Christian Rainer
Rechtsüberholer

Trotz Krise – die Linken hatten nicht Recht. Auch wenn das Konservative wie Frank Schirrmacher jetzt glauben wollen.

Es ist kein Zufall, dass Frank Schirrmacher als einer der fünf Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zuständig für deren Feuilleton ist. Wäre er verantwortlich für den Wirtschaftsteil der „FAZ“, dann hätte er nicht jene Idee gehabt, die seit einigen Tagen den gepflegten Diskurs im deutschen Sprachraum beherrscht: dass die Linke mit ihrer Kapitalismuskritik Recht hatte, was durch die aktuelle Finanzkrise bewiesen sei.

Das ist ein origineller Gedanke, wenn er einem konservativen Denker kommt, weshalb ihn der für ausführlich argumentierte Thesen bekannte Schirrmacher wohl auch formuliert hat. Originär ist er nicht, vielmehr grassiert er, zumal zuvor bereits ein erzrechter Kommentator im britischen „Daily Telegraph“ die nämliche Meinung geäußert hatte.

Und richtig ist der Gedanke auch nicht.

Wäre der „FAZ“-Herausgeber Wirtschaftspublizist, dann hätte er nämlich nicht bloß behände mit soziologischem Vokabular jongliert, vielmehr hätte er die gegenwärtigen ökonomischen Zusammenhänge aufgedröselt und sie gegengeschnitten mit historischen Ereignissen und Erfahrungen. „Ein Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie“, schreibt er in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, „entpuppt sich als das erfolgreichste ­Resozialisierungsprogramm linker Gesellschaftskritik.“ Denn diese Hemmungslosigkeit habe sich in Form des „Neoliberalismus im imaginativen Depot des bürgerlichen Denkens“ bedient, und zwar konkret bei „Freiheit, Autonomie, Selbstbestimmung … bei gleichzeitiger Zähmung des Staates und seiner Allmacht“.

Wir verstehen, was Schirrmacher meint. Doch dieses Verständnis kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er die Dinge durch sprachliche Gewandtheit zum Zwecke einer Abrechnung mit einer – wohl vornehmlich der deutschen – bürgerlichen Wertewelt verdreht, solcherart also die Finanzkrise ge- und missbraucht, um ein davon unabhängiges Ziel zu erreichen.

Ein durchschaubares und daher untaugliches Manöver.

Denn erstens ist die Gleichsetzung von Neoliberalismus mit rechts, mit Kapitalismus oder gar mit Marktwirtschaft einfach Unsinn. Der Neoliberalismus – das Wort soll wohl den Bedeutungsinhalt eines Beschwörens völlig ungezügelter Marktkräfte umschreiben – war doch stets nur eine sektierende Spielform der Marktwirtschaft, nicht aber ein handelbares Gut im „Depot bürgerlichen Denkens“ (Schirrmacher). Wahr ist vielmehr, dass ein rechtes Establishment – gerade in Deutschland – sich im eigenen Gewinnstreben stets gegen Liberalisierungen gewendet hat und auf Zöllen, Quoten und Kartellen beharrte. Insofern macht es wenig her, einen Missbrauch konservativer Werte als Auslöser der Finanzkrise zu behaupten, vielmehr ist es Schirrmacher selbst, der die Konservativen per Identifikation mit dem Neoliberalismus vergewaltigt.

Darüber hinaus – zweitens – hat sich der Feuilletonist arrogant über die Aufgabe hinweggeturnt, die Krise samt den daraus resultierenden Krawallen in London oder Athen auf ihre sachlichen Ursachen hin zu analysieren. Diese hätte er in einem Marktversagen gefunden, nicht aber im Versagen des Prinzips Marktwirtschaft: Nicht skrupellos profitgierige Unternehmer haben die Finanzmärkte überstrapaziert, vielmehr haben skrupellos interessenhörige Politiker diese Märkte nicht reguliert und skrupellos stimmenmaximierende Politiker haben die Kreditmöglichkeiten ihrer Länder überbeansprucht. Hier eine Trennlinie zwischen rechten und linken Politikern zu suchen ist vergebliche Liebesmühe.

Drittens: Der seit 1994 im Amt befindliche Feuilleton-Herausgeber hat es verabsäumt, die Gegenprobe vorzunehmen: nämlich das „Depot“ (Schirrmacher) ökonomischer Gegenmodelle der „linken Gesellschaftskritik“ (ebendieser) auf ihre Werthaltigkeit abzuklopfen. Was hätte er etwa zur Verstaatlichung aller Produktionsmittel gesagt, die mangels jeden Marktes tatsächlich auch jedes Marktversagen verhindern würde? Wie steht er – gemilderte Form – zum Einfluss verstaatlichter Industrien, Handelshäuser, Medienunternehmen auf Wohlstand und Freiheit einer Gesellschaft? Und schließlich: Wie hält er es mit den Forderungen der Kritiker einer „entfesselten Finanzmarktökonomie“ (Schirrmacher) nach Preisregulierungen und abgeschotteten Arbeits- sowie renationalisierten Warenmärkten?

Schirrmacher hat diese Fragen weder gestellt noch beantwortet. Das Rechtsüberholen der Linken – eine Pointe, die man sich von der Wahrheit nicht stehlen lässt.

christian.rainer@profil.at

20.8.2011 12:45
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muttutgut, 23. 08. '11 09:15
Der Chefredakteur soll bleiben dürfen. Wir brauchen eine humanere Welt.
Der Artikel hat ideologisch gefärbte Absichten und er zielt am Wesentlichen vorbei. Es geht nicht an, die eigentlichen Akteure und Verantwortlichen für die gegenwärtige Krise geistig gewähren zu lassen und nur der mangelnden Bereitschaft der Politik dagegenzuhalten den Schwarzen Peter zuzuschieben. Das ist ja so als würde man mit Dieben an sich kein Problem haben, aber der Polizei die ganze Verantwortung für deren ungezügeltes Tun in die Schuhe schieben wollen.
Der Ablenkungsversuch, der Neoliberalismus sei nur eine sektiererische Spielform der Marktwirtschaft und schon gar nicht rechts, ist lächerlich. Wäre das Zocken auf Finanzmärkten eine Angelegenheit von sektenhafter Größe geblieben, hätten wir doch die übergroßen Probleme jetzt nicht.
derpradler, 25. 08. '11 10:53
Re: Der Chefredakteur soll bleiben dürfen. Wir brauchen eine humanere Welt.
Da sind keine Probleme......alles was uns als Krise verkauft wird, ist gewollt und dient nur der Umverteilung nach oben.
Man muß endlich einmal begreifen, daß das Zirl des Neoliberalismus nicht das Wohl der Massen ist sondern die Bereicherung Einzelner auf Kosten der Massen ist!
caleidoscope, 22. 08. '11 19:15
Wie wär's mit einem neuen Chefredakteur, liebes PROFIL?
Rainer kann nicht mit soziolog. Vokabeln operieren, noch weniger hat er eine Ahnung von Ökonomie. »Neoliberaler« free market-liberalism war keine radikale Randerscheinung, sondern hat ihre Theorie des »Nachtwächterstaates« beim IWF, in der USA u. nur etwas schwächer auch in Europa durchgesetzt. Schon die Kritik von Stiglitz vergessen? Der verlogene Schmäh, den Politikern die Schuld in die Schuhe zu schieben, hat schon einen Bart. Manche Politiker vertreten eben eine Theorie, andere sehen sich gezwungen, Kompromisse zu schließen (nennt man Erpressung), manche vertrauen auf »Experten«. Schließlich »links« nur mit Verstaatlichung zu identifizieren, u. d. ohne nach Branchen zu differenzieren, zeigt, daß R. völlig überfordert ist. Der Mann hat kein Profil, aber eine Profilierungsneurose!
eulenauge, 26. 08. '11 17:21
Profilierungsneurose statt Profil
ist ebenso richtig wie langweilig: Der Bart dieses Gags reicht wohl drei mal um die Erde.
bpallmann@hotmail.com, 22. 08. '11 18:42
Ehrlich Geldverdienen ist weder "links" noch "rechts"
Wir stellen fest: Mit Sprechblasen kann man zwar - mache Glaubensgemeinschaft und manchmal auch die "FAZ" (und andere) leben fuerstlich davon - Geld verdienen, aber dazu muessen das erst andere im Schweisse ihres Angesichts erwirtschaften und was spenden/einzahlen. Wer sich Geld leiht, seis fuer Haus oder die Firma, zahlt Leihgebuehr. Doch wenn er pleite gehtt? Oder gar auf der faulen Haut lag? Sich die Kohle erschwindelte? "Bazis" gibts "links" und "rechts" und "in der Mitte". Nur, wenn sich die als Politiker, Banker oder als sonstwas vor Strafe und aus dem Verkehr ziehen immunisierten, wirds eng. Marktwirtschaftlicher Sozialismus, Soziale Marktwirtschaft, Neo- oder Alt-Liberalismus - alles Worthuelsen. Es kommt nicht drauf an, wie mans nennt - sondern, was man draus macht. B. Pallmann
eulenauge, 21. 08. '11 18:46
Krise: Von der Ausnahme zur Regel
Und ist der Herr Konrad jetzt glücklich, daß Sie die Ergebnisse von dreißig Jahren Neoliberalismus - der ja nicht "freie Marktwirtschaft", sondern nur eine "sektiererische Spilelart" davon ist - den "Linken" und "Kapitalismuskritikern" in die Schuhe geschoben haben?

Wahrscheinlich waren es die "Linken", die alle die grenzenlose Gier der bangster in Schranken haltenden Regeln abgeschafft haben.

Und an der 2001 geplatzten dot.com-Blase sowie der 2008 geplatzten Immobilen-Schrottpapier-Paket-Blase war wahrscheinlich die KPdSU schuld.

Weil nur der KGB kann es gewesen sein, der die FED seit dreißig Jahren dazu zwingt, jährlich Millarden und aber Millarden Dollar zu drucken und damit nebst Budget- und Handelsdefizit zweieinhalb kostspielige Angriffskriege zu finanzieren.
Außerirdischer, 21. 08. '11 10:28
Wieviele Goldman-Sax Manager müssen zB in einer US Regierung sitzen?
Etwa direkt als Finanzminister, oder in der zweiten Reihe, um als Lobbyismus erkannt zu werden? Und welche Meinungen lassen die Dichands, Berlusconis und Murdochs dieser Welt in ihren Medien verbreiten? Wieviel Geld steckt in Marketing, PR und verdecktem Lobbyismus um für die Finanzindustrie missliebige Gesetze zu verhindern?

Wenn die Politik hier versagt hat, dann hat sie versagt, wie Eltern, die für ihre Kinder haften.

Aber wie sehr haften Eltern für Halbstarke, die ihnen geistig und körperlich über den Kopf gewachsen sind, die 200 mal mehr verdienen als sie selber, Rechtsanwälte beschäftigen und schlichtweg alles daran setzen, ihren Willen durchzusetzen?
Mardi, 21. 08. '11 08:47
Marktversagen??
Wo ist hier bitte ein Marktversagen? Ein Schuldner der sich heillos überschuldet hat, bekommt in einem funktionierenden Markt keinen Kredit mehr oder bestenfalls zu überzogenen Konditionen. Und das ist die Situation von Griechenland, Portugal, Spanien etc.

Die Ursache der Überschuldung ist aber in Europa das Ergebnis eines überzogenen Sozialstaats, siehe z.B. Haklerregelung, die von den Linken natürlich aufrecht erhalten wird, trotz allen Missbrauchs und obwohl man sieht wohin die Reise geht. Und am Beginn der Krise 2008 stand auch linke Politik, nämlich die von Clinton, dass jeder, auch wer es sich nicht leisten kann, ein eigenenes Haus besitzen soll...

Man muss schon sehr beschädigt sein oder öffentlichkeitsgeil, um zu Schirrmachers Schlussfolgerung zu finden.
Systemanalytiker, 20. 08. '11 23:09
Die herrschende Politikerkaste zerstört das Geldwesen
Ein stabiles Geldwesen ist der wichtigste Garant für eine bürgerliche Gesellschaft, in der auch kleine Leute zufrieden sein können.

Die derzeitige Politikerkaste zerstört das Geldwesen.

Die Todesstrafe muss wiedereingeführt werden, um genau diese Leute bestrafen zu können.
muttutgut, 21. 08. '11 13:31
Re: Die herrschende Politikerkaste zerstört das Geldwesen
Die Todesstrafe muss niemals wieder eingeführt werden, denn staatlicher Mord bleibt vorsätzlicher Mord, der juridisch geplant und von staatlichen Schergen ausgeführt wird. Solche Leute wie Sie nerven und rufen bei mir heftigstes Haareraufen hervor!!!
Was immer gewisse Politiker zerstören mögen, Sie zerstören die Errungenschaften des Humanismus, und das ist beileibe nicht weniger schlimm.
RandolphZ, 23. 08. '11 11:00
Systemanalyse?
Und Sie analysieren dann, wer ein Politiker ist und hingerichtet wird und wer ein Bürger ist und leben darf? Wollen wir alle unsere Bürgermeister aufhängen, oder fangen wir erst bei den landeshauptleuten an? Als Einstieg in die Analyse: ein Anfang ist gemacht bei: denken, dann schreiben!