Peter Michael Lingens
Kleingeldaffäre

Elfriede Hammerl hat ein geniales Buch geschrieben für alle, die jemals fremdgegangen sind, und für alle, die je die Geliebte verheirateter Männer waren.
Vielleicht haben Sie auch Elfriede Hammerls Kolumne (profil 35/2011) über die Sorgen einer Frau gelesen, der man ihr Alter angeblich nicht ansieht, und sind dabei auf köstliche Sätze wie diese gestoßen: Ich unterwerfe mich dem herrschenden Schönheitsdiktat. Ich habe nicht die Kraft, mein eigenes Schönheitsideal zu erstellen und es gegen das diktierte Schönheitsideal zu verteidigen. Nicht alle meine Freundinnen heißen das gut. Sie erklären, in Würde altern zu wollen. Sie sind angeblich stolz auf ihre Falten. Sie versichern einander, dass sie mit ihrem grauen Haar nein, wegen ihrer grauen Haare viel schöner seien als all die manipulierten Sklavinnen des Jugendkults. Sie sagen, wenn die Liebe ihrer Männer von ihrem jugendlichen Alter abhinge, würden sie sich auf der Stelle von ihren Männern trennen.
Wie sehr ich sie verstehe, obwohl ich ein Mann bin; beziehungsweise weil ich ein Mann bin, dem es auch lieber wäre, dass man die Spuren, die das Leben in seinem Gesicht hinterlassen hat, etwas weniger sähe, und der glücklich ist, wenn man sie bei den Frauen, die noch nicht durch ihn hindurchsehen, womöglich nicht zu sehr sieht.
In Würde zu altern ist etwas für später.
Der Fußnote unter Hammerls Text habe ich entnommen, dass er Teil eines Romans ist: Kleingeldaffäre ist die Geschichte einer Frau, die einen verheirateten Mann liebt und auch das habe ich irgendwie verstanden. Elfriede Hammerl erzählt es so: G. muss mich lieben, sonst hätte er sich ja auch jemand anderen aussuchen können, eine aus der Töchtergeneration, er ist umgeben von schönen jungen Frauen, die ihm schöne Augen machen, darauf vergisst er nie hinzuweisen. Vielleicht hat G. aber auch mich ausgewählt, weil er gedacht hat, ich werde nicht aufmucken. Junge Frauen wollen geheiratet werden, eine Familie gründen. Junge Frauen würden ihm das Messer ansetzen, weil sie auch noch andere Optionen haben. Ich, hat sich G. möglicherweise gedacht, ich habe sowieso kaum noch andere Optionen, um es euphemistisch auszudrücken.
Da möchte ich sie ausnahmsweise trösten: Auch die älteren Männer geben nur vor, noch die Option junger Frauen zu haben. Das war einmal. Die Zeiten haben sich geändert, seit die Frauen zunehmend selbst über Kleingeld verfügen.
Kleingeldaffäre ist der achte Roman Elfriede Hammerls und wie ich meine, der allerbeste: einer, den man lesen muss, wenn man nicht mehr ganz so jung ist, wie man sich fühlt; wenn man die Liebe unverdrossen liebt; wenn man jemals fremdgegangen ist; wenn man jemals die Geliebte eines verheirateten Mannes war. Selbst auf Seiten der Erstfrauen steht die Heldin des Romans fast immer und liegt damit insofern richtig, als sie ihre üble Nachrede (seitens der Männer, die sie betrügen oder verlassen) selten verdienen. Ein Roman für 99 Prozent der Bevölkerung also.
Die Heldin gehört zu den vielleicht 60 Prozent, die in G. sie hat seinen vollen Namen diskret kastriert einen verheirateten Mann lieben, den sie nicht bekommen. Ich bin umgeben von Männern mit Zweitfrauen und von Frauen mit Zweitmännern, sagt sie von sich, alle Welt lässt sich munter scheiden und paart sich erneut, nur G. spielt den konservativen Fels in der Brandung der Promiskuität. Was habe ich an mir, das verhindert, dass er bereit ist, zum Bäumchen-wechsle-Dich es muss was Besonderes sein.
Nein, es ist nichts Besonderes: G. will seine Ehe nur nicht aufgeben, weil er seiner Frau längst nicht so fernsteht, wie er vorgibt, wenn er fremdgeht. Muss ich noch einen weiteren Grund anführen, um zu belegen, dass Kleingeldaffäre ein Roman für 99 Prozent der Bevölkerung ist?
Ich habe den Zustand, in dem wir uns fast alle befinden, noch nie so präzise und zugleich so witzig beschrieben gelesen. Frivol. Feministisch. Sich über Feminismus lustig machend. Und immer wissend: Ein Liebhaber hat die Pflicht, für Spannung und Euphorie zu sorgen den Alltag mit Erwartungslametta zu behängen. Auch wenn es am Ende als abgefallenes Lametta am Boden liegt und weggekehrt werden muss. Sofort bin ich gekränkt. Ich sehe uns in meinem breiten Bett, Haut an Haut, sensible Finger an sensiblen Stellen, zungenfertige Münder auf Körperwanderung, ein Bild, das nicht mehr Realität werden kann, weil G., der Schuft, nicht kommt.
Manche Kritiken haben gefunden, dass Kleingeldaffäre voll schonungsloser Ehrlichkeit etwas tragisch Verzweifeltes beschreibt. Das tut es auch. Aber wie köstlich komisch. Elfriede Hammerl hat das Pech, dass sie als Journalistin groß geworden ist. Sie gälte sonst längst als wichtigste Schriftstellerin des Landes nach Elfriede Jelinek. Sie besitzt viel von deren Wortgewandtheit, dazu den geschärften Blick eines Gerhard Haderer und die Leichtigkeit eines Woody Allen. Irgendwann werden das auch Leute erkennen, die weniger als ich davon verstehen. Intendanten zum Beispiel, die ihre Stücke aufführen könnten.
peter.lingens@profil.at
























