Sven Gächter
Part of the shame

Die Freiheitlichen, das Scheuch-Urteil und eine alte Debatte: Steht die FPÖ inner- oder außerhalb des Verfassungsbogens?

Ein Justizskandal von ungeheurer Tragweite ereignete sich Dienstag der Vorwoche am Landesgericht Klagenfurt, und es blieb wie so oft der freiheitlichen Aufklärungs- und Öffentlichkeitsmaschinerie vorbehalten, mit aller gebotenen Schärfe auf die strukturelle Verkommenheit in zentralen Funktionsbereichen der Republik hinzuweisen – schon allein deshalb, weil einmal mehr einer der Ihren davon betroffen war.

„Ein krasses, fatales Fehlurteil“, schäumte der Kärntner FPK-Obmann Uwe Scheuch; er sei „enttäuscht und erschüttert“. FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl sprach von „Politjustiz der übelsten Sorte gegen einen Unbescholtenen und Unschuldigen“. Auch der Dritte Nationalratspräsident Martin Graf fand gewohnt harsche Worte: „Das Urteil ist ein neuerlicher Beleg für die politische Schieflage, in die sich die Justiz in den letzten Jahren begeben hat.“ FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache schließlich, schon von Berufs wegen der großen symbolischen Geste verpflichtet, hob die Causa unerschrocken auf die Grundsatzebene: Nichts Geringeres als „Gesinnungsjustiz“ und „Politwillkür“ diagnostizierte er – „das hat Methode“. Nachdem der rot-schwarze Machtapparat die Freiheitlichen bei Wahlen nicht niederringen könne, versuche er nun, sie zu kriminalisieren und „wegzusperren“. Mit anderen Worten: „politische Verfolgung“.

Im Krieg der Worte genießen die Freiheitlichen seit ­jeher die Marktführerschaft – er ist Teil ihres krawallgetriebenen Selbstverständnisses und der einzige ihnen bekannte Schlüssel zum Erfolg. Dem überraschend harten Urteil gegen Uwe Scheuch im so genannten „Part of the game“-Prozess – 18 Monate Haft, sechs davon unbedingt (nicht rechtskräftig) – hatten sie deshalb ihrerseits nichts Überraschenderes entgegenzusetzen als kollektives Geplärre, wofür sie gern sämtliche Register angewandter Kakofonie ziehen. Elender noch als der ­ohrenbetäubende Geräuschpegel wirkt dabei nur die stramme Unverfrorenheit, mit welcher sattsam berüchtigte strategische Realitäten auf den Kopf gestellt werden: Eine auf Hetze aller Art spezialisierte Partei beansprucht, wenn es eng wird, ungeniert den Verfolgten­status für sich. Opfer haben schließlich immer Recht, und wird ihnen, wie im Fall Scheuch, dieses Recht auch noch schnöd verweigert, dann bleibt nur die blindwütige Entfachung des verbalen Flächenbrands.

So durchschaubar diese Taktik erscheint, so idiotensicher verfängt sie bei hinreichend weiten Teilen der wahlberechtigten Bevölkerung. Immer wieder schafft es die FPÖ, mit dem Nimbus der Anti-Establishment-­Bewegung zu punkten, ungeachtet der Tatsache, dass sie sechs Jahre lang zum regierenden Establishment des Landes gehörte und dass zahlreiche dubiose Machenschaften in der Zeit zwischen 2000 und 2006 mühselig von ebenjener Justiz aufgearbeitet werden müssen, auf die sich die Freiheitlichen nun so massiv eingeschossen haben. Das Urteil gegen Scheuch, so Strache im Brustton der Erschütterung, zerstöre „die Restseriosität der österreichischen Justiz endgültig“.

In dieser Wortmeldung, wie in vielen anderen von Strache & Co, kristallisiert sich ein weiteres Stereotyp der ewig blauen Denkschule: die ostentative Verhöhnung der offiziellen Institutionen und ihrer Repräsentanten, ­soweit man sie nicht kontrollieren und skrupellos den eigenen Interessen unterwerfen kann. Die Frage, was aus demokra­tiehygienischer Sicht schwerer wiegt – die xenophobe Stoßrichtung der FP-Wahlkampagnen oder ihre „perverse Haltung zum Rechtsstaat“ (Hans Rauscher im „Standard“) –, hat eher akademische Relevanz, denn in beiden Fällen bricht sich derselbe Ausgrenzungsfuror Bahn: Wer nicht spurt, wird geächtet und hat früher oder später die gebührend drakonische Strafe zu gewärtigen.

In den neunziger Jahren, unter dem Eindruck von Jörg Haiders Wahlerfolgen, wurde mit erbitterter Leidenschaft darüber diskutiert, ob die FPÖ inner- oder ­außerhalb des Verfassungsbogens anzusiedeln sei. Diese Debatte ist nur deshalb zum Erliegen gekommen, weil die FPÖ von der ÖVP eine Zeit lang aus purer Koalitionsräson in den Verfassungsbogen gezwungen wurde. Wie ernst es den Freiheitlichen selbst damit war, bleibt in Wahrheit bis heute ungeklärt – jedenfalls lassen die ­öffentlichen Äußerungen größerer und kleinerer Parteigranden nach dem Klagenfurter Urteilsspruch vergangene Woche kaum einen anderen Schluss zu. Man habe „keinen Platz für eine selbstgerechte Sündenbockjudikatur“ und „Gefühlsjurisprudenz“, polterte Uwe Scheuchs Anwalt Dieter Böhmdorfer. Böhmdorfer war von 2000 bis 2004 Justizminister der Republik.

sven.gaechter@profil.at

6.8.2011 09:43
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bisamberg, 07. 08. '11 10:55
Wem hat die NETREBKO etc. geschmiert ????
Vorweg ich bin kein Fan von diesem miesen Büberl Scheuch. Aber alles was dieser Mensch gemacht hat, wird seit Jahren von ROT und SCHWARZ ebenfalls praktiziert.
Frau Netrebko spricht kein Wort Deutsch und bekommt im Eilverfahren die Staatsbürgerschaft. Andere Bewerber werden jahrelang mit idiotischen Fragen gequählt welche weder unsere Politiker noch 95% der Bevölkerung beantworten können.
Österreich ist das korruptestes Land in Europa.
eulenauge, 21. 08. '11 19:45
Re: Wem hat die NETREBKO etc. geschmiert ????
Niemand hat von der Netrbko eine Parteispende verlangt.
Kritikos, 07. 08. '11 04:47
Wir sind Gefangene der Erziehung : "Die Kriminalgeschichte des Christentums"
Solange das Alte und das Neue Testament und andere religiöse Werke unsere Leitkultur sind, wird es "Gut" und "Böse" geben. Kulturen, die "die anderen", "die Fremden" mit dem Signum des Bösen versahen, konnten sich im globalen Wettstreit besser durchsetzen, als jene, die mehr oder weniger unvoreingenommen auf Fremde zugingen: das Massaker der Invasoren aus Europa an der indianischen Urbevölkerung ist ein Beispiel.
Solange wir unsere Empathiefähigkeit (auch mit uns selber) durch Ideolgien ausschalten, werden wir keinen globalen und keinen inneren Frieden haben. Wir schaffen uns unsere Welt, unsere eigene Wirklichkeit. Wir handeln auf Grund unserer Erfahrungen, wir können nicht anders handeln. Das ist ein Naturgesetz. Wir können nichts dafuer. Aber wir können
dazulernen! Auch die FPÖ !
Kritikos, 07. 08. '11 04:29
"Kriminalgeschichte des Christentums" "Jenseits von Gut und Boese"
Wenn das Schulbuecher werden, ist der Weg zum globalen Humanismus offen. Solange im Namen der Religionen "Heilige Kriege" gefuehrt werden, werden "die anderen", "die Fremden", "die Abweichler" mit dem Zeichen des Boesen versehen und bekämpft. Jene die unvoreingenommen auf Fremde zugehen, koennen sich weniger durchsetzen: die indianische Urbevoelkerung in Amerika ist durch Christen aus Europa abgeschlachtet worden. Solange wir unsere Faehigkeit zum Mitgefuehl (auch mit uns selber!) durch Ideologien ausschalten, werden wir keinen Frieden finden. Weder in uns, noch in der Welt. Wir schaffen uns unsere eigene Welt! Wir wissen nicht was wir tun: Religiösen Memplexe steuern unser imaginäres Ich! Wir sind nicht frei!
Ohne Moral sind wir bessere Menschen, beweist MSS mit seinem o. g. Buch.
karanthanus, 07. 08. '11 02:10
Gesinnung
Wenn Strache das Urteil gegen Uwe Scheuch als "Gesinnungsjustiz" bezeichnet, dann lässt dies einen tiefen Einblick in die kleptokratische und korrupte "Gesinnung" dieser Partei, die ja das inkriminierte Handeln Scheuchs geschlossen gutheißt, zu.

Scheuch ist übrigens auch der Schulreferent des Landes Kärnten und sein Vorbild wird ebenso wie sein Abbild allen Kärntner Schülern zugemutet
macjazz, 06. 08. '11 21:28
Kollektive Paranoia als Parteiprogramm
Mein Ausspruch von 2000, "es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es eine Partei ausgerechnet im Land des Sigmund Freud geschafft hat, das Parteiprogramm durch kollektive Paranoia zu ersetzen und damit bis in die Regierung zu kommen", gilt anscheinend immer noch.
Andererseits überrascht mich keine noch so große Hinterfotzigkeit, präsentieren sich doch mit schöner Regelmäßigkeit manche Repräsentanten der FP als Verehrer und geistige Nachfahren einer Organisation, die sich erfolgreich als politische Partei etablieren konnte, in Wahrheit aber die größte Verbrecher- und Mörderbande war, die es in unseren Breiten jemals gegeben hat.
macjazz, 06. 08. '11 21:28
Re: Kollektive Paranoia als Parteiprogramm
Logisch, dass für solche Typen ein funktionierender Rechtsstaat die größte Bedrohung darstellt, da nützt auch die Legitimierung über die, durch Vortäuschung falscher Tatsachen, erschlichenen Wählerstimmen wenig.
Kritikos, 07. 08. '11 05:28
Re: Kollektive Paranoia als Parteiprogramm
Die Spaltung ist unsere Leitkultur:

Geist und Materie ....
Gut und Boese .....
Ingroup - Outgroup

Nach Traumatisierungen spalten wir uns, um zu überleben.
Verfolgungswahn , Religionswahn , Groessenwahn entstehen in unserem Gehirn! Es sind Folgen von Traumatisierungen!

Man spaltet sich ab von seinen Gefuehlen, wenn man ein Trauma erlebt. Ein Mensch ohne Gefühle, kann keine Entscheidungen mehr treffen, weil wir nicht spüren, was uns wohl tut, was uns schadet.

Dann sind wir offen fuer Ideologien und Religuonen, die uns sagen, wie das Leben geht! Das ist der Teufelskreis, in dem wir sind. Wir treiben den Teufel (H.C. Strache) mit dem Beelzebub (E. Proell/Faymann) aus!

So schaut unsere Welt aus!
Das machen auch die Banken!
Die Politiker sowieso!

Das macht jeder einzelne mit sich!
muttutgut, 06. 08. '11 17:59
Das böse Außen
Die FPÖ ist in ihrer Anlage die Verkörperung des Selbstbezugs. Das Außen beginnt längst im Inland, u.zw. bei Allem, was nicht die FPÖ ist, also bei den Kirchen, den anderen Parteien, den NGOs und natürlich auch bei der unabhängigen Justiz. Dabei erhebt die Partei den widersinnigen Anspruch ganz Österreich gegen das Außen des Auslandes und ergo des Ausländers zu vertreten.
Die FPÖ wäre ohne das Außen auf verlorenem Posten, weil sich die permanente emotionale Hyperventilation totlaufen würde.
Ein politisches Programm zur Gestaltung des Außen, also des Gesamtstaates oder ein komplexes außenpolitisches Konzept sind bei der Selbstbezogenheit der Partei nicht zu erwarten.
Mein Nachbarhund hat eine ähnliche Weltsicht. Er verbellt alle außerhalb des Zauns, Inländer genauso wie Ausländer.
Kritikos, 07. 08. '11 05:04
Re: Das böse Außen
Das ist das Prinzip a.l.l.e.r Religionen:
wir die Guten, ihr, die Bösen!

Luthers Schrift von 1543 "Von den Juden und ihren Luegen", war in der Nazizeit überaus populär!
Judas, der Jesus verraten hat, steht stellvertretend fuer die "bösen Juden" in unserer christlichen Kultur.

Die verheerenden Folgen der Doppelmoral zeigt das Buch von M. S. Salomon: JENSEITS VON GUT UND BOESE - wie wir ohne Moral die besseren Menschen sind.
Kritikos, 07. 08. '11 05:42
Das Buch von MSS : Jenseits von Gut und Boese ..
......zeigt auch einen Ausweg!

Es berichtet von der Leichtigkeit des Seins!

Es zeigt, wie es eine menschliche Solidargemeinschaft gibt!
qilin, 07. 08. '11 09:43
Re: Das böse Außen
Das Prinzip 'wir - ihr', der Dualismus, steckt nicht nur in (fast) jeder Religion, Philosophie und Politik (*auch* in dem Prinzip 'wir, die guten Humanisten - ihr, die bösen Religionen' ;) - sondern ist bereits in der Evolution festgelegt. Wenn die A nicht B als 'böse', 'weniger lebenswert' o. ä. ansehen würde, gäb's keine Kämpfe und auch kein 'Survival of the fittest' - ob nun bei Käfern, Wölfen, Philosophien oder Zivilisationen. Toleranz und Empathie sind Epiphänomene, die dann auftreten wenn man sich's leisten kann, weil's einem gut genug geht. Um zur FPÖ zurückzukommen - die will uns glauben machen, dass es uns schon so schrecklich schlecht geht, dass wir uns Toleranz und Empathie keinesfalls leisten können...