Herbert Lackner
Aus den Fugen

Die Schuldenkrise gerät außer Kontrolle, die Politik in Panik.

Journalisten haben das Privileg, die Meldungen der Nachrichtenagenturen „in Echtzeit“ auf ihre Laptops gespielt zu bekommen. Schmerzt das Knie eines Fußballstars, ist die ÖVP Steiermark auf die ÖVP Niederösterreich bös oder wird das Wochenendwetter wieder einmal saumäßig – wir erfahren es als Erste. Im Schnitt trifft alle 90 Sekunden eine neue Nachricht ein. Nur wenige schaffen es in die Morgenausgaben der Zeitungen. Zu gewissen Anlässen ist die Lektüre der Originalnachrichten freilich ein sehr spannendes, wenn auch beunruhigendes Erlebnis. Vergangenen Donnerstag etwa sah der Meldungsverlauf der Austria Presse Agentur (APA) am frühen Nachmittag so aus:

12.55 Uhr: „Schuldenland Italien muss Rekordzinsen zahlen.“ Der Zinssatz von Anleihen steigt auf fast sechs Prozent.

13.51 Uhr: „EZB: Griechenland braucht langen Atem beim Abbau der Schulden.“ Nach Berechnungen der Europäischen Zentralbank wird der Schuldenstand selbst mit rigiden Sparmaßnahmen und umfassenden Privatisierungen 2020 noch immer 127 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes ausmachen – deutlich mehr als derzeit im ebenfalls gefährdeten Italien (120 Prozent).

13.53 Uhr: „Tremonti warnt vor Titanic-Gefahr.“ Italiens Wirtschaftsminister im Parlament: „Europa hat ein Treffen mit dem Schicksal. Es ist wie auf der Titanic: Auch die Passagiere der ersten Klasse retten sich nicht.“

14.09 Uhr: „Athen drängt Europa zur Eile.“ Werde nicht innerhalb der nächsten Tage ein zweites Hilfspaket geschnürt, drohe eine Katastrophe, sagt der griechische Minister­präsident Giorgos Papandreou in einem Interview mit der „Financial Times“.

14.26 Uhr: „Moody’s prüft wegen US-Schuldenstreits Entzug von Bestnote.“ Die Agentur will den USA das Rating AAA entziehen. Gibt es in Washington keine Einigung zwischen Präsident Obama und den Republikanern über die Anhebung der gesetzlichen Verschuldungsgrenze, ist die größte Volkswirtschaft der Welt Anfang August zahlungsunfähig. Die Folgen wären unabsehbar.

14.28 Uhr: „Irland: Haben voraussichtlich Geld bis 2013.“ Moody’s hatte das Land tags zuvor noch einmal herabgestuft. Ohne weitere Hilfe sei Irland in eineinhalb Jahren ein Pleitefall, heißt es in Dublin.

15.37 Uhr: „Irischer Finanzminister: Ab sieben Prozent Zinsen wird es gefährlich.“ Sollten die Anleihezinsen für Spanien und Italien diese Marke überschreiten, würden auch diese Länder zu ­Sanierungsfällen à la Irland und Portugal. In Spanien und Italien liegen die Anleihezinsen bereits bei sechs Prozent.

Acht Minuten später traf dann die Meldung ein, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sei gegen einen EU-Krisengipfel noch an diesem Wochenende – aber nicht deshalb, weil dieser nicht notwendig wäre: Merkel glaubt, dass sich Europa einen Gipfel ohne entschlossene Maßnahmen einfach nicht mehr leisten könne. Die „Märkte“, so die Angst der Experten, würden in diesem Fall die klammen Euroländer gnadenlos abstrafen.

Die „Märkte“: Viele Jahre lang waren sie als Horte der Freiheit besungen worden, bevölkert von Typen, die alle wie Michael Douglas aussehen wollten. Sogar Hosenträger waren eine Zeit lang schwer in Mode. Ja nicht eingreifen in das emsige Treiben dieser Erfolgsmänner, war die Devise. Nur das völlig freie Spiel der Kräfte bringe das Heil, staatlich erlassene Spielregeln aber das Verderben.

Jetzt ist der Kontinent zum ersten Mal seit 1945 außer Kontrolle und mit ihm die gesamte Weltwirtschaft. Der Gedanke, die Führungsnation USA könnte schon in zwei Wochen nicht einmal mehr ihr Personal bezahlen, wäre noch vor ganz kurzer Zeit als spinnert abgetan worden.

Die Politik hat sich selbst geschwächt, und die Spekulanten nehmen ihr das Steuer aus der Hand: In aberwitziger Leichtfertigkeit hatten die jetzt in den Strudel geratenen Staaten die Haushalte bis zum Totalschaden überstrapaziert. In das geschwächte Finanzsystem der schwer verschuldeten Länder drangen die Herren der „Märkte“ mit ihren Swaps und Leerverkäufen und all den anderen Taschenspielertricks ein, die die Staaten seit der Finanzkrise des Jahres 2008 ja kennen müssten. Dass man sie kannte und nichts gegen sie unternahm, rächt sich jetzt bitter: Das politische System Europas ist nahezu handlungsunfähig.

Dabei hatte die kluge Angela Merkel schon damals „ungezähmte Kräfte, die die Welt in die Krise stürzen“, wahrgenommen. Karl Marx hatte das verblüffend ähnlich formuliert, als er in seinem Kommunistischen Manifest von „unterirdischen Gewalten, die nicht zu beherrschen sind“, schrieb. Und wer Finanzministerin Maria Fekter in diesen Tagen in kleinem Kreis über „die Spekulanten“ herziehen hört, vermeint eine entschlossene Aktivistin der Sozialistischen Jugend vor sich zu haben. Apropos Fekter: Es sind noch zwei APA-Aussendungen vom vergangenen Donnerstag zum Thema Schuldenerlass für Griechenland nachzutragen:

11.01 Uhr: „Finanzministerin Fekter: ,Was ich nicht will, ist ein Haircut.‘“
13.27 Uhr: „Wifo-Chef Aiginger: Haircut und Garantien sind die Lösung.“


herbert.lackner@profil.at

16.7.2011 08:24
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bpallmann@hotmail.com, 23. 07. '11 13:40
China boomt, Brasilien boomt...und wir werden deren Satelliten
Keiner soll mir nachsagen, ich wuesste nichts ueber die Umweltzerstoerungen, Landflucht, Kriminalitaet, Drugs, Verfall von Familien, Korruption und aehnliches in diesen Laendern. Die USA haben bei China mit die hoechtsen Schulden der Erde, Europas Laender haben sich von Zockern verspekulieren lassen, Japans Hochtechnologie ist in Tsunami-Wasser auf lange Zeit vergaut, und Europa hat sich Berlusconis, Seehofers oder Ghadafis geleistet. Peter Scholl-Latours Buch von 2009 "Die Angst des weissen Mannes" bringts auf den Punkt: Die Kolonialzeit neigt sich laengst dem Ende zu. Da kann man noch so viele Rettungsschirme aufziehen, irgendwann kommts von unten - steht einem das Schulden-Wasser bis zum Hals. Ja, Herr Gurgiser. Schuldenwege sind Irrwege. Ging bei mir ohne Nachdenken! B. Pallmann
gurgiser, 16. 07. '11 20:42
Beunruhigend (3)
Erst unlängst habe ich mit einem Südtiroler diskutiert, der gemeint hat, eigentlich gehe es uns im Verhältnis mit anderen noch sehr gut, wenn wir uns mit Griechenland oder Irland vergleichen. Nun, was ist denn wirklich bei uns um vieles besser oder ist es nur besser versteckt? Wie schaut es denn aus mit dem "Wohlstand", habe ich ihn gefragt? Müsste jeder Pkw, Lkw und Bus statt der Zulassung den Typenschein mitführen, könnten wir aus vielen Straßen wohl Spiel- und Wohnstraßen machen. Oder picken wir doch auf jedes "Eigen"heim, jede "Eigentums"wohnung etc. ein kleines Logo mit dem tatsächlichen Besitzer - man könnte dann glauben, Österreich hätte die dichtest besiedelte Banken- und Leasinggesellschaftsrate der Welt usw.. Schuldenwege sind Irrwege. Zum Nachdenken, Fritz Gurgiser
gurgiser, 16. 07. '11 18:57
Beunruhigend (2)
Wer die "Grenzen des Wachstums" oder "Ein Planet wird geplündert" etc. gelesen hat, findet Ursachen. Wer sich länger mit den "Vier Grundfreiheiten" (darunter die Kapitalsfreiheit" befasst, ebenfalls. Und wem die Sorgfaltspflicht eines ordentlichen Kaufmannes oder einer ordentlichen Hausfrau nicht fremd ist, den wundert vieles nicht. Mehr als beunruhigend ist die Tatsache, dass weiter verschuldet wird und ein "Rettungsschirm" weiter aufgeblasen werden soll (WIFO Aiginger träumt diese Woche gar von einer Verdoppelung) und damit wieder eine "Blase" erzeugt wird, obwohl noch genügend herumschwirren. Beunruhigend, dass politische Entscheidungsträger nicht den Mut haben, eine Kehrtwende ihrer verantwortungslosen Schuldenpolitik einzuleiten. MFG, Fritz Gurgiser
muttutgut, 16. 07. '11 17:34
beunruhigend
Der Artikel trägt wahrlich nichts zur Beruhigung angespannter Nerven bei, aber eigentlich ist unsere Lage noch schlimmer, weil nicht nur die politische Entscheidungsfähigkeit nicht mehr primär bei der Politik liegt, sondern bei den Gamblern gelandet ist. Es gehen uns auch alle Resourcen mehr oder weniger schnell aus. Was werden wir ohne Erdöl, Kupfererz, Eisenerz, Magnesit, Silizium etc. herstellen um so weitermachen zu können? Wie lernt ein gut in die Gesellschaft integrierter Mensch, dass man ein ganz anderes Leben anstreben muss, die Zukunftsfähigkeit vielleicht bei den belächelten Amishen erlernt werden muss? So schlimm wird es wohl nicht werden, aber die Geschichte lehrt uns: Es kann immer auch viel schlimmer kommen. Die Hinweise darauf sollten wir lieber nicht weiter stur ignorieren.
Systemanalytiker, 16. 07. '11 15:50
Europäische Schuldenproblematik ist eine Suchtproblematik
Die europäischen Politiker nehmen seit über 60 Jahren immer neue Schulden auf ohne je alte Schulden zurückzuzahlen. Die Schuldenaufnahme ist zur Sucht geworden. Eine Sucht kann man nur beenden wenn man sofort aufhört neue Schulden aufzunehmen. Die schmerzhaften Begleiterscheinungen zu meistern wäre möglich, nicht jedoch mit den derzeit regierenden Gesindelpolitikern.