Elfriede Hammerl
Akademische Aussichten

Hoch qualifizierte Kraft gesucht. Geld spielt keine Rolle. Und zwar so was von keiner.


1. Wir brauchen mehr Akademikerinnen und Akademiker, so viel steht fest, oder? Studiert ordentlich, sagen wir zu unseren Kindern, das ist wichtig, erstens überhaupt und zweitens wegen der Berufsaussichten. AkademikerInnen verdienen besser. Haben bessere Karrierechancen. Werden seltener arbeitslos. Und finden, wenn arbeitslos geworden, schneller wieder einen neuen Job. Also: Auf die Studienplätze, fertig, los!

Neulich, auf dem Stellenmarkt: Ein renommiertes Wiener Museum* sucht eine Teilzeitkraft fürs Direktionssekretariat. Deren Aufgabengebiet wird wie folgt beschrieben: In dieser vielseitigen Position übernehmen Sie zahlreiche administrative Agenden wie zum Beispiel Korrespondenz intern und extern, Terminkoordination, Ablage und Post, Vorbereitung von Besprechungen, Reiseplanung und vieles mehr. In enger Zusammenarbeit mit der Direktorin und dem Team der Direktion koordinieren und strukturieren Sie komplexe Arbeitsabläufe innerhalb des Museums. Die Schwerpunkte Ihrer Tätigkeit liegen im kommunikativen und unterstützenden Bereich.

Wow. Liest sich ja bedeutsam. Deshalb werden an die potenzielle Mitarbeiterin, den potenziellen Mitarbeiter auch entsprechende Anforderungen gestellt. Die wiederum schauen so aus: Sie bringen einen Hochschulabschluss oder eine vergleichbare Ausbildung und entsprechende Berufserfahrung mit. Neben hoher Stressresistenz und der Fähigkeit, in einem breiten Aufgabenspektrum die Prioritäten situationsgemäß zu setzen, überzeugen Sie durch Teamfähigkeit, Diskretion, Engagement sowie ein freundliches, professionelles Auftreten. Sicheren Umgang mit MS-Office sowie sehr gute Englisch-Kenntnisse in Wort und Schrift setzen wir voraus. Darüber hinaus sind Sie ein Organisations- und Kommunikationstalent und bringen große Begeisterung für den Kunstbereich mit.

Nicht schlecht. Kurzfassung also: hoch qualifizierte Kraft für anspruchsvolle Aufgabe gesucht. So was ist sicher gut bezahlt. Oder? Na ja. Die Stellenausschreibung gipfelt in diesem Angebot: Wir bieten eine Teilzeitanstellung in einem interessanten und abwechslungsreichen Betätigungsfeld. Die Stelle ist mit einem Bruttomonatsgehalt von € 850,– dotiert. Wie bitte?

Zugegeben, der Posten ist ein Teilzeitposten, zwanzig Stunden in der Woche soll die gesuchte Kraft arbeiten. Aber dennoch: 850 Eulen brutto? Nein, es geht nicht darum, akademische Titel als solche zu entlohnen, der Bildungserwerb ist per se auch ein persönlicher Gewinn, und nicht alle Studienabschlüsse werden auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt. Wer Numismatik studiert hat und danach als Möbelverkäufer arbeitet, kriegt das Gehalt eines Möbelverkäufers. Allerdings muss er dazu auch keinen Master in Numismatik nachweisen. Von der künftigen Direktionssekretärin, vom künftigen Direktionssekretär hingegen wird diesfalls explizit ein Hochschulabschluss verlangt, plus Berufserfahrung, plus sehr gutes Englisch, plus Stressresistenz, plus EDV-Routine, plus dies & das. Ein Wunder, dass nicht auch noch fließendes Mandarin vorausgesetzt wird. Wenn schon, denn schon.

Was sagen wir unseren Kindern? Studiert ordentlich, dann kriegt ihr vielleicht zwei schlecht bezahlte Teilzeitjobs und kommt auf ein unterdurchschnittliches Gehalt? Heutzutage verdient man nicht einfach wenig, sondern man muss dazu auch viel können? Lernt fleißig, niemand zahlt euch nix für null Qualifikation? Schwierig. Ehrlich gesagt bin ich ratlos.


2. Ich habe noch immer kein Smartphone. Ich bewege mich durch die Stadt ohne die Möglichkeit des Instant-Einstiegs ins Internet. Inexistent gewissermaßen, denn was ist schon eine Existenz ohne Anbindung ans World Wide Web? Ich sitze in der U-Bahn und surfe nicht. Ich lese Zeitung (Print) statt laufend meine E-Mails. Und demzufolge kommt es vor, dass ich meine elektronische Post erst Stunden nach ihrem Einlangen beantworte. Manchmal lasse ich sie auch ungeöffnet, weil ich gerade schreibe, zum Beispiel an dieser Kolumne. Das macht sich nicht gut in einer Welt, in der ständige Verfügbarkeit, ununterbrochene Kommunikationsbereitschaft (bis hin zum Mitteilungsdurchfall) und sofortiges Reagieren für unverzichtbare Charakteristika einer leistungsstarken Persönlichkeit gehalten werden.


Öfter errege ich ungläubiges Staunen. Wie halte ich es nur aus, ohne im Minutentakt meine (Facebook-)Nachrichten zu checken, wieso riskiere ich, keine Ahnung zu haben, wer von meinen mehr oder weniger Bekannten gerade eine Salamipizza isst oder auf dem Klo raucht?

Manchmal allerdings fühle ich mich unversehens verstanden. Zum Beispiel vom Wiener Rechtsanwalt Benedikt Wallner, dessen E-Mails folgenden Vermerk tragen: SLOW NOTION E-MAIL: Das unmittelbare Verarbeiten dieser Nachricht sowie aller übrigen heute bereits empfangenen und noch zu empfangenden E-Mails kann Ihren Tag zerhacken und Ihre Gesundheit schädigen (Stress, Bluthochdruck, Herzversagen o. Ä.); es wird daher nicht erwartet. Umgekehrt behalte auch ich mir vor, Ihre allfällige Antwort-Mail verzögert und nur zu im Vorhinein festgesetzten, 2x täglich wiederkehrenden Zeitpunkten abzurufen, erst zu noch späteren Zeitpunkten zu lesen sowie darauf nicht sogleich zu antworten. Wenn es dringend ist: üben Sie sich in Geduld. Wenn es einmal wirklich dringend ist: rufen Sie an. Danke für Ihre Kooperation.
Gern. Und ebenfalls danke!

* Mumok, Stiftung Ludwig, Wien


elfriede.hammerl@profil.at

www.elfriedehammerl.com

5.1.2012 10:54
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bpallmann@hotmail.com, 20. 01. '12 13:23
"..und sie dreht sich doch": Mordverdacht gegen "Dr.med." Sabine Herpertz
Wer sich fuer Pflegeberufe und/oder gar das Studium der Medizin entscheidet, Frau Hammerl, der darf und durfte schon immer lange warten. Ausbildung noetig. Erfahrung. Dann, wenn sichs denn ergab - rein in den Job und Kohle gemacht? Das kann nicht gutgehen. In einer grossen Internet-Diskussion in Bayern eines aktuellen Aerzteportals spach eine Aerztin aus, was nun CSU Todesengel heisst: "Wie macht Ihr das bei Verdacht auf unnatuerlichem Tod? Dazu zaehlt ja auch n Verkehrsunfall. Wir haben hier im ganzen Haus keine Ahnung!" "Damit wir keinen Aerger mit der Polizei/Staatsanwaltschaft kriegen", schreibt dann ein Arzt an einer staatl. Klinik Bayerns unter CSU-"Aufsicht", "immer Natuerliche Todesursache" hinschreiben. Immer..!" Alex Zouras Media Award B.Pallmann
numolit, 16. 01. '12 12:52
Numismatiker als Möbelverkäufer
Mir ist klar, dass die Universitäten immer mehr als Stätten der Berufsvorbereitungskurse und nicht als Hilfe zur Selbsthilfe im Denken verstanden werden, aber gerade die geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächer können diese Art der Berufsvorbereitung bzw. konkreten Berufsausbildung nicht bieten.
So sehen auch die Berufsfelder, die von den einzelnen Studienfächern als Arbeitsmöglichkeit ihrer Absolventen angegeben werden auch aus - wissensvermittelnde Berufe. Aber - und gerade ist das Beispiel des möbelverkaufenden Numismatikers weit fehl - es gibt ihn nicht. Ja es gibt nicht einmal einen Taxi fahrenden Numismatiker. Gerade die kleinen Fächer bieten auch in Zeiten engerer Ressourcen noch gewisse Chancen, die nicht zuletzt auf dem weit höheren Engagement der Studierenden beruht.
derpradler, 11. 01. '12 11:02
natürlich
hochqualifiziert, aber schlecht bezahlt! Das ist eben so im Neolibralismus. Hätten die Medien die Menschen über die Regeln des "freien Marktes" aufgeklärt............aber darauf hat ma aus "guten" Grünen verzichtet
ewoewo, 07. 01. '12 03:01
...
was sagen wir unseren kindern: wenn ihr das museum besucht muesst ihr vorab studiert haben, damit man die unsere eigene leistung nicht aeh weil es so kompliziert ist, kulturell...
bpallmann@hotmail.com, 07. 01. '12 07:46
Re: ..."spezielle Berufskenntnisse nicht erforderlich...!"
Wieder (fast) unbemerkt von der "breiteren" Oeffentlichkeit suchen "Folterpfleger von Fischbachau", die Behinderteneinrichtung "Neuer Weg", Hausham, CSU-LK Miesbach, haenderingend Pfleger und andere "Fachkraefte". Bis nach Meck-Vorpommern streuten Jobsucher Anzeigen im Internet. Jetzt sind fast alle verschwunden, seit "Alexander Zouras Medienpreis" ab November 2011 im www auftauchte..! Der "Neue Weg" selbst ist eine "GmbH", doch eine Einrichtung des Bez. Oberbayern, also der rest-csu. Die liess dort von polizei-getrimmtem Personal Knochen brechen, foltern, misshandeln und betont: "eine neue Therapieform"..! Spezielle Vorkenntnisse, gar eine krankenpflegerische Berufskenntnis, sind "nicht erforderlich".

In "Kreuth 2011" logen alle csuler incl. G. Hasselfeldt: "I woass nix davon!" BP
aufsichtsrat1, 04. 01. '12 19:48
Hoch qualifizierte Kraft gesucht
Als selbst bis vor kurzem Jobsuchende sowie aus den Erfahrungsberichten einiger anderer Leidensgenossen/innen sind mir derartige „Angebote“ nichts Neues. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind derartige Gehaltsangebote geradezu zur Norm geworden.
Mittlerweile ist es ja schon so, dass die Arbeitsplätze entweder vom Steuerzahler/in und/oder - im Falle von jungen Menschen - soweit deren Eltern finanziell dazu in der Lage sind, subventioniert werden müssen. Man hat also dafür zu bezahlen, will/muss man einer Arbeit nachgehen. Ich träume von dem Tag, an dem sich die Menschen einfach geschlossen verweigern!
bamark, 05. 01. '12 13:47
Re: Hoch qualifizierte Kraft gesucht
Leider reagieren zu Viele mit "Träumen" anstatt mit dem Verweigern.
Besorgen Sie sich den aufrüttelnden Roman "Reisen zu Gier geschädigte Gemäuer" ISBN:978-3-200-02182-2 und Sie wissen wie wir westliche Menschen gestrickt sind.
nra4ever, 02. 01. '12 08:57
seltene Zustimmung
zu 1.)
Die statistisch besseren Berufsaussichten - Baccalaueus/Baccalauea bekommt schneller einen MacJob - ist eine Karotte die den SozialaufsteigerInnen - EselInnen vor die Nase gehalten wird, damit sie besser ziehen. Studieren (gegen Gebühr, versteht sich) bis dreissig, dann unbezahlte Praktika, dann "flexible" Teilzeit-Ich-AG, dann AMS-Umschulung ... und das demnächst bis zu einem Rentenalter von 67 (auch für Frauen!).
Oder man/frau ist Töchter-Söhne von Irgendwem - dann kommt's auf andere Qualifikationen nicht an und einen Titel kriegt man/frau voni Dr. Copy and MA Paste.
Außerirdischer, 01. 01. '12 21:17
Ich lese Ihre Artikel wirklich gerne!
Aber wenn ich E-Mails erst Stunden später beantworte, dann ist oft auch eine etwaige Job-Anfrage schon vergeben. (deswegen habe ich auch ein Smartphone, um in aller Stille auch in den Öffis zu mailen und zu smsen. Es plärren einem eh schon genug TelefoniererInnen in den Öffis ins Genick, ins Ohr, oder ins Auge)

Herzlichst, ein Neuer Selbständiger