Georg Hoffmann-Ostenhof
Die guten Islamisten

Wahlen in Tunesien: Wieder spielt das Land der Jasmin-Revolution Avantgarde.

Freudentage für die arabische Welt. Nach dem Sturz des Tunesiers Ben Ali und des Ägypters Hosni Mubarak hat die arabische Revolution mit Oberst Gaddafi nun einen weiteren Despoten beseitigt. Diesmal auf die blutige Art. Man könnte mit Wilhelm Busch reimen: „Dieses war der dritte Streich, doch der vierte folgt sogleich.“ Sogleich? Wahrscheinlich ist diese Zeitperspektive zu optimistisch. Aber es stimmt schon, was Barack Obama in seiner ersten Reaktion auf den Tod des libyschen Diktators sagte: „Für die Region erweist sich einmal mehr, dass die Herrschaft der eisernen Hand unausweichlich scheitern muss.“ Das grausige Ende Gaddafis sendet ein Signal an die Assads, Salehs und die anderen morgenländischen Tyrannen. Es macht ihnen klar, dass sie ein ähnliches Schicksal erwartet wie das ihres Kollegen aus Tripolis.

Weniger spektakulär, aber wahrscheinlich sogar bedeutsamer als die libyschen Ereignisse dürfte für den Fortgang der arabischen Revolution das sein, was sich zur gleichen Zeit in Tunesien abspielt: Dort wird gewählt. Bei Redaktionsschluss waren die Ergebnisse noch nicht bekannt. Doch ­allein die Tatsache, dass in jenem Maghrebland, in dem Anfang des Jahres der Funke für den demokratischen Flächenbrand der Region gezündet wurde, freie – und wie es aussieht, auch faire – Wahlen stattfinden, ist sensationell genug.

Eines stand bereits vor dem Urnengang fest: Die Islamisten der Ennahda-Partei schneiden stark ab. Sie werden in der nun gewählten verfassungsgebenden Versammlung und in der zu bildenden Übergangsregierung ein nicht zu kleines Wörtchen mitzureden haben.

Jene, die schon zu Beginn des arabischen Frühlings vor Demokratie-Euphorie gewarnt haben, werden sich nun bestätigt fühlen. Da mögen in der Kasbah und der Avenue Bourguiba in Tunis die jungen Internetaktivisten ohne Allah und Koran für die Revolution mobilisiert haben – letztlich kommen ja doch die Islamisten an die Macht: So werden jetzt die Skeptiker argumentieren.

Sie haben Unrecht. Die Stärke der tunesischen Islamisten muss nicht Anlass zur Sorge geben. Im Gegenteil. Dass Ennahda von den Wählern eine wichtige Rolle in dieser Übergangszeit zugewiesen bekommt, zeigt, dass die tunesische Demokratisierung voranschreitet.

Zunächst ist das gute Abschneiden der Islamisten nur historisch gerecht: Sie waren jene politische Strömung, die vom Regime des Ben Ali am brutalsten verfolgt wurde – teilweise sogar mit offener oder insgeheimer Komplizenschaft so mancher säkularer Regimegegner. Die meisten Ennahda-Kandidaten haben viele Jahre Kerker hinter sich, so mancher unter ihnen kam erst im Jänner dieses Jahres frei.

Beeindruckend demokratisch sind der Geist des Wahlprogramms der Partei und die Äußerungen ihres Vorsitzenden, des aus dem Londoner Exil heimgekehrten Philosophen Rachid Ghannouchi.

In einem Kommentar im britischen „Guardian“ erteilte er kürzlich jeglicher Form von Theokratie eine Abfuhr. Er sieht in der Demokratie europäischen Stils, mit Gewaltentrennung und Minderheitenschutz, die beste Garantie dafür, dass der Autoritarismus nicht mehr zurückkehrt. Ghannouchi: „Wir glauben an einen zivilen Staat, der auf der Gleichheit aller Bürger, unabhängig von Glauben, Geschlecht und Rasse, beruht.“ Und er zitiert den Koran: „In der Religion darf es keinen Zwang geben.“ Deshalb dürften weder der Staat noch die Religion „der Gesellschaft eine bestimmte Lebensweise, Weltanschauung oder einen bestimmten Glauben aufzwingen“. Vor allem die Rechte der Frauen müssten geschützt werden, betont er. Wie sie sich kleiden, sei ihre persönliche Entscheidung. Der Ennahda-Chef ist stolz darauf, dass seine Partei bei Wahllisten für eine Frauenquote von 50 Prozent eintritt.

Die Versicherung, seine Partei orientiere sich an der AKP des türkischen Premiers Recep Erdogan, ist durchaus glaubhaft und plausibel. So wie die islamisch orientierte AKP erfolgreich auf den säkularen Grundlagen der Türkei des Kemal Atatürk agiert, so hat auch Ennahda offenbar nicht die Absicht, den laizistischen Rahmen, den der Vater der tunesischen Unabhängigkeit Habib Bourguiba seinerzeit für sein Land spannte, zu sprengen.

Natürlich kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass radikale Tendenzen (wie etwa jene der Salafisten, die erst vor zwei Wochen in Tunis eine Fernsehstation wegen der Ausstrahlung eines angeblich blasphemischen Films angriffen) im politischen Islam oder auch in der Ennahda-Partei selbst stärker werden und die Oberhand gewinnen könnten. Das ist aber höchst unwahrscheinlich. Der Zeitgeist weht aus der entgegengesetzten Richtung. Und die tunesische Gesellschaft scheint in der Revolution genügend Immunkräfte gegen solche Radikalismen entwickelt zu haben.

Die aktive Teilnahme der tunesischen Islamisten am Aufbau der Demokratie ist also zu begrüßen. Und sollte der halbwegs erfolgreich vor sich gehen, dann spielte das Land der Jasmin-Revolution ein weiteres Mal Avantgarde: Es würde den anderen zeigen, dass Demokratie und Islam nicht nur in Staaten wie der Türkei und Indonesien, sondern auch in der arabischen Welt vereinbar sind; und dass nur jener Flügel des politischen Islam erfolgreich ist, der sich auf den demokratischen Weg begibt.

georg.ostenhof@profil.at

22.10.2011 12:57
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Sichrovsky, 28. 10. '11 06:02
Valium-Argument
Gott sei Dank (egal welcher Gott) - wir haben uns alle völlig unbegründet Sorgen gemacht, die Islamisten in Tunis sind ja gar nicht so...alles nette Kerle...was in Israelischen und Amerikanischen Zeitungen aus ihren Programmen und Statements der politischen Vertreter zitiert wurde, alles nur Propaganda, bösartige Unterstellungen...wenn es Kommentatoren alpenländischer Zeitungen begüssen, sollten wir uns alle freuen
bpallmann@hotmail.com, 01. 11. '11 10:43
Re: Valium-Argument
Nein, so "schwarz-weiss" gehts nicht, Mit-Kommentator Sichrovski. Die Wendehaelse sind hueben wie drueben immer die gefaehrlichseten "Oben-Schwimmer" gewesen. Nur haben wir heute nicht mehr 1989, sondern sind gut 20 Jahre weiter. Und niemand ist immer nur "ein netter Kerl". Nicht mal Sie und ich, oder? Bernhard Pallmann
bpallmann@hotmail.com, 27. 10. '11 12:46
"Scharia" und die Angst der Nicht-Realisten
Auf Mallorca, wo ich z.Zt. - gezwungenermassen - lebe, werden die Mehrzahl der Internet-Cafes ("Locutorios") von Marokkaner(innen) betrieben. Manche, viele, sind auch aus Bangladesh. Alles Muslime. Ueberzeugte. Du gehst rein und wirst hervorragend bedient. Hervorragend. Dann rollt einer seinen Gebetsteppich aus und betet, wie es ihm der Koran vorschreibt. Direkt neben dir. Ganz normal. Fragst du ihn spaeter nach der Werttigkeit der uralten "Scharia" beim normalen Volk, grinst seine (manchmal) verschleierte Frau oder er selbst. "Alles Politiker-Schei...!" Sie sind hier in Spanien, weil sie daheim nichts zu beissen haben. Dass der Islam in vielen Laendern "Staatsreligion" sei, ist ihnen wurscht. "Wertvorstellungen" der Islam-Gesellschaft? Unserer Gesellschaften? Alles Kokolores. BPallmann
Abrarhababer, 25. 10. '11 17:31
Der Philosoph Rachid Ghannouchi - netter Kerl
Unmissverständlich ist allerdings die Einschränkung zu vernehmen, dass er nicht beabsichtigt, Parteien, die die religiöse Ordnung des Islam als oberstes Regulativ einer Gesellschaft ablehnen, eine Beteiligung an der Gestaltung des politischen Lebens einzuräumen. Seiner Meinung nach bleibt demjenigen, der am politischen Geschehen beteiligt werden will, nur die Option, zum Islam überzutreten; andererseits gesteht er Nichtmuslimen zu, in muslimischen Parteien mitwirken zu dürfen, vorausgesetzt, sie respektierten die Wertvorstellungen der islamischen Gesellschaft. Der Zugang zu Führungsämtern innerhalb der Regierung solle ihnen jedoch nicht erlaubt werden. [17]"
Abrarhababer, 25. 10. '11 17:31
Re: Der Philosoph Rachid Ghannouchi - netter Kerl
Seit Anfang der 90er Jahre im Londoner Exil lebend, ist er heute ein führendes[20] Mitglied im European Council for Fatwa and Research[21], der der Führung von Yusuf al-Qaradawi untersteht und den ägyptischen Muslimbrüdern zugerechnet wird. Wichtigstes Ziel dieses Rates ist es, das Leben der Muslime in Europa entsprechend den Bestimmungen der Scharia zu regeln.[22] Wie das Middle East Media Research Institute berichtet, hat Qaradawi selbst noch im Jahr 2004 eine Fatwa erlassen, die in der Al-Ahram Al-Arabi vom 3. Juli desselben Jahres erschienen ist und die das Töten muslimischer Intellektueller als Apostaten erlaubt.
Abrarhababer, 25. 10. '11 17:33
Re: Der Philosoph Rachid Ghannouchi - netter Kerl
Ghannouchi selbst erließ, so berichten einige sich als liberal bezeichnende arabische Denker, noch vor kurzem eine Fatwa, die es erlaube, alle israelischen Zivilisten zu töten, weil es, so seine Rechtfertigung, in Israel keine Zivilisten gebe, denn die Bevölkerung − Männer, Frauen und Kinder − sei die Reserve der Armee und daher als solche zu töten.[23] Es kann davon ausgegangen werden, dass heute an die 30 % der Tunesier mit Ghannouchis Ennahda-Bewegung sympathisieren.
Abrarhababer, 25. 10. '11 17:34
Re: Der Philosoph Rachid Ghannouchi - netter Kerl
http://de.wikipedia.org/wiki/Rachid_al-Ghannouchi
RandolphZ, 24. 10. '11 14:17
Adolf Erdogan ...
"Die Versicherung, seine Partei orientiere sich an der AKP des türkischen Premiers Recep Erdogan, ist durchaus glaubhaft und plausibel."

Ja dann! Ist ja alles bestens. Herr Ostenhof, Sie können ihre faschistischen Aussagen nicht lassen, oder? Zitate Erdogans mit faschistsichem Inhalt habe ich Ihnen zu Genüge zukommen lassen. Was ist nur los mit Ihnen?

Freuen Sie sich darauf:

http://www.pi-news.net/2011/10/video-graue-wolfe-aufmarsch-in-stuttgart/#more-217309

Woran mich die Fahnen und die Grußhände erinnern? An etwas, auf das Sie sich offenbar schon wieder sehr zu freuen scheinen.

Heute in Stuttgart, morgen in Wien, Graz und Linz. Nürnberg 2.0 warte auf alle Mittäter des neuen Faschismus - Sie sind gelistet!
RandolphZ, 24. 10. '11 15:00
Und noch eines: Adolf Erdogan ...
Besonders schulderschwerend kommt im Ihrem Fall dazu, dass Sie wissen (müssen), dass Erdogan Völkermordleugner ist. Sie stellen Völkermordleugner als Vorbilder einer "demokratischen" Entwicklung hin.

Bezüglich des Islam haben wir es - beabsichtigt oder nicht -dafür mit schierer Ignoranz zu tun. Die Wiedergabe des Zitats: „In der Religion darf es keinen Zwang geben.“ zeugt von völliger Ahnungslosigkeit. Dieses Zitat so zu verstehen, wie das ein unvoreingenommener Zivilisierter tun würde, zeugt von absoluter Sach-Unkenntnis zum Thema Islam. In Kürze sei nur so viel gesagt: es steht in keinem Widerspruch dazu, einem vom Glauben Abgefallenen den Kopf abzuschneiden zu müssen.

Wer so dumm ist, in diese Taqiya-Falle zu gehen, sollte sich nicht öffentlich äußern.
shalom1, 24. 10. '11 09:25
ihr Wort in Allah's Ohr
Ich hoffe, die Dinger werden sich wirklich so zutragen wie sie es hoffen, und die Islamisten keine Umkehr machen, sobald sie an die Macht sind. Ich hoffe, die Worte des Rasheed Ghannouchi zeigen auch das wahre Gesicht des tunesischen Islamismus.
Ich habe hier meine Bedenken.
Aber es ist in erster Linie Sache der Tunesier wen sie wählen und wie sie weiterhin leben.