesondere die diversen Kostenfallen zu meiden, und ein vernünftiger Mobilfunkbetreiber hat uns darin sogar unterstützt: Er hat die Berichterstattung gesponsert, was uns erlaubt hat, den Umfang zu erhöhen.
Nur hat es uns prompt wütende Briefe engagierter Mobilfunk-Gegner eingetragen, die unterstellten, wir wären von der Mobilfunk-Lobby gekauft: Statt die Jugendlichen aufzuklären, dass Handystrahlung gerade für sie extrem gefährlich sei, verharmlosten wir die Gefahr. Es sei mittlerweile wissenschaftlich erwiesen, dass sie das Erbgut der Zelle schädigt.
Ich bin vorerst bei unserer Berichterstattung geblieben und habe die Briefschreiber auf die zahllosen Untersuchungen hingewiesen, die das Gegenteil besagen: Man habe keine Einwirkung auf das Erbgut gemessen, und die extrem schwache Strahlung der Handys sei aus quantenmechanischen Gründen gar nicht in der Lage, die dazu nötige Energie zu liefern.
Doch 2008 machte eine Studie der Wiener medizinischen Fakultät Schlagzeilen, die die geäußerte Besorgnis zu bestätigen schien: Untersuchungen am Institut für Arbeitsmedizin hätten eindeutig ergeben, dass Zellen, die Handystrahlung ausgesetzt sind, dadurch Strangbrüche der DNA erleiden. Diese Erkenntnisse seien auch in die gewichtige Reflex-Studie der EU eingeflossen.
Das hat mich zwangsläufig beeindruckt: Die Zeitschrift hat dieses Ergebnis berichtet und ist aus dem Vertrag mit dem Mobilfunkbetreiber ausgestiegen. Inzwischen kann ich zwar nicht behaupten, dass Handystrahlung keinen schädigenden Einfluss auf Zellen hat (es gibt dazu ständig neue Studien) wohl aber, dass die seinerzeitige Studie aus Wien keinen seriösen Beweis darstellt: Die Wiener Ergebnisse in Bezug auf die Schädigung des Erbguts durch hochfrequente Handystrahlung (UMTS) sind, vorsichtig ausgedrückt, wissenschaftlich nicht verlässlich: Eine technische Assistentin hat den Code des Doppelblindversuchs geknackt und daher immer gewusst, welche Zellen bestrahlt wurden und welche zu Vergleichszwecken unbestrahlt blieben. Wann immer sie Dienst tat, hat sie die bestrahlten Zellen gehäuft als beschädigt eingetragen, was der einzigen Nichtakademikerin des Teams das Staunen ihrer Mitarbeiter und das Lob des beeindruckten Professors eintrug.
Nur dass sich dieses Resultat bei einem folgenden Versuch in Berlin nicht reproduzieren ließ. profil hat über diese Affäre berichtet, als sie noch im Laufen war, und der deutsche Biologe Professor Alexander Lerchl hat darüber mittlerweile ein Buch veröffentlicht: Ihm waren massive Ungereimtheiten schon einer ersten Studie unter Beteiligung dieser Assistentin aus dem Jahr 2005 aufgefallen ihre Resultate seien für einen biologischen Vorgang viel zu regelmäßig und mathematisch unglaubwürdig gewesen. Lerchl hat die Wiener medizinische Fakultät deshalb vom dringenden Verdacht einer Fälschung informiert. Die habe, zitierte profil den Rektor der medizinischen Fakultät, Wolfgang Schütz, den Fall auch untersucht und geklärt: Die technische Assistentin habe die Manipulation gestanden und gekündigt, Professor Hugo Rüdiger, der die zuständige Abteilung für Arbeitsmedizin damals geleitet habe, sei bereits emeritiert.
Von profil befragt, blieb Rüdiger freilich dabei, dass die Ergebnisse seiner Studien letztlich richtig seien, und die technische Assistentin machte einen Rückzieher: Sie habe nie gefälscht.
Einer meiner wütenden Briefschreiber schloss daraus prompt: Die Mobilfunk-Lobby hat nur versucht, eine unangenehme Studie durch den Vorwurf der Fälschung öffentlich zu desavouieren. Zur Bestätigung legte er eine Veröffentlichung von Professor Rüdiger aus dem Jahr 2010 bei, in der dieser erklärt: Die Untersuchung, die im November 2008 abgeschlossen wurde, stellt klar, dass es keine Manipulation (no scientific missconduct) gegeben hat.
Zu seinem Pech kann man diesen Endbericht des Rats für Wissenschaftsethik vom 13. November 2008 mittlerweile aus dem Internet herunterladen: Der Rat, heißt es dort, gelangt zu der Auffassung, dass das Brechen des Codes durch eine Labormitarbeiterin als ein Akt wissenschaftlichen Fehlverhaltens (scientific missconduct) zu bewerten ist. Der Rat
stellt hiermit fest, dass die Daten nicht mehr als wissenschaftlich verlässlich zu bezeichnen sind.
Das ist freilich immer noch sehr milde formuliert Professor Lerchl formuliert es in seinem Buch deutlicher: Es trägt den Titel Fälscher im Labor und ihre Helfer. Die Wiener Mobilfunkstudien Einzelfall oder Symptom?.
Die medizinische Fakultät handelte demgegenüber österreichisch: Professor Rüdiger wurde nahegelegt, die Studie zurückzuziehen (was er dann doch nicht tat) dafür wurde darauf verzichtet, auch seine früheren Handystudien manipuliert zu nennen.
Allerdings muss das Institut für Arbeitsmedizin für ihn büßen: Angeblich musste es gegenüber der AUVA auf das gesamte Studienhonorar verzichten, und die EU soll sogar Geld zurückbekommen haben. Jedenfalls dürfte im Budget für dieses Jahr ein entsprechendes Loch klaffen.
peter.lingens@profil.at
17.4.2010 17:23
Thomas Schreier, 11. 07. '10 15:51
FACHLICHE NACHHILFE für Hrn. Peter Michael LINGENS:
Die Aussage "Man habe keine Einwirkung auf das Erbgut gemessen, und die extrem schwache Strahlung der Handys sei aus quantenmechanischen Gründen gar nicht in der Lage, die dazu nötige Energie zu liefern.", ist zwar tw. richtig, doch:
1.) sind - DIREKTE (auf die Zuführung von zu viel Wärmeenergie beruhende) SOFORTWIRKUNGEN - hier überhaupt nicht das Thema.*
und
2.) sind (Handy-) LANGZEIT-Schäden (TUMORBILDUNG!) mittlerweile - GERICHTLICH - anerkannt!**
Somit sind die auffallend MOBILFUNK-UNKRITISCHEN (!), wenig qualifizierten Aussagen des Journalisten LINGENS in jedem Fall obsolet!
* http://www.diagnose-funk.org/aktuell/brennpunkt/auva-report-athermische-wirkungen-bestaetigt.php
** http://diagnose-funk.org/recht/recht-int/ital-urteil-zu-handy-und-gehirntumor-rechtskraeftig.php
pluslucis, 24. 04. '10 11:12
Präzision
Das Knacken des Codes an sich kann kein wissenschaftliches Fehlverhalten sein. Das Fehlverhalten besteht darin, dann an der Studie weiterzuarbeiten.
scimed, 20. 04. '10 07:25
Hexenjagd 2008 und Glaubenskrieg 2010
Spannend wäre es gewesen, jene wissenschaftlichen Publikationen miteinzubeziehen, die die DNA-Brüche von 2008 direkt und indirekt bestätigen, die Beschuldigten also freisprechen. Der Artikel ja den Geschmack eines Frühstückseis aus 2008. Vermutlich wurde dem Schreiber nichts anderes berichtet. Man kann ja von Profil nicht erwarten, in Fachbibliotheken zu recherieren. Wem nützt es im Jahr 2008 steckenzubleiben, und die Folgejahre zu versäumen.
bpallmann@hotmail.com, 21. 04. '10 01:03
Re: Hexenjagd 2008 und Glaubenskrieg 2010 - DNA-Brüche...
...treten im gaaanz normalen Lebenszyklus "unendlich" + dauernd auf, sie gehören zum Leben so dazu wie Tod oder Geburt. Die "Reparatur"- Kaskaden jedes Lebenwesens für diese sog. "DNA-Brüche" als Argument für einen Handy-Glaubenskrieg aufzuführen, ist so polarisierend absurd wie zu behaupten, Sonnenstrahlen erzeugen "Krebs" (was nachweislich der Fall ist) - und daher jeden Sonnenkontakt zu vermeiden (was tödlich ist). Klar, elektromagnetische Strahlung "kann gefährlich" sein, drum halte ich mein Handy auch nicht Tag und Nacht eingeschaltet am Ohr. Aber, wer macht das schon? Die "Dosis" machts! Du kannst dich totsaufen - oder nur 1 Glaserl trinken. Dazu brauchts "Fachliteratur"?!? Die Lebenserwartung steigt statistisch signifikant an - mal frech unterstellt - liegts gar an den Handys???
bpallmann@hotmail.com, 20. 04. '10 01:00
A journalistische Sorgfaltspflich und die Schweindelei der "Dr."s
Also, mal ehrlich. Ein sog. "Natur-Wissenschaftler" plappert eigentlich nur nach, was es eh schon gibt. Da ich selber mal einer war, habe ich in meiner Doktorarbeit zwar nicht sehr - aber doch ein wenig - "gefärbt". Na ja, da gings um Biochemie. Und "Leben" lässt sich eben nicht so "schwupp di wupp" auf 200 Seiten erklären. Genauer gesagt gingst ums Hirn. Neurochmie. Klingt toll, oder? Zu meiner Zeit (70er Jahre) war "Sucht" in. Oder "in". Es gab einen, der meinte, in Zellkulturen würden einzelne Zellen "süchtig". Aha, das Abhängigkeits-Syndrom incl. "Entzug" ist im Reagenzglasl "nachvollziebar"! Alle Top-Forscher waren bei der 1. Publikation als "Co-Autoren" drauf! Alle "Top-Sucht-Biochemiker"! Dabei hat der Hauptbazi nur "gefälscht". Oh, wie peinlich! Er musste widerrufen..! Handygefahr?
artemis70, 19. 04. '10 23:34
über die sachliche richtigkeit
des artikels will ich mich nicht äußern. wenn allerdings jahre nach gründung die medizinische universität wien noch immer ausschließlich als medizinische fakultät bezeichnet wird und dann noch zu guter letzt vom rektor der medizinischen fakultät die rede ist, kann es mit der journalistischen sorgfaltspflicht nicht weit her sein.
erwinili, 19. 04. '10 16:52
Handygefahr
Jetzt ist er plötzlich wieder da mein Kommentar von 16:26 Uhr.
Wie erfreulich.
erwinili, 19. 04. '10 16:31
Handygefahr
Leider hat man schon nach wenigen Minuten meinen überaus kritischen Kommentar zum Linges-Artikle wegzensuriert.
Nochmaliger Versuch:
Mehr unter :http://www.risiko-elektrosmog.at/news/beitrag/datum/2010/04/19/handygesundheitsgefahr/
erwinili, 19. 04. '10 16:26
Manipulierte Hadygefahr
Hätte Lingens u.a. die einschlägigen Artikel seiner Kollegin Mag.Tina Göbel im Profil vom 30.6.2008 und vom 30.11.2009 gründlich durchgelesen, wäre er konkret informiert und blickte deutlicher hinter die Gründe unter welch skandalösen Umständen mobilfunkkritische Studien madig gemacht werden und er wäre obendrein nicht im Jahre 2008 stecken geblieben.
Vorweg behauptet er zwar, seine Einstellung sei nicht von der Mobilfunklobby gekauft, nur all das, was er an Hypothesen offenbart, erhärtet eher diesen Verdacht.
Mehr und detailliert unter http://www.risiko-elektrosmog.at/news/beitrag/datum/2010/04/19/handygesundheitsgefahr/
milieuziektes, 19. 04. '10 15:42
Praktische Erfahrungskenntnisse
Mobilfunkbeführworter reden immer von *der einzige Mechanismus der Wirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder die Erwärmung ist.*
Leider stimmt das nicht in der Praxis.
Ohne jegliche Erwärmung haben viele Personen mit körperliche Beschwerden zu leiden unter hochfrequenter elektromagnetischer Felder.
Man nennt das a-thermische Effekte. Dabei treten biologische Effekte auf, ohne der geringste Erwärmung.
Alexander_Lerchl, 19. 04. '10 09:53
Biophysikalische Grundkenntnisse, ohnescheu, fehlen Ihnen offenbar,
... sonst wüssten Sie, dass der einzige Mechanismus der Wirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder die Erwärmung ist. Solange die Strahlung keine oder nur eine geringfügige Erwärmung verursacht, sind keine negativen Folgen auf das Gewebe oder die Zellen zu erwarten. Es gibt ein neues Buch, dass all diese Zusammenhänge gut verständlich beschreibt, von einem Berliner Biophysiker, Roland Glaser: "Heilende Magneten - strahlende Handys: Biolektromagnetismus - Fakten und Legenden". VCH Wiley (2008).
Thomas Schreier, 12. 07. '10 09:03
Dem (DEUTSCHEN (!)-"Strahlungs-") »Experten« LERCHL darf das LESEN UND...
...AKZEPTIEREN einschlägiger FACH-Literatur* empfohlen werden, (Zitat!)
"Experimentelle Studien BELEGEN unmittelbare WIRKUNGEN der Hochfrequenzstrahlung, die NICHT MIT einem KONVENTIONELLEN ERWÄRMUNGSANSATZ ERKLÄRT WERDEN KÖNNEN. [...] Sie ZEIGEN jedoch, dass es noch ANDERE BIOLOGISCHE WIRKUNGSMECHANISMEN gibt ALS die ETABLIERTEN THERMISCHEN WIRKUNGEN."
Da einem der »Experte« LERCHL ja auch von einem Presse-Foto des PROPAGANDA- UND LOBBYING-VEREINS DER ÖSTERREICHISCHEN MOBILFUNK-INDUSTRIE ("Forum Mobilkommunikation - FMK") "entgegenstrahlt"**, erklärt das natürlich seine MOBILFUNK-INDUSTRIE-gefälligen Aussagen...
* https://www.thieme-connect.com/ejournals/abstract/gesu/doi/10.1055/s-2003-40311
** http://www.fmk.at/media/image/image682.jpg?PHPSESSID=97131880d04e0fce50d604725a20f87e
ohnescheu, 18. 04. '10 12:00
Herr Lingens mag zwar ein begnadeter Quantenmechaniker sein, ...
... ein Biologe wird er allerdings definitiv nicht mehr.
Der Zusammenhang zwischen Erbgutschädigung und Handystrahlung ist nicht - wie von ihm suggeriert - ein direkter; vielmehr interferiert die Strahlung mit Wasserstoffbrücken von DNA-Reparaturenzymen. Dadurch sind sie nicht mehr in der Lage, die ständig auf natürliche Weise entstehenden DNA-Strangbrüche effizient zu reparieren. M. a. W.: Trotz der relativ geringen Strahlungsenergie häufen sich - eben auf diese indirekte Weise - DNA-Schädigungen an.