Elfriede Hammerl
Kein Platz für Isabella

Autistische Kinder brauchen spezielle Förderung. Das ist die Theorie. Und die Praxis?

Isabella ist zweieinhalb. Diagnose: frühkindlicher Autismus. Ein Kind mit besonderen Bedürfnissen, heißt das politisch korrekt. Das ist schon gut, dass wir das heutzutage so sagen und sehen (oder uns zumindest darum bemühen). Menschen nicht über Defizite definieren, sondern speziellen Förderungsbedarf erkennen. Und erfüllen. Bravo. Theoretisch. Praktisch schaut es so aus: Isabella sollte, zur bestmöglichen Frühförderung, eine so genannte heilpädagogische Integrationsgruppe (HPI) besuchen, wo ihren besonderen Bedürfnissen Rechnung getragen wird. Das wäre wichtig für sie, aber: Isabella wohnt in einer Straße, die zwar de facto durch den Ort Guntramsdorf verläuft, verwaltungstechnisch jedoch zur Gemeinde Gumpoldskirchen gehört. In den Guntramsdorfer Kindergärten gibt es heilpädagogische Integrationsgruppen, im Gumpoldskirchner Kindergarten nicht. In einer Guntramsdorfer HPI war, als Isabellas Eltern vor einem halben Jahr anfragten, ein Platz frei. Isabella bekam ihn jedoch nicht. Danach wechselten die Auskünfte, mal hieß es, es bestehe Aussicht auf einen freien Platz, dann wieder, Isabella könne doch nicht aufgenommen werden.

Die Eltern warteten und hofften. Vergeblich, denn jetzt ist es amtlich: kein HPI-Platz für Isabella.

Der Amtsleiter von Guntramsdorf (der Bürgermeister ist für profil nicht zu sprechen) sagt, dass diejenigen Gemeinden, die Mühen und Kosten auf sich nähmen, um heilpädagogische Integrationsgruppen zur Verfügung zu stellen, ein wenig verschnupft seien, weil von 20 Gemeinden im Bezirk Mödling mehr als die Hälfte diese Mühen und Kosten scheuten. Und wie käme man dazu, für die anderen Gemeinden einzuspringen? Ja, es müsse zwar für ein ortsfremdes Kind von dessen Heimatgemeinde ein Beitrag entrichtet werden, aber der reiche unter Umständen nicht aus, eventuelle Folgekosten zu decken. Deswegen zögere man, ortsfremde Kinder aufzunehmen, das sei doch verständlich.

Na ja. Schon. Aber nicht für Isabella. Und das liegt diesfalls nicht an ihren besonderen Bedürfnissen, sondern ­daran, dass Zweieinhalbjährige so was mit Fug und Recht nicht verstehen müssen. Allerdings besteht die Gefahr, dass Isabella sich auch in späteren Jahren bei wichtigen Dingen nicht auskennt, sofern ihre besonderen Bedürfnisse auf der Strecke bleiben. Befürchten ihre Eltern.

In Gumpoldskirchen hat man mittlerweile einen Ausweg gefunden. Isabella kommt in eine Kleingruppe, und die ­Gemeinde stellt eine eigene Betreuerin für sie zur Verfügung. Die hat zwar keine pädagogische Ausbildung, schon gar ­keine heilpädagogische, wird aber einmal wöchentlich von einer Sonderpädagogin instruiert und mit guten Tipps versorgt. In Gumpoldskirchen bestehe halt kein Bedarf an ­einer HPI, sagt der Bürgermeister, aber man habe sich um eine optimale Lösung bemüht. Diese Lösung sei besser als nichts, sagt der renommierte Kinder- und Jugendpsychiater Ernst Berger, von einem guten Betreuungsmodell sei sie allerdings zwei Stufen entfernt. In einem guten Betreuungsmodell stünde einer Regelpädagogin eine Sonderpädagogin zur ­Seite, die einen Grundkurs in Sachen Autismus absolviert habe, dazu komme eine regelmäßige Supervision durch eine Fachkraft mit spezifischen Autismus-Kenntnissen.
Klingt teuer, klingt aufwändig, keine Frage, aber wie aufwändig ist die Versorgung von autistischen Erwachsenen, die nicht gefördert wurden? Und wollen wir nicht alle das Beste für unsere Kinder?

Wir wollen das Beste für unsere Kinder, sagt jedenfalls die zuständige Ansprechpartnerin in der niederösterreichischen Landesregierung. Deshalb werde man von Amts wegen gesprächsbereit bleiben. Und sollte sich herausstellen, dass die derzeitige Lösung für Isabella nicht genüge, dann werde man sich zusammensetzen. Äh. Zusammen­setzen mit welchen Folgen? Zusammengesessen ist man ja schon, des Öfteren. Ohne Erfolg, siehe oben. Was spricht dafür, dass ein erneutes Zusammensitzen mehr Wirkung haben wird? Und was bedeutet es, wenn sich herausstellt, dass die derzeitige Lösung nicht genügt? Wurden dann entscheidende Fördermaßnahmen bereits versäumt?

Isabella ist, so steht zu befürchten, kein Einzelfall. Immer wieder scheitern hehre gesellschaftspolitische Ansagen – und wir wollen einmal annehmen, dass sie ehrlich gemeint sind – an der alltäglichen Umsetzung. Der Teufel steckt in den Details: parteipolitische Rivalitäten (rote Gemeinde gegen schwarze oder umgekehrt). Finanzielle Belastung. Personelle Engpässe. Gemeinde versus Land, Land versus Bund. Überforderung. Wurschtigkeit.
Auf der Strecke bleiben die Schwachen. Keine neue ­Erkenntnis – umso bedauerlicher, dass sie immer noch gilt.

Gegen Wände rennen, mit Gemeinplätzen abgespeist werden, draufkommen, dass im Ernstfall nicht vorhanden ist, was angeblich allen in diesem Land selbstverständlich zur Verfügung steht, vermittelt kriegen, dass kranke Angehörige ein Privatproblem sind, alleingelassen sein mit Sorgen und Ängsten, das nährt (Politik-)Verdrossenheit und Zweifel am System.

Im Fall Isabella kann man nicht einmal sagen, dass es zur Gänze am guten Willen fehlt. Man bemüht sich ja eh. Man wird schauen. Mehr geht halt nicht. Isabellas Eltern sind trotzdem besorgt. Wer könnte es nicht nachvollziehen?

elfriede.hammerl@profil.at

www.elfriedehammerl.com

24.9.2011 12:37
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iknow, 14. 10. '11 14:35
danke
was machen leute, die sich den kampf mit der österreichischen bürokratie hingeben können, frage ich mich?wieviele kinder unter unserem kranken system leiden, weiß keiner.
und der bürgermeister besagten ortes ist seines amtes nicht würdig.
derpradler, 30. 09. '11 10:45
So etwas
hat im Neoliberalisus keinen Platz. In Tirol hat man gerade die Hilfsgelder für die Arbeutsbeschaffung Behinderter gestrichen. 7 Behinderte werden arbeitslos.......aber wen interessieren schon die Regeln des "freien Marktes"?!
chaneu, 30. 09. '11 08:16
Zaubersprüche 2
Nur eines ist klar, diese Menschen haben seit 2008 ein Recht auf eine Leistung, die die europäischen Staaten gerade im Begriff sind, dramatisch zu reduzieren. Wir, die Gesellschaft, der Staat unser System hat nach der Massevernichtungsorgie der nazis beschlossen, dass diese Menschen nicht nur ein Recht auf Leben haben, sondern ein Recht auf fachgerechte Betreuung.

Dieses System kann aber nur funktionieren wenn wir ein funktionierendes System der Umverteilung von Kapital zulassen.

Es gibt zwischenzeitlich mehr teilzeitbeschäftigte als Vollzeitbeschäftigte, die Bevölkerung ist um 2 Millionen angewachsen, deren sozialen Bedürfnisse aber auch. somit muss mit weniger Mittel (Sozialversicherung) mehr Leistung für weitaus mehr Menschen erbracht werden, ratet mal wer dabei verlieren wird
ewoewo, 01. 10. '11 14:01
Re: Zaubersprüche 2
vollig egal einfach irgendwo anrufen, ein amt in ngo und eine frage stellen: schaedlichste und duemmste antwort ist garantiert!
chaneu, 30. 09. '11 08:08
Dazu ein paar Zaubersprüche
Inclusion. Die Österreichische Regierung hat beim UN Konvent 2008 die Charta der Menschenrechte unterzeichnet, in dem Falle auch eine ganz besondere Sache. Man unterzeichnete die Absichtserklären insbesonders die Rechte und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung zu respektieren und die dazu nötigen Gesetze einzuführen. Damit wir insvesonders die Inclusive Behandlung von Menschen mit Behinderung verstanden.

zum ersten. Was das heist weis keine Sau, mit Sicherheit aber nicht die Politiker die das unterschrieben haben.

Ich bin ein Kritiker dieser Ideologie, weil sie von der Gesellschaft verlangt (d.h. vom normalen Durchschnittsgewalttäter) behinderte Menschen zu akzeptieren und im Ramen seiner Möglichkeiten zu unterstützen. Aber vielleicht bin ich ein Pessimist und habe unrecht
ewoewo, 01. 10. '11 14:02
Re: Dazu ein paar Zaubersprüche
na und seither gibts artikel und wenig fotos, das ist die gesamte leistung, deshalb haben sies ja unterzeichnet, ach ja nochwas seither werden mehr befunde und gerichtsurteile gefaelscht...
ewoewo, 28. 09. '11 18:45
...
bla bla bla man muss sich nur die gefuehle der eltern vorstellen denen oeffentlich honig geschmiert wird und die unter 4 augen fertig gemacht werden, das ist was dem kind blueht und es ist institutionalisierte praxis in oesterreich und es ist strafbar.
lurkerabove, 27. 09. '11 14:54
... das nährt (Politik-)Verdrossenheit und Zweifel am System
Will Frau Hammerl andeuten, dass auch Isabellas Eltern bald zu FPÖ Wählern werden, weil es unzumutbar ist, nur "Man bemüht sich ja eh. Man wird schauen. Mehr geht halt nicht." zu hören?

Dann dürfte Strache wohl wirklich bald Kanzler sein ...
<irony off>
Wie viele Artikel von Journalisten der 68ger Generation zeigt auch dieser, dass es die gerade an der Macht befindlichen Politiker und Medien (seit das System Faymann publik geworden ist, weiss nun wohl jeder, dass da eine Hand die andere wäscht) noch immer nicht geschnallt haben, dass die Zeit des Luxus vorbei ist.

Man wird in Zukunft mit weniger auskommen müssen.

Auch wenn das die 68ger (die seinerzeit leicht billige Wohnungen und gute Jobs bekommen haben, und sich jetzt noch hohe Pensionen erwarten) am falschen Fuss erwischt.