Christian Rainer
Solar-Science-Fiction

Zwölf Milliarden Menschen ohne Energieversorgung, aber mit Klimakatastrophe? Jeder Optimismus ist unangebracht.

Ray Hammond ist ein Optimist. Wen wundert’s? Trübsal blasend wären Zukunftsforscher bloß als Grabredner vermittelbar, bei ständiger Vermessung der nächsten Apokalypse überdies ein Fall für die Psychiatrie. Also liefert Hammond im Gespräch mit profil (ab Seite 84) zum Katastrophenszenario stets auch die Lösungsstrategie – ganz so, als hätten die Herren des wild gewordenen Bohrlochs im Golf von Mexiko mit dem Bausatz der Ölplattform auch einen passenden Stahlstöpsel geliefert.

Hammond prophezeit solcherart ein dramatisches Anwachsen der Weltbevölkerung auf bis zu zwölf Milliarden Menschen – und er gibt ihnen zu essen, indem er die Meere in Fischzuchten und die Wüsten Afrikas in Ackerland verwandelt. Hammond diagnostiziert die Endlichkeit der globalen Ölvorräte – und er schafft neue Energiequellen mit gigantischen Sonnenkraftwerken. Hammond malt ein Bild vom baldigen Klima-GAU durch Erderwärmung – und er revidiert diesen düsteren Ausblick mit seinem festen Glauben an eine Abkehr von Hausbrand und Brennstoffmotoren.

Geniale Taktik, aber von einem großen Maß an noch zu materialisierender Hoffnung getragen.

Das Verdienst von ernsthaften Forschern wie Ray Hammond ist, dass sie mit wissenschaftlicher Präzision aus gigantischem Datenmaterial die entscheidenden Fragen der Menschheit filtern. Das unterscheidet sie von jenem weltumspannenden Netz an Gauklern, bei denen sich der Wahrheitsgehalt ihrer Vorhersagekraft auf das wahrscheinliche Satzzeichen am Ende des jeweiligen Wortgebildes beschränkt. Daher meiden Hammond & Co etwa eindeutige Aussagen zu politischen Entwicklungen und stöbern lieber in naturwissenschaftlichen Datensätzen.

Das Problem dieser Vorgangsweise: das Ungleichgewicht zwischen der anzunehmenden Katastrophe und deren in Angriff zu nehmenden Vermeidung. Denn das Fortschreiten eines Prozesses kann mit statistischen Methoden errechnet werden; die Methode hingegen, mit der jene Entwicklung gestoppt oder umgekehrt werden muss, entspringt der Erfindungsfantasie, also bestenfalls einer Trial-and-ErrorStrategie.

Das ist keine besonders erfreuliche Nachricht. Denn jene „entscheidenden Fragen der Menschheit“, über die Zukunftsforscher befinden, betreffen das Überleben der menschlichen Spezies.

Das bedeutet dann konkret Folgendes:

Die Weltbevölkerung wird in den kommenden drei Jahrzehnten massiv wachsen, bis das Wachstum durch Zivilisationsprozesse, konkret bessere Bildung der Frauen, zum Stillstand kommt. Die Grenze: irgendwo zwischen neun und zwölf Milliarden Menschen. Diese Entwicklung ist wissenschaftlich gut abgesichert. Ganz und gar nicht abgesichert ist hingegen, dass ein Gutteil dieser Menschen nicht verhungern muss. Ihre Versorgung beruht auf der vagen Hoffnung, dass die Effizienz des Ackerbaus gesteigert werden kann, auf der munteren Idee, dass man die Weltmeere zu einer großen Fischzuchtanstalt umfunktioniert, sowie auf der Fantasie, die Wüsten mittels Meerwasserentsalzung zum Blühen zu bringen.

Dramatischer, weil nicht nur eine ferne Dritte Welt betreffend, ist die Lage bei der Energieversorgung. Hier lässt sich das Ablaufdatum der wichtigsten Energievorräte, also der Bestand an förderbarem Erdöl, gut abschätzen. Simpel gesagt: Früher oder später ist es alle. Dann bricht das Transportwesen zusammen. Heizung und Kühlung müssen auf ein Minimum reduziert werden. Auf Petrochemie basierende Produkte gibt es nur mehr in eingeschränktem Umfang. (Leider liegt dann mangels Dünger auch die Nahrungsmittelproduktion darnieder.) Ein Gegenmittel zu diesem Desaster: so genannte erneuerbare Energien. Das Problem dabei: Ob neue Technologien eine ausreichende Versorgung ermöglichen werden, ist völlig ungewiss. Die Sonnenkraftwerke in Afrika mit Standleitung nach Europa sind jedenfalls Science Fiction.

Und schließlich die Erderwärmung, die das Leben auf dem Planeten nicht nur ungemütlicher machen, sondern ratzeputz beenden könnte: Sie ist die Kehrseite der versiegenden Ölvorräte. Wiederum wissenschaftlich gut abgesichert: Bei Fortschreiben der derzeitigen Resourcenvernichtung durch Verbrennungsvorgänge wird sich die Erde bis zum Ende dieses Jahrhunderts um mehr als die maximal tolerierbaren drei Grad aufheizen. Die Folge: das Ende diverser Lebensformen, vielleicht auch der menschlichen. Die Gegenstrategie: Lippenbekenntnisse von Politikern und einmal mehr Solar-Science-Fiction.

Buchtitel Johannes Mario Simmel: „Mich wundert, dass ich so fröhlich bin“. Kein Wunder. Er muss all das nicht mehr erleben.

christian.rainer@profil.at

4.6.2010 16:07
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eulenauge, 24. 05. '10 07:06
Bei jemand, der den homo sapiens aussterben läßt,
weil möglicherweise Wien in ein paar Jahrzehnten römisches Klima bekommt oder auch nicht, ist es auch schon wurscht, wenn er nicht weiß, was Science Fiction ist.

Möge Herr Konrad mit ihm sein.
Thetin, 22. 05. '10 22:28
Es gibt eine Energiequelle für die Zukunft
Es gibt eine Energiequelle für die Zukunft, nämlich die Kernfusion. Aber um diese weiterzuentwickeln und endlich technisch ausnützen zu können, bräuchte es mehr wissenschaftliche und technologische Anstrengungen und mehr klügere und vorausschauende Politiker. Und in Österreich vor allem keine Kronenzeitung, die bei allem, was mit Kernenergie zu tun hat, gleich eine Hetzkampagne startet. Aber anstatt dessen wird in Österreich das einzige Fachgebiet, das sich mit Fusionsforschung beschäftigt, und wo auch Österreich einen wissenschaftlichen Beitrag liefert und auch in Zukunft liefern könnte, nämlich die Plasmaphysik, systematisch ausgehungert; so z.B. an der Universität Innsbruck, an der derzeit noch die größten und erfolgreichste Plasmaphysikgruppen Österreichs sehr erfolgreich tätig sind.
Zauberspiegel, 21. 05. '10 01:19
da war doch noch was mit den Bienen ...
... was auch noch blühen (bzw. eben nicht mehr blühen) könnte: hab mal gelesen, daß gewisse Umweltschädigungen die Bienen eliminieren könnten, d.h. keine Bestäubung mehr stattfinden würde, also keine Pflanzen mehr, d.h. á la longue keine pflanzenfressenden Tiere mehr, d.h. Lebensmittelknappheit und letztlich allgemeines Aussterben ... na ja, vielleicht wird ja noch rechtzeitig was dagegen erfunden, z. B. künstliche Bienen (aber nur mit Solarenergie, keinesfalls mit Öl betrieben ...)
muttutgut, 20. 05. '10 21:44
Mich wundert nicht, dass ich nicht fröhlicher bin.
Es ist ja nicht so, dass niemand über die Fragen des Energiebedarfs nachdenken würde, und dass es nicht schon ausgezeichnete Lösungen für so manche Problematik gäbe, aber echte Hoffnung auf deren großflächige Anwendung mache ich mir nicht. Die Gemeinde Güssing ist mit ihrem ausschließlichem Einsatz von erneuerbarer Energie energieautark. Wer weiß das und wer ahmt es nach? Passivhäuser benötigen ein Zehntel der Heizenergie eines herkömmlichen Hauses. Wer baut Passivhäuser? Wenn sich eine Alternative zum Öl durchsetzt, dann die halbrichtige und nicht die beste. Sonnenkollektoren für Raumheizung sind in unseren Breiten so eine laue Sache. Die Sonne heizt im Winter kein herkömmliches Haus, aber die teilsolare Raumheizung ist der letzte Schrei. Die beste Heizung wäre aber sehr viel Dämmstoff.
Sequoiatrail, 20. 05. '10 18:46
Beliebiges Gequassle
Alleine schon das Satzungetüm: "dass sie mit wissenschaftlicher Präzision aus gigantischem Datenmaterial die entscheidenden Fragen der Menschheit filtern." sagt alles aus über den Schreiber des Artikels und den sogenannten Zukunftsforscher. Die Prognosen des Herrn Hammond kann man seit Jahren in GEO, Science, Zeit und Harvard Medical Tribune nachlesen. Mag sein, dass es so kommt, mag auch nicht sein. Wirklich drollig ist aber der Herr Rainer, der eingangs die Apokalyptiker reif für die Psychiatrie und dann am Schluss die Klimahysterie als wissenschaftlich abgesichert und damit das Ende der Menschheit sieht. Viel besser kann man nicht illustrieren, dass man halt noch schnell was schreiben musste, bevor der heilige Geist einen überkommt. Fröhliche Pfingsten!
lurkerabove, 21. 05. '10 12:22
Re: Beliebiges Gequassle
Sorry, aber mir kommt eher der Komentar als beliebiges Gequassle vor.

Aus der Masse an Informationen das herauszufiltern, was wirklich wichtig ist, das müssen alle ernstzunehmenden Publizisten tun.

Ob Ray Hammond das in ausreichender Weise tut, darüber kann man streiten (ich persönlich bevorzuge "alte Schlachtrösser" die wirklich wissen, wovon sie reden, wie z.B.: Lester Brown) aber seine Aussagen sind zumindest sehr diskussionswürdig.

Zynische Leeraussagen wie "mag sein, dass es so kommt, mag auch nicht sein." sind nicht sonderlich diskussionswürdig.
Sequoiatrail, 21. 05. '10 13:58
Re: Beliebiges Gequassle @ lurkerabove
No, na, ned. Wie stellen Sie sich denn gigantisches Datenmaterial vor? Ich hab immer gemeint, es ginge um gigantische Datenmengen, das ist nämlich etwas anderes. Und was ist daran zynisch, wenn man sagt, dass es so kommen kann oder auch nicht? Beim Club of Rome haben Ende der 60-er auch 27 Wissenschaftler gesagt, dass es 1990 kein Öl mehr geben und die Weltbevölkerung im Jahr 2000 auf 12 Mrd steigen würde. Wer glaubt, wird selig, genauso wie die Klimapokalyptiker selig sind, wenn sie den feuchten Zeigefinger in den Wind stellen und dabei Ende Mai immer noch fest frieren.
lurkerabove, 26. 05. '10 14:13
Club of Rome
Seit dem Ölschock der 70ger Jahre gab es eine kurze Phase wo Öl im Überfluß vorhanden war, weil die in der Nordsee und Alaska neues Öl gefunden wurde. Aber diese Ölfelder sind mittlerweile deutlich "past peak" i.e.: der Output ist bereits wieder deutlich am Sinken.

Die Ölverschmutzung im Golf von Mexiko wird erst im Sommer nach der "hurricane season" richtig spürbar werden. Das wird ziemlich sicher zu einem Stimmungsumschwung bezüglich der technologischen Machbarkeit der Ausbeutung von Tiefsee-Ölquellen führen.

Die Aussagen des Club of Rome bezüglich "Grenzen des Wachstums" sind heute aktueller denn je.
Sequoiatrail, 26. 05. '10 16:19
Re: Beliebiges Gequassle
Natürlich sind die Aussagen des Club of Rome nach wie vor aktuell und sie werden auch aktuell bleiben, bloss haben die dazugehörigen Panikdaten nicht gestimmt. 1990 war das Öl nicht fertig und 2000 hatten wir keine 12 Milliarden. Ohne ein Freund der Erdölverschwendung zu sein, aber in den Athabasca Oil Sands liegt noch genügend Öl um 100 Jahre so weiter zu machen wie bisher. Das ist der Zeithorizont, über den wir diskutieren. Und die "Katastrophe" im Golf von Mexiko ist bloss eine journalistische, weil die Leute jede Mengenrelation verloren haben. Beim Untergang der Exxon Valdez ist schlagartig 300 mal mehr Öl ins Meer gekommen als in den ganzen 25 Tagen seit diese Bohrinsel explodiert ist. Wenn die das nächste Woche in den Griff kriegen, dann reden wir von einem Verhältnis von 1 : 250.
lurkerabove, 27. 05. '10 15:19
Athabasca
Um aus dem Asphalt-Sand-Gemisch in Kanada Öl zu machen, braucht man so riesige Mengen Wasser, dass die amerikanische Prärie restlos ausgetrocknet würde. Das traut sich nur niemand laut sagen, weil die Erinnerungen an die "dust bowl" in den USA noch einigermassen lebendig sind.

Wieviel Öl wirklich aus dem Bohrloch ausgetreten ist, darüber gibt es einander widersprechende Schätzungen, die Zehnerpotenzen voneinander abweichen. BP hat nur mittels Chemikalieneinsatz eine riesige Ölwolke daran gehindert, zur Oberfläche aufzusteigen. Aber nach ein paar Hurrikanen sieht die Südküste der USA anders aus als jetzt, und das wird Folgen haben.
lurkerabove, 17. 06. '10 11:42
Exxon Valdez alle vier Tage
wie aktuell berichtet, tritt aus dem Bohrloch alle vier Tage so viel Öl aus, wie seinerzeit von der Exxon Valdez gekommen ist:

http://derstandard.at/1276413280214/BP-will-20-Milliarden-Schadenersatz-zahlen

Das ist es, was ich mit "Zehnerpotenzen" gemeint habe.
Nicht ein Faktor von 1/300 sondern (zum Zeitpunkt des Postings von Sequoiatrail) ein Faktor 7

Also eine Fehleinschätzung mit eine Faktor zweimal zehn hoch 3. Man mache sich einen Reim drauf.
lurkerabove, 20. 05. '10 16:34
Wer ist Ray Hammond?
Auf der website www.rayhammond.com kann man lesen:
"Ray Hammond is Europe's most experienced, most successful and most widely published futurist."

Na dann ...

Es ist natürlich lobenswert, dass der Profil-Chefredakteur sich den unbequemen Wahrheiten unser aller Zukunft widmet. Aber vielleicht könnte er dazu Leute finden, die sich schon etwas länger mit dieser Thematik beschäftigen.
Z.B. Lester Brown und sein aktuellstes Buch "Plan B 4.0".

Obwohl der Inhalt des Leitartikels (grossteils) richtig und wichtig ist, entsteht wegen der dürftigen Recherche leider der Eindruck, dass der Artikel nur deshalb geschrieben wurde, weil gerade nichts anderes da war.

Das ist kein guter Dienst an der Sache