Tarzan war die Schlimmste
Eine 70-jährige Frau sucht das Verlies ihrer Jugend. Nonnen hatten sie wochenlang hier eingesperrt, um sie zur Besinnung zu bringen.
Sie wollte an diesen finsteren Ort zurück. Erika Sommer* hat alles in ihrem Kopf durchgespielt. Sie würde das Kirchenschiff betreten, seitlich eine Treppe hinuntersteigen, muffigen Kellergeruch einatmen. Dann würde sie vor der Korrekturzelle stehen, wo sie wochenlang auf dem kalten Lehmboden saß. Sie hatte panische Angst, hierherzukommen, doch etwas in ihr sehnte sich auch danach. Vielleicht würde sie hier endlich weinen können, wie sie es nie konnte: Einfach alles aus mir herausweinen.
Vor zwei Wochen stand die zierliche 70-jährige Frau auf dem Grundstück des ehemaligen Erziehungsheims Wiener Neudorf. Es galt als übelste Anstalt für Mädchen, das, was Kaiserebersdorf für Burschen war. Nur wenig erinnerte sie hier noch an früher: Der Stacheldraht und die Glasscherben auf der Klostermauer sind verschwunden. Das Wirtschaftsgebäude, wo die Heimmädchen bis zum Umfallen arbeiteten, ist eine riesige Baustelle. In dem Gebäude, in dem die Schlafsäle lagen, ist heute die Polizei untergebracht. Vom Gotteshaus und dem Verlies im Keller blieb eine Ruine. Der Eingang ist mit Brettern zugenagelt.
Erika Sommer war die Jüngste von fünf Geschwistern, ein Sechsmonatskind, die Mutter verhöhnte sie als aufgezogene Nachgeburt. Als sie 17 war, nahm der betrunkene Vater ein Messer und versuchte, sie zu vergewaltigen. Sie wehrte sich. Er kam für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Die Familie hasste das Mädchen dafür. Es kam in ein Erziehungsheim in der Nähe von Wien, in die Obhut der Kongregation der Schwestern vom Guten Hirten.
Als Heimmädchen musste sie alles Persönliche ablegen. Sie wurde in karierte Kleider, Wollstrümpfe und zu große Schlapfen gesteckt. Richtige Schuhe gab es für ihre winzigen Füße nicht.
Die 17-Jährige war in einem kommunistischen Elternhaus aufgewachsen. Sie weigerte sich zu beten, nannte die Nonnen Pinguine, den Pfarrer Tabernakelwanze und schlug zurück, wenn sie geprügelt wurde. Bald fiel sie einer grobschlächtigen Schwester in die Hände, die Erika Sommer bis heute Tarzan nennt: Sie war die Schlimmste von allen.
Beim Mittagstisch riss das Mädchen der Schwester den Schleier herunter. Dafür musste sie Ab in die Besinnung!. Die Anwendung körperlicher Gewalt war älteren Zöglingen überlassen. Ein paar Mädchen zerrten sie zur Kirche. Dann wurde es finster und kalt. Zwei Tage lang. Erika Sommer kratzte sich die Fingernägel blutig, schrie und heulte. Das hohe Gewölbe der Korrekturzelle kurz Kurrie schluckte alles. Ohne Decke saß sie auf dem feuchten Kellerboden. In das winzige Verlies passte mit Mühe eine Matratze, die ihr am Abend gebracht und am Morgen weggenommen wurde. Eine Lücke, nicht größer als ein Ziegelstein, gab ein Stück Himmel frei: So hab ich wenigstens gesehen, ob Tag war oder Nacht.
Papa Ringel. Tarzan ließ sie fortan nicht mehr los. Einmal musste Erika Sommer mitten in der Nacht mit Fetzen und Kübel in ihrer Kemenate antreten, Boden putzen und Möbel abwischen. Danach sei es zum ersten sexuellen Übergriff gekommen, einem von mehreren: Die Schwester habe ihren Schwesternkittel hochgehoben und sich befriedigen lassen. Erika Sommer hatte gehofft, danach Ruhe vor der Schwester zu haben: Sie wurde nur noch grauslicher.
Dreimal versuchte Erika Sommer, sich das Leben zu nehmen. Beim ersten Mal schnitt sie mit einem Messer quer über ihren linken Unterarm. Als sie aus dem Krankenhaus zurückkam, lachte Tarzan sie aus: Du kannst dich nicht einmal umbringen. Beim nächsten Mal setzte sie das Messer dann schon der Länge nach an.
Einmal im Monat schaute der Psychiater Erwin Ringel nach den Heimmädchen in Wiener Neudorf. Erika Sommer nannte ihn Papa Ringel. Du willst dir das Leben nehmen? Ich zeige dir Menschen, die wirklich krank sind, sagte er. Sie plärrte: Soll ich mich schlagen lassen? Die Schwester schlecken? Er steckte sie für zwei Wochen in den Kinderpavillon am Steinhof, wo sie sich, anders als die jungen Patienten, die, fest verschnürt in Leintücher, bewegungslos in ihren Gitterbetten saßen, frei bewegen durfte.
Zurück im Heim, dachte sie nur noch an Flucht. Einmal hatte sie bereits versucht, über die Klostermauer zu entkommen. Der Ausbruchsversuch kostete sie 14 Tage in der Kurrie. Trotzdem wagte sie einen zweiten Ausbruch. Sie schlüpfte unter die Plane eines Lkw, der Anstaltswäsche ins Heim nach Kaiserebersdorf brachte, wickelte sich in Bettzeug ein und sprang in einem günstigen Moment von der Ladefläche. Wieder kam sie nicht weit. Wieder bekam sie 14 Tage. Dieses Mal war mir das schon egal, sagt sie. Sie habe in dem Kellerloch tagelang gesungen, geflucht, sich mit den Spinnen unterhalten. Als eine Schwester nachschaute, ob das Mädchen sich besonnen hatte, warf es mit dem Urinkübel nach ihr: Ich kam eben nicht zur Besinnung.
Kinderlos. Das Verlies wurden zu einem Ort perverser Geborgenheit: Hier gab es wenigstens keine Pinguine. Von der Kellerkälte entzündeten sich ihre Eierstöcke. Die Ärztin im Krankenhaus in Mödling konstatierte trocken: Kinder wirst du keine mehr kriegen. Als Erika Sommer 19 war, sah sie kein Licht mehr. Sie zertrümmerte einen Badezimmerspiegel und schnitt sich mit der Glasscherbe die Schlagader auf. Noch heute sind an ihrem Hals die Narben zu sehen.
Niemand hatte ihr gesagt, ob und wann sie je entlassen würde. Es war an ihrem 20. Geburtstag: Erika, bitte an die Pforte. Dort wartete ein Karton mit ihren privaten Sachen. Die Kleider passten noch. So stand sie auf der Straße. Ein Freund, den sie vor einigen Jahren kennen gelernt hatte, lud sie ins Auto. Er war in den Heimjahren ihre einzige Stütze gewesen, hatte Pakete und steigenweise Orangen geschickt. Für mich war er der gute Engel. Ohne ihn gäbe es mich heute nicht mehr.
Erika Sommer kam nie wieder nach Wiener Neudorf. Bis vor zwei Wochen. Sie arbeitete in der Plastikschweißerei ihres Freundes, redete mit ihm über ihre Erlebnisse und lernte, mit den Folgen zu leben. Bis heute wird sie unter vielen Menschen leicht panisch. Sie meidet öffentliche Verkehrsmittel. Und wenn sie einmal im Jahr eine Runde am Christkindlmarkt dreht, klammert sie sich an ihren Mann. Er erledigt die meisten Einkäufe.
Vor sieben Jahren fuhr sie mit ihrem Mann nach Kreta. Er liebt alte, verfallene Klöster. Gemeinsam klapperten sie die Bergdörfer des Idagebirges ab. Erika Sommer hatte nach ihrer Entlassung alles Kirchliche gemieden. Sie betrat kein Kloster. Auf Kreta wollte ihr Mann, der bisher nie nachgefragt hatte, plötzlich den Grund wissen. Gemeinsam setzten sie sich auf einen Felsen. Je mehr Erika Sommer erzählte, umso stiller wurde er. Als sie ihren Kopf an ihn lehnen wollte, drehte er sich weg. Auf der Fahrt ins Hotel sprach er kein Wort. Meine Ehe ist zerbrochen, sagt sie. Seither leben wir nebeneinander her.
Schwarzes Loch. Erika Sommer zog in die Küche, wo ein kleiner Ofen im Winter heizt. Sie räumte ihren PC in den winzigen Raum. Die meiste Zeit sitzt sie und qualmt eine Zigarette nach der anderen. Ihr Mann schlug sein Quartier im Wohnzimmer auf. Dort sitzt er jeden Abend stundenlang vor dem Fernseher. Sie hat zu diesem Zeitpunkt längst ein Rohypnol genommen und sich in ihr schwarzes Loch zurückgezogen.
Nach der Klostertour in Kreta ließ Erika Sommer vor dem Schlafzimmerfenster Bretter anbringen und dunkle Stoffbahnen aufhängen. Es ist hier so finster wie in der Kurrie. Manchmal dachte sie daran, das Rohypnol abzusetzen, weniger zu trinken, eine Therapie zu machen. Inzwischen hat sie sich in ihrem schwarzen Loch eingerichtet: Hier kann mir nichts passieren.
Niemand könne wiedergutmachen, was man ihr angetan habe, sagt sie. Sie habe drei Jahre ihres Lebens verloren, die in keinem Dokument aufscheinen und die ihr später bei der Pension fehlten. Vor zwei Wochen erklärte Erika Sommer vor der Ombudsstelle der Kirche: Der Orden soll für diese Zeit bezahlen. Es sei ein unangenehmes Gespräch gewesen. Ein paarmal habe sie geschluckt und ein bisschen geweint. So richtig geweint hat Erika Sommer wieder nicht.
12.7.2010 18:11
Fürsorgezögling, 17. 07. '10 22:04
kaffstadt
Im Haus in dem ich wohne hat der Arbeitskreis Noah zwei Stockwerke gemietet. So bin ich immer "an der Front" was den Umgang und die Möglichkeiten der Betreuung mit Kindern anlangt. Auf www.noah.at erfahren Sie mehr über diese Einrichtung.
Fürsorgezögling, 17. 07. '10 21:36
@muttutgut
Ich meinte die Unterstützung durch die Medien. Ohne diese Unterstützung wird es wieder so schwer wie es vor einem Jahr gewesen ist. Danke für das Bücherlob.
Fürsorgezögling, 17. 07. '10 18:57
@kaffstadt von 18:32
Menschen die Kindern und Jugendlichen zur Seite stehen wie Sie es tun,schätze ich. Es ist eine harte,und oft unbedankte und unterbezahlte Arbeit. Sie träumten von Winnetou und der Befreiung von Onkel Tom, ich,dass man mich endlich als Kind und Mensch betrachtet. Folglich korrekt behandelt. Die Sache mit dem Beil und des hinunterstoßens vom Stiegenabsatz waren keine überlegten oder kalkulierten Vorfälle, sie haben sich aus der Situation heraus ergeben. Ja, mir hat die hartnäckig durchgeführte Psychotherapie geholfen, ebenso das schreiben und die Auseinandersetzung mit dieser Thematik von Gestern und von Heute. Aber es wird bald wieder ruhig werden im Blätterwald und das Thema keinen mehr hinter dem Ofen hervor locken.
kaffstadt, 17. 07. '10 20:51
Re: @kaffstadt von 18:32
Wir kommen uns näher. Jeden Respekt für jemanden wie Sie, der ein Schicksal wie das Ihre bewältigt hat. Natürlich, wie eng muß man es einem Kind gemacht haben, dass es dermaßen explodieren muß? Welcher Raub am Recht auf eine unbeschwerte Kindheit ist da passiert? Dass beim Umgang mit Kindern/Jugendlichen am Amt und in der Fremdunterbringung vor wenigen Jahrzehnten noch die Barbarei gegenüber Wehrlosen herrschte, stimmt. Dass das zumindest materiell abgegolten werden sollte, bin ich dabei. Aber wie geht's in Zukunft weiter? Vermutlich werden wir auch künftig familienergänzende (nicht -ersetzende) Einrichtungen brauchen. Wie kann man gewährleisten, dass Kinder/Jugendliche, denen es bisher an sicherer Geborgenheit fehlte, wieder neue, unbeschwerte und tragfähige Bindungen eingehen können?
muttutgut, 17. 07. '10 21:13
Re:@ Fürsorgezögling
Ich glaube nicht, dass dieses Thema verschwinden wird. Es sind zu viele Menschen davon betroffen. Was vor 40 Jahren in den Familien, in Schulklassen und Heimen passierte hat Folgen, u.zw. nicht nur für die damals Betroffenen, sondern auch für deren Kinder. Meine Erfahrung zeigt, dass die Kindervon Missbrauchopfern sehr interessiert daran sind, was ihre Eltern so stumm, zurückgezogen, scheu, aggressiv, depressiv, gefühlsarm, lebensfremd etc. machte. Meist sind Kinder solcher Eltern ja indirekt von dem betroffen, was vor Jahrzehnten Böses geschah. Der Ozean, in dem man schwimmt, macht einen nass, da hilft kein Wünschen oder Hoffen. Ihre Bücher (Der Fürsorgezögling/ Der Klosterzögling) sind ein Segen für Alle, die das Kindesmissbrauchsthema tangiert. Seien sich des Wertes Ihrer Arbeit sicher!
Fürsorgezögling, 17. 07. '10 17:46
@kaffstadt
Naja, Opferfond für Psychotherapeuten etc. . Bei 80.-Euro die Stunde, die ich 160 mal bezahlt habe, sollte ihr Berufsstand nicht so gierig sein ;-). Aber falls es Sie tatsächlich interessiert lesen Sie meine autobiographischen Romane "Der Bastard.Der Fürsorgezögling" und "Der Klosterzögling". Ist aber nichts wissenschaftliches. Übrigens, ich nehme seit einem Jahrzehnt mehr keine Medikamente. Außer Magenschutz wenn mir beim beobachten der Politik, wie sie mit diesem Thema umgeht, besser gesagt *nicht* umgeht, das erbrechen kommt. (Dem Stärkeren steht auf jeden Fall noch die "Flucht" aus dem Felde offen). Ja so ist es. Ich bin geflohen wann immer es ging, hat sich nicht gut. Wurde als "psychopathisch" eingestuft. Weil ich nicht kapieren wollte wie unendlich gut man es mit mir meinte.
kaffstadt, 17. 07. '10 18:32
Re: @kaffstadt
Die Dinge auseinanderhalten. Bin kein Psychotherapeut, sondern der ganz normale Basiskrabbler/Sozialarbeiter, der versucht, mit Jugendlichen den Alltag zu bewältigen. Biographisch hatte ich das Glück, in den 60er Jahren in "geordneten" Verhältnissen (Arbeiterhaushalt) aufzuwachsen. Als Sie die Frau des Volksschuldirektors die Stiege hinuntergestoßen haben, konnte ich noch davon träumen, dereinst Winnetou oder Onkel Tom zu "befreien". Ob diese Frau oder ihre Ziehmutter (was immer die an Ihnen "verbrochen" haben) von einem Psychotherapeutenfonds profitieren würden, weiß ich nicht. Dass Psychotherapie zu teuer ist, unterschreibe ich. Wenn sie aber dazu geführt hat, dass Sie nun niemand mehr an die Gurgel gehen und auch ohne Medikamentenabhängigkeit leben können, war's auch wieder gut.
kaffstadt, 17. 07. '10 14:24
Und Papa Ringel schaute zu... (08)
Lassen wir also die Krokodilstränen dort, wo sie hingehören... - Solang's kein Medienskandal ist, schert's einfach niemand von den politisch Verantwortlichen.
Fürsorgezögling, 17. 07. '10 14:57
Re: Und Papa Ringel schaute zu... (08)
"Wenn's tatsächlich so gewesen ist". "Kummerl". "Inzestiös","Gutmensch". Sie haben da zwar einen wissenschaftlich geprägten Wortstrang geschrieben, aber klug daraus bin ich nicht geworden. Ich habe mt sieben Jahren die Frau meines Volkschuldirektors über die Stiege hinunter gestoßen, mit Anlauf,Kopf voran in die tatsächlich vorhandene Wampe. Sie stand blöderweise mit dem Rücken auf einen Stiegenabsatz. Der ersten von vielen Ziehmüttern hätte ich mit dem Holzbeil (es war ein kleines zum spalten für Anzündholz) fast die aggressive Birne eingehaut. Da war ich acht oder neun. Ja, es gab tatsächlich Vorfälle die *tatsächlich* stattgefunden haben. Irgendwo haben auch Kinder *nicht nachvollziehbare*,und auch nicht wissenschaftlich erklärbare Duldungsgrenzen.
kaffstadt, 17. 07. '10 17:02
Re: Und Papa Ringel schaute zu... (08)
Zu Fürsorgezögling:
Lieber Fürsorgezögling, in welche Richtung soll's gehen? So wie Sie sich selbst darstellen, tendiere ich nach jahrzehntelanger Erfahrung in diesem Beruf tatsächlich eher zu einem Opferfonds für BerufskollegInnen, die Sie ein Stück des Weges begleitet haben. Nachdem ich aber nicht an den "geborenen" Verbrecher glaube, frage ich mich, welche Umstände/Provokationen(?) bringen einen Menschen dazu, derart auszurasten (vielleicht auch aufgrund umgelenkter Aggressionen)? Ich hoffe ihre Probleme haben sich inzwischen "ausgewachsen" oder wurden medikamentös erfolgreich "eingestellt". Grundsätzlich denke ich aber trotzdem, dass in einem "totalen (Kontroll-)System" eher der Schwächere das Opfer ist. Dem Stärkeren steht auf jeden Fall noch die "Flucht" aus dem Felde offen.
kaffstadt, 17. 07. '10 14:19
Und Papa Ringel schaute zu... (07)
nicht gegeben ist. Nichts leichter, als aus IdealistInnen ausgebrannte ZynikerInnen oder KarrieristInnen "auf Absprung" zu machen. - In den heutigen Wohngemeinschaften geht es weniger um die Frage psychischer, physischer oder sexueller Gewalt (als Massenphänomen), sondern eher um die Frage der Beständigkeit der Bezugspersonen. Die liegt aber nicht im Focus der Öffentlichkeit und damit auch nicht der Politiker. Nur so, läßt sich erklären das ein Rechts(tat)bestand wie der BAGS-KV so konsequent - siehe oben - ignoriert bzw. "(juridisch-)halbseiden abgebildet" werden kann - durchgewunken von den Verfassungsjuristen der Landtage und abgezeichnet im Verordnungswege von auf die Verfassung vereidigten Landeshauptleuten jeglicher Couleur.
kaffstadt, 17. 07. '10 13:59
Und Papa Ringel schaute zu... (06)
- selbst wenn das professionell geführte Kleinheim, die Wohngemeinschaft, längst die ideologisch-bestimmte Groß(verwahr)anstalt abgelöst hat - doch gelegentlich zu Entgleisungen kommt. Opferausgleich ist eine wichtige und schon die längste Zeit anstehende Sache. Man sollte, aber auch die Prävention im Auge haben. Kinder und Jugendliche werden auch - unverprügelt und nicht mißbraucht - zu Opfern, wenn ihre BetreuerInnen ständig wechseln, weil es ihnen die finanziellen und strukturellen Arbeitsbedingungen nicht mehr ermöglichen, auf Dauer mit ihnen zu "leben"(wie es noch der österreichische Pionier der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern, Fritz Redl, empfahl). Wo aber soll die Stabilität der Kinderseelen herkommen, wenn die Stabilität beim "(dauer-)frustrierten" Personal schon
kaffstadt, 17. 07. '10 13:54
Und Papa Ringel schaute zu... (05)
im protestantischen Milieu) herkommt (ist natürlich ersetzbar durch beliebige andere Ideologien). - Schön, dass nun alle heutigen politisch Verantwortlichen gegenüber dem, was in der Vergangenheit geschah, "sooo betroffen" sind. Nix merkt man aber von dieser Betroffenheit, wenn es darum geht, den für diesen Bereich seit Jahren geltenden BAGS-KV schlicht und einfach durch Ignorieren auszusetzen und zu -sitzen. Mitverantwortlich soll dafür auch der Gemeindeverbandspräsident sein: jener Mann, der angesichts des drohenden Bankrotts der Kommunalkredit und der chronischen Unterfinanzierung der Dorfbürgermeister beinahe in Tränen ausbrach. Man geht also nach wie vor mit den in diesem Felde Tätigen zynisch um und wundert sich dann, wenn's aus personeller und struktureller Überforderung
kaffstadt, 17. 07. '10 13:50
Und Papa Ringel schaute zu... (04)
zwischen "Zwangsjacken" (die "andere" Form der "Korrektur") herumzuturnen. - Übrigens gibt's ein paar interessante Filme zur "Gesellschafts-/Zivilisations-Fähigmachung" von "Misfits", die die Ideologie von "Korrektur-Anstalten" ganz gut beschreiben:
"Die unbarmherzigen Schwestern" (irische Heime für "gefallene" Mädchen, die's im katholischen Irland bis in die 70er Jahre gab). Mit der "Zivilisierung/Christiansierung" der "Wilden" (Eingeborenen) beschäftigt sich der Spielfilm "Long Walk Home" (Australien - Aborigines) und die Dokumentation "Eine von vielen - Wir sind Indianer" (da geht's um die Umerziehung in Internaten bzw. die Zwangsadoption indianischer Kinder in Kanada von 1879 bis 1970). - Da weiß man einfach, wo der flotte Spruch, "Dich werden wir auch noch katholisch machen" (auch
kaffstadt, 17. 07. '10 13:47
Und Papa Ringel schaute zu... (03)
auch keinen Finger gerührt, um die Situation für seine "Untersuchungs-OBJEKTE" auch nur einen Deut zu verbessern. Man kommt da in Schuld-Fragen, die denen in der Nazi-Zeit nicht unähnlich sind: wer handelt schuldhafter, die kleinen (fachlich, charakterlich und stukturell-institutionell "überforderten") Deppen, die sich (womöglich auch, um eigene Sadismen auszuleben) die Hände schmutzig gemacht haben oder die "Weißkittel" an den Schnittstellen, die keinen unmittelbaren Handlungsbedarf (einfach so aus "naiver" Menschlichkeit heraus) gesehen haben, weil das halt damals "Stand der 'Wissenschaft'" war. Natürlich ist aus der Sicht des konkret betroffenen Opfers der Sadist, der ihm alltäglich begegnet, noch viel schmerzlicher spürbar, als die "Fachaufsicht", die's ihm immerhin ermöglicht "frei"
kaffstadt, 17. 07. '10 13:44
Und Papa Ringel schaute zu... (02)
Schlimmer, wenn's so war, wie geschildert, erscheint mir das Dabeistehen und Zuschauen eines späteren Vorzeige-Gutmenschen, nämlich Erwin Ringel (der, der später, so wunderbar die Punschkrapferl-Charakterstruktur "des Kärntners" beschrieben hat. Wiewohl natürlich ein später Geläuterter immer noch sympathischer ist wie ein Fundamentalverdränger und Biographieradierer). Da kann man sich einfach nicht vorstellen, dass der Herr Facharzt oder Primar im damaligen Autoritätsgefüge nicht das Pouvoir gehabt hätte, Mißstände auch abzustellen oder zumindest anzusprechen.
Das wieder erinnert an die segensreichen "Entdecker des Hospitalismus", John Bowlby und René Spitz. Da hat der gute Hr. Bowlby ebenfalls eine tolle "Bindungstheorie" entwickelt, aber im hierarchischen System Kinderheim
kaffstadt, 17. 07. '10 13:41
Und Papa Ringel schaute zu... (01)
Ich kann zwar nicht einschätzen, wie weit die Zeitzeugin "über"dramatisiert hat, um für die Redakteurin ausreichend interessant zu werden. "der Schwester den Schleier herunter" reißen, scheint mir in einer doch recht autoritär geprägten Zeit etwas ungewöhnlich bis beinahe selbstmörderisch und inszenatorisch eher von heutigen Action-Movies geprägt; außer der Zögling war tatsächlich out of jeglicher (self-)control - aus Verwahrlosung (das kann man sich wieder vor dem Hintergrund des [wenn auch inzestuös-] kommunistischen Elternhauses schwer vorstellen. Die "Kummerln" wie auch die "Sozis" waren damals an der Basis - vielleicht weniger in Künstler- und Intellektuellenkreisen - bekanntlich eher rigid als besonders libertär) oder aus einer tatsächlichen psychiatrischen Indikation heraus.
ewoewo, 17. 07. '10 12:52
wer ist heute opfer?
es sind die taeter noch immer fuer den staat taetig und es hat sich nichts geaendert daher kann man nur hoffen, dass die opfer heute wege finden sich zu artikulieren.
derpradler, 17. 07. '10 10:46
Es ist leider so!
Die Staaten sind die grausamsten Ungeheuer und leider werden diese Ungeheuer nie zur Verantwortung gezogen.
Fürsorgezögling, 17. 07. '10 10:57
Re: Es ist leider so!
"Der Staat" auf politischer und dadurch gesellschaftlicher Ebene kennt keine Scham, Verantwortung noch Empathie. Ansonsten würde sich die Regierung nicht in Permanenz weigern sich diesen Verbrechen zu stellen. Dies indem sie eine unabhängige Kommission einrichtet, diese Verbrechen untersucht, dokumentiert und den Missbrauchten, auch wenn die Fälle juristisch verjährt sind, helfend zur Seite steht. So sind diese Missbrauchten wie damals, als man sie schändete,nicht mehr und weniger als Ballast in der schönen,verlogenen heilen Welt der Frechen und Ahnungslosen. Ahnungslosigkeit ist keine Entschuldigung, Niedertracht und Stumpfsinnigkeit jedoch noch weniger. Einmal sogenanntes "Opfer", immer! "Opfer".
muttutgut, 16. 07. '10 17:06
die traumatische Erfahrung als Falle
Der Artikel zeigt eindrucksvoll wie unaufhaltsam eine Traumaerfahrung zum Lebensautobahn wird, von der aber keine Ausfahrten in eine bessere Welt existieren. Das geht soweit, dass die Kerkerzelle heute wieder eingerichtet werden muss. Es ist das Vertraute und nicht das Bessere, das hier angestrebt wird. Das galt in diesem Fall wohl auch für die Partnerwahl.
Egal wie alt ein traumatisierter Mensch ist, eine Therapie kann neue, bessere Wege der Lebensführung auftun.
Frau Meinharts journalistisches Engagement für Gewaltopfer finde ich äußerst lobenswert. Danke!
Fürsorgezögling, 17. 07. '10 10:49
Re: die traumatische Erfahrung als Falle
Frau Meinhart wurde dafür am 8.Jui 2010 mit dem
Claus Gatterer-Preis ausgezeichnet. Das möchte ich gerne erwähnt haben. mfG
Fürsorgezögling, 17. 07. '10 11:02
Re: die traumatische Erfahrung als Falle
Soll 8.JuLi heißen ;-) Sorry, die Hitze.
Fürsorgezögling, 13. 07. '10 10:40
Über die Niedertracht der Republik diese Fälle NICHT
in einer eigenen Kommission aufarbeiten zu wollen, müsste ich eine Endlosschleife Thomas Bernhard'scher Befunde zitieren.
Fürsorgezögling, 12. 07. '10 21:07
Ein Dank an Frau Mag.a Edith Meinhart
für diese Geschichte.