Christian Rainer
Europa der Egoisten

Die Solidarität ist aufgebraucht. Wie wäre es mit dem Ausschluss von Ländern?

Weniger überraschend als die akuten Zerfallserscheinungen in Europa ist bloß, dass die Union nicht schon viel früher an diesem Punkt angelangt war. Ist es nicht eigenartig, dass einige Länder anderen Ländern über Jahrzehnte Geldgeschenke gemacht haben, dass also zum Beispiel jeder Österreicher und jeder Deutsche jedem Griechen und jedem Spanier Jahr für Jahr ein paar Euro überwiesen haben, ohne diese persönlich zu kennen (und entgegen der in jedem Urlaub gewonnenen Überzeugung, dass sowohl Spanien wie auch Griechenland reich genug sind, um die Landschaft mit neuen Häusern und das Meer mit neuen Motorbooten vollzupfropfen)?

Jeder Deutsche zahlte solcherart zum Beispiel im Jahr 2008 insgesamt 134 Euro, jeder Österreicher 66 Euro. Jeder Spanier bekam da 46 und ein Grieche satte 559 Euro. Nettozahler subventioniert Nettoempfänger, heißt das Prinzip in verschämter Diktion. Das Ganze wurde grummelnd hingenommen, allenfalls böse kommentiert von Boulevardzeitungen und politischen Krawallmachern. Warum eigentlich hingenommen?

Da gibt es keine befriedigende Antwort. Das eigene Hemd ist doch jedem am nächsten. Der beschworene europäische Gedanke ist zu komplex, als dass ein Bürger, der sich gequält am Existenzminimum entlangfrettet, viel damit anfangen könnte. Wer soll die Hoffnung auf das Ausbleiben von Kriegen, die der Union zugrunde liegt, verstehen und mit einem Haufen Bargeld bezahlen wollen, wenn er doch selbst niemals einen Krieg erlebt hat? Ja, die Einigung, die Erweiterung um die ehemals kommunistischen Staaten und erst recht der Euro bringen zusätzliches Wirtschaftswachstum und Sicherheit für alle. Aber das ist ein langwieriger Prozess, der überdies individuell gefühlten Entwicklungen entgegensteht.

Profitieren nicht nur die großen Konzerne und die Wohlhabenden vom großen Europa? Stimmt statistisch aufgedröselt nicht. Doch die niedrigen Unternehmenssteuern, die stetig weiter auseinanderklaffende Schere von Reich und Arm, von Vermögens- und Einkommensverteilung lassen den Bürger an solchen Statistiken zweifeln.

Kostet die Vergrößerung der EU um zentral- und osteuropäische Mitglieder nicht doch heimische Arbeitsplätze? Nein, netto gibt es mehr Arbeit. Aber kann denn „netto“ jemals bis in die Bewertungswelt der von Arbeitslosigkeit Bedrohten dringen?

Hat die Kriminalität durch den Fall der Grenzen nicht zugenommen? Ja, hat sie. Ein kleiner Trost nur, dass Bekämpfung und Verfolgung von Verbrechen in globaler Pers­pektive leichter geworden sind.

Und schließlich der Euro. Einfach ist es nicht, den Inflationstabellen der Bürokraten Glauben zu schenken, wo doch die Preise für viele Posten des täglichen Lebens saftig angezogen haben. An der repräsentativen Bestückung der Warenkörbe zweifeln selbst ausgewiesene Ökonomen.

Die abstrakten Begriffe Einigung, Erweiterung und Währungsunion stehen also der Wut über mangelnde Verteilungsgerechtigkeit, der Angst vor Arbeitslosigkeit und Kriminalität, dem Ärger über Teuerungsraten entgegen (und eben der Ohnmacht gegenüber dem Faktum, dass man sich in der Position eines Nettozahlers befindet).

Die europäische Einigung ist kein populäres Vorhaben. Es ist also nicht erklärbar, sondern ein Wunder, dass halb Europa nicht schon längst rebellierte.

Die Kraft dieses Wunders scheint allerdings an ihr Ende gekommen zu sein. Konkursreife EU-Mitglieder und dar­aus resultierend ein hilfloser Euro haben das bewirkt. Die Hardcore-Fraktion unter den europäischen Populisten setzt mit der Forderung nach dem Ende von Schengen und der Rückkehr zum Grenzbalken noch eines drauf (Österreich vorne mit dabei – wie immer, wenn es mit Einfalt und Niedertracht ein paar Stimmen zu holen gilt).
Doch Schengen ist nicht das Problem. Das Problem ist: Die europäische Solidarität scheint aufgebraucht. Waren die Nettopositionen im gemeinsamen Haushalt noch als Entwicklungshilfe für ein gemeinsames Gutes zu verstehen, so ist das mit dem Einstehen für Griechenland und Portugal, vielleicht auch Irland und Spanien, anders zu sehen. Da nehmen ganze Staaten nicht bloß Hilfe zur Selbsthilfe in Anspruch; sie erwarten vielmehr, Resteuropa möge dafür zahlen, dass weit über die Verhältnisse gelebt wurde – indem die so entstandenen Schulden jetzt von den anderen beglichen werden.

Das ist eins zu viel für den europäischen Gedanken. Jenes Resteuropa ist akut plan- wie auch hilflos. Die Hilflosigkeit ist verständlich: Die Gefahr eines Kollapses der betroffenen Mitglieder macht erpressbar. Die Planlosigkeit hingegen darf nicht andauern: Europa braucht für die Zukunft weniger freiwillige Solidarität seiner Mitglieder und mehr Härte gegenüber unwilligen wie auch unfähigen Mit­gliedern. Der Ausschluss einzelner Mitglieder etwa muss in der Union möglich werden: um den Zusammenhalt des Rests zu sichern.

christian.rainer@profil.at

14.5.2011 15:32
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derpradler, 08. 07. '11 10:57
aufgebraucht
ist der Wille der Steuerzahler sich auspressen zu lassen wie eine Zitrone. Die Oligarchen-EU kann ihre wahren Ziele nicht mehr verheimlichen, die Europäer beginnen den Schwindel zu erkennen und beginnen sich zu wehren!
ReserveZORRO, 29. 05. '11 23:19
15 Milliarden Überschuss pro Monat
Allein im März hat Deuschland einen Exportüberschuss von 15 Milliarden Euro fabriziert.
Wer soll das eigentlich kaufen?
Und wenn die ganze Welt wird wie Deutschland, verkaufen wir es den Marsianern?
Also verkauft man es in der Zwischenzeit den Griechen:
http://www.youtube.com/watch?v=-mJICztZJ5w

Damit die bezahlen können, hat man ihnen eine Unmenge Geld geliehen, das sie nie zurückzahlen können.
Und die Banken verkaufen die faulen Kredite dem Steuerzahler:
http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/665606/OeNB-kaufte-Ramschanleihen-in-Milliardenhoehe?from=suche.intern.portal

Und ihr wollt uns erzählen, die Griechen sind selber schuld, weil sie nicht so fleißig und tüchtig sind?

Für wie blöd haltet ihr uns?

Die Journalisten in Österreich passen gut zu den Politikern in Österreich.
auer47, 21. 05. '11 11:36
Na und
Na Weit mehr als die Hläfte zahlt keine Steuer und lebt nicht schlecht von denen, die Steuern zahlen. Transfer nennt man das. Wollen sie diesen in Österrecih auch abschaffen ? Mit PROFIL hzurück in die Ellbogengesellschaft des Mittelalters bzw der Steinzeit. Herr Rainer als Neandertaler, auch ein Gedanke......
Citoyen, 21. 05. '11 02:43
Geschichte Europas
Der 2010 verstorbene brillante britisch-amerikanische Historiker Tony Judt hat in seinem 2004 (!!) erschienen Titanenwerk "Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart" detailliert beschrieben, wie schon ab 1985 Griechenland jährlich erhebliche Milliardenbeträge aus den EU-Töpfen lukrierte und dass diese Gelder versickerten.

Die EU-Instanzen haben bei der Kontrolle kläglich versagt, das viele viele Geld ist von den Günstlingen der Clans Karamanlis und Papandreus inhaliert worden, das sind kleine Minderheiten und nicht "die Griechen".

Heute reissen sich, voran deutsche und französische, Banken 15% Zinsen für Griechische Gelder unter den Nagel (Dtld. zahlt 3%). Das ist mutwillige Ausbeutung des steuerfinanzierten EU-Budgets.

Solidarität ja, aber intelligent und nicht blind/blöd.
Systemanalytiker, 16. 05. '11 16:40
Der Euro muss in einen Süd- und Nordeuro geteilt werden
Europa fährt wirtschaftlich an die Wand. Daher müssen jetzt und sofort politische Entscheidungen getroffen werden. Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien sind sofort aus der Eurozone auszuschließen. Der Euro wird dann in einen Süd- und Nordeuro geteilt. Im übrigen werden keine neuen Mitglieder in die zwei Eurozonen aufgenommen. Wenn nicht umgehend langfristig positive politische Entscheidungen getroffen werden, dann kommt der Zeitpunkt immer näher, wo Europa in eine wirtschaftliche Apokalypse stürzt.
worldcitizen, 15. 05. '11 17:43
Europa - ein zahnloser Tiger
http://the-worldcitizen.blogspot.com/2011/05/europa-braucht-zahne.html
Czerno, 15. 05. '11 17:34
europ. Populisten ?
Zwischen diesem Betrag, und dem des Herrn Weinpolter in der Krone, oder von Herrn Mölzer auf der FPÖ web site kann ich nur einen Unterschied erkennen: Schreibstil bzw. Wortwahl.

Der inhaltliche Tenor ist jedoch der gleiche: "wir" armen, geschundenen und anständigen Steuerzahler, Nettozahler und offene Grenzen Ertrager, die alles Leid, und jede Last aus Brüssel und der EU geduldig hinnehmen, aber nun einfach nicht mehr können. Ein Wunder, dass wir es solange ausgehalten haben.


Bravo !
bamark, 15. 05. '11 14:49
Solidarität
Die Gedankenvielfalt der EU-Gründer wurde bei der Umsetzung in die Tat, möglicherweise nicht erkannt, sondern es wurde als Stimmenoptimierungsinstrument der wirtschaftliche Nutzen einer europäischen Vereinigung in den "globalen" Vordergrund gerückt.
Dass eine Vereinigung von starken und schwächeren Staatengemweinschaften klarerweise Solidarität abverlangt, wurde schamhaft verschwiegen. Wenn es um Privilegien und Interessen der Wirtschaft, sowie auch der Bürger sog. Wohlstandsstaaten ging, war Schluss mit lustig.
Werden uns in Zukunft mit Rumänien, Bulgarien, Spanien, Italien etc. ähnliche Verhaltensweisen ins satte Haus stehen?
Oder wird man in letzter Sekunde noch begreifen, dass ALLEN von und durch unseren Egoismus enttäuschten Menschen, der Geduldsfaden reißen wird?
eulenauge, 15. 05. '11 10:49
Kleinkariert
Da ist anscheinend wer beim Kleinformat in die Lehre gegangen.