Nicole Schmidt
Zurück in die Vergangenheit (I)
- Die Welt vor 40 Jahren
September 1970. Darf ein österreichischer Unterrichtsminister in einer TV-Unterhaltungsendung mitwirken? Mit dieser Frage sah sich der junge SPÖ-Minister Leopold Gratz im internationalen Jahr der Bildung konfrontiert. Die Einladung des Fernsehens, als Interviewer einer Durchschnittsfamilie in der Sendung Wünsch dir was vom 12. September 1970 mitzuspielen, nahm er erst nach eingehender Beratung mit Kollegen und Rücksprache mit seinem Chef, dem Bundeskanzler, an, notierte profil in seiner ersten Ausgabe unter dem Rubriktitel werwowarum. Schließlich war der Eklat um die durchsichtige Bluse einer 18-jährigen Wünsch dir was-Teilnehmerin wenige Wochen zuvor samt Bombendrohungen, Schmähbriefen, Drohanrufen und empört protestierenden Kirchenverbänden noch in bester Erinnerung. Bruno Kreisky gab Gratz grünes Licht.
Als profil am 7. September 1970 zum ersten Mal erschien, war Kreisky als Chef einer SPÖ-Minderheitsregierung gerade sechs Monate im Amt und Österreichs Rennfahrerlegende Jochen Rindt seit zwei Tagen tot. Brasilien hatte den Fußballweltmeistertitel erkämpft, der legendäre österreichische Gynäkologe Hermann Knaus (Knaus-Ogino-Methode) war soeben in Graz zu Grabe getragen worden und das spätere deutsche Supermodel Claudia Schiffer knapp 14 Tage alt. In Wien durften erstmals Frauen eine Straßenbahn lenken, in den USA gab es mit Anna Mae Hays und Elizabeth S. Hoisington die ersten weiblichen Generäle. Und die Musikfans in aller Welt waren seit fünf Monaten damit beschäftigt, sich vom Schock des Jahres zu erholen: der Trennung der Beatles. Wien lag trotzdem im Popfieber: Am 26. September sollten die Rolling Stones in der seit Wochen ausverkauften Stadthalle aufgeigen erstmals mit Mick Taylor statt des im Jahr zuvor verstorbenen Brian Jones.
In der ersten profil-Bestsellerliste lag bei den Sachbüchern Jean-Jacques Servan-Schreibers Die befreite Gesellschaft auf Platz eins, gefolgt von zwei Prä-Astronautik-Bestsellern des Schweizers Erich von Daeniken. Die Belletristik-Liste führte Henri Charrière mit Papillon an, auf Platz 2 lag Hildegard Knefs Der geschenkte Gaul. Zwei Plätze hinter Peter Handkes Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (4) firmierte Alexander Solschenizyn, der rund einen Monat später als Träger des Literaturnobelpreises feststand.
In Deutschland war Willy Brandt Kanzler und der Terror der RAF im Vormarsch, Ende September überfiel die Baader-Meinhof-Gruppe drei Banken in Berlin. Beute: über 200.000 D-Mark.
Die Hitparade der Vornamen für Neugeborene führten Nicole und Claudia sowie Michael und Stefan an. Jeder vierte Deutsche war stolzer Autobesitzer, als Verkaufsschlager des Jahres erwies sich der VW K 70, als Antwort auf den Ford Capri brachte Opel das Manta A-Coupé auf den Markt. Die Musik-Charts dominierten Simon & Garfunkel (El Condor pasa), Mungo Jerry (In the Summertime) und Miguel Rios (A Song Of Joy) neben den Beatles (Let It Be), Led Zeppelin, Deep Purple und Joni Mitchell. In Deutschland verlief der Musikgeschmack zwischen Roy Black und Amon Düül, in den USA eroberte die Jackson Five die Bühnen.
Und noch zwei prominente Todesfälle brachte der September vor 40 Jahren: Am 28. riss der Tod von Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser eine Lücke ins Nahost-Machtgefüge, zehn Tage vorher stockte der Popwelt der Atem: Gitarrenvirtuose Jimi Hendrix starb 27-jährig in London.
Nächste Woche:
Salvador Allende wird Präsident von Chile, die Rocksängerin Janis Joplin stirbt und profil widmet sich in seiner zweiten Ausgabe den Geheimnissen der österreichischen Parteienfinanzierung.
schmidt.nicole@profil.at
























