Christian Rainer
Androsch im Alter
Was haben Bildungsvolksbegehren und Eurokrise miteinander zu tun? Einiges.
Ja, es wäre an der Zeit, etwas anderes zu besprechen als die Eurokrise. Da böte sich zum Beispiel eine aktuelle Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte an, die Österreich erlaubt, Eizellspenden zu verbieten, oder der nachgerade liebedienerische Umgang des Westens mit Chinas Staatspräsidenten Hu Jintao, der vergangene Woche in Österreich auf (unsere) Staatskosten urlaubte, oder das Bildungsvolksbegehren, das derzeit zur Unterschrift aufliegt.
Jedoch: Die Vorgänge in und um Griechenland sind so dominant, dass ein Ausscheren aus dem Themen-Mainstream der Kommentatoren unhöflich wäre. Athen regiert in Berlin und Brüssel, und daran wird sich nicht so schnell etwas ändern.
Freilich spricht nichts dagegen, eine Verbindung zu suchen, nicht unbedingt von Eizelle zu Euro, aber durchaus zwischen dem Volksbegehren und der Krise. Das geht ganz unverkrampft, und zwar so:
Bei aller Stichhaltigkeit der einzelnen Forderungen des Volksbegehrens Bildungsinitiative eine Stichhaltigkeit, die sogar die pikante Verbindung eines roten Urgesteins mit der stockkonservativen Industriellenvereinigung und den Grünen ermöglichte blieb doch jene grundsätzliche Überlegung ausgespart, die auch der Griechenland-Pleite zugrunde liegt: Wer soll das denn bezahlen?
Die Begehrer und ihnen voran Mr. Deficit Spending Hannes Androsch haben nämlich verabsäumt, uns zu erklären, wem sie das Geld wegnehmen wollen, um die staatliche Finanzierung für Universitäten auf zwei Prozent des BIP anzuheben, um ein flächendeckendes Angebot an elementarpädagogischen Einrichtungen zu finanzieren, um in das flächendeckende ¬Angebot an Ganztagsschulen zu investieren, um versteckte Kosten für Schulveranstaltungen und Selbstbehalte zu ersetzen, um eine Erhöhung der staatlichen Mittel auf 40 Prozent der Aufwendungen für die Erstausbildung bis zum Jahr 2020 für das lebenslange Lernen möglich zu machen.
Mr. Deficit Spending? Aber ja. Und das gleich doppelt. Erstens findet sich in den vielen erklärenden Texten rund um das Volksbegehren eben kein Hinweis darauf, woher die Mittel für all die per se sinnvollen Maßnahmen kommen sollen. Androsch & Mitstreiter haben es unter anderem recht unmutig verabsäumt, der Lehrergewerkschaft den Kampf anzusagen, etwa indem sie angedeutet hätten, die Lehrer müssten schon selber durch vermehrte Präsenz bei gleichem Einkommen für Ganztag und Flächendeckung sorgen. Nein, so dumm ist man nicht, wenn man das Blaue vom Himmel fordert.
Wer finanzierts dann? Wir hören die Initiatoren antworten: Bildungsausgaben rechnen sich von selbst, das ist eine Investition in die Zukunft. Deficit Spending eben. Schmecks. Die Wahrheit ist: Mangels anderer Geldströme müssten neue Schulden gemacht werden. Wie viel davon wirklich für mehr und bessere und gerechtere Bildung ausgegeben würde und wie viel, um irgendwelche Interessen zu befriedigen , ist völlig unklar.
So hats in Griechenland über Jahrzehnte auch funktioniert: Schuldenmachen unter den verschiedensten Titeln, von zweifellos notwendigen Rüstungsmilliarden im Angesicht eines aus der Türkei drohenden Nuklearangriffs bis zur Aufrüstung des höchst effizienten griechischen Beamten- beziehungsweise Lehrerheers.
(Weitere einschlägige Parallelen zwischen Griechenland und Österreich: Im Korruptionsranking der EU-Staaten liegen Bulgarien, Griechenland und Rumänien gleichauf an schlechtester Stelle Österreich rutschte 2009 von Platz zwölf auf den fulminanten Platz 16 ab. Und Pythagoras Nachfahren schneiden im PISA-Test in Mathematik und Naturwissenschaft deutlich schlechter ab als alle anderen EU-Länder sogar schlechter als Österreich. So viel zur sinnstiftenden Anhäufung von Defiziten.)
Zweitens grundsätzlicher: Es darf durchaus unter Überraschung verbucht werden, dass ausgerechnet ein Erfinder des Deficit Spending mitten in der potenziell fatalen europäischen Staatsschuldenkrise zum weisen Mann aller Disziplinen geadelt wird, so auch für Bildung. Die Weisheit des Alters?
Bruno Kreisky übernahm die Republik 1970 bis 1981 mit Androsch als Finanzminister bei einer Schuldenquote von zwölf Prozent. Zu Kreiskys Abtritt 1983 lag die Quote bei 44 Prozent. In absoluten Zahlen war das eine Versechsfachung der Schulden in 13 Jahren. Selbstverständlich wurde das Geld sinnvoll investiert, zum Beispiel in die verstaatlichte Industrie sowie in die Schulen in Österreichs ausgezeichnetes Bildungssystem also. Fast so sinnvoll wie in Griechenland.
christian.rainer@profil.at
5.11.2011 14:22
Kritikos, 21. 11. '11 09:17
kreisky und androsch
1971 kam Maja Haderlap ins Gymnasium nach Villach.
Ihr Buch ENGEL DES VERGESSENS über ihre traumatische slowenische Kindheit im slowenischen Kärnten, konnte sie nur in der "Schutzsprache Deutsch" schreiben, wie sie im Interview erzählte, und diese Buch für das sie heuer den Bachmannpreis bekommen hat, ist mehr wert als alle Schulden die seit Kreisky und Androsch gemacht worden sind.
Ohne diese Schulden hätte sie kein Gymnasium besucht, hätte ihr
Trauma nie artikulieren können, wie viele andere, die in Österreich heute Schutz suchen und ein menschenwürdiges Leben führen wollen.
Österreich hat viel gutzumachen, aber mit dem Ingroup-Outgroup Denken der Katholiken und anderer Psychopathen, wird es noch lange dauern bis unser System menschenfreundlich wird.
Vielleicht ändert die Krise was.
derpradler, 25. 11. '11 16:15
Re: kreisky und androsch
Sie haben vollkommen recht!
trebuchet, 17. 11. '11 19:50
genau
sie haben es in ihrem artikel wortwörtlich vermerkt ..
sie sind lieber nicht unhöflich .. ;-)
gratulation!
schade .. finden sie nicht, dass das ein gewisses mass an rückgrad vermissen lässt?
malcontenta, 10. 11. '11 21:28
Billig!
Ihre Argumentationskette erscheint mir wirklich ärgerlich und etwas zu billig! Wie bereits erwähnt, war eine Folge der Bildungsreform, dass nicht nur massiv Schulstandorte im ländlichen Bereich ausgebaut wurden, sondern es war Kindern aus dem letzten Graben von Österreich, Kindern aus "armen" oder kinderreichen Familien ertsmals möglich, höhere Schulen und Universitäten besuchen zu können. Warum muß Veränderung immer mit horrenden Kosten verbunden sein, dabei schon einmal an Effizienz gedacht? Es ist hinlänglich bekannt, dass Österreich im Vergleich mit anderen Ländern, hohe Kosten bei immer weniger befriedigendem Output in das Bildungswesen investiert. Da müßte doch jeder, auch nur halbwegs wirtschaftlich denkende Mensch daran interessiert sein, den Wurm zu suchen, der im System steckt!
lampshade, 09. 11. '11 22:43
Einbildung
ist die vielleicht die beste bildung. rational läuft auf unserer welt nichts ab. das kann man sogar naturwissenschaftlich mathematisch beweisen. irrationale zahlen und so. vielleicht wissen das herr androsch und herr rainer eh ganz genau.
Shaveno, 08. 11. '11 22:59
Schuldenproblem ?
Solange wir 3 Milliarden Euro für den Bau der Lobauautobahn haben, kann es kein ernstes Schuldenproblem geben.
Ansonsten wäre es ja verantwortungslos das Geld dort zu versenken und das sind unsere Politiker doch sicher nicht.
Oder doch besser Zukunft statt Autobahn und das Geld in Bildung investieren?
bpallmann@hotmail.com, 07. 11. '11 16:13
Die Bildung, das Denken und das Gegenteil
Von einem Finanz- "Androsch" soll der Satz stammen: "Geld ist ein Werkzeug". Weil ich mir einbilde zu denken, denk ich mir: du kannst damit einen Hammer kaufen+Naegel einschlagen - oder Koepfe. Dazu braucht es kleine Bildung, sondern Moral+Ethik. Oder so aehnlich. Manche sagen, das steht ja schon in den 10 Geboten, die kennt fast jeder. Andere: das lernst du als Kind. Andere: wers nicht lernt, dem bringen wirs schon bei! Das nennt man Bestrafung. Alles zusammen nennt man dann Bildung. Manche sagen "Herzensbildung" dazu. Andere: "ich bin nicht korrupt". Oder: "Nein, bei so einer Sauerei mach ich nicht mit." Deficit Spending" in Bildung: letzter Satz im Artikel anschauen: "Fast so sinnvoll wie Griechenland." Haett ich vor Wochen noch nicht kapiert. Herrlich. B.Pallmann "Alex Zouras Preis"
lurkerabove, 07. 11. '11 13:24
Bisher dachte ich, sobald PML in Pension geht, ist Profil zu vergessen.
(Auffangbecken für ehemalige Arbeiter-Zeitung Journalisten, die ihr mittlerweile anachronistisches Weltbild solange breittreten, bis es wirklich niemand mehr lesen will.)
Aber Christian Rainer scheint sich zu einem würdigen Nachfolger von Peter Michael Lingens zu mausern. Er erlaubt sich, selber zu denken, und Blickwinkel zu eröffnen, die im heutigen Medien-mainstream noch tabu sind. (Was könnte mehr tabu sein, als einen kritischen Kommentar zum Bildungs-Volksbegehren zu verfassen, und dazu das Wort "Griechenland" in den Mund zu nehmen?)
Chapeau!
P.S.: Neben "wer soll das bezahlen" gibt es noch andere Elefanten im Raum, die im derzeitigen mainstream niemand zu nennen wagt. Z.B.: "Wer soll das tun?" in der Kleinkinderbetreuung. Jede 3. Frau wird Kindergärtnerin? Unwahrscheinlich.
bpallmann@hotmail.com, 07. 11. '11 16:24
Re: Bisher dachte ich, sobald PML in Pension geht, ist Profil zu vergessen.
Nein, das mit der "Kindergaertnerin" ist nicht unwahrscheinlich, sondern unmoeglich. Gebe Ihnen vollkommen recht. Aber, Verzeihung, welcher "Elefant" wird im derzeitigen "mainstream" nicht genannt, weil sich keiner traut, seinen Namen zu nennen?" Das haette Peter Michael Lingens niemals durchgehen lassen!!!! Und ich auch ned. "Alexander Zouras Medienpreis"-Sprecher B. Pallmann
nra4ever, 07. 11. '11 08:55
Finanzierung ohne Erhöhung des Defizits ...
... ist doch ganz einfach - zB mit den Einsparungen aus einer Bundesländerreform, der nicht mehr notwendigen Wehrpflicht, ordentlichen Grundsteuern, Auslichten des (land-)wirtschaftlichen Förderdjungels, Einführung von echten Spitzensteuersätzen, einer Dienstrechtsreform der Lehrer, besser noch einer Verwaltungsreform, usw. usw. - oder steht da womöglich wer auf der Bremse?
lurkerabove, 07. 11. '11 13:00
Es ist ihnen entgangen ...
dass die Zeiten einer SPÖ-Alleinregierungschon seit 30 Jahren vorbei sind?
komajo, 06. 11. '11 13:02
Die Begehrer
Es wäre interessant zu wissen, wieviel praktische Erfahrung die Begehrer, gemeint ist erteilter Unterricht, haben. Wohl keine.
Es würde mich auch interessieren, wie viele Lehrlinge in ihren Betrieben ausgebildet wurden und ob dort alle nach dem Gesamtschulprinzip genommen wurden.
ewoewo, 06. 11. '11 19:42
Re: Die Begehrer
naja die muessen bald ins altersheim und ueblicherweise fallen die dann so oft aus dem bett bis eine gehirnop sinnvoll erscheint, weil man nichts machen kann, da wollen sie die vorleistungen eben noch erbringen.
Mardi, 06. 11. '11 09:37
Beweis für Notstand
So viele Kreisky und Androsch Fans, die noch 40 Jahre später eine verfehlte (Budget)politik verteidigen - kaum zu glauben. Oder ein Beweis für den Bildungsnotstand?
Außerirdischer, 06. 11. '11 12:40
Re: Beweis für Notstand
Oder einfach die schlichte Tatsache, dass aus ein und denselben Fakten verschiedene Schlüsse gezogen werden können, verschiedene Weltanschauungen möglich sind? Je nach persönlichen Werten und Einstellungen des Schlüsseziehers?
Mir persönlich erscheinen nämlich 44 Prozent Staatsverschuldung eigentlich nicht so hoch, wenn die Bevölkerung davon profitiert und nicht nur ein paar superschlaue Soziopathen!
Mardi, 06. 11. '11 13:15
Re: Beweis für Notstand
44% mögen nicht hoch erscheinen, aber, wie es so schön heisst, "wehret den Anfängen". Für die Schweizer waren jedenfalls rund 33% ein Alarmsignal und sie haben daher (ich glaube es war 2003) eine Schuldenbremse in die Verfassung genommen und bewegen sich seither um die 30% und stehen auch in Krisenzeiten super dar.
Aber es sollte auch eine Versechsfachung in 13 Jahren gegenüber einer Verdoppelung in den nachfolgenden 20 Jahren zu denken geben. Wir sollten und an die Schweiz halten, im Interesse der nachfolgenden Genration(en). Leider fehlt dazu der politische Wille und das wirtschaftspolitische Verständnis. Und profitiert die Bevölkerung wirklich von 9-facher Gesetzgebung, Überverwaltung und Überförderung?? Ich bezweifle es.
Strabo, 06. 11. '11 07:37
Ich hätte da was wo wir das Geld ohne Schuldenmachen herkriegen:
die 120 Millionen indirekte Presseförderung durch Inserate der Regierung und Parteien. Oder ist das zuviel Marktwirschaft für den neoliberalen Christian?
Abulili, 05. 11. '11 22:03
Danke, danke, danke,
lieber Christian Rainer. Was Sie sagen, ist in Österreich äußerst unanständig, und deswegen umso mutiger. Sind Sie schon des Neoliberalismus bezichtigt worden? Das - nicht ganz neue - Totschlagargument, in wirtschaftlichen Fragen dem Faschismus-Vorwurf in differenzierten Auseinandersetzungen mit anderen Herausforderungen unserer Zeit nicht unähnlich. Bitte weiter analytisch und politisch unkorrekt bleiben! Ihre bona fide was Bildungsbedürftige betrifft steht ja gottlob außer Frage!
muttutgut, 05. 11. '11 21:58
Kreisky und die Bildung
Kreisky war selber hoch gebildet und daher war ihm die Erhöhung des Bildungsangebots wichtig. Ein Bildungsangebot muss aber auch angenommen werden, weil es sonst den Zweck nicht erfüllen kann.
Die Bildungsdebatte kann nicht nur auf der Geld- und Schulreformebene geführt werden. Es sollte auch die Wertigkeit von Bildung in der österreichischen Bevölkerung einmal genauer unter die Lupe genommen werden. Wer spricht wieviele Fremdsprachen, wer kennt sich in den Naturwissenschaften aus, wer ist an den Wirtschaftswissenschaften und Kunst interessiert, etc.? Wer ist also seinen Kindern ein gutes Vorbild für einen erfolgreichen Bildungserwerb?
Die Rechnung, man müsste nur mehr Geld in die Schule investieren, dann entstünde auch schon mehr Bildung, ist ohne die beteiligten Menschen gemacht.
hellipirelli, 05. 11. '11 21:20
Deficit Spending...
...hat nicht Hannes Androsch, sondern Abba P. Lerner "erfunden" - vielleicht, nachdem er Keynes zu genau gelesen hatte. Die damalige Staatsverschuldung von 44% des BIP konnte bei moderater Inflation noch leicht gehandled werden. Mit derzeit rund 78% des BIP haben wir jedoch den point of no return längst überschritten, ab dem nicht einmal mehr die Zinsen der laufenden Staatsanleihen ohne Begebung neuer Staatsanleihen (= Ausweitung der Staatschuld) bezahlt werden können.
Das kann man aber wohl nicht Androsch zurechnen, oder?
Wulpe, 05. 11. '11 19:20
Kreisky
Vor Kreisky gab es am Land abgesehen von kirchlichen Internaten überhaupt kein nennenswertes Bildungssystem jenseits der Hauptschule, also sparen Sie sich ihre verbalen Untergriffe, Herr Rainer.
Nur einem Merkbefreiten kann noch nicht aufgefallen sein, dass fast alle AHS und BHS in Landgemeinden wie z.B. St. Johann in den 70ern erbaut wurden.
avantipopolo, 05. 11. '11 21:58
Re: Kreisky
gebe ihnen zum thema schulbau recht, zur zentralen frage fällt ihnen aber nichts ein: wer soll das bezahlen?
und dass ein verurteilter steuerhinterzieher heute den oberpädagogen österreichst mimt, ist ja wohl wirklich der scherz schlechthin!
Wulpe, 06. 11. '11 10:45
Re: Kreisky
Zur Finanzierungsfrage nehmen sie sich einen beliebigen Rechnungshofbericht der letzten dreißig Jahre.
Wird natürlich niemals umgesetzt, da brave Parteisoldaten aller Couleurs ohne jede in der Privatwirtschaft verwertbare Ausbildung dann stempeln gehen könnten.
Ein minimaler Anfang wäre im Bildungsvolksbegehren mit Abschaffung der Bezirks- und Landesschulräte ja gemacht, aber natürlich gehört die gesamte staatliche Verwaltung gnadenlos durchforstet und zum Teil zerschlagen (wieviele Sozialversicherungen haben wir?).
Bundesländer sind durch die EU komplett sinnlos geworden, wozu brauchen wir neun Landtage, Jugendschutz-, Bau- oder Jagdgesetze?
Wenn nötig dann noch die Vermögenssteuern (in Form von Grundsteuern) auf den OECD-Durchschnitt heben, und wir können uns vor Geld kaum retten.