„Eine Schuhnummer zu groß“: Die geheimen Notizen des Tilo Berlin

Der frühere Chef und Miteigentümer der Hypo Alpe-Adria dokumentierte seine Geschäfte mit dem Land Kärnten und der Bayerischen Landesbank. Wie er den Deutschen eine de facto konkursreife Landesbank unterjubelte und dabei auch Finanzmarktaufsicht, Politik und Medien narrte.

Von Michael Nikbakhsh und Ulla Schmid

Er war endlich dort angekommen, wo er sich immer schon zugehörig gefühlt hatte: ziemlich weit oben. Ein Kontostand in Höhe des Jahresbudgets einer mitteleuropäischen Kleinstadt, ein Vorstandsjob in einer österreichischen Großbank, Firmenjet, Dienstwagen, Lokalprominenz – und gleichsam obendrauf ein Schreibtisch mit Blick auf den geliebten heimatlichen Berg.

Ende 2007 stand Tilo Berlin, Hamburger Vermögensverwalter mit ausgeprägter Kärntner Erdung, wohl tatsächlich auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Innerhalb weniger Monate hatte er sich mit befreundeten Investoren in die Klagenfurter Hypo Alpe-Adria Bank ­International AG eingekauft, die Anteile wenig später mit dickem Gewinn an die Bayerische Landesbank weitergereicht und schließlich den Vorstandsvorsitz des Kärntner Geldhauses übernommen. Berauscht von der eigenen Bedeutung fasste Tilo Berlin wohl um den Jahreswechsel einen Entschluss, den er mittlerweile bereuen dürfte – wie so vieles andere auch. Er begann, das Geschehene aufzuschreiben. Die nicht abreißende Anzahl an zu überwindenden Barrieren und Krisen schweißte das Team zusammen, brachte Höhepunkte an Humor und Galgenhumor, mobilisierte Erfahrung und Wissen aus zurückliegenden fast schon vergessenen Perioden und ergab in Summe einen Film, der – soferne man sich ausreichend erinnert – Hollywood-Format rechtfertigen sollte. Es lohnt sich daher, den Versuch der Erinnerung zu unternehmen, schreibt Berlin gleich einleitend.

Aus Hollywood wurde nichts.
Stattdessen interessieren sich jetzt die Staatsanwaltschaften München und Klagenfurt für die „nicht abreißende Anzahl an zu überwindenden Barrieren und Krisen“ in Zusammenhang mit dem Einstieg der BayernLB 2007 und der nicht einmal zwei Jahre darauf folgenden Beinahepleite der Hypo Alpe-Adria, die in die Verstaatlichung führte. Der frühere Vorstandschef der BayernLB, Werner Schmidt, steht zusammen mit anderen Personen im Verdacht, die Hypo zu einem weit überhöhten Preis gekauft zu haben – mit Hilfe von Tilo Berlin.

Dessen Protokolle zum Hypo-Deal waren schon vor Monaten im Zuge von Hausdurchsuchungen beschlagnahmt worden und liegen profil vor. Das Zettelwerk hat nur 33 Seiten, doch diese zeichnen ein reichlich verstörendes Bild der Geschehnisse zwischen Sommer 2006 und Herbst 2007 – und entlarven ganz nebenbei anscheinend gängige geschäftliche Usancen im Lande. In offenen Worten beschreibt Berlin, wie er Gesetze umschiffte, Medien manipulierte, Finanzmarktaufsicht ebenso wie Parlamentarier narrte und Geschäftspartner unter Alkohol setzte. Vor allem aber gesteht er erstmals zu, dass die Hypo Alpe-Adria schon Ende 2007 de facto pleite war. Wovon die Bayern nichts ahnten.

Vor viereinhalb Jahren war von all dem natürlich noch keine Rede. Wie kam es zur Investitionsidee? Der erste Kontakt mit Dr. Wolfgang Kulterer (zunächst Vorstandschef der Hypo, ab Herbst 2006 deren Aufsichtsratsvorsitzender, Anm.) kam wohl im Februar des Jahres 2006 über den beabsichtigten Erwerb des Bauernhofes „Tributsch“ zustande … Das Treffen kam im Hotel Moser Verdino in Klagenfurt zustande, nachdem ich eine einwöchige Hungerkur in der Kur­anstalt Dellach hinter mich gebracht hatte. Meine Tweedjacke hing übermächtig an mir herunter, ich war so geschwächt, dass ich während des Gesprächs stotterte. Vom Thema „Tributsch“ kamen wir auf den Börsengang der Bank, zu dem ich ­Interesse unserer Kunden … anmeldete. Kulterer war sehr interessiert, das Eis war ge­brochen.

Die im Einflussbereich des Landes Kärnten und der Grazer Wechselseitigen Versicherung stehende Bank steckte schon damals in Schwierigkeiten. Die so genannte Swap-Affäre hatte die ­Kapitalbasis des Hauses erheblich geschwächt und den geplanten Börsengang in weite Ferne gerückt. Frisches Geld musste her, die Kärntner Landesregierung um Jörg Haider suchte über den Sommer 2006 fieberhaft nach Alternativen.

Mit Kulterer ergaben sich Telefonate, die mich in eine Beraterrolle brachten. Er hatte in Österreich niemanden, mit dem er seine Lage offen hätte besprechen können. Zu groß war die Interessenlage des Umfeldes.

Während des Sommers ergaben sich einige Treffen, Kulterer hielt Kontakt, weil die Bank Geld brauchte. Das volle Ausmaß der Katastrophe wurde erst schrittweise bekannt. Kulterer bestach in jeder Diskussion durch Kampfgeist und Optimismus. Gelegentlich fragte er nach meiner Bereitschaft, das Amt des Vorstandsvorsitzenden oder des Aufsichtsratsvorsitzenden zu übernehmen, falls dies erforderlich würde. Ich zeigte mich stets offen, aber nicht interessiert, weil ich das Gefühl hatte, dass er noch nicht so weit war … Am 3. Oktober Treffen mit Herrn Dr. Mathias Hink (Gründer der Londoner Investmentgesellschaft Kingsbridge, über welche letztlich Gelder organisiert wurden, Anm.) im Hotel Vierjahreszeiten … Hink suchte nach neuen Dealideen. Als ich ihm u. a. von Kärnten berichtete, war er höchst interessiert. Aus seiner Sicht sollte die Refinanzierung eines solchen Investments durch englische institutionelle Fonds nicht das geringste Problem darstellen. Deals dieser Art wären sehr gesucht. Meine Einwände, dass das Volumen vielleicht eine Schuhnummer zu groß sei, wurden zerstreut … Die Herbstferien in Kärnten nutzte ich für Sondierungsgespräche. Michel Gröller, ehemaliger Vorstandschef der Mayr-Melnhof-Gruppe, rezitierte zunächst alle veröffentlichten Vorbehalte, als ich ihn mit der Hypo-Idee konfrontierte. Nach ­einer Wocbe meldete er sich dann überraschend telefonisch und sprach von einer vielleicht gar nicht so schlechten Idee. Das half …. Gespräche mit Stanislaus Turnauer, Finanzminister Grasser und dem Industriellenpräsidenten Dr. Veit Sorger rundeten mein Bild ab.


Gröller, Sorger und Turnauer sollten Mitglieder von Berlins Investorengruppe werden, die im Dezember 2006 bei der Hypo einstieg und beim Weiterverkauf an die Bayern wenige Monate später einen Schnitt von 160 Millionen Euro machte. Auch Finanzminister Karl-Heinz Grasser wurde als Investor gehandelt, er behauptet aber, er habe bloß für seine „Schwiegermutter“ veranlagt.

Schließlich signalisierten wir unsere Bereitschaft – dem Wunsch der Kärntner Landesregierung folgend –, uns auf eine Bewertungsbasis von EUR 2,5 Mrd. einzulassen. Im Gegenzug verlangten wir die Möglichkeit, eine Sperrminorität zu erwerben, also 25,1 Prozent … In dieser Situation positionierten wir uns zunehmend als „österreichische Lösung“ … Mit Haider war ich seit vielen Jahren in losem Kontakt, die Sympathie der Bank war uns durch Kulterer sicher.


Berlin war offenbar rasch klar, dass er die angestrebte Sperrminorität nur über die Miteigentümerin Grawe erlangen konnte, da das Land Kärnten selbst zunächst keine Hypo-Anteile abgeben wollte.

Die Reise zur Grawe ging am 16.11. (2006, Anm.) über Wien. Hink, Johannes Weyringer (Hinks Partner, heute unter anderem Herausgeber der Monatszeitschrift „Datum“, Anm.) und ich trafen uns am Flughafen. Während Hink, der als Private-Equity-Mann Business flog, teure Weine trank, in Top-Hotels übernachtete und daher auch die größtmöglichen Leihwagen-Limousinen bevorzugte, erklärte ich mich in alter Gewohnheit mit dem zur Verfügung stehenden Kleinwagen einverstanden. Ich übernahm das Steuer und machte die Erfahrung, dass Dr. Hink motorsportlich anders geprägt ist. Mein flüssiger Fahrstil trieb ihn zu Schweißausbrüchen, das Gespräch kam fast zum Erliegen. Erstes Thema im Gespräch mit Dr. Ederer (Generaldirektor der Versicherung, Anm.) und Dr. Grigg (dessen Stellvertreter, Anm.) waren dann auch seine Ängste. Kollege Weyringer kam mit den Bewegungsabläufen besser zurecht, sein Seelenleben litt überdimensional unter der Sorge um die Parkstrategie bzw. die Wiederauffindbarkeit des Leihwagens. Die Sympa­thien der Grawe waren schnell gewonnen. Ederer erwies sich als ehemaliger Steyr-Daimler-Puch-Mitarbeiter und Motorsportfan. Die Beschreibung unseres Beziehungsnetzes in Graz ebenso wie unsere Andeutungen zu bestimmten möglichen ­Finanziers schufen schnell Vertrauen.

Bei der Erläuterung unserer laufenden Verhandlungen mit Landesbanken wie der WestLB, der BayernLB und auch der LBBW (Landesbank Baden-Württem­berg, Berlins frührere Arbeitgeber, Anm.) konstatierte Ederer: „Eine BayernLB wäre natürlich unser Traumpartner.“


Das ist bemerkenswert.
Bis jetzt hatten alle Beteiligten beteuert, die Bayerische Landesbank sei erst im Jahr 2007 in konkrete Gespräche mit der Gruppe Berlin eingetreten. Auch darüber hinaus gestaltete sich die Suche nach ­Investoren zunächst alles andere als ­einfach.

An jedem Schreibtisch, bei jedem Mittagessen, in jedem Flugzeug wurde auf den unmöglichsten Servietten und Papieren der Versuch unternommen, den endgültigen Investorenmix darzustellen. Rund um die Fixpunkte einiger größerer Privatkunden unserer Gesellschaft sowie Cheyne Capital (ein britischer Hedgefonds, Anm.) führten Hoffnung, Versprechungen und Wunschdenken zu immer wieder neuen Konfigurationen. Daran änderte sich nicht viel bis zum Einstieg der Bayerischen Landesbank. Eine der verzweifelt beschriebenen Servietten schenkte mir Tochter Laura
am Jahresende dann gerahmt zum Geburtstag.


Tatsächlich rätselt die Justiz bis heute über die Identität von Berlins Anlegern. profil liegt ein halbes Dutzend unterschiedlicher „Investorenlisten“ vor – darauf auch Personen, die Berlin gar nicht wirklich kennen.

Mit Michael Gröller hatten wir jemanden gefunden, der uns im Rahmen des „Wiener Syndikates“ salonfähig machte und Kunden zuführte … So fanden hektische Gespräche bei der Hasenjagd in Andau auf Einladung von Industriellenpräsident Dr. Veit Sorger statt, bei der ich permanent auf den endlosen Äckern zwischen Gewehr und Handy abwechseln musste.

Ehe die Investoren einsteigen konnten, musste sich Berlin Mitte Dezember 2006 einem Hearing vor der Landesregierung stellen.

Abends kam es im Hotel Salzamt … noch zum Treff mit Jörg Haider. Hink wirkte noch geschockter als auf der Straße, mit Haider an einem Tisch zu sitzen war ihm nicht geheuer. Haiders Signale waren aber klar. „Wanns des Göld hobts, moch ma des. Am besten, Tilo, du präsentierst des morgen den drei Fraktionsvorsitzenden.“ Immerhin grünes Licht vom entscheidenden Mann. Das Gespräch war dann auch problemlos. In bescheidener Manier erklärte ich unser Vorhaben mit einfachen Worten. Meine Gegenüber Haider, Josef Martinz für die ÖVP und Gabi Schaunig für die SPÖ wirkten erleichtert, über den österreichischen Weg, in Teilen aber auch verblüfft und ungläubig.


Und nicht nur sie. Noch ehe die Verträge am 18. Dezember unterfertigt werden konnten, sprang Berlin gleichsam über Nacht ein Investor ab, plötzlich fehlte der Gruppe Geld.

Einen Tag vor Unterschrift fehlten uns mindestens 40, wenn nicht 65 oder mehr Mio. EUR. Die Sache war damit aussichtslos, ich begann mich mit dem Gedanken des Abbruchs anzufreunden … Auf der Klockerhube (Berlins Anwesen auf dem Ulrichsberg, Anm.) lag Schnee, vor der Haustüre bemerkte ich, dass ich den Schlüssel vergessen hatte. In Erinnerung an die slowakischen Bauarbeiter, die im Nebenhaus gewohnt hatten, versuchte ich es dort, und siehe da, die Tür war offen – ein gutes Zeichen? Ich legte mich in das unbeheizte, ausgesprochen kühle Haus und schlief wenige Stunden, um 7 Uhr sollte unterschrieben werden – oder auch nicht. Ich war leer,
ratlos, aber auch nicht ohne Hoffnung. Aber auch ohne jegliche Idee, wie es weitergehen sollte, als ich um 6 Uhr früh Richtung Bank fuhr. Nicht zu schnell, denn es könnte ja auch meine Hinrichtung werden.


Und dann passierte Ungeahntes.
Ausgerechnet die Grazer Wechselseitige Versicherung, die ihre Anteile ja eigentlich verkaufen wollte, trat in Vorlage und gewährte Berlin einen geheimen Blitzkredit – was sie nicht hätte dürfen.
Die Herren im großen Saal waren verblüfft und ungläubig, pflichtschuldigst murmelten sie Gratulationswünsche … Danach wurde meine Hand von unzähligen Schweißfingern geschüttelt.

Berlin war am Ziel.
Die Vereinbarung sah vor, dass die Investoren über zwei Kapitalerhöhungen 250 Millionen Euro in die Bank pumpen und im Gegenzug 9,1 Prozent an der Hypo erwerben – zugleich sicherte sich Berlin zusätzliche Anteile aus dem Besitz der Grazer Wechselseitigen, um so an die Sperrminorität zu gelangen. Dieses Paket, intern „Tranche 3“ genannt und rund 400 Millionen Euro schwer, musste bis Juni 2007 bezahlt werden. Um den Jahreswechsel 2006/2007 intensivierten sich auch die Gespräche der Bayerischen Landesbank, nachdem diese im Rennen um die Bawag ausgeschieden war.

Erfreulicher nach Weihnachten dann das Interesse der Bayerischen Landesbank. Während mein Freund Fischer, als Chef der WestLB, auch im neuen Jahr keine Chance hatte, sich … durchzusetzen, hatte mich Herr Schmidt (BayernLB-Chef, Anm.) nach dem Scheitern im Bawag-Bieterverfahren, das ich ihm durch meine Grasser-Kontakte voraussagte, bereits am 19.12. … um Unterlagen gebeten.


Der Autor bleibt hier bewusst vage. Wie konnte der damalige Finanzminister vorab wissen, dass der ÖGB die Bawag dem US-Fonds Cerberus zuschlagen würde?

Nach Abschluss der Tranche 2 Ende Februar einigten wir uns darauf, jetzt erst einmal zwei Wochen in aller Ruhe Ski fahren zu gehen. Das Funding der noch ausstehenden EUR 400 Mio. für die Tranche 3 konnte noch warten, eine kleine Gefechtspause war dringend nötig, auch familiär wollte ich meinen Pflichten wieder mehr nachkommen. Ich war seit dem Sommer kaum zu Hause gewesen. Kulterer, dessen Markenzeichen die rastlose Betätigung von drei Mobiltelefonen gleichzeitig zwischen 7 und 24 Uhr zu sein schien, riet ich ganz ­bewusst auch zum Kräftesammeln … Nach unserem Zeitplan hätten wir spätestens Anfang Mai wissen müssen, ob wir noch einen Kursschwenk vornehmen. Dann verblieben noch ganze sechs Wochen Zeit, die restlichen EUR 400 Mio. aufzutreiben. Diese Deadline gaben wir Schmidt, was zur Entscheidung führte, Anfang April einen schnellen Due-Dilligence-Prozess zu starten. Die Bayern sickerten unter falschem Vorwand mit 20–30 Mann in Klagenfurt ein und verschafften sich ein Bild über die Lage. Dass alleine dieses Manöver unerkannt blieb, gehört zu den Wundern der Geschichte … Die wesentlichste Frage war, welchen Preis wir den Bayern herausleiern könnten.


Berlins weitere Ausführungen zu einem gemeinsamen Abendessen mit Jörg Haider, Josef Martinz, Wolfgang Kulterer, Werner Schmidt und Othmar Ederer lassen erahnen, wie beiläufig Milliardendeals in Vorstandsetagen besprochen werden. Der Vermögensverwalter hatte sich auf Basis einer Gesamtbewertung von 2,5 Milliarden Euro in die Bank eingekauft, jetzt sollte die Bank plötzlich bis zu vier Milliarden Euro wert sein.

Haider hatte ich vorab darum gebeten, mir das Thema Preis zu überlassen, damit ich es situativ spielen konnte. Im Rahmen des Abendessens gab ich Schmidt dann auch eine Bandbreite von EUR 3,5 bis 4 Mrd. bekannt, die Schmidt blitzschnell registrierte. Ederer fiel mir ins Wort und riet mir, die Sache nicht zu übertreiben, ein Preis von 3,3 Mrd. Euro wäre vollends ausreichend … Mir war jedoch klar, welchen Schaden er in dieser Sekunde anrichtete… In meiner Sorge um die Vermeidung weiteren Schadens blieb mir dann auch nur eine Lösung: Ich füllte Ederers Gläser derart zügig, dass es nicht lange dauerte, bis er die Gesprächsfähigkeit verlor. Ich sehe es noch vor mir, wie er entlang der Wand aus der Klockerhube herausbalancierte, um auf dem Schoß seines Vorstandskollegen im Auto nach Graz einzuschlafen.


BayernLB-Chef Schmidt dürfte sich bei Berlins Preisvorstellungen übervorteilt gefühlt haben – wenn auch nur vor­übergehend. Vor Ostern spitzte sich die Lage zu … Im Vorfeld hatte mich die Credit Suisse (eine der beteiligten Investmentbanken, Anm.) überredet, Herrn Schmidt in einem offiziellen Schreiben unsere Überlegungen, die naturgemäß über den seinen lagen, zu übermitteln. Während ich bei höherem Tempo von Salzburg Richtung Kärnten fuhr … erreichte mich auf dem Mobiltelefon Herr Schmidt. Er bezeichnete den Brief als Unverschämtheit, sprach von der wundersamen Geldvermehrung … Für ihn wäre der Fall erledigt.

Heute beschäftigt genau diese Frage die Justiz.
Wie schaffte es Berlin, den Bayern die Hypo Alpe-Adria auf Basis einer Gesamtbewertung von letztlich fast 3,3 Milliarden Euro aufzuschwatzen, wo doch die Bayern den Wert intern mit maximal 2,8 Milliarden Euro angesetzt hatten? Berlin geht darauf nicht weiter ein – was den Verdacht nährt, Werner Schmidt könnte privat profitiert haben. Dieser bestreitet das entschieden.

Der Dialog wurde fortgesetzt … Herr Schmidt betonte einmal mehr, dass er in aller Selbstverständlichkeit davon ausgehe, dass im Falle einer Einigung das Untemehmen von mir zu führen wäre. Das hatte ich bereits mehrfach gehört, aber beiseitegeschoben.

Mitte Mai, kurz vor der Finalisierung des Deals mit den Bayern, probte die Grazer Wechselseitige den Aufstand. Schließlich hatte sie ihre Anteile nicht nur zu einem weit geringeren Preis verkauft, sondern auch das Geld dafür noch nicht gesehen.

Während ich mich gegen Abend auf einer Jagdrunde befinde, Anruf von Hink, ob ich das Mail der Grawe gelesen hätte: „Wir erwarten Nachzahlung von EUR 100 Mio., sonst kein Signing. Mit der Bitte um unverzügliche Antwort, gezeichnet Ederer und Grigg.“ Hink und ich waren schnell einer Meinung, ich bat ihn, einen „echten Hink“ zurückzusenden: „Nachzahlung lehnen wir ab. Dann eben kein Signing. Bitte informieren Sie Haider und Schmidt.“ Zur Verdauung ging ich … zum Gasthaus Stopper auf ein Bier.


Das Dilemma wurde schließlich à l’autrichienne gelöst: Die Hypo Alpe-Adria schüttete für 2007 eine „Sonderdividende“ in der Höhe von 50 Millionen Euro aus, die sich Grawe und Land Kärnten brüderlich teilten. Unter dem Strich übernahm die Bayerische zunächst 50 Prozent und eine Aktie der Hypo und zahlte dafür rund 1,7 Milliarden Euro, die zu annähernd gleichen Teilen an Berlins Gruppe und das Land Kärnten gingen – bis 2009 sollte der Anteil der Bayern auf 67 Prozent steigen.

Am 22.5. dann wirklich das Signing … Für mich wurde die Sache ernst. Ich fuhr nach Hamburg, holte mir ein paar Anzüge und startete meinen Dienst bei der Hypo zum 1.6. … Zu den szenischen Höhepunkten gehört für mich das Betreten meines neuen Büros. Für Dr. Kulterer eingerichtet … wurde mir mein neuer Arbeitsplatz vorgeführt. Das Büro war mir nicht unbekannt, weil ich in ihm vor Weihnachten die folgenschwere Unterzeichnung des Deals … durchgezogen hatte. So knapp vor dem Abgrund fehlte mir offensichtlich der Blick für das Umfeld, sodass mir vollkommen entgangen war, dass sich vom Schreibtisch aus nicht nur ein prachtvoller Panoramablick auf die Bergketten rund um das Klagenfurter Becken ergibt, sondern vor allem der Ulrichsberg format­füllend hereinschaut. Ein Büro mit Blick auf den Ulrichsberg – das wäre in den kühnsten Träumen nicht planbar ge­wesen!


Viel Zeit, sich einzurichten, hatte Berlin freilich nicht. Noch im Juni startete in Kärnten der erste Hypo-Untersuchungsausschuss zum Hypo-Verkauf. Unabhängig davon wurden im Wiener Parlament „Missstände im österreichischen Bankwesen“ untersucht. Der neue Hypo-Chef musste sich da wie dort verantworten. Was er nach eigenem Bekunden nicht tat.

Wie wenig Politiker vom Bankgeschäft verstehen, war mir bereits aus meiner Stuttgarter Zeit bekannt … Je weniger Aussagen, desto besser … Ich blockierte von A–Z, und das zu Recht, da die Beliebigkeit, jegliches Statement im passenden Sinne zu interpretieren, unabsehbar war … In ­Klagenfurt war das fachliche Niveau wesentlich harmloser. So langweilig es war, ­kritisch gemeinte Fragen von fachlich vollkommen unversierten Fragestellern beantworten zu müssen, so sehr bot sich die Chance zu einem ersten Kompetenzbeweis auf der Kärntner Bühne.

Auch dem Umgang mit den Medien, zumal deutschen und österreichischen, widmet Berlin breiten Raum. Da Kulterer sich von den österreichischen Medien ungerecht behandelt bis verfolgt fühlte, gelang es gleich nach unserem Einstieg, unseren Berater, Norbert Essing (ein deutscher PR-Experte, Anm.), als Berater der Bank zu verankern … Er beherrscht die Spiele der Medienszene in- und auswendig und ist in Deutschland erstklassig vernetzt … Aufgrund unserer Chancenlosigkeit am österreichischen Markt begann er die deutschen Medien für die „Perle Hypo“ zu interessieren. Die Bank und unser Deal bekamen damit eine eigene Aufmerksamkeit in Deutschland, ohne dass die gezielten Fehlinformationen der österreichischen Blätter abgeschrieben werden mussten. Wichtige Neuigkeiten wurden plötzlich über Deutschland nach Österreich transportiert und nicht umgekehrt. Essing spielte die Märkte gegeneinander aus. Kunstvoll strickte er bei „FAZ“ und „Handelsblatt“ an unserer Story, die den „Biobauern als Finanzinvestor“ hervorbrachte.

So richtig heikel wurde es noch einmal in der Phase zwischen der Vertragsunterzeichnung im Mai und dem tatsächlichen Einstieg der Bayern im Herbst. Über den Sommer 2007 geriet der US-amerikanische Subprime-Markt für Hypothekarkredite ins Rutschen, was letztlich die weltweite Finanzkrise auslösen sollte. Auch die Hypo Alpe-Adria war davon in bisher ungeahntem Ausmaß betroffen.

Wie immer kommen solche Dinge ganz leise und fast selbstverständlich des Weges. Auf die Frage nach dem „Value at risk“ (quantifiziert die Ausfallwahrscheinlichkeit von Risikopositionen, Anm.) unserer Bank nannte mir unser Treasurer in aller Selbstverständlichkeit einen Wert von EUR 241 Mio. … Ich machte darauf aufmerksam, dass eine solche Zahl – würde sie stimmen – uns in eine gleichartige Situation wie Kulterer mit seinem Swap-Debakel brächte. Ich wäre gezwungen, sofortige Meldung an den Aufsichtsrat zu erstatten … Meine Sorgen entstiegen verschiedenen Gründen: Was, wenn uns außerordentliches Risiko zwischen Signing und Closing erreicht und die Bayern vom Deal Abstand nehmen? Was, wenn die Finanzkrise tatsächlich größere Ausmaße annimmt und auch die Bayern betroffen wären? Und schließlich: Welche Risiken stecken in dieser Bank, die offensichtlich allen verborgen geblieben sind bzw. vielleicht auch verschwiegen wurden? ­Meine Sorgen stießen auf ein sehr stilles Umfeld.


Allein diese Zeilen könnten den weiteren Verlauf der strafrechtlichen Ermittlungen entscheidend beeinflussen. Denn Berlin deutet unmissverständlich an, dass der Bayerischen Landesbank in den Verhandlungen wesentliche Informationen aus dem Innersten der Hypo vorenthalten worden sein könnten. Und er wird noch deutlicher:
Wenn die Bayerische Landesbank … sich selbst … aus dem Geschäft verabschiedet hätte, wäre die Hypo nicht zu retten gewesen … Bereits im Sommer war absehbar, dass eine größere Belastung aus dem Subprime-Thema in Verbindung mit weiteren notwendigen Bilanzbereinigungen das von uns beigebrachte Kapital von EUR 250 Mio. bis zum Jahresende mehr als verbraucht hätte. Der Wegfall des starken Partners hätte unsere Gegner reanimiert. Die Bank hätte das Jahr 2007 weder wirtschaftlich noch politisch überstanden.

In anderen Worten: Die Bayern hatten sich verpflichtet, 1,7 Milliarden Euro für die knappe Mehrheit an einer Landesbank zu zahlen, die nach Meinung ihres eigenen Vorstandsvorsitzenden Tilo Berlin am Rande des Konkurses wandelte – und mussten folglich bei Laune gehalten werden.

Alle Anstrengungen galten … der schnellstmöglichen Herbeiführung des Closings … Solange der Hypo-Deal als positiver Schachzug der Bayern gesehen werden konnte, würden sie uns nicht fallen lassen. Parallel arbeitete ich an positiven Signalen Österreichs an die Adresse von Werner Schmidt. Ein Besuch beim Bundeskanzler freute ihn, ebenso wie unser gemeinsamer Auftritt bei der österreichischen Finanzmarktaufsicht … Im Ergebnis ­gelang das Closing am 9.10.2007 in ­München.


Die weiteren Ereignisse im Zeitraffer: In den Monaten darauf mussten die Bayern der brustschwachen Landesbank im Wege zweier Kapitalerhöhungen 1,1 Milliarden Euro zuführen, im Februar 2008 musste Schmidt abdanken, Ende desselben Jahres zog die Hypo 900 Millionen Staatshilfe aus österreichischen Steuergeldern, im Frühjahr 2009 war auch Tilo Berlin Geschichte – Ende vergangenen Jahres wurde die Bank schließlich notverstaatlicht, die Bayern mussten noch einmal 825 Millionen Euro ablegen. Und auch das Land Kärnten schlitterte an den Rand der Zahlungsunfähigkeit.

Als Berlin seine Prosa zu Papier brachte, war er noch voll des Optimismus. Mein eigenes Dasein und das meiner Familie hat sich grundlegend verändert. Nun sitze ich im geliebten Land, blicke auf den Ulrichsberg vom Büro und genieße die täglichen Fahrten auf kleinen Straßen, vorbei an Rehen und Wildschweinen … Was aus diesem schönen Land zu machen ist, werden die nächsten Jahre zeigen.

28.6.2010 12:45
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bpallmann@hotmail.com, 28. 06. '10 10:28
Ein "Tagebuch" - und die Medien
Wenn in Strafsachen und/oder bei brandheissen Themen "Tagebuch-Aufzeichnungen" von Oberbazis in den Medien auftauchen, erinnert sich mein schon etwas angegrautes Hirn reflexartig an die gefälschten "Hitler"-Tagebücher, denen mal der "Stern" auf den Leim ging. Nun mögen Stil/Inhalte von Berlins Notizen zum BayernLB-Deal noch so interessant sein, es fehlt jedoch das Wichtigste: die CSU. "Bitte informieren Sie Haider und Schmidt" klingt so, als hätte Schmidt allein und ohne Rücksprache mit dem Bank-Controlling und insbesondere seinen CSUlern Milliarden-Transfers getätigt. Als hätte Haider nicht längst innigste Verbindungen zu seinen Freunden in den ultrakonservativen Bayern-Zirkeln aufgebaut. "Schmidt allein schuld" - das passte der CSU ideal. Und Haider ist tot. Beides "stinkt", oder?BP
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