Osama Bin Laden: Schlechtes Erbgut
- Die nachhaltige Entzivilisierung des Westens
Osama Bin Ladens Vermächtnis besteht nicht im Terrorismus, findet Martin Staudinger sondern vielmehr in der nachhaltigen Entzivilisierung des Westens.
Den Tod, ließ er seine Anhänger einmal wissen, wünsche er sich so: als Märtyrer in den Händen der Amerikaner. Weil sich dann hoffentlich die gesamte islamische Welt erheben werde, um das Land der Mörder niederzuringen.
Montag vergangener Woche gegen ein Uhr Früh starb Osama Bin Laden in der pakistanischen Stadt Abbottabad genau so, wie er es sich ausgemalt hatte: im Kugelhagel von US-Soldaten, die ihn nach fast einem Jahrzehnt dauernder Suche aufgespürt und überrumpelt hatten.
So endete das Leben jenes Mannes, der wie kein anderer für den Schrecken des gewalttätigen islamischen Fundamentalismus gestanden war und damit seit den Anschlägen von 9/11 für die gefühlt größte Bedrohung der westlichen Welt.
Osama Bin Laden, Gründer, Finanzier und Führer des Al-Kaida-Netzwerks, ist Geschichte. Und jetzt? Geht damit eine bleierne Zeit zu Ende? Ist die Welt, wie es das nach jedem vermeintlichen Sieg bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus ausgesprochene Mantra will, ein sichererer Ort geworden? Oder wird es jetzt erst so richtig gefährlich? Tod Bin Ladens: Keine erhöhte Terrorgefahr bei Song Contest: So weit zumindest konnte das deutsche Handelsblatt vergangene Woche auf seiner Website Entwarnung geben. Aber darüber hinaus machen sich Sicherheitsexperten zunächst Sorgen und prophezeien eine Vergeltungsoffensive.
Sie könnten Recht behalten: Seit der Tod von Bin Laden bekannt gegeben wurde, kursieren in einschlägigen Kreisen Racheschwüre. Gott verfluche dich, Obama, wütete eine islamistische Gruppe im Internet. Ihr Amerikaner: Es ist noch immer unser Recht, euch den Hals abzuschneiden.
Gut möglich, dass es in den kommenden Wochen und Monaten tatsächlich zu neuen Anschlägen kommt: durch einzelne Anhänger Bin Ladens, die sich aufgerufen fühlen, Vergeltung für den Tod ihres Idols zu üben; durch verbliebene Mitglieder seiner Gruppe, die versuchen, einem längst brüchig gewordenen Mythos wieder Geltung zu verschaffen; oder durch Al-Kaida-Kader, die sich im Kampf um den Führungsanspruch behaupten wollen.
Dennoch lässt sich eines bereits jetzt abschätzen: Es werden die Zerfallserscheinungen des Terrornetzwerks sein, die zu Gewalttaten führen, aber kaum sein Wiedererstarken. Und das dauerhafte Vermächtnis von Osama Bin Laden wird kaum in einem schlagkräftigen globalen Terrorismus bestehen, sondern eher darin, den Westen ein gutes Stück entzivilisiert zu haben. Letzteres mag er durchaus als Etappenerfolg auf dem Weg zum Ziel begriffen haben.
Das Ziel, das er letztlich verfolgte, erschöpfte sich nämlich nicht in einem siegreichen Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen. Bin Ladens Dschihad war vielmehr nur als Mittel zum Zweck gedacht, um die islamische Welt auf krude Art und Weise vor sich selbst zu retten: Erst sollten Terroranschläge die USA zu Gegenschlägen provozieren, dann die damit verbundenen Gräueltaten die Muslime zum Aufstand gegen die korrupten, verwestlichten Regime der arabischen Welt aufstacheln zuvorderst in seiner Heimat Saudi-Arabien. Am Ende würde der Islam zu seiner reinen, vor Hunderten von Jahren praktizierten Form zurückfinden.
Phase eins verlief für Bin Laden noch recht vielversprechend: Wenige Tage nach 9/11 fielen die ersten Bomben auf Afghanistan. Dieser durchschlagende Erfolg führte aber umgehend auch dazu, dass die von ihm gegründete Ur-Al-Kaida in den Untergrund gezwungen und dadurch mehr oder minder handlungsunfähig gemacht wurde. Abgeschnitten von allen Möglichkeiten, schnell und sicher zu kommunizieren, beschränkte sich die Rolle Bin Ladens ab Ende 2001 darauf, in unregelmäßigen Abständen Audio- und Video-Botschaften mit geringer Aktualität zu verbreiten.
Die mörderischen Anschläge von Bali (2002), Madrid (2004), London (2005) und viele weitere waren durch die Ideologie von Al Kaida motiviert. Bin Laden und seine Umgebung hatten aber keinen nachvollziehbaren oder nachweisbaren Einfluss darauf. Zum Mythos des Terrornetzwerks trugen die Attentate aber ebenso bei wie die Tatsache, dass immer wieder Gruppierungen auftauchten, die sich formell dem Oberbefehl von Bin Laden unterstellten: die Al Kaida im Irak etwa, die Al Kaida im Islamischen Maghreb oder zuletzt die Al Kaida auf der Arabischen Halbinsel.
Bis heute hält sich deshalb das Trugbild einer straff organisierten, global vernetzten und zielgerichtet operierenden Organisation mit Bin Laden als oberster Instanz. In Wahrheit hatten sich die einzelnen Ableger den zugkräftigen Markennamen eher angeeignet, um damit für Aufsehen zu sorgen und verfolgten bloß eine lokale oder regionale Agenda, aber keineswegs den globalen Dschihad.
Die Al Kaida im Islamischen Maghreb etwa, die unter anderem für die Entführung zweier österreichischer Sahara-Touristen im Jahr 2008 verantwortlich war, ist mehr Räuberbande als Terrororganisation. Abu Mussab al Zarkawi, der als Chef der Al Kaida im Irak mit extrem brutalen Methoden bis 2006 Angst und Schrecken verbreitete, beschränkte sich auf den Kampf gegen die US-Truppen im Zweistromland.
Auch die afghanischen und pakistanischen Taliban, die mit Bin Laden und seinen Gefolgsleuten ein äußerst zwiespältiges Verhältnis verbindet, haben bislang keine Ambitionen zum internationalen Terrorismus erkennen lassen.
Nur zwei Al-Kaida-Kader haben sich bislang in diese Richtung versucht. Der eine ist Anwar al-Awlaki, ein Führer der Al Kaida auf der Arabischen Halbinsel, der hinter einem Amoklauf und der gescheiterten Sprengung eines Flugzeugs in den USA im Jahr 2009 stehen soll. Der zweite, Mohammad Ilyas Kashmiri, wird mit den Attentaten von Mumbai (2008) sowie Anschlagsversuchen in Dänemark und Amerika in Verbindung gebracht. Allerdings: Auch in der muslimischen Welt hat der islamistische Terrorismus inzwischen den Großteil der Sympathien verspielt, der ihm anfänglich entgegengebracht wurde. Auch Terrorbewegungen haben, wie die Geschichte der vergangenen hundert Jahre zeigt, ein Ablaufdatum: Anarchisten, Linksextremisten oder alles andere hielten sich jeweils nicht länger als eine Generation.
War der Einfluss von Osama Bin Laden längst im Niedergang begriffen, so schwindet mit seinem Tod auch jener der Al Kaida: Wenn die USA und der Westen nun symbolisch mit dem Krieg gegen den Terror abschließen, dann werden möglicherweise stattfindende Anschläge nicht mehr einem globalen Netzwerk zugeschrieben. Damit dürfte sich auch jene Ära dem Ende zuneigen, in der dem islamistischen Terrorismus so viel Bedeutung beigemessen wurde, dass er die internationale Politik vor sich hertreiben konnte.
Nicht nur in diesem Sinne hat der Terrorpate das Spiel verloren. Es hat nur ein Gutes, dass Osama Bin Laden den Massenmord im World Trade Center und im Pentagon zehn Jahre lang überlebt hat, schreibt der New York Times-Kolumnist Thomas Friedman. Er war lange genug am Leben, um Araber von Tunesien über Ägypten und Jemen bis nach Syrien zu sehen, die sich friedlich erheben, um jene Würde, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung zu erreichen, von denen Bin Laden behauptete, sie seien nur durch mörderische Gewalt und Rückkehr zu einem puritanischen Islam möglich.
Was er nirgends auch nicht in Ägypten, wo ihm Umfragen zuletzt Sympathiewerte von 19 Prozent bescheinigten sah, war sein Konterfei oder einen sonstigen Hinweis, dass die Aufständischen die Ziele von Al Kaida teilen würden.
Es ist noch nicht klar, wohin die arabischen Revolutionen führen und ob die daraus entstehenden Regierungen den Spagat schaffen, mehr Freiheit zu ermöglichen, gleichzeitig auch die Islamisten, die zuvor ebenso unterdrückt waren wie die Demokraten, in den politischen Prozess einzubinden und nebenbei für messbare soziale und wirtschaftliche Verbesserungen zu sorgen. Wenn sie das tun, wird das Narrativ von Al Kaida seine Anhänger verlieren wenn nicht, könnte es machtvoll zurückkehren, warnt Nelly Lahoud vom Zentrum für Terrorbekämpfung der US-Militärakademie West Point.
Von Bin Laden selbst ist zu all den Entwicklungen der vergangenen Monate kein Wort überliefert. Wenn er an einer Erklärung feilte, dann wird man sie möglicherweise auf einem jener Computer finden, die das US-Überfallkommando in seinem pakistanischen Versteck erbeutet hat.
Als die Navy Seals in seinem Schlafzimmer standen, musste der Gründer der Al Kaida mit dem Leben dafür bezahlen, was er wirklich nachhaltig erreicht hatte die partielle Entzivilisierung des Westens. Auch wenn es wenig Grund gibt, ihm nachzutrauern: Der Tod von Osama Bin Laden war eine Hinrichtung ohne ordentliches Verfahren, vollzogen in einem bloß inoffiziell erklärten Krieg, der die rechtlichen und humanitären Standards der westlichen Demokratie weit in einen unauslotbaren Graubereich verschoben hat.
Ausgerechnet der Friedensnobelpreisträger Barack Obama kommentierte die tödliche Kommandoaktion mit den Worten: Gerechtigkeit ist geschehen. Selbst in Europa werden bislang ungehörte Töne laut. Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten, erklärte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und sogar Omid Nouripour, Verteidigungssprecher der Grünen, fand: Die gerechte Strafe wäre, wenn sie in den USA vollzogen worden wäre, die Todesstrafe gewesen. Das ist keine Frage.
Mit dem Krieg gegen den Terror wurde ein außerhalb des Völkerrechts stehendes Gefangenenlager wie Guantánamo möglich, ohne dass sich dagegen in der offiziellen westlichen Welt lautstarke Proteste geregt hätten. Es darf wieder gefragt werden, ob Folter in Ausnahmefällen zulässig ist. Auch wenn die Antwort bislang tendenziell Nein lautet das Tabu, das zuvor selbst über der Debatte lag, ist gefallen. Und der nächste Anlass, weiter darüber zu reden, kommt bestimmt.
Auch der immer weiter fortschreitende Abbau der Bürgerrechte ist letztlich Osama Bin Laden geschuldet. Mit Verweis auf ihn maßen sich eine Reihe von Staaten in der EU inzwischen etwa an, ohne jeglichen Verdacht die Speicherung sämtlicher Kommunikationsdaten ihrer Staatsbürger über Monate hinweg anzuordnen. In Deutschland bekannte sich die SPD am Tag nach dem Tod Bin Ladens wieder einmal dazu, in Österreich wurde ein einschlägiges Gesetz vergangene Woche im Parlament abgesegnet.
Diese Einschränkungen der bürgerlichen Freiheit werden auch dann weiterbestehen, wenn der radikal-muslimische Terrorismus längst keine internationale Rolle mehr spielt ebenso wie das tief sitzende Ressentiment gegen den Islam, das der Dschihad von Al Kaida in der westlichen Psyche zu verankern geholfen hat.
All das lässt sich kaum mehr aus der Welt schaffen, und insofern ist der Westen an der Prüfung, die ihm der islamische Terror auferlegt hat, gescheitert.
Bin Laden hätte das möglicherweise gefallen. Enttäuscht hätte ihn hingegen die Reaktion auf seinen Tod: Von einem Aufstand der muslimischen Massen kann keine Rede sein. Auch die Taliban wollten keine Stellungnahme abgeben. Und selbst die ägyptischen Muslimbrüder, deren ursprünglich hoch aggressive Ideologie eine Inspiration für die Al Kaida gewesen war, blieben ungerührt. Mit dem Tod Bin Ladens ist einer der Gründe, warum in der Welt Gewalt ausgeübt wurde, beseitigt worden, erklärte ihr Sprecher. Es war nicht der Nachruf, den sich der Al-Kaida-Chef gewünscht hätte.
Georg Hoffmann-Ostenhof über die Tötung Bin Ladens:
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