Wollte BayernLB-Chef Werner Schmidt seinen Freund Tilo Berlin schützen?

Zwei Männer, ein Deal: Der frühere BayernLB-Chef Werner Schmidt soll den eigenen Vorstandskollegen brisante Informationen zur Kärntner Hypo unter­schlagen haben. Wollte er seinen Freund Tilo Berlin schützen?

Von Michael Nikbakhsh und Ulla Schmid

Wenn Tilo Berlin über Tilo Berlin spricht, dann klingt das schnell einmal so: „Ich lebe davon, Beziehungen aufzubauen, eine anständige Performance zu liefern und in guter Erinnerung zu bleiben.“ So beschrieb der frühere Miteigentümer und Vorstandschef der Klagenfurter Hypo Alpe-Adria-Bank International AG sein berufliches Selbstverständnis, als er am 12. Jänner dieses Jahres vor der Staatsanwaltschaft München I aussagen musste.
In Erinnerung dürfte Herr Berlin tatsächlich bleiben – wenn auch nicht in allzu guter. Der selbst ernannte Vermögensverwalter mit österreichischem Pass steht mit im Zentrum jenes Skandals, dessen Aufarbeitung die Behörden in Deutschland und Österreich seit Monaten auf Trab hält. Ende 2006 hatte er sich gemeinsam mit befreundeten Investoren in die Kärntner Landesbank eingekauft, nur um die Anteile ein halbes Jahr später mit einem Gewinn von 160 Millionen Euro an die ­Bayerische Landesbank weiterzureichen. Ende 2009 war die Hypo zahlungsunfähig und musste mittels Notverstaatlichung durch die Republik Österreich vor dem Aus bewahrt werden. In nicht einmal drei Jahren versenkte allein die Bayerische Landesbank in Klagenfurt 3,6 Milliarden Euro – die österreichischen Steuerzahler sind ihrerseits mit mittlerweile 1,55 Milliarden Euro mit von der Partie.
Tilo Berlin, der frühere BayernLB-Chef Werner Schmidt und eine Reihe weiterer Personen stehen im Verdacht, den Freistaat Bayern vorsätzlich geschädigt zu haben, die Münchner Staatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl ermittelt unter anderem wegen des Verdachts des Betrugs und der Untreue.
Vor allem Berlin dürfte den Behörden zwischenzeitlich handfeste Indizien geliefert haben, wenn auch eher unbeabsichtigt. Um den Jahreswechsel 2007/2008 begann er, die Ereignisse rund um den Deal zu dokumentieren. Heraus kam eine 33-seitige Prosa, die der deutschen Justiz im Zuge von Hausdurchsuchungen in die Hände fiel und von profil vergangene Woche auszugsweise ­veröffentlicht wurde. Darin offenbart Berlin unter anderem, den Bayern 2007 eine de facto zahlungsunfähige Bank angedreht zu haben. Die Schlüsselstelle des Manuskripts: Welche Risiken stecken in dieser Bank, die offensichtlich allen verborgen geblieben sind bzw. vielleicht auch verschwiegen wurden? … Wenn die Bayerische Landesbank … sich selbst … aus dem Geschäft verabschiedet hätte, wäre die Hypo nicht zu retten gewesen … Die Bank hätte das Jahr 2007 weder wirtschaftlich noch politisch überstanden.

Eine Feststellung mit Folgen:
Erstmals hat ein Beteiligter, wenn auch nicht offiziell, zugegeben, dass den Bayern in den finalen Verkaufsverhandlungen substanzielle Informationen zur Verfasstheit der Hypo Alpe-Adria vorenthalten wurden. Es deutet aber gleichzeitig immer mehr darauf hin, dass zumindest Werner Schmidt sehr genau Bescheid wusste – und den Kauf trotzdem in halsbrecherischem Tempo durchzog. ­Wobei er offensichtlich den eigenen Vorstand überdribbelte und unmissverständ­liche Warnungen der beigezogenen Analysten und Prüfer ignorierte. Das belegen zahlreiche profil vorliegende Dokumente.

Anfang Oktober 2006, also annähernd ein Jahr vor dem Einstieg der Bayern, landete ein Dossier auf Schmidts Schreibtisch, das diesen jetzt in Verlegenheit bringt. Unter dem Titel „Hypo Alpe-Adria-Bank AG. Erste Beurteilung der Geschäftsplanung 2010“ hatten sich Mitarbeiter aus Schmidts Stab mit der Lage der Kärntner Bank beschäftigt: „In der Diskussion, warum jetzt schon verkauft werden soll, obwohl doch die sehr positive Planung weitere Wertsteigerungen erwarten lasse, hat Herr Martin Strunz (gemeint ist Martin Strutz, der damalige Stellvertreter von Landeshauptmann Jörg Haider, Anm.) geantwortet: ‚Wir glauben, dass wir für die Anteile jetzt mehr bekommen als später‘ … Wenn man an die Bereinigung der Altlasten und die Wachstumsplanung glaubt, ist ein vorgezogener Verkauf in der Sache völlig unlogisch, da die Verkäufer Wertsteigerungspotenzial verschenken würden.“

Und die Verfasser werden noch deutlicher: „Der ‚Versprecher‘ von Herrn Strunz (sic!) könnte ein Indiz für die wahren ­Verkaufsgründe sein: Die Eigentümer … verfügen über Informationen, die einen schnellen Verkauf (‚5 vor 12‘) nahelegen, bevor Probleme offenkundig werden.“

Kein Empfehlungsschreiben also. Möglicherweise hat die Expertise den Schreibtisch von Werner Schmidt deshalb auch niemals verlassen. Das jedenfalls beteuerte Schmidts damaliger Vorstandskollege Gerhard Gribkowsky anlässlich seiner Einvernahme am 2. Februar 2010 in München: „Ich habe an diese Präsentation keine Erinnerung … Das Papier … hat keinen Freizeichnungsvermerk von Werner Schmidt. Dies wäre aber üblich gewesen … Da das Papier inhaltlich aber kritisch ist, kann ich mir schon deswegen nicht vorstellen, dass es von Schmidt dem Vorstand präsentiert wurde, weil man normalerweise, wenn man für ein Erwerbsprojekt im Vorstand werben will, auch das Papier entsprechend aufbereitet.“ So oder so – Schmidt musste jedenfalls wissen, dass in dem Kärntner Geldhaus schwer kalkulierbare Risken schlummerten.

Zwei Amigos.
Als die Bayerische Landesbank im Dezember 2006 im Rennen um die Bawag unterlag, nahmen die bis dahin eher unverbindlichen Verhandlungen mit Kärnten rasch Fahrt auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Gruppe Berlin sich bereits in die Hypo Alpe-Adria eingekauft. Tilo Berlin – er avancierte mit 1. Juni 2007 zum Vorstandschef in Klagenfurt, am 30. April 2009 musste er wieder retirieren – sollte später in seinen Aufzeichnungen explizit auf das Verhältnis zu Werner Schmidt eingehen. Die beiden saßen Mitte der neunziger Jahre ­gemeinsam im Vorstand der Stuttgarter Landesbank Baden-Württemberg. Schmidt überraschte mich durch sein großzügiges Ver­trauensangebot, er übertrug mir das … be­deutendste Ressort … In Schlüsselsituationen …stützte er mich gegen seine schon älteren Vertrauensleute … Die größte persönliche Überraschung lieferte er bei meinem Abgang. Eine warmherzigere und umsichtigere Abschiedsrede wie von ihm werde ich wohl niemals mehr bekommen, notiert Berlin.

Der Männerfreundschaft mag es geschuldet sein, dass Schmidt in weiterer Folge jede Vorsicht fahren ließ. Ab März 2007 wurden die Bücher der Kärntner Hypo zwar von Mitarbeitern der BayernLB und externen Prüfern, etwa von der Beratungsgesellschaft Ernst & Young, durchleuchtet. Am 19. April wurde im Vorstand der Münchner Großbank auch ein erster Zwischenstand präsentiert, der sich jedoch nur unwesentlich von den Feststellungen aus dem Oktober 2006 unterschied. Wieder wurde ausdrücklich auf „nicht abschätzbare Risken“ hingewiesen. Am 23. April 2007 ließ Schmidt sich per Umlaufbeschluss vom Vorstand ein Angebot für die Hypo-Mehrheit auf Basis einer Gesamtbewertung von 3,3 Milliarden Euro absegnen (wohl wissend, dass die Gruppe Berlin kurz zuvor auf Basis von nur 2,5 Milliarden eingestiegen war).

Korrekturen.
Einen Tag später hatte die Kärntner Landesregierung bereits einen Kaufvertragsentwurf auf dem Tisch. Dieses Dokument liegt profil ebenfalls vor. Es enthält mehrere handschriftliche Vermerke von Schmidt, mit welchen Schlüsselpassagen, die der BayernLB weitreichende Gewährleistungsansprüche zusichern sollten, schlicht entfernt wurden. Demnach verzichtete der Vorstandsvorsitzende der Münchner Großbank umstandslos auf jedwede Kaufpreisminderung, sollte die damals von Ernst & Young in Angriff genommene abschließende Buchprüfung, im Fachjargon „Due Diligence“ genannt, verborgene Risiken zutage fördern.

Tatsächlich wurden auch die externen Prüfer fündig. Am 18. Mai lieferten sie auf Grundlage der von der Hypo Alpe-Adria gestellten Unterlagen einen 25-seitigen Bericht in München ab. Erneut standen alle Ampeln auf Rot. „Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass zwischen der ersten und zweiten Datenraumphase eine Vielzahl von Ordnern ausgetauscht wurde“, so Ernst & Young. „Darüber hinaus wurde in der zweiten Datenraumphase eine Vielzahl von Informationen bereitgestellt, die wir nicht mehr verarbeiten konnten … Eine abschließende Aussage über potenziellen Wert­berichtigungsbedarf war uns daher nicht möglich.“

So stießen die Ernst-&-Young-Experten in den Hypo-Büchern unter anderem auf „komplexe strukturierte Produkte mit einem Nominalvolumen von EUR 1,5 Mrd.“, die zum Zeitpunkt der Untersuchung bloß ­
einen „Marktwert von EUR –56 Mio.“ hatten; zugleich warnten sie vor „Risiken aus dem Beteiligungsbereich“, „optimistischen Annahmen“ und „wesentlichen Mängeln in den Kreditprozessen“. Schlimmer noch: Ernst & Young setzte für die Hypo Alpe-Adria einen Unternehmenswert von gerade einmal 2,43 Milliarden an.

Und dennoch unterzeichnete Werner Schmidt am 22. Mai 2007, also nur vier Tage später, den Kaufvertrag mit dem Land Kärnten und der Gruppe Berlin – auf Basis einer Bewertung von eben 3,3 Milliarden Euro.
Bis heute halten sich hartnäckig Gerüchte, Schmidt habe privat an dem Geschäft mit Tilo Berlin profitiert. Was alle Beteiligten vehement in Abrede stellen.

Eine mögliche Erklärung, die Schmidt freilich nicht exkulpiert. Er wollte die Vorgaben des damaligen bayerischen Finanzministers Kurt Faltlhauser unbedingt erfüllen. Am 20. März 2007 hatte dieser in einer Sitzung des BayernLB-Verwaltungsrats, vergleichbar einem österreichischen Aufsichtsrat, gleichsam den Takt vorgegeben. „Für das Image und den Ruf der Bank nach innen und außen wäre es aus Sicht des Freistaats Bayern erheblich negativ, wenn die BayernLB wiederholt nicht zum Zug käme. Vor diesem Hintergrund muss sich die Bank vehement auf die sich nun bietende und positiv zu beurteilende Option konzentrieren und Flexibilität hinsichtlich der zeitlichen Ausgestaltung des Prozesses, aber auch der preislichen Ausgestaltung beweisen.“

Oder wie es Ex-Vorstand Gerhard Gribkowsky später vor der Justiz formulierte: Andernfalls „wäre der Deal geplatzt“.

3.7.2010 12:43
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kirkfrank1, 06. 07. '10 17:09
Hypo Alpe Adria
Wenn das alles so ist und stimmt wie es von Profil berichtet wurde, dann haben Tilo Berlin und Werner Schmidt den Freistaat Bayern sprichwörtlich über den Tisch gezogen und denen einen völlig marode Bank untergejubelt. Bei Tilo Berlin würde ich es noch verstehen, der hat große Kohle gemacht, bloss was hätte herr Schmidt davon gehabt. Das Land Kärnten war sein Sorgenkind los und damit auch das Risiko. Blöd war er nicht der Dr. Haider
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