Peter Michael Lingens
Die Mäander zur „besten Schule“!

Vom Irrglauben, dass nur „unser differenziertes Schulsystem“ oder die „Gesamtschule“ zur „besten Schule“ führen.

Das neue Jahr wird unausweichlich den „Schul-Gipfel“ bringen. ÖVP und SPÖ haben sich schon vorsorglich am Boden einzementiert, indem sie ihre gegenseitigen Schulkonzepte vehementer denn je ablehnen.

Die ÖVP beharrt darauf, dass der „Eintopf“ der Gesamtschule das Ende differenzierter Ausbildung und fast schon des Abendlands bedeutet. Dass diese These durch die fortgesetzten PISA-Erfolge Koreas und Finnlands falsifiziert ist, erschüttert sie nicht weiter – Karl Popper war schließlich, als er die „Logik der Forschung“ verfasste, auch so ein ­unerträglicher Juso.
Die SPÖ beharrt ebenso unerschütterlich darauf, dass die fortgesetzten PISA-Erfolge Koreas und Finnlands beweisen, dass uns nur die Gesamtschule vor dem Absturz in die intellektuelle Wüste bewahren kann.

Es ­erschüttert sie nicht weiter, dass diese These falsifiziert ist, sofern man wissenschaftliche Logik ernst nimmt: Bayern schneidet mit unserem aktuellen Bildungssystem bei PISA hervorragend ab.

Ich habe schon vor Weihnachten behauptet, dass man bei etwas gutem Willen mit beiden Schulsystemen gut lernen kann – sofern man ideologiefreier agiert. Das gilt auch 2011.

Karl Popper hat auch diesbezüglich eine Forderung aufgestellt: dass man in sehr komplexen, gesellschafts­politisch extrem wichtigen Bereichen nie radikale Schritte setzen, sondern sich vorsichtig, aber beharrlich mittels ­„social engineering“ vorantasten möge.

In diesem Sinne glaube ich, dass es deutlich mehr „neue Mittelschulen“ geben sollte und dass man deren PISA-­Erfolge ideologiefreier „evaluieren“ möge. (Um dieses grässliche Wort auch einmal zu gebrauchen.) Gleichzeitig soll man den nahtlosen Übertritt von der Hauptschule in die AHS so ähnlich beschließen, wie die ÖVP ihn neuerdings bei entsprechenden Noten vorschlägt.

Mindestens so wichtig scheinen mir besser ausgebildete Lehrer. In Finnland wird nur einer von sechs Kandidaten für diesen anspruchsvollen Beruf akzeptiert – bei uns reicht gelegentlich das Interesse an langen Ferien.
Dazu kommt die erstaunlich geringe finnische Klassenschülerzahl von durchschnittlich 14,8. Die von ihrem Erfolg her beste Schule, die ich kenne – die im Krieg untergegangene evangelische Privatschule meiner Mutter –, hatte überhaupt nur neun Schülerinnen in ihrer Klasse. Das hat dazu geführt, dass sie mir noch in der achten Klasse AHS locker Nachhilfe nicht nur in Französisch, sondern auch in Physik geben konnte.

Österreich hat eines der höchsten Schulbudgets Europas und die meisten Lehrer pro Schüler der ganzen Welt und verfehlt dennoch ständig die Klassenschülerzahl 25.

Interessanterweise hat die finnische Gesamtschule, wie eine Volksschule, durch die ersten sechs Jahre einen „Klassenlehrer“. Der formt etwas für das finnische System ungemein Wichtiges: eine enge Klassengemeinschaft, in der die besseren Schüler den schwächeren helfen. Das tun zugleich auch Sozialarbeiter und Psychologen, denn dahinter steht eine soziale Grundgesinnung: Alle Beteiligten haben den Wunsch, dass möglichst viele Schüler ein möglichst hohes Bildungsziel erreichen mögen.

Die finnische Schule will nicht „aussieben“, sondern „fördern“. Nach einer durchaus anspruchsvollen zentralen Zwischenprüfung kann man dann in die zwei- bis vierjährige AHS aufrücken. Erst sie hat „Leistungsgruppen“ und verschiedene Fachlehrer. Den Abschluss schaffen 90 Prozent.

Die koreanische Gesamtschule funktioniert von der ­Gesinnung her reichlich anders: Es herrscht gewaltiger Lerndruck, verbunden mit ungeheurem Ehrgeiz der Schüler wie der Eltern. Auch das führt zu hervorragenden Resultaten.

Bei den Engländern wiederum wird auf ständigen Wettkampf gesetzt, und wenn man den wissenschaftlichen Erfolg als Maßstab nimmt, ist das englische Bildungssystem eines der leistungsfähigsten. Ich behaupte einmal mehr: Schule ist etwas unglaublich Komplexes – es gibt „die beste Schule“ nicht. Nur viele Wege, sich ihr anzunähern.

Die Finnen schreiben nur Lernziele vor – wie sie erreicht werden, ist jeder Schulgemeinde überlassen. Es herrscht maximale Schulautonomie, die durch zentrale Prüfungen kontrolliert wird. Das sorgt für Vielfalt und Konkurrenz.

In Österreich herrscht demgegenüber Eintopf. Die ­Politik wird sich die Erstellung von „Lehrplänen“ und vor allem die Bestellung von „Direktoren“ auch in Zukunft nicht nehmen lassen. Auch wenn man die Bestellung noch so ­„objektiviert“, wird es den Schuldirektor ohne Parteibuch ­daher nicht geben. (In Kärnten wurden nach der von Jörg Haider durchgesetzten „Entpolitisierung und Objektivierung“ elf von zwölf Direktionen mit Freiheitlichen besetzt.)

Wenn Österreich trotzdem Vielfalt und Konkurrenz ­haben will, sollte es daher – ich wiederhole mich schon wieder – das Privatschulwesen ausbauen und durch einen Schulscheck adäquat finanzieren: Nur im Wege privater Schul­betreiber kann die „objektive“ Bestellung (und Ablöse) von Direktoren und Lehrern funktionieren.

Wundermittel ist auch diese Privatisierung keines: Schweden, wo sie – wenn auch erst seit Kurzem – praktiziert wird, schneidet bei PISA in etwa wie Österreich ab.

Um wieder auf die Geisteshaltung Karl Poppers zurückzukommen: Man muss beim „social engineering“ an sehr, sehr vielen Schrauben drehen, um sich dem „besten Bildungssystem“ anzunähern.

peter.lingens@profil.at

31.12.2010 14:13
Seite bookmarken bei: ? Hilfe
birdy4020, 24. 01. '11 10:51
gesellschaftlicher stellenwert der bildung?
ich höre immer nur: lehrer besser ausbilden!?
man könnte auch einmal über die einstiegsgehälter sprechen, über das image der lehrer und des systems schule an sich! vielleicht liegt es auch an zu wenig anreizen, dass sich top leute für ein lehrerdasein entscheiden? in finnland hat "lernen" einen hohen gesellschaftlichen stellenwert.
wessen eltern zuhause undifferenziert über die schule herziehen, dürfen sich über mangelnde motivation der kinder nicht wundern!
lugg, 17. 01. '11 09:38
Der kann das nicht
und wie wäre es, einfach die Schule dem Staat wegzunehmen und zu privatisieren? Der Staat kann das nicht!
birdy4020, 24. 01. '11 10:42
Re: Der kann das nicht
das wäre die beste idee! die unrentablen schulen am land würden zugesperrt, bei den lehrern würde man noch mehr sparen, da würden sich sicher die besten leute für den job entscheiden ...
lugg, 25. 01. '11 10:49
Re: Der kann das nicht
Unternehmer sagen, Abgänger öffentlicher Schulen verfügten über so mangelhafte Lese- und Rechtschreibkenntnisse, dass sie nicht einmal zum Antritt einer Lehre befähigt seien und deshalb in Kursen nachgeschult werden müssen, bevor sie überhaupt als Lehrlinge taugen.

Das ist, als müsste man jeden fabriksneuen VW Golf als Erstes einmal in die Werkstatt zur Reparatur bringen, weil er so viele Fehler hat, dass er nicht fahrtauglich ist. Die völlige Pleite des staatlichen Schulwesens.

Dder Staat hat in den vergangenen Jahrzehnten bewiesen, dass er nicht befähigt ist, als Eigentümer Industriebetriebe, Airlines oder Flughäfen zu führen. Warum sollte er ausgerechnet den Betrieb „Schule“ effizient, leistungsorientiert und kundenfreundlich betreiben können?
lugg, 25. 01. '11 10:50
Re: Der kann das nicht
Verbesserung kann nur jene Kur bringen, die auch in den anderen Fällen staatlicher Misswirtschaft angeschlagen hat: völlige Privatisierung, diesfalls der Schulen.
Wie in jeder anderen Branche auch, führte das zu Wettbewerb, damit besseren und effizienteren Angeboten des Produktes „Lehren“ und einem insgesamt viel vielfältigeren und breiteren Markt für Schulen.

Am privaten Schulmarkt würde angeboten, was nachgefragt wird. Das Angebot käme nicht wie jetzt von einer staatlichen „Bildungsproduktionsplanbehörde“, sondern entscheidend wäre die Nachfrage von Eltern und Kindern, so wie bei Nahrungsmitteln, Büchern oder Bekleidung ja auch.
lugg, 25. 01. '11 10:51
Re: Der kann das nicht
Daran müssten auch die vielen tüchtigen und leistungsbereiten Lehrer ein hohes Interesse haben. Im System privater Schulen ist natürlich die Qualität der Lehrer entscheidendes Kriterium dafür, ob eine Schule Erfolg haben wird.
Es würde ein harter Wettbewerb um die besten Lehrer entstehen, was auf deren Einkommen und deren Arbeitsbedingungen günstige Auswirkungen hätte. (Für skeptische Lehrer werden sicher die Betriebsräte einst verstaatlichter und vergammelter Betriebe, die jetzt dank Privatisierung erfolgreich und funkelnd dastehen, gern Auskunft erteilen, wo es sich besser arbeitet).
Derzeit kann ein besonders tüchtiger und fähiger Lehrer für seine Leistungen nicht entsprechend kompensiert werden, was arg motivationsmindernd wirkt.

nach: (“Die Presse”, Print-Ausgabe, 14.01.2011)
m_bruckner, 13. 01. '11 10:02
kleine schritte
führen leider dazu, dass man das große ganze außer augen verliert! wer soll dann entscheiden, wofür die schule da ist, welches grundmodell von gesellschaft damit geförfert werden soll, etc.
http://bit.ly/f7AmMH
felk, 04. 01. '11 11:03
leere Objekte
ich kam seinerzeit in den Genuss, mein erstes AHS-Jahr am BG VI Amerlingstraße im Rahmen eines Schulversuches mit Nachmittagsbetreuung zu verbringen: zwar gab es damals keinen Unterricht am Nachmittag, doch nach einem Mittagessen fanden wir Schüler uns zusammen zum Hausübung schreiben - unter Aufsicht meist einer Lehrerin, die mit Rat und Tat zur Seite stand, wenn es Unklarheiten gab.
Ein weiteres interessantes Modell gibt es in Portugal, wo der Schulbetrieb in zwei Schichten gefahren wird: eine Hälfte der Schüler hat NUR am Vormittag, die andere NUR am Nachmittag Unterricht.
Ergebnis: wesentlich bessere AUSLASTUNG der bei uns übers Jahr nur zu max. 15%(sic!) genutzten Schulgebäude; denn tausende öffentliche Gebäude in tw. bester Lage größtenteils ungenutzt zu lassen, DAS ist wahrer Luxus!
Marius123, 01. 01. '11 19:05
Zustimmung
Sie haben natürlich Recht, es sind viele Maßnahmen erforderlich um die Schule zu verbessern. Fast allen Aussagen in Ihrem Artikel stimme ich zu.
Die gemeinsame Schule der 10- bis 14-jährigen würde nur die starke Abhängigkeit der Bildung der Kinder vom sozialen Status der Eltern reduzieren, sonst nichts.
Die Schulen müßten wieder Lehranstalten werden, derzeit sehen sich die meisten als Prüfungsanstalten zur Selektion der dummen Schüler.
Seit Jahrzehnten werden alle Entscheidungen an den Schulen nur im Interesse der Lehrer getroffen. Das muß sich ändern. Um die erforderliche Änderungen zu finanzieren müssen die Lehrer wieder Volltagsarbeitskräfte werden. Derzeit sind sie die bestbezahlten Halbtagskräfte des Landes.