Elfriede Hammerl
Tigermom

Ein brachiales Erziehungskonzept wird gehypt. Kein Wunder, Konkurrenzfixierung ist angesagt.

Das ist jetzt irgendwie blöd. Jahrelang hat sich Evi bemüht, eine gute Mutter zu sein. Gute Mutter im Sinne moderner pädagogischer Erkenntnisse. Kein Zwang, kein Druck, kein Drill. Kinderseelen, hat Evi geglaubt, sind zart und zerbrechlich, vor allem die Seelen der eigenen Kinder. Rücksichtsvoll hat sie sich daher im Umgang mit ihrer Brut zurückgenommen. Eine Löwenmutter, wenn es galt, sie nach außen hin zu verteidigen, aber ein schnurrendes Kätzchen beim Zusammensein mit ihnen.

War nicht immer ganz leicht. Die Umwelt hat oft nicht eingesehen, dass Kinder ihr eigenes Tempo haben. Dass sie Unlust ausagieren müssen. Dass es ihren Stolz verletzen könnte, wenn man ihnen widerspricht.
Manchmal musste sich Evi sehr zusammennehmen, um nicht aus der Rolle zu fallen. Dass ihr Raffi mit zehn noch nicht reif war, die Klospülung zu betätigen, setzte ihr nicht nur geruchsmäßig zu. Und als ihre Lena-Marie während der Sprachferien in Frankreich um schwindelerregende Summen shoppen (statt zum Unterricht) ging, obwohl man ihr eingeschärft hatte, sie bekäme die Kreditkarte nur für Notfälle mit, hätte sie sie danach beinahe angeschrien. Bei näherer Betrachtung sah sie allerdings ein, dass Lena-Marie einfach noch nicht bereit gewesen war, Geld den Stellenwert einzuräumen, den ihre Eltern ihm einräumten. Was auch auf die Notwendigkeit des Fremdsprachenerwerbs zutrifft. Lena-Marie reagiert auf Französisch einstweilen eben mit Unlust, schon gar, wenn es von einer Person vermittelt wird, deren Styling eine Beleidigung fürs Auge ist. Na gut, das hätte sie der Französischlehrerin so nicht sagen müssen, aber wer rechnet denn damit, dass die dermaßen überempfindlich ist.

Und jetzt der Schock. Tigermütter sind angesagt! Und zwar Tiger im Umgang mit den eigenen Kindern, nicht mit anderen Menschen! Statt dass Evi sich im Glanz ihrer mütterlichen Langmut sonnen kann, soll sie auf einmal hart und unerbittlich sein. (Es sei denn, sie wollte als Rabenmutter dastehen, der es egal ist, ob ihre Nachkommenschaft später erfolglos durchs Leben stolpert.)

Das ist nicht leicht, sagt Evi. Sie hat keine Übung im Drillen und Brüllen. Es fehlt ihr – noch – an der Fantasie, sich furchterregende Drohungen auszudenken. Was soll sie Lena-Maries Pony antun wollen für den Fall, dass Lena-­Marie nicht ab sofort ein Sehr gut in Französisch nach Hause bringt?
Hätte sie Raffi mit der Überflutung seines Zimmers drohen sollen, um ihn zum Spülen zu bringen? Und würde es was nützen, ihm abzuverlangen, dass er Klassenbester wird, wo doch seine Mitschüler möglicherweise auch nicht ganz unintelligent – ja, in dieser oder jener Disziplin vielleicht sogar begabter – sein könnten?

Schwierige Fragen. Glücklich, wessen Kinder bereits im nicht mehr erziehbaren Alter sind.

Nein, im Ernst: Warum diskutiert gerade die halbe Welt ein Buch1), in dem eine US-Amerikanerin chinesischer Herkunft beschreibt, wie sie versucht hat, ihre Töchter mit unglaublichem Leistungsdruck zu Siegertypen zu erziehen?

Weil der Westen die Tüchtigkeit der Chinesen fürchtet, heißt es, und sich was von ihren Erfolgsrezepten abschauen will. Doch in China, liest man andererseits, stößt das Buch keineswegs auf Zustimmung. Dort werde die Notwendigkeit unbarmherzigen Drills mittlerweile immer mehr infrage gestellt. Und Amy Chua selber schildert nicht nur, wie ihre Erziehungsmaßnahmen gegriffen, sondern auch, wo sie versagt haben (nämlich bei ihrer jüngeren Tochter). In Interviews sagt sie, es käme wohl darauf an, die Balance zu halten zwischen Leistung fordern und seine Kinder verstehen. Keine wirklich sensationelle Erkenntnis. Trotzdem hat sich die westliche Welt mit Begeisterung auf ihr Buch gestürzt und debattiert die darin beschriebenen Methoden des Zwangs und der unerbittlichen Druckausübung auf Kinder als mögliche Impulse für einen reformierten Erziehungsstil.

Wie es scheint, entspricht Amy Chuas brachiales Ich-trete-dich-an-die-Spitze ziemlich genau dem ideologischen Konzept unserer Gegenwart, das gekennzeichnet ist von beinhartem Wettbewerbsdenken. Jeder gegen jeden. Nur die Starken kommen durch. Ein ungeschminktes Bekenntnis zu konkurrenzfixiertem Egoismus taugt da zur Erziehungsgrundlage eben viel besser als die pädagogischen Relikte einer Zeit, in der man Liebe statt (Wirtschafts-) Krieg machen wollte. Ohnehin hat sich die Idee, dass Kindern mit Respekt und Verständnis zu begegnen sei, damit sie ihrerseits Respekt und Verständnis für andere entwickeln, längst in die Vorstellung verwandelt, es gälte, Respekt und Verständnis (bis hin zur blinden Anbetung) vor allem für die eigenen Kinder einzufordern, gegebenenfalls zulasten aller anderen, Selbstverleugnung inklusive. Von da weg ist es bis zur Tigermutter, die ihre Jungen mit Härte für den harten Konkurrenzkampf stählt, nur mehr ein logischer Schritt.

Traurig, oh ja. Aber vielleicht so traurig auch wiederum nicht, weil: Wer sagt, dass wir der Nabel der Welt sind?

In Nahost führten junge Leute gerade ein ganz anderes Verhaltensmuster vor, bei dem Gemeinsamkeit und Zusammenhalt Stärke verleihen. Ja, klar, niemand weiß, wie es dort weitergeht. Aber was immer auch passiert, die ersten Tage und Wochen der Aufstände gegen korrupte Regime waren auch eine Demonstration für die Notwendigkeit von solidarischem Zusammenwirken.n

elfriede.hammerl@profil.at

www.elfriedehammerl.com

12.2.2011 16:24
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ArangaXania, 17. 02. '11 14:18
Liebe Elfriede, (Teil 2)
Wir wir wissen, können Kinder gut erzogen sein, ohne Drill.

Ich unterrichte Kinder und Jugendliche, und es ist mir wichtig, dass wir alle uns unseres Lebens erfreuen können, im rücksichtsvollen und respektvollen Miteinander.

Den Trend in unseren österreichischen Schulen, der dahingeht, dass Heranwachsende "die Hände an der Hosennaht" haben müssen und sich nicht rühren dürfen, damit gewisse Lehrer sich nicht weiter um die Kinder und Jugendlichen bemühen müssen, diesen Trend lehne ich ab.

Und ich darf sagen, dass die Kinder und Jugendlichen, die in meinen Unterricht kommen, gerne wiederkommen und gute Noten schreiben.

Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen.

Deshalb mag ich nicht, wenn du alles vermanscht und verpanscht, und uns dann etwas "Unausgegorenes" vorsetzt.
ArangaXania, 17. 02. '11 14:11
Liebe Elfriede, was ist das für ein Brei, den du uns da servierst?
Die halbe Welt diskutiert ein Buch?

Die Nord-, die Ost-, die Süd- oder die Westhalbkugel, oder die halbe Menschheit, (von der wir wissen, dass 2 Millarden Menschen auf unserem Planeten nicht lesen und nicht schreiben können)?

Ist es nicht in Wirklichkeit so, dass du wieder einmal maßlos übertreibst, damit du dich emotional hochschaukeln kannst, was dir wieder einmal die Recherche erspart.

Evi hat halbwüchsige Kinder, doch die Menschen in Tunesien und Ägypten, die ihre Diktatoren gestürzt haben, waren keine halbwüchsigen Kinder.

In China leben über 1 Millarde Menschen, die großteils in Städten wohnen, und je dichter das Zusammenleben, desto strenger die Regeln. Außerdem herrscht in China ein menschenverachtendes Regime, und so ist auch die Arbeitswelt dort anders.
lurkerabove, 22. 02. '11 13:51
Es ist auch zu vermuten, dass die chinesischen Kinder
meistens kein Pony haben, mit dem man sie bedrohen kann.

Probleme der gutmenschlichen Oberschicht sind oft Thema von Frau Hammerl. Sehr, sehr traurig, fürwahr!

P.S.:
Für alle, die das chinesische Horoskop nicht kennen: Am 2.2.2011 ging das Jahr des Tigers zu Ende Seither sind die Hasen dran. Wir in Österreich sind halt immer ein bisschen später dran.

P.P.S.:
Am spätesten natürlich der ORF mit der "Generation Weichei" Sendung vom 20.2. Was für ein Schauspiel: Diskussionsleiter, alle anderen Diskutanten und noch dazu die "Experten aus dem Publikum" gegen Bernard Bueb, und trotzdem war letzterer der klare Sieger des Abends.
lurkerabove, 14. 02. '11 11:33
Warum diskutiert gerade die halbe Welt ein Buch ...
Vor 15 Jahren (die USA waren beliebt, Clinton war Präsident ...) wurden zwei amerikanische Teenager in Singapur der Prügelstrafe unterzogen. (Wegen Vandalismus wenn ich mich recht erinnere.)

Dazu gab es eine Karikatur, die ein Kino zeigt, mit einer immens langen Menschenschlange davor. "Tonight: Beavis and Butthead get caned!")

Jede Kultur hat die Aufregungen, die sie sich verdient ...
lurkerabove, 14. 02. '11 11:43
Sorry, schon 17 Jahre her, und nur einer war Amerikaner
http://en.wikipedia.org/wiki/Michael_P._Fay

Aber die Frage "Warum diskutiert die halbe Welt ..." wirft trotzdem ein bezeichnendes Licht auf eine verschreckte politische Klasse. Bücher sind offenbar eines der letzten Ventile für freie Meinungsäusserung in unserer ach so freien westlichen Welt.
nra4ever, 14. 02. '11 10:48
Nur geduld ...
... gehypte US Ratgeber - egal ob Erziehung, Wirtschaft, Diät oder wasimmer ligen in süätestens sechs Monaten in der "ab 3,99" - Wühlkisten und sind in einem Jahr (zu recht) vergessen. Wetten?
lurkerabove, 14. 02. '11 11:29
Re: Nur geduld ...
und dann ist die Alt-68 Nostalgie wieder in Ordnung ...

Wie sagte Karl Kraus einst so treffend:
"Es gibt Sachen, die sind so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist."