Georg Hoffmann-Ostenhof
Herzlich willkommen, Ruby!

Über ein glückliches Land, in dem eine Opernball-Einladung zur Staatsaffäre wird.

Es ist eine Freude, Österreicher zu sein. Es macht Spaß, in diesem Land zu leben. Das kommt einem jetzt wieder zu Bewusstsein. Da ist gerade die Welt im Umbruch. Das Morgenland erlebt eine Revolution. Gaddafis Endkampf droht sein Land in den blutigen Abgrund zu reißen. Der Ölpreis macht ­einen beispiellosen Höhenflug. Und was erregt uns hier? Der Opernball. Und die Frage, ob ein aus Italien eingeflogenes schönes und leichtes Mädchen, das in einer der blumengeschmückten Ball-Loge eines stadtbekannten Lustgreises sitzen soll, diesen Ball nun endgültig ruinieren wird. Ein glückliches Land, fürwahr, in dem solches zur Staatsaffäre wird.

Gut, Feinsein gehört zur Job-Description einer Opernball-Organisatorin. Wie Desirée Treichl-Stürgkh aber da vor Feinheit fast platzte, vor Empörung nach Worten rang und dann herauspresste: „Es ist traurig, beschämend und pietätlos“, war schon sehenswert. (Übrigens: Was ist da pietätlos? Wird am Opernball eine heilige Messe zelebriert, die durch Unzüchtigkeit entweiht zu werden droht?)

Die Stilsicherheit, mit der ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz die Moderatoren und Moderatorinnen in einem Ukas anwies, „den Opernball nicht zum Nuttenball umzufunktionieren“, und vor dem „Logenstrich“ warnte, hat hohen ­Unterhaltungswert. Ein E-Mail des ORF-Generals Wrabetz an Lorenz zeugt von ähnlicher sprachlicher Eleganz, als er ­diesem vorwarf, „wieder einmal das Unternehmen (den ORF, Anm.) anzubrunzen“.
Dass nun die heimische High Society fast unisono in die Empörung von Frau Treichl-Stürgkh mit einstimmt, war zu erwarten. Dass man auch am Boulevard um das Niveau des Staatsballes arg besorgt ist, mag aber erheitern. „Damit ist der Ball dort angelangt, wo er noch nie war: nämlich ganz unten. Als billige Bühne für Genitalartistinnen und viagragetriebene Männer jenseits des 70. Geburtstages“, jammert „News“-Kolumnist Walter Pohl. Das ganze Land echauffiert sich also: eine große „Hetz“, wie man bei uns in Wien sagt.

Im Ernst aber: Dem Baumeister Lugner muss gratuliert werden. Ihm ist ein veritabler Coup gelungen. Nicht nur hat er mit der Einladung der jungen Frau Karima el-Mahroug alias Ruby Rubacuori bereits jetzt schon internationalen Ruhm erlangt und den Opernball wie schon lange nicht in den Medien weltweit platziert. Es gelingt ihm damit auch, der Wiener Tanzveranstaltung, deren Provinzialisierung und mangelnder Glamour seit Jahren beklagt werden, zumindest den Abglanz der großen Welt und den Anschein von Aktualität zu verleihen. Wie das?

Stars von gestern und erfolglose Halbpromis, die Geld brauchen: Das waren bislang Mörtels Gäste. Von der Peinlichkeit des Richard Lugner ebenso bedrängt wie von der Penetranz der Fotografen, fühlten sich die Eingeladenen auf dem Parkett und in den Couloirs der Wiener Staatsoper meist wie im Dschungelcamp: „Holt mich hier raus, ich bin ein Star.“
Ruby aber ist mitnichten von gestern. Ihre Prominenz kann aktueller nicht sein, ja, sogar Geschichtsmächtigkeit kann man ihr nicht absprechen. Immerhin droht der italienische Premier Silvio Berlusconi über die Einwanderin aus Marokko, die als Minderjährige für viel Geld an seinen inzwischen berühmten „Bunga-Bunga“-Festen teilnahm und mit ihm möglicherweise auch das Bett teilte, zu stolpern. Passiert das, hätte Italien ihr ein großes Dankeschön zu sagen.

Auch sonst weht uns durch Ruby der Hauch jener großen politischen Welt entgegen, die heute in so turbulenter Bewegung ist. Hat nicht Berlusconi seine Ruby der italienischen ­Polizei (fälschlicherweise) als Verwandte seines Freundes, des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak, ausgegeben, jenes Diktators, der von seinen Landsleuten erst jüngst von der Macht vertrieben wurde? Auch mit Gaddafi verbindet Berlusconi bekanntlich eine enge Männerfreundschaft. Er ist der einzige europäische Staatsmann, der dem verrückten libyschen Tyrannen bis zum bitteren Ende die Treue hält.

Und was, wenn Berlusoni selbst auf dem Opernball erschiene? Wäre die Empörung über seine Präsenz ebenso groß wie jetzt, da das Opfer der Begehrlichkeit dieses italienischen „dirty old man“ sich an den Wiener Tanzfreuden ergötzen will? Wohl nicht. War er nicht einer der wenigen europäischen Politiker, welche sich als Sympathisanten der schwarz-blauen Koalition outeten, als die ganze Welt uns mit Verachtung strafte?
Von Entrüstung war zudem auch wenig zu bemerken, als Kanzler Wolfgang Schüssel den Autokraten von Kasachstan als Staatsgast auf den Opernball holte. Oder als Jörg Haider mit dem befrackten Gaddafi-Spross Saif al-Islam im Haus am Ring antanzte – mit jenem Mann, der vor wenigen Tagen seinen Landsleuten mit einem Blutbad drohte.

So weit zur Moral. Was den Baumeister betrifft, gilt aber heute wie damals, was profil-Chefredakteur Sven Gächter vor nunmehr fünfzehn Jahren so treffend schrieb: „Lugner mag das Gegenteil von Stil, Takt und Geschmack verkörpern, aber ebenso standhaft verkörpert er das Gegenteil von Standesdünkel, Prätentiosität und Arroganz.“

Und wenn seit Jahr und Tag das Klagelied darüber angestimmt wird, dass der Opernball auf den Lugner gekommen sei, dann muss man den wirtschaftlichen und politischen Eliten des Landes ebenso wie den Ball-Organisatoren sagen: Warum lasst ihr euch die Show von dem ordinären Adabei stehlen, warum ladet ihr immer meist nur unbekannte Fadlinge ein, anstatt dafür zu sorgen, dass interessante, glamouröse und berühmte Leute die Logen füllen?

Nein, es hat schon seine Richtigkeit, das ist eben österreichische Realität: Lugner und seine Gäste gehören ebenso zum Opernball wie seinerzeit die Demonstrationen gegen diesen – mitsamt der Rangelei mit der Polizei.
Es bleibt uns nur, die schöne Karima el-Mahroug herzlich willkommen zu heißen.

georg.ostenhof@profil.at

26.2.2011 14:12
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ahrendorff, 04. 03. '11 15:21
Mut zur Wahrheit...
Mit Abstand bester Artikel zu dieser Situation-wünsche für mich weiter Ihren professionellen Stil!Entspricht meiner Vorstellung von Qualitätsjournalismus
Danke!
Jo_Berger, 04. 03. '11 14:36
Den Nagel auf den Kopf getroffen!
Man kann ja zu Lugner stehen wie man will - ein PR Genie ist er jedenfalls! Gleichzeitig demonstriert er uns auch wieder, dass Österreich wirklich eine Insel der Seligen ist: wie gut muss es einem Land gehen, dass keine anderen Sorgen hat als tagelang über den Besuch eines attraktiven Mädels zu diskutieren.
AmedeoCiaffone, 02. 03. '11 08:52
Ruby-gate
Bei der Aktion von Herrn Lugner wird ein rein pädagogisch sehr fragliches Modell generiert, wonach der Traum vieler Mädchen, als hübsche Frau berühmt zu werden und ins Fernsehen zu kommen mit Prostitution assoziiert wird: Wenn ich mich hochrangig prostituire, werde ich mit Privatjet abgeholt, werde ich reich und in ganz kurzer Zeit bekannt…ohne zu lernen, ohne in einer Tanzschule perfekt Walzer lernen zu müssen
Diese Aktion von Herrn Lugner kommt Österreich rein pädagogisch teurer zu stehen als die X.te Blamage bei der Pisa-Studie.
So wie sich ein Österreicher in Italien fühlen würde, wenn RAI UNO plötzlich Grasser, Meischberger und Hochegger einlädt und dafür 100.000 Euro/Kopf zahlt, um den Italienern zu erklären, wie man am besten viel Geld auf unlautere Weise verdienen kann.
Zausner62, 28. 02. '11 07:54
Volle Zustimmung
Normnalerweise stimme ich ja mit Ostenhof nicht überein, aber diesmal hat er mir aus der Seele gesprochen. Wirklich schön, daß wir offenbar keine anderen Sorgen haben...
Mike_Daublewsky, 28. 02. '11 07:48
Willkommen Herr Fritzl!
Ein Bauer, der beim Almabtrieb seine Kuh schmückt ist etweder ein arroganter Emporkömmling oder ein langweiliges Stück Kulturgut. Ein Banker der auf Lebensmittel spekulieren und damit mitverantwortlich für Hunger und Leid ist, aber auch für die aus Tunesien sich ausbreitende Revolution, ist Ausbeuter oder eine wichtige Säule unserer Gesellschaft . Letztere, die mit Zitaten wie " wir vollbringen Gottes Werk" aufgefallen sind und in deisem Fall Nutten, müssen doch auf den Opernball, denn nur so kann sich eine Veranstaltung in seiner Existenz rechtfertigen. Also, ich habe wede eine Kuh noch bin ich Banker, was mir offensichtlich bleibt ist der Überknaller, die Schlagzeile des Jahres, das unfassbare, also in diesem Sinne Herr Hoffmann-Ostenhof " Willkommen Herr Fritzl".
Caspar1, 27. 02. '11 19:48
Super!
Voll nicht auf den, sondern alle Punkte gebracht. Das Lesen hat von Zeile zu Zeile mehr Spaß gemacht. Weiter so.
Und zur Ethik: Bitte bei der Kritik auch an die Ursache und (als) Wirkung denken.
heroe-del-siencio, 27. 02. '11 11:37
Ethik
Wie immer ein gelungener Artikel... In einem Punkt kann ich jedoch nicht mit Ihnen übereinstimmen: Falls Berlusconi durch "Ruby" stürtzt, sollte Italien ihr danken? Das klingt jetzt so, als ob der Zweck die Mittel heilige. Angenommen es stimmt, dass die minderjährige Ruby Geld für die Teilnahme an dubiosen Sexparties Berlusconis teilgenommen hat, dann würde mit dieser Argumentation eine Minderjährige am Altar für die "Befreiung" Italiens von ihrem skurrilen Ministerpräsidenten geopfert werden, und die Opferung legitimiert werden. Darf die Prostitution Minderjähriger legitimiert werden, nur wenn sie einen nationalen Zweck erfüllen? Ich denke nicht, und verweise auf das von Christian Rainer angesprochene Thema "Politik und Ethik".
nra4ever, 28. 02. '11 09:19
Re: Ethik
Natürlich wissen nur Berlusconi und ihre anderen Kunden darüber wirklich Bescheid, aber vielleicht handelt es sich bei der jungen Dame um einen kleinen Mozart ihres Fachs. Vielleich konnte sie in jungen Jahren schon Kunstwerke vollbringen (an alterndem Fleisch) die vielen anderen mit jahzehntelanger Erfahrung nicht gelingen. Und Geld zu nehmen - welch der Opernballcelebrities würde da wohl den ersten Stein werfen?