Christian Rainer
Raus aus dem Euro?

Die Frage muss erlaubt sein. Eine Antwort auch.

Nach den Ereignissen der vergangenen Woche bieten sich zwei Themen zur Kommentierung an: die Briten bashen oder den Euro bashen. Die Briten samt all den Adoranten in Österreich hätten sich zumindest zynische Worte verdient: Welchen Defekt braucht es, um die durch Blut vererbten Herrschaftsprivilegien einer nachhaltig verhaltensauffälligen Aristokratie zu bejubeln? Oder ist dieses Verhalten am Ende nicht Symptom, sondern die Therapie einer wesentlich mysteriöseren Krankheit?

Wegen der geringen Auswirkung der Windsor-Hochzeit auf den Rest Europas wollen wir auf weiteren Spott verzichten, und auch – tolle Überleitung – weil die Briten dem Euro nicht beigetreten sind, skeptisch blieben und weiterhin dem Pfund vertrauen.

Der Euro also. In der vergangenen Woche zeigte sich zum wiederholten Male, dass Griechenland den Rest Europas belügt und zum Narren hält. Für ähnliche Aussagen haben sechs Griechen den Herausgeber von „Focus“ geklagt. Grund: eine Titelgeschichte des deutschen Nachrichtenmagazins zur Finanzkrise, die Coverzeilen „Betrüger in der Euro-Familie“, daneben die griechische Liebesgöttin Aphrodite mit Stinkefinger.

Was daran klagbar sein soll, bleibt ungewiss: Zunächst hatte Griechenland gefälschte Budgetzahlen an die EU gemeldet, dann versprach man Besserung, nun stellte sich heraus, dass die Zahlen zur Neuverschuldung im Jahr 2010 wiederum falsch waren. Kollege Markwort sollte noch eins drauflegen.

Die Krux: Österreich ist mit dem Schicksal Griechenlands eng verbunden. Was immer die Griechen und einige weitere EU-Mitglieder so treiben, kostet andere Staaten zumindest viel Geld und allenfalls einen Zusammenbruch der gesamten Geldwirtschaft. Dass die Verbindung vor allem in der gemeinsamen Währung besteht, liegt auf der Hand. Daher die Frage: Ist das alles noch sinnvoll, oder sollten wir eine Flucht zurück in ein partikulares Zahlungsmittel überlegen – sprich in den Schilling?

Die Antwort: Wir sollten zumindest überlegen. Kein Ausstiegsszenario parat zu haben ist fahrlässig. Aus folgenden Gründen: Erstens ist es eben gefährlich, einem derart labilen System auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. Und das System ist derzeit zweifellos labiler, als es zu Zeiten des Schillings war. Gelegentlich wird das Gegenteil behauptet. Zum Beispiel heißt es, der Schilling wäre im Zuge der Finanzkrise ein Opfer von Spekulanten geworden, da Österreich durch die Exponiertheit seiner Banken in Osteuropa ein gutes Opfer gegeben hätte. Bewiesen ist das nicht einmal im Ansatz.

Vielmehr besteht eine derartige Gefahr eben genau jetzt. Details ab Seite 44 dieses Hefts. Nur so viel: Falls die ganze Angelegenheit im Wege eines Super-GAUs so unbeherrschbar wird wie ein japanisches Atomkraftwerk, dann gibt es in Europa keine guten und keine schlechten Staaten mehr, dann wird alles in einem Aufwaschen weggeschwemmt, egal wo die Verursacher sitzen. Aber die Schuldenkrise betrifft Österreich auch bei einer weichen Landung überproportional: nämlich in Relation zu den eigenen Außenständen der Republik. Falls eine gesamteuropäische Entschuldung durch Inflation notwendig wird – derzeit kein unwahrscheinliches Szenario –, dann profitieren die hoch verschuldeten und in der Folge hoch entschuldeten Staaten stärker als Österreich.

Und damit zu zweitens: Der Euro ist eben ungerecht, er bestraft die Tüchtigen und belohnt die Faulen. Früher war das anders. Wenn etwa die Italiener Mist bauten, dann wurde die Lira abgewertet. Dadurch verloren die Italiener selbst Geld, weil sie teurer importieren mussten (und mehr für Urlaubsreisen zahlten).

Nun ist das alles ziemlich undurchschaubar geworden. Beispiele: Falls der so genannte Schutzschirm für die nahezu Illiquiden nicht mehr schützt – dazu reicht ein Vertrauensverlust an den Finanzmärkten –, dann zahlt jeder Österreicher die Schulden der anderen per Haftungskapital: der Griechen, der Portugiesen, der Iren (nicht von Spanien, da wären wir wieder beim Super-GAU).

Das ist aus folgendem Grund besonders unfair: Hätte jeder Grieche auf staatlichen Pump (durch Transferleistungen) ein gutes Leben geführt oder wäre ihm sein halbes Haus von der Regierung finanziert worden, dann würden die Österreicher nun dafür zahlen. (Genau so war es.)

Hinzu kommt: Wer die Korruption, das Schwarzgeld und die Verteilung des Vermögens in vielen dieser Länder betrachtet, kann erahnen, dass es einen gut funktionierenden Wirtschaftskreislauf abseits des hochoffiziellen wie hoch darbenden Systems gibt. Der so zirkulierende inoffizielle Wohlstand wird aber nicht zur Bewältigung der offiziellen Krise angetastet.

Schlussfolgerung: Weil einerseits ein Crash und anderseits auch ohne Super-GAU eine grobe Benachteiligung einzelner Länder im Raum steht, braucht es Alternativen. Möglicherweise abseits des Euro, vielleicht mit einer Kernzone, allenfalls für Österreich allein, besser gemeinsam mit Deutschland und anderen. Zumindest als Notfallsplan.

christian.rainer@profil.at

30.4.2011 12:29
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Systemanalytiker, 08. 05. '11 00:30
Der Euro ist am Ende
Der Euro ist am Ende. Es sind sofort Goldreserven in der Höhe von 20 Milliarden Euro einzukaufen. Danach ist der auf Golddeckung basierende Alpen-Dollar einzuführen. Das alles wird nicht schmerzlos vonstatten gehen. Ein kleiner Robespierre wird Vorsitzender des österreichischen Wohlfahrtsausschusses und rechnet mit den Schuldigen ab.
kirkfrank1, 05. 05. '11 20:19
Der Euro
Der Euro ist ein Fehlgeburt und das haben wir dem Blumen Kohl dem ehemaligen deutschen Kanzler zu verdanken. Die Folgen dieser Großtat dieses Mister Euro haben wir jetzt im Zuge der Krisen von Griechenland Irland und Portugal auszubaden. Man geht wie immer in der Poltik voll genial vor. Man bekämpft Schulden mit Schulden und hofft dass dieser Schwachsinn namens Sparpakete welche dann auf dem 'Rücken der Bevölkerungen ausgetragen werden, irgenwie ausgeht. Wenn nicht wie bei Griechenland na dann verlängern wir halt die Laufzeiten die Zeitpuntke für die Rückzahlung usw. Das bitte in aller Stille weil es könnte ja die "Finanzmärte" beunruhigen. Wenn das ganze in die berühmte Hosen geht, dann gibts kein Erdbeben sondern einen Tsunami der dann über die heilige EU hinwegfegt.
chaneu, 05. 05. '11 11:55
meine worte
ich möchte als einzigen kritikpunkt die pauschale aburteilung aller griechen als betrüger und korrupte personen, vermerken. dies ist einfach nicht richtig. die griechen haben ganz einfach das getan was jeder ander europäer auch getan hätte, bekäme er die möglichkeit dazu. da die griechischen politiker und wirtschaftsbosse ihre korrupten geschäfte sicher nicht auf kosten der bevölkerung durchführen hätten können, hat man sich das volk einfach gekauft, und das neztwerk hat jahrzehntelang klaglos funktioniert. steuereintreiber wurden verdroschen und nichts passierte, dass gleiche spiel wurde mit der polizei gespielt, mit gerichten und allen übergeordneten stellen. keine sau hielt sich mehr an regelen, weil diese durch die regierung außer kraft gesetzt wurden.
lemont, 05. 05. '11 08:53
keine alternative
leider gibt es zum euro keine alternative. auch nicht, wenn man es sich schönreden mag. der schilling wird nie wieder unsere landeswährung sein und ob wir schon reif für eine "weltwährung" US Dollar sind, kann bezweifelt werden. und wie sich in einem deutschland-aversen land wie österreich eine EURO-Mark einführen ließe (welche die einzige denkbare lösung für einen ersatzeuro wäre) kann sich jeder ausmalen... .
tatsächlich sind unsere nördlichen nachbarn unsere stärksten verbündeten und würden auch in einem EURO-bereinigten europa die leitwährung stellen. was für ein szenario.
kirkfrank1, 05. 05. '11 20:25
Re: keine alternative
Das ganze könnte man auch anders lösen. Die so genannten Pleite Staaten scheiden aus der Euro Zone aus oder werden ausgeschlossen. Nach der Einführung der alten nationalen Währungen steht den Staaten das notwendige Handwerkszeug zur Verfügung um mit der Krise die sie bitte selbst verschuldet haben alleine klar zu kommen. 'Dieses nimmt den Druck vom Euro und erspart den anderen Euro Staaten vorerst Milliarden an sinnlosen Hilfskrediten. Die andere Variante ist das man die Euroländer in zwei Zonen teilt, die Hartwährungsländer sind der Euro Nord und die Weicheier der Euro Süd. Auch eine Variante. Der Dollar wird sicher als Leitwährung abgelöst, ich glaube nicht dass dies dann der Euro wird.
links234, 03. 05. '11 13:03
Stimmt, Herr Rainer!
Genau diese lauten Überlegungen würde ich mir von einer für Österreich arbeitenden Regierung wünschen.

Sie hätten vielleicht noch erwähnen können, dass die von Ihnen angeführten Bedenken längst mehrfach von den Freiheitlichen angesprochen wurden.
Bimashofer, 03. 05. '11 10:05
Mitdenken, rechnen und raus mit uns
Der Euro steuert auf einen Währungs-Supergau zu. Das lässt sich anhand wirtschaftssensibler Daten exakt eruieren. Das ist auch der Tenor von Sinn & Co. Zu den Milliarden-Transferzahlungen, die eine fragwürdige EU-Konstruktion schon immer als Bestrafung der Tüchtigen für Griechenland &Co betrieben hat, kommt die Versüßung von Lügen, Betrug und Hintergehung der Partner indem die Betrogenen für die Sünden der Täter büßen. Mit Milliarden, die diese selbst nicht besitzen.
So eine Konstruktion gibt es nicht einmal bei James Bond. Und dort ist alles möglich. Beim Euro kommt das böse Erwachen. Leider allzubald. Zur Neutralität der Schilling? Kein schlechter Gedanken, wenn wir sehen, wie gut die Schweizer mit ihrem Franken fahren.
Reinhard Bimashofer
Institut für Angewandte Politische Ökonomie
kirkfrank1, 05. 05. '11 20:32
Re: Mitdenken, rechnen und raus mit uns
Ich glaube, dass die jetzige Euro Zone in einigen Jahren mit einem riesen Knall auseinanderbrechen wird. Der Grund ist dass sich die Mietgliedstaaten diese sinnlosen Rettungsaktionen dieser Pleitestaaten nicht mehr leisten können. Entweder wird dann die Idee mit dem Euro Nord und Euro Süd verwirklicht. Oder Österreich verstschüsst sich und führt wirklich wieder den Schilling ein. Möglich müsste es sein. Den Rest reguliert dann der Devisenmarkt. Einen Austritt aus der EU halte ich zwar für theoretisch möglich, allerdings fehlt Brüssel dann ein blöder Nettoblecher und das wird nicht klappen.
eulenauge, 02. 05. '11 11:31
Endlich!
Herrn Rainers Europasicht ist im Kleinformat angekommen und unterscheidet sich nicht mehr erkennbar von rechtsrechten Ultranationalisten, die in Brüssel immer schon die Heimstatt des Bösen an sich wähnten.
bamark, 01. 05. '11 14:18
Stallgeruch
wenn es im Schweinestall stinkt muss man ausräumen und lüften. Das gilt für kleine als auch große Ställe.
Notfallmedizin,inFormvon "Geruchsverhinderungsschirmen" schützt nur die Schweinestall-Halter .

bamark
walterambros, 30. 04. '11 21:39
Mehr Rechte für Brüssel?
Welche Möglichkeiten gäbe es, Staaten, die Budgetzahlen fälschen u.ä., davon abzuhalten bzw. an die Kandare zu nehmen?

Das wären strengere und intensivere Maßnahmen aus Brüssel!

Dann würden aber wieder die EU-Gegner – bei uns unterstützt von der „Krone“ - Aufwind bekommen, die „EU-Diktatoren“ verbal niedermachen und gleichzeitig den Rechten noch mehr Stimmen bringen.

Ein fast unlösbares Problem...
ErikaRothen, 30. 04. '11 16:19
Angesichts der Zustände in der Zwetschkenrepublik
mit dem erhobenen Finger die "Korruption, das Schwarzgeld und die Verteilung des Vermögens" in anderen EU-Staaten zu schurigeln und zugleich die Zwetschgenrepublik auf eine Ebene mit DE zu stellen (weil anno dunnemals hierzulande vielleicht so etwas wie Budgetdisziplin herrschte und die Korruption noch nicht so ungehemmt grass(er)ierte wie heutzutage), ist außerordentlich pikant.