Elfriede Hammerl
Rücksichten
Warum Evas Mutter kein Essen auf Rädern und keine Arzt-Hausbesuche braucht.
Im Grunde geht es um Kleinigkeiten. Und doch. Am Beispiel einer Frau, nennen wir sie Eva. Eva hat eine sehr alte, aber einigermaßen rüstige Mutter, die allein lebt und das auch möchte. Eva selber ist Mitte fünfzig und berufstätig. Wenn Not am Mann beziehungsweise an der Frau ist, wird sie von ihrer Mutter zu Hilfe gerufen. Das findet sie prinzipiell durchaus in Ordnung, was sonst. Bleibt allerdings die Frage, wie Not und wie Hilfe definiert werden.
Evas Mutter legt Wert auf Selbstständigkeit und Selbstbestimmung. Sie braucht keine mobilen sozialen Dienste und kein Essen auf Rädern. Einmal in der Woche kommt eine Bedienerin, das reicht, und wenn sie was Medizinisches benötigt, wendet sie sich an ihren Hausarzt, einen netten und kompetenten Allgemeinmediziner.
Evas Mutter ist allerdings auch eine rücksichtsvolle Frau. Deswegen mag sie die Bedienerin nicht bitten, die Fenster zu putzen, die Arme plagt sich eh genug in anderen Häusern, bei ihr soll sie es leichter haben. Auch sämtliche Angebote der Nachbarin, ihr Lebensmittel aus dem Supermarkt mitzubringen, schlägt sie aus. Und nie würde sie den lieben Herrn Doktor zu sich nach Hause kommen lassen, wenn sie krank ist. Der liebe Herr Doktor muss schon genug Hausbesuche machen, da will sie ihm nicht auch noch zur Last fallen. Stattdessen: Anrufe bei Eva. Könntest du mich zum Arzt bringen, Liebes? Würdest du mir was einkaufen? Wenn du das nächste Mal vorbeikommst, sei doch so lieb und wisch mir schnell über die Fenster. Und so weiter. Evas Mutter ist rücksichtsvoll zu aller Welt, weil sie schließlich eine Tochter hat. Evas Mutter braucht keine Hilfsdienste, weil Hilfsdienste nur was für anhanglose Menschen sind.
Ist Eva der einzige Anhang ihrer verwitweten Mutter? Das nicht. Eva hat auch einen Bruder, aber der kann die Mutter nicht zum Arzt bringen, er muss schließlich arbeiten. Das muss Eva ebenfalls, doch irgendwie gilt die Arbeit ihres Bruders mehr als richtige Arbeit, während Evas Berufstätigkeit, wie es scheint, als Ausrede gewertet wird, mit der sie sich vor richtiger Arbeit drückt. Außerdem hat ihr Bruder eine Frau zu ernähren (na ja, eigentlich verdient seine Frau selber, aber das zählt nicht so ganz), während die geschiedene Eva nur sich selber ernähren muss.
Ach ja, und dann hat Eva auch noch eine Schwester. Doch die kann erst recht nicht eingespannt werden, denn die muss ein Haus und einen großen Garten und eine Familie versorgen. Familie heißt: Mann. Die Kinder der Schwester müssen nicht mehr versorgt werden, die sind erwachsen und ausgezogen (wie Evas Kinder auch), aber ihr Mann erwartet, dass seine Mahlzeiten pünktlich auf dem Tisch stehen. Und seine Frau zur Verfügung. Sagt Evas Mutter, die das ganz in Ordnung findet. Oder vielmehr als Naturgesetz sieht, weshalb es überflüssig wäre, darüber zu diskutieren.
Würde man Evas Mutter darauf ansprechen, würde sie sich selbstverständlich von diskriminierenden Rollenbildern distanzieren. Sie ist eine gescheite, gebildete Frau, es war selbstverständlich für sie, dass ihre Töchter studiert haben und überhaupt. Und überhaupt was? Leider: eben nichts. Dass Eva und ihre Schwester studieren durften, war keine Absage an tradierte Rollenzuweisungen, sondern lediglich ein schichtspezifisches Privileg. In gebildeten Kreisen heiraten gebildete Männer gebildete Frauen. Basta. Mit feministischen Zielsetzungen hat das relativ wenig zu tun, bis heute, wenngleich es oft so dargestellt wird.
Was meinten denn die Zeitungen, wenn sie schrieben, Kate Middleton sei eine emanzipierte, selbstbewusste, moderne junge Frau (ganz anders als die, wie es hieß, Kindergärtnerin Diana, die in Wirklichkeit freilich nie Kindergärtnerin, sondern eine gelegentlich mit Kindern posierende Tochter der Hocharistokratie war)? Sie meinten, dass die höhere Gattin heutzutage über einen zumindest bescheidenen akademischen Abschluss verfügt, auch wenn sie ihren Status nach wie vor am besten von einem hochrangigen Ehemann ableitet. Soll Evas Mutter, noch dazu in ihrem biblischen Alter, einen fortschrittlicheren Standpunkt einnehmen?
Also. Evas Mutter ist weit über 80, sie wird nicht mehr umlernen, sie meint es nicht böse. Ihre Hochachtung gilt der respektablen beruflichen Stellung ihres Sohnes und dem tadellos gepflegten Haushalt ihrer nach wie vor verheirateten Tochter, weil das die Maßstäbe sind, nach denen sie selber gelebt hat. Frauen führen tadellose Haushalte, damit Männer ungestört respektable berufliche Positionen erringen können. Andere Lebensweisen kommen vor, das weiß sie und nimmt es mit aller gebotenen Toleranz zur Kenntnis, aber mit der Hochachtung dafür tut sie sich schwer.
Ja, ärgerlich. Trotzdem kein Grund für eine Staatsaffäre. Und dennoch schäumt Eva immer wieder vor Wut. Deine Mutter will halt Zuwendung, sagen die Freundinnen. Ja, und? Eva hat nichts dagegen, sich ihrer Mutter zuzuwenden. Aber muss sie dabei mit dem Fensterleder in der Hand die Leiter rauf- und runterklettern?
Neulich, bei Evas Bruder: Das fesche Au-pair-Mädchen seiner Enkelkinder will im Weggehen den vollen Müllsack mit nach draußen nehmen. Lassen Sie nur, sagt Evas Bruder, meine Schwester geht ohnehin gleich hinunter. Rücksichtsvolle Mütter haben rücksichtsvolle Söhne.
elfriede.hammerl@profil.at
www.elfriedehammerl.com
10.9.2011 10:20
Kritikos, 03. 11. '11 08:46
was für hirnlose kommentare zu dem einfühlsamen artikel
Frauen machen 75 % der Arbeit auf der Welt
( die unwichtige, wie ein Ehemann sagte: Schulen für die Kinder und Wohnungen suchen, Essen zubereiten)
Frauen bekommen dafür 10 % des Lohnes auf der Welt (weil sie zu
wenig Selbstbewusstsein haben mehr Geld zu fordern)
Frauen besitzen 2% des Besitzes auf der Welt.
In matrinlinearen Systemen wie bei den Mozo in China machen die Frauen auch die meiste Arbeit, sie besitzen hingegen hundert Prozent der Häuser und Grundstücke und dort geht es auch den Männern gut, weil die Frauen nicht auf ihre Kosten leben.
Das Buch DAS PARADIES IST WEIBLICH von Ricardo Coler beschreibt, wie friedlich es auch bei uns drei Millionen Jahre lang ausgesehen haben könnte, bevor die das Patriarchat begann mit Kriegen, Konkurrenzkampf und Frauenfeindlichkeit.
ewoewo, 16. 09. '11 20:35
...
wirklich interessant wie die oberen schichten sicherstellen dass jede ernstzunehmende aktivitaet im sande verlaeuft und alle im kaestchen denken... da gehoert eine lange tradition des verhaltens und schauspiels dazu und journalistinnen die es "sehen", denn kein arzt kommt nach hause bei den miesten und niemand nimmt essen aus dem supermarkt mit, auch putzen putzfrauen nicht alles - sie sind nicht gut genug bezahlt dazu und nicht versichert... ich verstehe aber, dass man sich der gueltigkeit von luegen routinemaessig versichert, spindelegger sagt ja auch die minestsicherungsbezieher sind schuld, wieso nicht die journalistin? ps bei den reichen gibt es keinen unterschied: nur lug und betrug abgestimmt
(ich bin da dagegen)
lurkerabove, 16. 09. '11 13:40
Wirklich ein lesenswerter Text von Frau Hammerl
Keine ideologischen Phrasen sondern nachvollziebare Verhaltensweisen von glaubwürdgen Personen.
Respekt!
Aber im letzten Absatz bekommt das Bild, das Frau Hammerl uns da zeichnet doch etwas Risse.
Da ist von den Enkelkindern des Bruders die Rede, und damit erscheint die vollmundige Behauptung 5 Absätze davor:
"Familie heißt: Mann. Die Kinder der Schwester müssen nicht mehr versorgt werden, die sind erwachsen und ausgezogen (wie Evas Kinder auch)"
in einem etwas anderen Licht.
Offenbar übernimmt die Familie von Evas Schwester Verantwortung für Kinder (der nächsten Generation)
Eva scheint hingegen keine solche Verantwortung zu tragen. (Hat keine Enkel, oder ist "emanzipierte Grossmutter".)
Könnte das der Grund sein, warum Evas Mutter die Töchter so "ungerecht" behandelt?
leonie30, 13. 09. '11 19:03
Evas Geschwister
Offenbar hat Eva noch mehr Geschwister, die sich hier wiederfinden. Nehmen wir an, Eva sagt ihrer Mutter "Nein, ich werde deine Fenster nicht putzen.", dann wird folgendes passieren: Evas Mutter wird die Initiative und selbst den Putzlappen ergreifen und sich angesichts ihres Alters bei dieser Aktion eine leichte Verletzung zuziehen, nichts Ernstes, vielleicht eine kleine Prellung o.ä. Die geschockten Geschwister, eilen dann ans Krankenbett und werden fragen, warum die Mutter das selbst gemacht hat und diese wird wahrheitsgetreu antworten, sie wollte niemanden belasten und Eva wird von der Mutter und den Geschwistern dafür verantworltich gemacht und hat dann nicht nur nicht ihre Situation geändert, sondern muss sich sicherlich auch noch wärhend der Rekonvaleszenz um die Mutter kümmern
felk, 15. 09. '11 13:50
Re: Evas Geschwister
...ein durchaus denkbarer Ablauf und ein herrliches Setting für eine Familienaufstellung.
"erwachsener" wäre es wohl, die Geschwister legten für ein dickes extra-Taschengeld der Bedienerin zusammen, davon hätten alle was: keineR muss das Rehleder in die Hand nehmen, die Bedienerin freut sich - sie kann jeden Euro brauchen - die Mamá muss kein schlechtes Gewissen haben - und wenn doch, ist ihr auch nicht mehr zu helfen, denn Alter schützt bekanntlich vor Torheit nicht.
P.S.: für Krankentransporte - also auch für Fahrten zum Arzt - ist die Rettung zuständig. abgesehen davon hat Mamá für Freizeit- und Regelfahrten aufgrund ihres biblischen Alters Anspruch auf einen Fahrtendienstausweis des "Fonds soziales Wien".
artemis70, 13. 09. '11 12:10
kein mitleid mit dem opferlamm.
ich bin selbst eine "eva", aber die hier geschilderte geht mir gehörig auf den geist!
man kann z.b. auch mit einer hoch in den 80ern stehenden mutter vernünftig reden - vor allem, wenn sie eh so unglaublich rücksichtsvoll ist.
wpkatz, 11. 09. '11 21:00
sosehr
ich sonst E.H. meist recht gebe, hier meine ich doch, dass die vorhergehenden Poster eher den Kern treffen. Zu dieser Rollenverteilung gehören schon auch zwei.
Sequoiatrail, 11. 09. '11 04:29
Füllkommentar
Kompliment an FELK, er/sie hat völlig richtig erkannt, dass es sich hier nicht um ein gesellschaftliches Problem sondern um mangelndes Selbstbewusstsein der guten Eva oder gar um das Thema "Ich bin immer das Opfer" handelt. Wie schrieb doch Michael Köhlmayer einstmals: "Eine Zeitung muss geschrieben sein". Und genauso ist es hier, Frau Hammerl mußte einen Artikel schreiben und wiederum ist die arme Eva ein Opfer.
felk, 10. 09. '11 23:51
Eva...
...eine Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied.
offenbar kann Eva nicht "nein" sagen, offenbar teilt sie insgeheim die Ansichten der Restfamilie, oder zumindest jene, dass man sie nicht wichtig nehmen muss!? doch wenn sie sich nicht wichtig genug nimmt, um aufzubegehren - und nicht erst beim Fensterputzen, das offenbar das Fass zum Überlaufen brachte - wieso erwartet sie dann von der Restfamilie sie wichtig zu nehmen?! hat Eva den Müll also bei ihrem Bruder stehen lassen!? ...oder ihn doch runtergenommen, weil... is ja eigentlich keine Staatsaffäre!? eben!
daher: "arme Eva"? nein, eher sskM.