Christian Rainer
Prölls Realverfassung

Der Finanzminister leistet einen Offenbarungseid. Erfreulich ehrlich oder brandgefährlich?

Seine Worte sind in der verbalen Gemengelage des Sommers untergegangen. Schade. Sie hätten es verdient, Angelpunkt einer politischen Auseinandersetzung zu werden. Dieser Plan sei „angesichts der Realverfassung utopisch“, das sagte Josef Pröll über die Bemühungen der Unterrichtsministerin, Kompetenzen im Dienstrecht der Lehrer weg von den Ländern und hin zum Bund zu verlagern.

„Schützt die Lehrer vor den Ländern“, unter diesem Titel schrieb ich vor zwei Wochen einen Kommentar, der sich mit der Sinnhaftigkeit jener Forderung von Claudia Schmied auseinandersetzte. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Spannender: Was bedeutet es, wenn ein Vizekanzler, Finanzminister und Parteichef erklärt, dass die tatsächlichen Machtverhältnisse im Staat nicht deckungsgleich sind mit dem aufgrund der Rechtslage anzunehmenden Machtgefüge, wenn er zugleich zugibt, dass jene Realität stärker ist als die Formalität – und dass er sich mit diesem Zustand abzufinden gedenkt?

Ein Schritt zurück. Was meinte Josef Pröll mit seiner Aussage genau? Er meinte damit einerseits, dass die Macht der Landeshauptleute so stark ist, dass der Bund sich nicht gegen die Länder durchsetzen kann. Das ist schon aus demokratiepolitischem Blickwinkel überraschend. Es bedeutet nämlich: Im Zweifelsfall sind die Landesfürsten – einzeln oder gemeinsam – mächtiger als das Parlament und die Regierung in Wien, zumindest aber gleich mächtig, und damit sind sie in der Lage, jedes Vorhaben des Nationalrats, eines Ministers, des Kanzlers zu verhindern oder gar eigene ­
Pläne gegen den Willen des Bundes durchzu­setzen.

Diese „Realverfassung“ entspricht weder dem Buchstaben noch der Intention der österreichischen Bundesverfassung. Etwas extensiv ausgelegt, bedeutet diese Sichtweise nämlich, dass die Länder nicht nur jedes einfache Gesetzesvorhaben des Parlaments verhindern können, sondern auch alle mit Zweidrittelmehrheit zu beschließenden „echten“ Verfassungsgesetze. Die Quintessenz: Die Länder oder möglicherweise gar die Landeshauptleute selbst sind stärker als die demokratisch gewählten Abgeordneten in Wien und stehen damit in der „realen“ Machtpyramide über dem Volk.

Sonderlich demokratisch ist das nicht. Außer man wollte die föderalistische Komponente der Bundesverfassung in einer Art betonen, wie sie dort nicht vorgesehen ist – womit man aus dem Bundesstaat Österreich einen Staaten- beziehungsweise Länderbund machen würde.

Der ÖVP-Chef hat also mit wenigen Worten und in seltener Offenheit die wahren Machtverhältnisse im Lande umschrieben. Darüber hinaus – beinahe ebenso überraschend – hat er aber auch seine Kapitulation vor diesen Verhältnissen abgegeben, indem er ein Ankämpfen dagegen für ein „utopisches“ Unterfangen hält, offensichtlich aber nicht, weil er die Pläne der Unterrichtsministerin für falsch hält.

Schmied selbst bezeichnete Prölls Aussage in einem „Kurier“-Interview als „erschreckend“, sie vermisse jede Bereitschaft des Finanzministers, für ihre Reform zu kämpfen. Tatsächlich zeugt eine derart bedingungslose Unterwerfungserklärung von mäßig ausgeprägtem Gestaltungswillen in einem der wichtigsten Themenkomplexe, die diese ­Regierung zu bearbeiten hat – bei der Bildung.

Prölls Worte und sein Verhalten wären freilich nicht so bemerkenswert, stünden sie nicht als Symptom für eine Systematik, von der jeder Staat ein wenig, die Republik Österreich aber ganz besonders beherrscht wird. Weniger subtil kann man diese Systematik als Verflechtungen bezeichnen und gar nicht subtil als Machtklüngelei.

So erweist es sich natürlich als schwierig, wenn der Finanzminister zugleich Vizekanzler und ÖVP-Chef ist. Als Minister müsste er für kostenbewusste Verwaltung und damit für eine Zentralisierung der Lehreragenden kämpfen. Als schwarzer Vizekanzler hingegen kann er nicht einfach die Pläne einer roten Ministerin unterstützen. Als ÖVP-Chef schließlich – Prölls persönlichste Realverfassung – hat er ziemlich bedingungslos auf die Granden in seiner Partei Rücksicht zu nehmen und damit vor allem auf die Landeshauptleute und ihre Interessen. Bei Josef Pröll noch zusätzlich pikant wie erschwerend: das Verwandtschaftsverhältnis zum mächtigsten schwarzen Landeschef, der den Disput um die Lehrer ausgelöst hatte.

In der Sozialdemokratie liegen die Machtschichtungen natürlich
ähnlich. Werner Faymann ist als Kanzler der Regierungsarbeit verpflichtet, als SPÖ-Chef den Schwergewichten der Partei wie der Gewerkschaft und dem Landeshauptmann der Steiermark, darüber hinaus seiner politischen Basis in Wien.

Österreich, ein Land mit Realverfassung. Und ohne das mindeste Interesse der Mächtigen, dieses ihnen eigene Machtgefüge zu stören.

christian.rainer@profil.at

4.9.2010 13:58
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derpradler, 21. 10. '10 18:01
Sie werden es auch
nie begreifen, daß es keine Sozialdemokratie mehr gibt. Was wieder beweist, daß Sie auch zu jenen Zeitgenossen gehören, die von Sozialdemokratie absolut keine Ahnung haben!
fammayer1, 13. 09. '10 16:35
als Reformer angetreten und von Links rot ausgebremst worden
Der erste Schwung ist einmal raus, die angenehme Dynamik und der Reformgeist einmals ausgebremst. Schad!

Also weiter im Proporz :-(
milomike, 06. 09. '10 15:14
Die "Realverfassung" ist uralt und global
Die sogenannte "Realverfassung" ist ein weltweites politisches Phänomen und keineswegs auf Österreich beschränkt. Überall, wo Politik gemacht wird, ob diesseits oder jenseits des Atlantik, gibt es das Spannungsfeld der sogenannten "Realverfassung" und einer im Tabernakelschrank des Populismus aufbewahrten "Verfassung" - ähnlich einer mysteriösen Bundeslade in einem Allerheiligsten aufbewahrt.

Ich neige zu "erfreulich ehrlich" - weil brandgefährlich wird es wohl, wenn alle so tun, als gäbe es keine "Realverfassung".

Würde man in diesem Kommentar anstelle "Österreich" beispielsweise "USA" einsetzen - käme man zum selben Schluß: Die USA, ein Land mit Realverfassung. Und ohne das mindeste Interesse der Mächtigen, dieses ihenen eigene Machtgefüge zu stören.
vornö, 05. 09. '10 19:35
föderalsitisches Prinzip
Pröll meinte im Interview auch: "Soll man zu den Ländern immer nur Nein sagen?" Wie leben nun mal in einem Bundesstaat. Bis die Verfassung reformeirt wird, haben wir uns auch am Föderalismus zu orientieren. Dieser besagt, dass die Staatsgewalt zwischen Gesamt- und Gliedstaaten geteilt ist. Immer nur Kompetenzen für den Bund zu fordern, ohne über eine sinnvolle Aufgabenverteilung nachzudenken, ist nicht genug.
Man sollte sich auch eines überlegen: Landtage abschaffen heißt Demokratie reduzieren. Wer will mir weis machen, dass die österreichische Demokratie gestärkt wird, in dem man weniger wählt? Ich kann mich noch gut an die heillose Empörung erinnern, als die Legislaturperiode von 4 auf 5 Jahre verlängert wurde. Wo bleiben die Advokaten der Demokratie jetzt?
Mardi, 07. 09. '10 17:34
Re: föderalsitisches Prinzip
Erstens leben wir in keiner Demokratie sondern in einem Parteienstaat, und da reicht es wenn im Parlament 183 primär den Parteien und nicht den Wählern verpflichtete Abgeordnete herumhocken.
Zweitens benötigen wir keine 10-fache Gesetzgebung und die damit verbundenen Kosten. Die Länder kosten dank Ihrer Verschwendungssucht rund 10 Mrd jährlich, die man einsparen und sinnvoller verwenden könnte (nach Budgetkonsolidierung). Wem der Föderalismus in der heutigen Form diese 10 Mrd wert sind, der möge dafür aufkommen - ich will es nicht. Wir haben eine Belastungsquote von jenseits 45% des BIP, die Schweiz kommt auf knapp über 30% - das sollte auch für uns das Ziel sein. Daher weg mit den Landtagen, etc...
Mardi, 05. 09. '10 18:14
Die Länder abschaffen
Diese Realverfassung ist nicht neu, und auch der Verfassungsbruch der Regierung ist Ausfluss dieses erbärmlichen Zustands, ebenso die Aufgabe einer rein ausgabenseitigen Budgetsanierung, denn dann müßte man endlich eine Bundesstaatsreform durchführen, die sich gewaschen hat.
Was es braucht ist ein Volksbegehren den Föderalismus in der heutigen Form abzuschaffen, weg mit den Landtagen und 9 überflüssigen lähmenden Wahlen!
fammayer1, 13. 09. '10 16:36
Re: Die Länder abschaffen
und dann eine Zentralregierung in Brüssel und eine Marionetten-Regierung in der Bundeshauptstadt?

think twice Mardi
Lubino, 04. 09. '10 22:20
Ich bin dafür,
den Journalisten den Gebrauch des Wortes "Gemengelage" ab sofort zu verbieten!