Christian Rainer
Auf dem Scherbenhaufen des Euro
Die Parallelität von Machtvakuum und autoritativen Tendenzen in Europa.
In der vergangenen Woche war hier zu lesen, dass die überbordende Euphorie angesichts der Schuldenbremse etwas verfrüht komme, unter anderem, weil sie ja noch gar nicht beschlossen ist, vielmehr nicht nur die Zustimmung der Opposition fehlt, sondern auch noch die eigenen Parteigänger gekauft werden müssten. Diese Analyse hat sich recht schnell als richtig erwiesen, das Gefeilsche mit BZÖ, ÖGB, ÖAAB und diversen Landesparteiorganisationen setzte postwendend ein und der Pallawatsch unterminiert ein weiteres Mal die Glaubwürdigkeit der Sanierungsbemühungen, dieser Regierung und der Politik ganz allgemein. Um diese Glaubwürdigkeit drehte sich der zweite Teil des Textes, um Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Sparpolitik und an der Redlichkeit der handelnden Personen.
Wer da meint, derartige Zweifel zeichneten doch ohnehin paradigmatisch das Bild der Öffentlichkeit vom Politiker aus und zwar seit Anbeginn der Repräsentation von Gemeinschaften durch gewählte oder selbst ernannte Führer , der hat schon Recht. Doch es gibt Zeiten, zu denen das grundsätzliche Misstrauen besonders berechtigt ist, weil die Sache heikel bis brandgefährlich wird.
Diese Zeit ist jetzt. Denn die Krise hat Europa in eine eigenartige Parallelität von Machtvakuum und autoritären Zügen geführt. Die Folgen sind unabsehbar. Niemand kann wissen, wie der Kontinent aussehen wird, wenn die an allen Ecken und Kanten wankende Union wieder zu einer Ruhe gekommen ist.
Das Machtvakuum resultiert daraus, dass für die Illiquidität einzelner Mitglieder der EU, den daraus resultierenden Zusammenbruch großer Banken und allenfalls des Zahlungssystems insgesamt keine Vorkehrungen getroffen worden sind. Es gibt weder Regeln zum Abwenden des drohenden Super-GAUs noch Institutionen, die solche anwenden oder schaffen könnten. Die Machtfelder in Europa sind aktuell nicht besser auszumachen als da und dort aufflackernde Glutnester in einem riesigen Ascheboden. Merkel? Sarkozy? Die griechische oder die italienische Regierung? Die EZB? Systembanken? Ratingagenturen? Spekulanten? China? Man weiß es nicht.
In dieser unübersichtlichen Situation, die nicht anhand von nationalen und gesamteuropäischen Paragrafenwerken geordnet oder durch Entscheidungen von Exekutiv- und Justizkörpern in ruhige Bahnen gezwungen werden kann, erscheinen die gewohnten demokratischen Regeln ständig außer Kraft gesetzt. An ihre Stelle treten autoritative Entscheidungen oder zufällige Entwicklungen, wobei oft nicht klar ist, welche von beiden die bessere Variante ist.
Wie sonst als undemokratisch bis chaotisch ist etwa zu qualifizieren, dass der Präsident der Europäischen Kommission in der vergangenen Woche verkündete, die EU solle Eurobonds ausgeben, während nur Stunden zuvor Angela Merkel, die mächtigste Regierungschefin der EU, eine solche Möglichkeit in Abrede gestellt hatte? Wie sonst ist zu bewerten, dass Ungarn wider Treu und Glauben ausländische Banken zugunsten ungarischer Kreditnehmer quasi enteignet hat oder dass dieselbe Regierung den Währungsfonds zu Hilfe ruft, den man eben erst in die Wüste geschickt hatte? Entspricht es gesamteuropäischen Bestimmungen und der nationalen Verfassung, dass der griechische Regierungschef zunächst seine EU-Kollegen mit der Ankündigung einer Volksabstimmung vor den Kopf stieß, dann aber seinem Volk die Entscheidung doch aus der Hand nahm und das Sparpaket dem Land per Parteiengemauschel aufzwang? Was ist davon zu halten, dass die Europäische Zentralbank von wechselnden Koalitionen europäischer Staaten gezwungen wird, gegen ihre eigenen Satzungen zu verstoßen? Und schließlich: Was bedeutet es, dass ein österreichischer Bundeskanzler, der seinen Bürgern jedweden Vertrag mit Brüssel zur Abstimmung vorlegen wollte, diesen Bürgern plötzlich nicht einmal tektonische Plattenverschiebungen zur Kenntnis bringt?
Machtvakuum also und Machtausübung ohne klar erkennbare Befugnis. Wer das als eine Chance für Europa sieht, da sich solcherart eine Verfestigung der Union von selber einstellen werde, der ist Optimist und Spieler. Auf ein politisches Zusammenwachsen als Folge ökonomischer Zwänge baute man bereits vor einem Jahrzehnt bei der Einführung der gemeinsamen Währung. Damals stand immerhin ein Plan im Zentrum der Überlegungen. Heute, auf dem Scherbenhaufen dieses Plans, soll man hingegen auf die konstruktive Macht des Chaos hoffen.
christian.rainer@profil.at
26.11.2011 13:35
chaneu, 30. 11. '11 15:50
Es ist eher umgekehrt.
...resultiert daraus, dass für die Illiquidität einzelner Mitglieder der EU, den daraus resultierenden Zusammenbruch großer Banken und allenfalls des Zahlungssystems..
ich lese ihre Artikel mit Genuss, aber bei dem Thema sollte man noch mal nachdenken. Wer war da zuerst, die Henne oder das Ei.
Meines Wissens begann die Euro Krise, mit der Globalisierung des Gedverkehrs, und der darauf folgenden Spekulationsrisiken die allesamt durch Banken, Investmentfonds, Broker und ähnlichem Gesocke ausgelöst wurden. Oder täusche ich mich da. Die einzelnen Regierungen haben nichts anderes gemacht, als die Weichen auf freie Fahrt zu stellen und dann als auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Die Banken haben den Großbetrug durchgeführt. Die Politiker haben mitgeschnitten.
bpallmann@hotmail.com, 01. 12. '11 21:06
Re: Es ist eher umgekehrt. Henne oder Eieiei? von "Alex Zouras Preis"
1. Immer erst Oa, - dann Henna. Steht in jedem Bio-Buch. Erst Ei - dann Samen, dann Breuet-bruet, dann pieps, dann Henna oda Gockl. Es sei denn "Gott schuf die Henne ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er sie". Bibelzitat. Dann haetten Sie recht!
2. Sie taeuschen sich nicht!
3. Nicht "alle" Politiker haben mitgeschnitten. Das waere aber jetzt aber auch "ungerecht"! Z.B. die noch-CSU-Ebersberg, Bayern, schon, sagt: "Huch, wir stehen auf der Todesliste der Neonazis!. Dabei sind diese V-Leute doch von ihnen angstellt!!! Also: Mach 1 Todesliste, setz Dich selber drauf, beauftrage "Killer", dann laesst du die "verbieten", gehst hoam zu deine Henna und ihren Eiern. Und wartest auf d/sie nachesten Wahlen. Als Opfer-Henna waehlen Dich alle. Zwar ist alles "getuertkt" (sorry)..
BPallmann..ei
Ravenbird, 30. 11. '11 08:05
G'spür
Ich will jenen, die die EU "erfunden" haben, nicht die Qualifikationen dazu absprechen, aber fehlende Umsetzung von Ahnungen und zu sehr unterdrückte Befürchtungen schon.
Ich will jenen auch nicht unterstellen, dieses Chaos schon bei der Erfindung geplant zu haben.
Das wäre unsachlich und unfair.
Aber zu hinterfragen, woher Staaten, die kaum über eigene Ressourcen verfügen, kaum nennenswerte Industrie besitzen, dafür aber über bekanntermaßen überbordende "Kontroll-"Strukturen (Beamte) verfügen, so viel Geld hernehmen, um eine starke Währung wie den EURO vertragen zu können, das muß erlaubt sein!
Herr Schüssel hat mal sinngemäß gesagt: "Wir haben gewußt, daß sie uns anlügen (die PIGS waren wohl damit gemeint), aber daß sich das so extrem auswirkt, hätten wir nie für möglich gehalten...
Ravenbird, 30. 11. '11 08:10
Re: G'spür
...aber man kann einen Vertreter eines Staates nicht so mir nichts dir nichts als Lügner bezeichnen. Das geht politisch nicht."
Letzteres ist klar, aber die Einschätzung der Lage spricht nicht gerade für die kosmopolitische Übersicht dieser Menschen.
Und noch etwas macht mich stutzig: Die Schuld soll jetzt bei den Beamten liegen? Können sich in Griechenland beispielsweise Menschen selbst zu Beamten machen? Oder werden sie auch dort - wie bei uns - vom Staat (der Politik) gefordert und die entsprechenden Posten geschaffen?
Was sieht besser aus: Viele Beamte oder viele Arbeitslose? Na?
lurkerabove, 29. 11. '11 11:54
Niemand kann wissen, wie der Kontinent aussehen wird
wenn die an allen Ecken und Kanten wankende Union wieder zu einer Ruhe gekommen ist?
Das ist richtig.
Aber es ist noch viel schlimmer:
Niemand kann wissen, wie die Welt aussehen wird, wenn durch Überschuldung und Gelddrucken das Finanzsystem zusammengebrochen ist. (Also niemand mehr Vertrauen haben kann, dass Arbeiten und Sparen noch zu irgendwas gut sind.)
Ein Blick in die Geschichtsbücher lässt nichts Gutes ahnen.
(Europa nach dem 1. Weltkrieg bietet sich als Beispiel an.)
Rudyard Kipling (ja, der mit dem Dschungelbuch) schrieb damals ein längeres Gedicht, dessen poetische Wucht auch anno 2011 noch ziemlich beeindruckt:
http://www.kipling.org.uk/poems_copybook.htm
Systemanalytiker, 27. 11. '11 01:20
Zukunft liegt ausschließlich in den Nationalstaaten
Der Euro ist am Ende. Die EU ist am Ende. Bevor das "Ende" jedoch eintritt, wird die EU die Euro-Druckerpresse anwerfen. Die Schulden werden glattgestellt, gleichzeitig tritt eine Hyperinflation ein. Die Regierungen Europas werden durch Volkstribunale abgeurteilt. Danach kommt der Sonnenschein. Die Nationen erhalten ihre eigenständige Währung wieder und es kommt eine Phase des Friedens und der Vernunft.
lampshade, 27. 11. '11 12:43
Re: Zukunft liegt ausschließlich in den Nationalstaaten
auch so scheint die sonne. ;) auch wenn ohne geldregen fast nix mehr wachsen kann. eigenständigkeit und die möglichkeit einer insel vs. brückenbau und bezirksfest zum austausch. gerade die hoffentlich noch vorhandene verschiedenheit in europa erfordert kommunikation und vereinfachung in banalen dingen, wie geld. wir menschen sind soziale wesen. die möglichkeit des austausches muss gegeben sein. freiheit UND brüderlichkeit!
bosposrus, 28. 11. '11 17:05
Re: Zukunft liegt ausschließlich in den Nationalstaaten
Das glaube ich nicht, die Regionen werden wichtiger im Vereinigten Europa. Der Euro wird bleiben, die deutsche Märkel kommt nicht wieder. Die Diktatur in Ungarn wird nicht auf Österreich überschwappen, obwohl Strache gefährlich ist.
In Deutschland wurde nach der Einheit 1990 die Geldmenge um 30% erhöht, trotzdem gab es keine Hyperinflation. Wir lernen aus der Krise! Das ist Evolution!
Zukunftsforscher sagten voraus, dass die Städte im sieben Meter hohen Pferdemist versinken werden, dann wurde das
Auto erfunden.
Wir ersticken im CO 2 ? Jetzt kommt der Wasserstoff als Energiequelle. Aus Solarstrom wird Wasserstoff, den man gut speichern kann. Einstein hat uns gezeigt, wie man aus Licht
Strom machen kann. Ein bisschen Vertrauen dürfen wir in unsere Spezies schon haben. Es wird belohnt!
lurkerabove, 29. 11. '11 11:43
Aus Solarstrom wird Wasserstoff, den man gut speichern kann
In welcher Welt lebt bosporus? Gelten dort andere physikalische Gesetze, als bei uns?
Ernüchternd, wie sehr sich die Optimisten als Leute zu erkennen geben, die von der Realität keine Ahnung haben.
Daher nur mehr reines Wunschdenken.
Es kommen offenbar wirklich schlechte Zeiten. (Das Szenario des Systemanalytikers kann ja wohl nur satirisch verstanden werden, oder?)
bosposrus, 02. 12. '11 21:14
für lurkerabove : Solar-Wasserstoff Projekt
das war eine Vision des Physikers Dr. E. Von Weizäcker (Bruder des ehem. Bundespräsidenten in D.) dass in Solarkraftwerken in Afrika mit Hilfe des Solarstroms durch Elektrolyse Wasser gespalten wird in Wasserstoff und Sauerstoff. Der gasförmige Wasserstoff kann besser gespeichert und durch Gaspipelines z.B. nach Europa transportiert werden. Dann hätten die Afrikaner auch eine wirtschaftliche Überlebenschance am eigenen Kontinent. Was dort Revolution genannt wird ist Verzweiflung und Angst vorm Verhungern und Verdursten!
Nur keine Sorge, es geht alles mit rechten Dingen zu im Universum, wenn man in der Schule aufgepasst statt geschlafen hat. Wir leben schon in der gleichen Welt, nur dass jeder das sieht, was er eh schon kennt. Das Neue braucht länger, bis es den Weg zu mir gefunden hat.
lampshade, 26. 11. '11 21:05
euro - pah!
streiterei ums gemeinsame konto, oder wer leistet mehr, darf sich daher mehr leisten. was sie da grossartig auf den punkt bringen ist meiner meinung nach ein abbild der gesellschaft, das man bis in die kleinste zelle hinunterdividieren kann. es ist sicher besser man bewahrt sich einen gewissen optimismus und das vertrauen, dass sich in den entscheidenden momenten menschen mit herz und hirn durchsetzen und zusammensetzen. denn es geht in europa um die wunderbare artenvielfalt der kulturen, ein schönes potential für die zukunft. kompromissbereitschaft und konversationston statt krise! (zufällig aufgeschlagen im wörterbuch unter k)