Michael Nikbakhsh
Blindlings

Claudia Bandion-Ortner trägt keine Schuld an der Misere des österreichischen Justizsystems. Sie ist bloß deren Produkt.

Es sind – einmal mehr – beängstigende Daten, welche das Meinungsforschungsinstitut Karmasin der profil-Redaktion vergangene Woche übermittelte. Im Rahmen der alljährlichen Umfrage „Wem vertrauen Sie jetzt noch weniger als noch vor einem Jahr?“ nannten 55 Prozent der Befragten spontan das „Rechtssystem“. Das reichte, wie schon im Jahr 2009, ganz locker für einen der Spitzenplätze (etwa gleichauf mit „Bundesregierung“, „Banken“ und „ORF“).

Nun sind derlei Umfragen prinzipiell unter Vorbehalt zu interpretieren. Es kommt schließlich nicht nur darauf an, wen man fragt, sondern vor allem auch darauf, was die Befragten mit dem jeweiligen Begriff assoziieren. Und da ist der Weg von „Rechtssystem“ zu „Claudia Bandion-Ortner“ nicht sehr weit. Am 15. Jänner 2011 jährt sich ihr Amtsantritt als Bundesministerin für Justiz der Republik Österreich zum zweiten Mal. Und sollte sie überhaupt einen Grund zum Feiern haben, dann allenfalls den, dass sie immer noch im Amt ist.

Bandion-Ortner brauchte keine 24 Monate, um den Bonus der quietschfidelen Quereinsteigerin vollends zu verspielen. Kaum ein Regierungsmitglied, dem vonseiten der Opposition inzwischen so oft der Rücktritt angetragen wurde. Schräge Auftritte auf dem Society-Parkett, Busspur-Privilegien, nebulose Vorgänge bei so genannten clamorosen Causen im Allgemeinen, Mauscheleien mit Karl-Heinz Grassers Anwalt im Besonderen, rechtswidrige Beschuldigteneinvernahmen zweier profil-Journalisten, nicht zuletzt und vor allem die jüngst vom OGH zerpflückten Bawag-Urteile (welche ihr bekanntlich überhaupt erst den Einstieg in die Politik verschafften): All das war dem öffentlichen Ansehen der ranghöchsten Repräsentantin des Justizapparats nicht eben zuträglich – wie auch jenem des Apparats selbst.

Und dennoch: Bandion-Ortner die alleinige Verantwortung für die Malaise umzuhängen griffe viel zu kurz. Die Probleme bestanden schon vor ihrer Zeit; und ohne grundlegende Systemreform blieben sie auch im Falle ihrer (ohnehin unwahrscheinlichen) Demission bestehen. Oder, wie ein erfahrener Staatsanwalt jüngst in kleinem Kreise monierte: „Wir schaffen es einfach nicht, uns zu erklären.“

Die amtierende Ministerin ist letztlich nicht viel mehr als das Produkt eines Rechtssystems, dessen Selbstverständnis nicht erst seit gestern irgendwo zwischen Unfehlbarkeit und Unnahbarkeit oszilliert. Die Justiz tut, was sie tut, weil sie es kann, irrt dabei nie und schuldet folglich auch niemandem Rechenschaft. Sie wirkt wie ein amorphes Etwas, das sich mal schneller, mal langsamer und dann wieder gar nicht bewegt.

Je nachdem. In Wiener Neustadt sitzen derzeit 13 Tierschützer auf der Anklagebank, weil sie eine „kriminelle Vereinigung“ gebildet haben sollen – das Gebaren von Richterin Sonja Arleth an bisher 63 (!) Verhandlungstagen treibt dabei sogar erfahrenen Strafrechtlern die Schamesröte ins Gesicht. Vor ebendiesem Gericht hätte sich eigentlich längst auch André Rettberg, einst Chef der 2001 kollabierten Handelskette Libro, verantworten müssen. Die Anklageschrift liegt zwar schon seit Herbst 2009 vor. Zu einem Prozess ist es – aus welchen Gründen auch immer – bis heute nicht gekommen.
Wie wäre es mit Karl-Heinz Grasser und Equipage? Julius Meinl? Karl Petrikovics? Alfons Mensdorff-Pouilly? Ernst Strasser? Tilo Berlin? Den Verantwortlichen des Wiener Flughafens? Der Hypo Niederösterreich? Der ÖBB? Der Bundesbuchhaltungsagentur?

Je prominenter die Causa, umso auffallender Justitias Lustlosigkeit (bis hin zur Verjährung) – doch genau daran wird das Justizsystem gemessen.
Die Einleitung von Untersuchungen, die Einstellung derselben, Weisungen der Ministerin an subalterne Staatsanwälte: All das fällt hierzulande unter das bis zur Unglaubwürdigkeit strapazierte „Amtsgeheimnis“, wobei längst nicht mehr klar ist, wessen Interessen damit eigentlich geschützt werden sollen.

Es klingt nachgerade zynisch, wenn Claudia Bandion-Ortner, wie jüngst in einem ORF-Interview, beteuert, dass „Richter zur Wahrheitsfindung verpflichtet sind“ (die an sich völlig richtige Feststellung schließt auch Staatsanwälte mit ein).

Gerade Bandion-Ortner hat im Bawag-Prozess – in trauter Zweisamkeit mit dem damaligen Chefankläger und nunmehrigen Kabinettschef Georg Krakow – den Beweis angetreten, dass dem eben nicht immer so ist. Dank des manifesten Desinteresses der beiden ist heute völlig unklar, was „Investmentberater“ Wolfgang Flöttl mit den ihm anvertrauten Bawag-Millionen seinerzeit wirklich angestellt hat. Der OGH hat das Flöttl-Urteil bekanntlich aufgehoben. Diese Schlüsselfrage müsste nun in einem neuen Prozess geklärt werden. Vielleicht. Oder auch nicht.

michael.nikbakhsh@profil.at

31.12.2010 13:57
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reschS, 09. 01. '11 06:37
bagger bandion
Spätestens seit der Aktion unserer Justizministerin "Baggern in Kärnten" muss einen als wachen, mündigen Bürger, der sich Gedanken zum Rechtsstaat und -system macht, alles klar sein. Als sich Bandion-Ortner im Sommer 2010 an einen Ort begab, an dem sie so gut wie gar nichts verloren hatte - dem Baggerplatz am Wörthersee - war doch sonnenklar was hier abgeht. Mit etwas weniger Zug zur Schickeria und etwas mehr politischem Gespür hätte die Ministerin auf dem Weg nach Kärnten kehrtgemacht. Es musste ihr klar sein, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Leuten begegnen würde, die in die Causa Haider-Liechtenstein-Millionen verstrickt sind. Zu einem solchen Milieu Distanz zu halten, ist die Pflicht einer Justizministerin. Also wenn da noch jemand an der Karmasin-Umfrage zweifelt... tzztzz...
Lubino, 05. 01. '11 23:43
Eine gruselige, aber hierzulande stets gültige Regel:
Österreichs unfähigste Richterinnen tragen alle einen Doppelnamen!
caleidoscope, 05. 01. '11 01:35
Unvollständige Spurensuche
Zwar hat Hr. Nikbakhsh recht, daß die Schieflage der Justiz nicht erst mit BM B.-O. begonnen hat, bringt aber für diese These kaum Belege. Ich gehe davon aus, daß die fraglos stattzufinden habende Nachuntersuchung des Wr. Neustädter Skandalprozesses gegen die Tierschützer einen der Gründe ausfindig machen wird: nämlich die Rechtslastigkeit eines Teiles des Personals der Justiz. Der andere Grund ist der indirekte Einfluß der Politik u. Wirtschaft. Ein dritter, struktureller, Grund ist die zielgerichtete Ausnützung des Umstandes, daß gut ausgebildete Wirtschaftsjuristen, die österr., internationales, und EU-Wirtschaftsrecht kennen, von der Wirtschaft einfach aufgekauft worden sind, sodaß von Waffengleichheit nicht die Rede sein kann. Letzteres wurde schon bei den EU-Fighter-UA deutlich.
hinterfrage, 04. 01. '11 11:36
Beängstigend?! Aber warum? Die Frage, woraus solche Umfragewerte resultieren...
sollte gerade ein Journalist am besten beantworten können. Ich bezweifle, dass der Großteil der Befragten im letzten Jahr direkten Kontakt mit der Justiz hatte und sich die Bewertung auf persönliche Wahrnehmungen stützt. Das Bild der Justiz in der Öffentlichkeit wird vielmehr davon geprägt, was die Medien transportieren. Da die Justiz gerade in laufenden Ermittlungsverfahren naturgemäß wenige Fakten preisgeben kann, während Beschuldigte die Medien mit ihren Darstellungen überhäufen, bleibt viel Raum für Spekulationen, die für Journalisten wiederum ein gefundenes Fressen sind. Über den eigenen Einfluss auf derartige Umfrageergebnisse dürften sich diese sehr wohl bewusst sein. Dass die Umfragewerte beängstigend seien, wirkt da geradezu zynisch...
caleidoscope, 05. 01. '11 01:40
Re: Beängstigend?! Aber warum?
Machen Sie Ihr Schminkköfferchen wieder zu! So viel Farbe können Sie gar nicht auftreiben, um diesem offensichtlich gewordenen Hintern ein erkennbares Antlitz aufzuschminken, gescheige denn den Gestank zu übertünchen.
wRuzi, 03. 01. '11 19:53
Zu den vorherigen ...
... ich entschuldige mich für die orthographischen Fehler, die aufgrund der nicht so optimalen Werkzeuge der EDV einfach so entstanden sind, wie sie sind ...
wR
(war 20 Jahre übrigens Prgrammierer ...)
wRuzi, 03. 01. '11 19:47
Mehr Praktisches ...
... kommt mir in den Sinn - von der Fürchterlichkeit des ursprünglichen Satzes weicht das nicht ab sondern bestätigt ihn bloß -, wenn ich an das Kaprun-Urteil denke: Die Firma, die nicht sagt, daß man/frau einen Heizlüfter nicht vor einem hydraulischem System einbauen soll, wird als schuldig hingestellt; NICHT DIE, die das getan haben (Binsenweisheit: sowas führt zu einem Brand) und DIE, die das provoziert haben, weil sie keine Heizung für ihre "Mitarbeiter" zur Verfügung gestellt haben (wenn mir kalt ist, komm' ich auch diverse gefährliche Gedanken, mich zu wärmen! Ist legitim!).
Kurz: das System verurteilt die Falschen. Die Deutschen waren im Aufarbeiten der Vergangenheit immer schon besser als wir Österreicher ...
... auch was die (alt-/neu-)braunen Flecken in der Justiz betrifft.
wR
wRuzi, 03. 01. '11 19:25
Als alter Tscheche (wRuzicka)...
... erinnert mich der Satz:
"Die Justiz tut, was sie tut, weil sie es kann, irrt dabei nie und schuldet folglich auch niemandem Rechenschaft."
... fatal an Kafka, In der Strafkolonie.
Die Fürchterlichkeit dieses Satzes hat in meinem Leben schon oft grausam die Weichen gestellt und wird wahrscheinlich erst jedem/r aufgehen, wenn er/sie in ähnlicher Situtuation ähnliches erlebt.
Das System ist - wenn es in sich geschlossen ist - in seiner Fürchterlichkeit einfach nicht fähig, die eigenen Unfähigkeit der Eigenwahrnehmung und damit der (Er-)Lösung aus sich selbst in der eigenen Fürchterlichkeit (Ich bin ich - und als solches nicht mehr hinterfragbar!!!) wahr-zu-nehmen --- und damit zum Scheitern und zum Hinein-Ziehen noch vieler in den Strudel der Selbst=Andere-Vernichtung verdammt.

wR
Mardi, 01. 01. '11 19:28
Da gibt es noch mehr zu hinterfragen
Natürlich ist dem Verbleib der Millionen und dem seltsamen Verlust aller Unterlagen des Herrn Flöttl größtes Interesse zu widmen. Aber warum fragt man nicht auch nach den Zufälligkeiten im kleinen Österreich: Schubladisieren eines kritischen OeNB-Berichts durch die Frau des damaligen AR-Vorstitzenden? Weil das politische Interesse evident ist?
Wulpe, 01. 01. '11 15:15
Möglichweise ...
... (oder hoffentlich?) lassen sich die diversen Ungereimtheiten einfach dadurch erklären, dass Richter und Staatsanwälte vielleicht nicht gerade die Hellsten sind?

Fast alle Kommilitonem, die im ersten Semester das Chemiestudium aufgaben, haben dann erfolgreich die offenbar kognitiv weniger herausfordernden Studien BWL und Jus erfolgreich absolviert. Von dieser geistigen Negativauslese sind dann wahrscheinlich wiederum die am unteren Rand der Intelligenzverteilung angesiedelten in den Staatsdienst gegangen, während die anderen, besseren Juristen sich dem Wettbewerb ausgesetzt haben oder eine akademische Karriere anstrebten.
Wulpe, 01. 01. '11 15:22
..
Ich streiche ein "erfolgreich", und ersetze ein "m" durch ein "n".
upton, 01. 01. '11 08:13
Bandion-Ortner
Im 1. Kabinett Schüssel wurde eine Frau Sickl von der FPÖ angelobt - es stellte sich dann gleich heraus, dass diese Dame eine völlige Fehlbesetztung war. Und denoch stelle ich Frau Sickl ziemlich weit ÜBER Frau Bandion-Ortner, daher ist jeder weiterer Kommentar überflüssig-
Und zum Hampelmann von Erwin Pröll -heißt der micht Josef: Sage mir , wem du zum Minister machst und ich sage dir, wer du bist!
P.Galjasevic, 14. 03. '11 14:40
Re: Bandion-Ortner
Die dauernde "Karmasin-Schleichwerbung" geht mir auf die Nerven.