Christian Rainer
Euro fragwürdig

Vier Fragen und vier Antworten zur Griechenland-Krise.

Beginnen wir mit der stets wichtigsten Frage: Was denkt die „Krone“, will sie die Europäische Union sturmreif schießen?

Nein. Das sieht nur im ersten Moment so aus. Vielmehr ist die „Kronen Zeitung“ seit dem Tod Hans Dichands unberechenbar geworden, allerdings nicht im Sinne von uneinschätzbar und daher gefährlich, sondern im Sinne von erratisch, also wirr und konfus. Das sieht man gut an der Berichterstattung über die EU. Am Donnerstag der vergangenen Woche titelte das Blatt auf Seite eins samt Geschichte auf Seite zwei: „Experte aus Athen fordert jetzt: ,Schickt Griechen in den Konkurs!‘“ Auf Seite vier fand sich dagegen ein Artikel mit dieser Schlagzeile: „Griechen-Pleite wäre für EU fatal – zähes Ringen um Milliardenhilfe“. (Der „Experte“, der solcherart bei einigen Millionen Österreichern Berühmtheit erlangt hat, ist laut „Krone“ übrigens ein „Journalist aus Athen, der auch in mehreren griechischen Medien publiziert“.)

Der „Spiegel“ zeigt sich entschlossener: Ist die „Währungsunion eine Schönwetterkonstruktion“, wie das deutsche Nachrichtenmagazin schreibt – und auf Milton Friedman verweist? Der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger habe „von Anfang an prophezeit“, der Euro werde seine erste große Krise nicht überstehen, und er habe 2002 noch mit diesen Worten nachgelegt: „Euro-Land bricht in fünf bis 15 Jahren auseinander.“ Hat Friedman Recht? Er galt neben John Maynard Keynes als einflussreichster Ökonom des 20. Jahrhunderts.

Ich glaube nicht, und daher erscheint mir der „Spiegel“-Cover „Nachruf auf eine gemeinsame Währung“ zwar griffig formuliert, aber im Inhalt falsch. Der Grund: Die europäischen Regierungen sind viel zu feig, um Entscheidungen zu treffen, die auf ein Ende der Währungsunion hinausliefen. Die da wären: ein (zeitnahes) Ende der Unterstützung Griechenlands. Oder (etwas später) ein Ausschluss Griechenlands vom gemeinsamen Geld. Oder (noch später) eine Rückkehr der Euro-Länder zu ihren nationalen Währungen. Jede dieser Optionen ist komplexer und riskanter als das Weiterwursteln durch stete Ausweitung der Hilfestellungen für Griechenland. So etwas liegt nicht im Handlungsrepertoire von Politikern. (Sie sind nur bei Kriegserklärungen schnell mal mutig.)
Dass Weiterwursteln die einfachste und feigste Maß­nahme ist, macht sie noch nicht zur schlechtesten. Oder?

Kurzfristig jedenfalls ist das Weiterwursteln sogar die einzige Möglichkeit. Stellte man die Hilfe jetzt ein oder schlösse man Griechenland aus, würde das mit einiger Wahrscheinlichkeit tatsächlich zu einem Ende des Euro führen – und zwar ungewollt im Zuge eines Zusammenbruchs des europäischen Finanzsystems: Spanien und Portugal würden gleichzeitig zahlungsunfähig. Systembanken in Ländern wie Frankreich und Deutschland könnten kollabieren. Allenfalls gingen wegen dieser Bankenpleiten auch robustere EU-Mitglieder (die überdies direkt für griechische Schulden haften) den Bach hinunter. Hohes Risiko, keine gute Option.

Und langfristig? Sollte Europa erkennen, dass der Euro nicht funktionieren kann, und ihn daher beerdigen (sobald die Krise auf Rechnung der reicheren Mitglieder überwunden ist)? Die Antwort darauf liegt in einer Güterabwägung, somit in einer weiteren Frage: Was ist uns Europa wert? Genauer: Was wollen wir für ein durch die Währung friedlich verbundenes und darüber hinaus in Summe ökonomisch starkes Europa aufgeben?

Gezeigt hat sich in diesen Monaten: Die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten, die so unverrückbar sind wie Grundrechnungsarten, lassen eine reine Währungsunion nicht zu. Mit schwachen Staaten (die sich zum Teil mit Betrug die Mitgliedschaft in der Euro-Zone erschlichen haben) wird eine Währungsunion schnell zur Transferunion: Die Reichen müssen die Armen permanent unterstützen. Möglichkeit eins also: Die Reichen geben Wohlstand auf und schenken eigenes Geld an die Ärmeren (und an die Betrüger). Das ist auf Dauer keine gute Option.

Möglichkeit zwei: Der Euro-Raum wird zu einer Finanzunion. Soll heißen: Es kommt zu einer Zentralisierung, ein Finanzminister, europäischer Finanzausgleich, zentrale Gesetzgebung in allen ökonomischen Bereichen, wohl auch eine mächtige Strafbehörde. Nur so ließe sich das Ungleichgewicht zwischen den Regionen verwalten (nicht anders als zwischen der reichen Wiener Innenstadt und einem Bergbauerndorf). Euro-Europa würde so zu einem Bundesstaat. Jeder Bürger, jede Regierung, jeder Staat müsste Souveränität aufgeben. Möglichkeit drei: Man betrachtet das Projekt Euro tatsächlich als gescheitert. Eine vierte Variante gibt es nicht.

christian.rainer@profil.at

26.6.2011 12:59
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hellipirelli, 07. 01. '12 20:12
Am Ende steht nur eine Möglichkeit,
nämlich die Glattstellung SÄMTLICHER öffentlicher Schulden, und die muss in irgendeiner Weise kommen - gleich, welche der beiden von Rainer am Ende des Artikels genannten Möglichkeiten vorher gewählt wird. Ob dies ohne Blut, Schweiß & Tränen, politischen Umstürzen, Neo-Nationalismus, Revolution oder Krieg vor sich gehen wird, ist zu bezweifeln.
Das sagen mir auch "die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten, die so unverrückbar sind wie Grundrechnungsarten". Das Wissen, dass die Zinseszinsrechnung eine Exponentialfunktion ist, reicht aus, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen.
hellipirelli, 07. 01. '12 20:32
Re: Am Ende steht nur eine Möglichkeit,
Ich bitte um Entschuldigung: Es muss natürlich heißen: "politische Umstürze" (Akkusativ plural).
Tut mir leid.
RandolphZ, 29. 08. '11 15:57
Ach, es gibt so viele Varianten ... was halten Sie von dieser:
1.) Wir werden alle, die fahrlässig mit unserem Steuergeld umgegangen sind, wegen Krida einsperren.
2.) Wir werden alle diese enteigenen, an Villa und Porsche.
3.) Dann erklären wir den Bankrott des alten Staates und die Schulden für uneinbringlich. Arme Geldgeber!
4.) führen wir mithilfe der neuen Medien eine direkte Demokratie ein, in der die Stimme jedes Einzelnen zählt.
5.) Dann werden vermutlich die 40% des Budgets, die uns die Immigration kostet, gestrichen.
6.) werden wir uns von importierten Schmarotzern und Kriminellen verabschieden.
7.) Dann senken wir die Steuerlast von derzeit real 75% auf 20%.
8.) 80% der Verwaltung bekommen sinnvolle Arbeit.
9.) Werden wir die jetzigen Mietmäuler des Faschismus enteignen und verbannen.

Ist das eine gute Variante? Die ist doch gut!
RandolphZ, 29. 08. '11 16:02
Nachsatz ...
... und ich denke, man könnte danach immer noch mit Euro zahlen.
Systemanalytiker, 30. 06. '11 00:07
Die österreichische Justiz muss vergemeinschaftet werden!
Die österreichische Justiz interessiert das Europarecht überhaupt nicht. Der Oberste Gerichtshof ist nachweisbar (!) europafeindlich. Die europäische Union muss eingreifen und die österreichischen Justiz vollständig vergemeinschaften um die Effektivität des Europarechts zu gewährleisten.
RandolphZ, 29. 08. '11 15:37
Wieder mal eine tolle Analyse!
Ich würde sagen, konsequenterweise sollten wir auch unser Parlament vergemeinschaften. Und dann outsourcen wir die EU, zB nach Pakistan. Dort herrscht ein wesentlich günstigeres Lohnniveau, und Lobbyisten sind günstiger zu haben. Um den demokratischen Enstcheidungsprozess zu vereinfachen, sollte nämlich jeder Parlamentarier Lobbyist sein, da würde alles viele einfacher. Der pakistanische Lobbyist - äh - Parlamentarier von Nestlé bestimmt dann die ö Lebensmittelgesetze, und ein von Nestlé gesponserter Gerichtshof in Somalia überwacht dann die Durchführung. Das ist Effektivität!
lampshade, 28. 06. '11 22:14
finanzunion
klingt gut, so nach geld. aber bald gibt es computer, die genauso gut "denken" können wie das menschliche gehirn. wie wärs also mit einer herzensunion? könnte man uns europäer gefühlsmässig vereinen? vielleicht mit einer designunion? oder einer filmunion oder einer sozialunion oder einer wissenschaftsunion? oder einer bildungsunion, oder einer musikunion? wir brauchen neue fahnen, neuen mut! alle für einen, euros für alle!
Wulpe, 26. 06. '11 21:07
Gibt's ja gar nicht!
"Systembanken in Ländern wie Frankreich und Deutschland könnten kollabieren."

Aber nicht doch, dies ist keinesfalls möglich. Im Zuge der Finanzkrise 2008, als die Banken krachten wie alte Semmeln, wurde uns doch vollmundig versichert, dass es in Zukunft keine "too big to fail" Banken mehr geben würde. Kann mich noch sehr genau daran erinnern!

Entsprechende Gesetze und Regularien würden dies sicherstellen, damit nie wieder der Staat gezwungenermaßen einspringen muß.

Was? Wir wurden angelogen, und die Großbanken wurden gar nicht filetiert? Wer hätte das gedacht.
RandolphZ, 29. 08. '11 15:28
Wer hätte das gedacht ...
... und wie konnte es soweit kommen, das sind meine Lieblingssätze. Wulpe, wir werden mächtig verkohlt, das ist uns wohl klar.

Von "keine Schuldenhaftung" zu "einer einmaligen Schuldenhaftung für ein Land zu einer Schuldenübernahme für ein Land und eine Haftung für viel andere Länder wird jetzt - simsalabim! - der Europäischen StabilitätsMECHANISMUS (sic!) eine Dauerinstitution, bestehend aus juridisch immunen EU-Gouverneuren (sic!), die Ö die Schulden vorschreiben, die wir machen für die Schulden anderer ...

Und der Ober-Clou daran: keine einziger der Verantwortlichen geht in den Häfn!

Wer hätte gedacht, dass wir bald in einer sozialistischen Diktatur aufwachen werden ... wer hätte je geahnt, dass wir Opfer einer fein choreografierten Salamitaktik sind und erst recht werden!?
Sequoiatrail, 26. 06. '11 09:56
Hysteriediskussion
Hat irgendjemand die Amerikaner schon darüber lamentieren gehört, dass man die Californier aus dem Währungsverbund Dollar ausschließen muss, weil dieselbigen seit - Gott hab ihn selig - Ronald Reagans Zeiten, als Governeur, nicht als Präses, schon fortwährend mehr als bankrott sind? Im direkten Vergleich mit Californien wird Griechenlands Bedeutung für den Euro um das 10-fache überschätzt. Hysterische Zeiten halt, fehlt bloss noch der Vorschlag den Schweizer Franken als europäische Leitwährung einzuführen.
lurkerabove, 01. 07. '11 11:59
Re: Hysteriediskussion
Die USA sind ein Bundesstaat, die Kalifornier müssen sich daher an die Gestze halten, die im fernen Washington beschlossen werden. (Inklusive der Budgetgesetze)

Für Europa gilt das derzeit noch nicht.

Deswegen könnte Griechenland bankrott gehen (was ziemlich heftige Auswirkungen auf die Krditwürdigkeit aller andren Staaten der "westlichen Welt" hätte), Kaliforniern aber nicht.
hellipirelli, 07. 01. '12 19:55
Re: Hysteriediskussion
@ Sequoiatrail: Griechenlands Bedeutung für den Euro (und somit für das Weltwirtschaftssystem) wird NICHT überschätzt. Die Pleite Griechenlands würde einen größeren Kracher als die Lehman Brothers - Pleite bedeuten. Denn zu viele Wallstreet-Banken haben Credit Default Swaps (CDS) gegen die Pleite Griechenlands herausgegeben. Der Wallststreet-Spezi (Chase Manhattan) und Bilderberger(?) Andreas Treichl natürlich auch, was unlängst bekannterweise zu einer milliardenschweren Korrektur der Erste Bank Bilanz geführt hat. CDS sind teuflische Finanzprodukte, die mit anderen Derivaten meiner Meinung nach maßgeblich zu der Bredouille geführt haben, in der die westlichen Wirtschaften - und somit der EUR und der USD - gefangen sind.