Christian Rainer
Dafür lieben wir Grasser

Die Unschuldsvermutung am Beispiel einer Selbstanzeige.

1. Warum hat Karl-Heinz Grasser im Herbst 2010 eine Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung eingebracht, warum hat er seine Steuerschuld nachträglich beglichen? Er sagt, weil er seine „Steuern natürlich nochmals überprüft“ und ein Steuerberater ihn auf den Fehler aufmerksam gemacht habe. Ich sage: unglaubwürdig. Viel wahrscheinlicher: Er bekam Angst, erwischt zu werden, und trat deshalb die Flucht nach vorne an.

2. Hat Grasser tatsächlich nicht gewusst, dass er steuerpflichtig war? Er sagt: „Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich dafür Steuern zahlen müsste.“ Ich sage: unglaubwürdig. Viel wahrscheinlicher: Er wusste es. Er selbst hatte nämlich als Finanzminister das Gesetz über die Besteuerung ausländischer Spekulationsgewinne geändert. Zu diesem Zeitpunkt muss ihm fraglos aufgefallen sein, dass er in Kanada (weiterhin) steuerpflichtig ist.

3. Hatte Grasser wirklich „das Geld in Kanada völlig aus den Augen verloren“, wie er sagt? Ich sage: unglaubwürdig. Viel wahrscheinlicher: Er hat seine Vermögenssituation bis ins Detail gekannt und regelmäßig überprüft. Denn als Finanzminister war er mehrfach in den Verdacht der Steuerhinterziehung geraten und musste sich öffentlich erklären.

4. War aber vielleicht die zu bezahlende Steuer so gering, dass Grasser nicht daran dachte, zumal „das Geld mit der Zeit leider Gottes immer weniger wurde“, wie er sagt? Ich sage: unglaubwürdig. Viel wahrscheinlicher: Er hat stets daran gedacht. Das mittlere Bruttojahreseinkommen eines Österreichers betrug 2009 24.449 Euro. Grassers Steuernachzahlung belief sich nach eigenen Angaben auf 20.000 Euro, also auf mehr als ein durchschnittliches Jahresnettogehalt.

5. Warum hat er das Geld überhaupt in Amerika angelegt? Er sagt: Er habe ganz einfach in Kanada „eine Vermögensverwaltung“ gegründet, als er für ein kanadisches Unternehmen arbeitete. Ich sage: unglaubwürdig. Er arbeitete (für Magna) in Österreich und lebte hier. Viel wahrscheinlicher: Er wähnte das Geld in Kanada sicher vor dem österreichischen Fiskus. Damals wusste er nicht, dass er in die Politik zurückkehren würde – und dass er als Finanzminister und erst recht später im Strudel der Buwog-Affäre in den Mittelpunkt des Interesses rücken würde. (Übrigens: Hat Grasser dieses Einkommen in Österreich versteuert, bevor er es in Aktien investierte?)
6. Läuft gegen Grasser eine „Schmutzkampagne“, wie er am vorvergangenen Samstag im Ö1-„Mittagsjournal“ sagte? Ich sage: unglaubwürdig. Wahrscheinlicher: ein Fall von Selbstbesudelung. Sein Anwalt Manfred Ainedter gab am Donnerstag der Vorwoche zu, dass sein Mandant mit der Steuerhinterziehung einen „Fleck auf der weißen Weste“ habe.

7. Läuft gegen ihn aber vielleicht eine „politische“ Schmutzkampagne, so Grasser präzise im „Mittagsjournal“ – aber auch in einer Beschwerde an die Justizministerin, in der er sagt, die Einleitung des Finanzstrafverfahrens gegen ihn sei eine „willkürliche Entscheidung“? Ich sage: unglaubwürdig. Wahrscheinlicher: Er und seine Freunde werden mit Samthandschuhen angefasst. Über Walter Meischberger und Peter Hochegger (und über Karl-Heinz Grasser) ist in den vergangenen Monaten niemals die Untersuchungshaft verhängt worden. Das ist unverständlich und muss mit deren Promi-Status und mit der Verfasstheit der Justiz zu tun haben. Wenn es einen Fall gibt, in dem Verabredungs- und Verdunkelungsgefahr vorliegt, dann wohl diesen. Den Beweis haben die ermittelnden Behörden selbst geliefert: Meischbergers Telefongespräche – die Protokolle einer versuchten Vertuschung.

8. Warum lieben die Österreicher Karl-Heinz Grasser? Grasser sagt (als Zeuge beim Bawag-Prozess zu Richterin Bandion-Ortner): „Wir müssen die Leute unterhalten.“ Ich sage: glaubwürdig. Das dürfte als Qualifikation für einen österreichischen Politiker wahrscheinlich reichen.

christian.rainer@profil.at

29.1.2011 13:14
Seite bookmarken bei: ? Hilfe
eulenauge, 30. 01. '11 12:47
So verdienstvoll es war, daß profil die Malverstionen
im Dunstkreis der kritallifizierten Unschuldsvermutung immer wieder aufgedeckt hat: Inzwischen ist das überflüssig.

Sogar drittklassige VP-Postillen des westlichen Lagerhausumfelds wie die OÖN hauen inzwischen regelmäßig auf den Waschbrettbauch ein:

Ein Bauernopfer muß gebracht werden, um vom politisch Letztverantwortlichen der "Hände-falten-Goschen-halten"-Ära abzulenken, denn es wird immer unwahrscheinlicher, daß Herr Tschüssel so gar nicht mitgekriegt hat, was da unter seinen Augen so alles "privatisiert" wird.

Hat er aber wirklich nichts geahnt, muß er sich wohl weltfremde Blindheit vorhalten lassen.

Natürlich gilt ausnahmslos die Unschuldsvermutung, mangels Anklage wird es auch nie ein Urteil geben.

Abgesehen vom Urteil der Wähler und Historiker.
upton, 30. 01. '11 07:53
Grasser
Falls Grasser -wie es scheint - noch immer zu den beliebtesten (Ex)Politikern in Österreich gehört,zeigt dies den Intelligenzgrad der ÖsterreicherInnen an.
Aber dies ist auch kein Wunder bei dieser Presse und dieser Schule sowie diesem ORF, der die Menschen total verblödet mit Hansi Hinteresser, Franz Posch, Harry Prünster und ähnlichen Gedudel und dazu Rosamunde Pilcher - pfau, was für ein Programm!
muttutgut, 31. 01. '11 20:35
Re: Grasser
Gut, dass Sie die Schule in Ihrer Auflistung der bösen Intelligenzvernichter nicht vergessen haben. Die Schule ist prinzipiell für alles verantwortlich zu machen, was in den Köpfen der Einzelnen und daher ím Staatsganzen schiefläuft.
Ich finde, das ist ein äußerst origineller Denkansatz, der mir bisher beinahe verborgen blieb.
Haben Sie auch schon die Möglichkeit einer Schulreform angedacht, bei der die Schule nur noch kluge Menschen hervorbringt?
Wenn das gelingt, können wir uns flugs der Lösung des Schlechtwetterproblems zuwenden.
hsott, 05. 02. '11 08:31
Re: Grasser
Von wegen Intelligenzgrad: Da schlagen die Kärntner die Österreicher allemal, wo doch 2009 BZÖ/FPK mit 49 % bestätigt wurden. So schauts aus!
Bergdolm, 29. 01. '11 21:29
Grasser steht unter Naturschutz
Solange er nicht eigenhändig - vor Zeugen - seine Schwiegermutter erwürgt, bleibt er der Sunnyboy der Nation.

Grasser und seine Freunderln sind Prototypen von Leistungsträgern, die das Land braucht und liebt.
Das Schüsserl hat schon recht gehabt, dass er "ihn" zum Parteivorsitzenden und zum Kanzler aufbauen wollte.

Und fescher als der Berlusconi ist der Grasser allemal. Und der Cavaliere wird ja auch von seinem Volk mehrheitlich geliebt.

Wenn man ihn nicht bald einbuchtet, wird er wirklich noch österreichischer Bundeskanzler.

Beinahe hätte ich es vergessen: "Es gilt die U... -Haft Notwendigkeit"
macjazz, 29. 01. '11 20:08
Warum lieben die Österreicher Karl-Heinz Grasser?
In den Augen der Bevölkerung gelten eben nicht jene als "klasse Burschen", die etwas leisten, sondern jene, die sich was geleistet haben.