TU Wien steht kurz vor der Pleite

24.4.2012, 10:08
  • Traditionsreiche Hochschule hat 20 Millionen Euro Schulden
 

Mit der TU Wien steht die erste österreichische Universität kurz vor dem Bankrott. Nur noch die von den einzelnen Professoren aufgetriebenen Spenden halten die traditionsreiche Hochschule über Wasser.

Von Franziska Dzugan

„Pleite ab September?“ steht in großen roten Lettern auf den Plakaten, mit denen die Hochschülerschaft der Technischen Universität Wien derzeit die Hörsäle und Aulen zukleistert. Die Studenten rufen zur Rettung ihrer Uni auf: „Die TU braucht Budget!“ Die Technische Hochschule Wiens, gegründet 1815 unter Kaiser Franz I., steht im Moment mit 20 Millionen Euro in der Kreide. Nur noch die von den Wissenschaftern gesammelten Drittmittel halten die Uni knapp über Wasser. Die Frage ist bloß: Wie lange noch?

Nicht nur die TU Wien ist in den Miesen.
Auch die Universität für Bodenkultur, die Technische Universität Graz und die Medizinunis in Wien und Innsbruck dürften heuer negativ bilanzieren. In diesem Semester fehlen den Unis zudem die Studienbeiträge, weil der Verfassungsgerichtshof vergangenen Herbst die entsprechende Regelung kippte, seit 1. März ist sie ungültig: Nun zahlen auch Ausländer und Langzeitstudenten nichts mehr.

Der Karren Studiengebühren steckt seit Jahren zwischen den ideologischen Linien von ÖVP und SPÖ fest, keine der beiden Koalitionsparteien bewegt sich auch nur einen Zentimeter. Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) will Studiengebühren für alle einführen, während die Sozialdemokraten die vom Gericht aufgehobene bisherige Regelung – nur Ausländer und Langzeitstudenten zahlen – reparieren wollen.

Minister Töchterle schlug den Unis im Februar einen riskanten Deal vor: Sie sollten ihre Studienbeiträge ab Herbst autonom einheben, dafür ließe das Ministerium sogar Boni springen. Die Sache hat allerdings einen Haken: Die Universitäten müssen die eingenommenen Studiengebühren einfrieren, um sie im Zweifelsfall zurückzahlen zu können, denn für Töchterles Vorschlag gibt es keine Rechtssicherheit. Während die Verfassungsjuristen noch streiten, kündigt die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) bereits Klagen an und macht dafür eine Million Euro locker. Der Präsident der Universitätenkonferenz, der Salzburger Rektor Heinrich Schmidinger, ist verärgert: „Es ist ein Armutszeugnis für die Politik, wenn die Universitäten das Risiko von Klagen eingehen müssen, damit sie ihre Aufgaben auf gesicherten gesetzlichen Grundlagen erfüllen können.“

Trotz der prekären rechtlichen Lage müssen die meisten Universitäten auf Töchterles faules Angebot eingehen. Die Uni Salzburg beispielsweise kann auf die 1,5 Millionen Euro, welche die Studiengebühren bringen, auf keinen Fall verzichten. „Wir müssen ohnehin froh sein, wenn wir 2012 keine Schulden machen“, sagt Rektor Schmidinger. Auch die TU-Rektorin Sabine Seidler hat vor, im Wintersemester wieder Beiträge von den Studenten einzuheben: „Wir stehen extrem unter Druck und haben gar keine andere Wahl.“ Die 3,8 Millionen Euro an Studienbeiträgen sind allerdings Peanuts, verglichen mit dem angehäuften Schuldenberg von 20 Millionen.

Die finanzielle Krise ist freilich teilweise hausgemacht, wie Rektorin Seidler einräumt: „Unsere Situation ist eine Mischung aus Unterfinanzierung und Selbstüberschätzung. Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt.“ Ihre Universität habe aber keinesfalls blauäugig Geld verprasst, sondern längst nötige Investitionen getätigt.

Seidlers Vorgänger Peter Scalicky, der vergangenen Herbst nach 20 Jahren an der Spitze der TU abtrat, habe sich an dem ehrgeizigen Projekt „University 2015“ verhoben, sagen hingegen Insider. Scalicky hatte 2006 gemeinsam mit der damaligen Ministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) die Komplettsanierung aller TU-Gebäude in Wien beschlossen. Zur 200-Jahr-Feier 2015 sollte die Hochschule in neuem Glanz erstrahlen. Allerdings habe das Ministerium „die Spielregeln während des Spiels geändert“, sagt Rektorin Seidler heute.

Die TU habe zwar die Ausgaben für die Generalsanierung vom Bund erstattet bekommen, nicht aber die Mehrwertsteuer. Den „Selbstbehalt“ von 20 Prozent musste die Uni nachträglich einsparen.

Den Löwenanteil an den Schulden machten allerdings dringend benötigte wissenschaftliche Geräte und Personal aus, behauptet die Rektorin. Allein die von den Wissenschaftern der Universität gesammelten Fördergelder – im vergangenen Jahr waren es 65 Millionen Euro – schützen die TU derzeit vor der Zahlungsunfähigkeit. Seidler hat ihrer Hochschule zudem einen harten Sparkurs verordnet. Studierende wie Professoren spüren das bereits. „Die Re­krutierung von Mitarbeitern ist derzeit die größte Herausforderung“, sagt der Institutsleiter für Mikroelektronik, Siegfried Selberherr. „Wer will heute noch Assistent werden, ohne Perspektive?“

Das Ministerium weiß seit Anfang 2011 von den finanziellen Nöten, Minister Töchterle will nun endlich helfen: Bei den Budgetverhandlungen für 2013 bis 2016 im kommenden Herbst werde die finanzielle Misere der TU eine Rolle spielen. Auch aus der Hochschulmilliarde werde er der Uni zusätzliche Mittel zur Verfügung stellen. Töchterle verspricht: „Die TU wird nicht pleitegehen.“

Das grundsätzliche Problem, die chronische Unterfinanzierung der Unis, löst der kleine TU-Rettungsschirm natürlich nicht. Die Universitäten plädieren wie Töchterle seit Längerem für flächendeckende Studiengebühren. Laut einer Market-Umfrage ist auch die Mehrheit der Österreicher (66 Prozent) für die Einführung von Studiengebühren zwischen 300 und 500 Euro pro Semester. Wie eine Studie aus Deutschland zeigt, schrecken Studienbeiträge weder Studenten aus bildungsfernen Schichten noch Kinder aus Migrantenfamilien ab – sofern die Stipendien angemessen erhöht werden. Genau das hatte Töchterle vor, als er im November 2011 sein neues Studienbeitragsmodell vorstellte. Die Unis könnten demnach autonom von allen Studierenden bis zu 500 Euro einheben und hätten – anders als bisher – zusätzliches Geld fürs Budget. Außerdem räumte Töchterle den Studenten die Möglichkeit ein, die Gebühren erst nach dem Studium zu zahlen, die Stipendien sollten zudem ausgeweitet werden.

Die SPÖ ließ sich nicht erweichen. Der allseits erwartete Tausch Studiengebühren gegen Gesamtschule blieb aus. Das Argument der Sozialdemokraten, Studiengebühren würden die soziale Durchmischung an den Unis verhindern, sieht inzwischen freilich alt aus. Der freie Hochschulzugang hat seit den 1970er-Jahren nichts daran geändert, dass Bildung in Österreich nach wie vor ein Privileg der Eliten ist. 1970 hatte knapp die Hälfte der Studenten (48 Prozent) Eltern mit Matura oder Hochschulabschluss. An dieser Zahl hat sich bis heute nicht viel geändert: Noch immer liegt der Anteil von Kindern aus bildungsnahen Schichten über 40 Prozent. Der Anteil von Akademikerkindern unter den Hochschulstudenten ist noch immer 2,6-mal höher, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht.

Töchterles letzte Hoffnung ruht nun auf Salzburgs Landeshauptfrau Gabi Burgstaller: Sie ortet in der SPÖ eine schweigende Mehrheit für Studiengebühren und will beim Parteitag im Herbst ein Konzept dafür vorlegen.

Gsandtner, 20. 05. '12 04:28
Die einzige Lösung : ein Universitätsgesetz 2012/2013 !
Dadurch können die Universitäten EINMALIG entschuldet werden. Dafür müssen sie aber ihre Mittel fokussieren und Mehrgleisigkeiten abstellen.
bpallmann@hotmail.com, 23. 04. '12 22:47
Franz. "Deutschlandbesoffenheit" - aber ohne die "CSU-Todesdengel"!
Seit 2000 besuchte ich regelmaessig Frankreich. Mindestens 1x/Jahr. Ja, stimmt, dass viele Franzosen der eher "traditionellen"+deutschfreundlichen Ecke meinen, Deutschland "funktioniere" in vielen Bereichen besser als das eigene Land. Diese Franzosen kennen viele Deutsche persoenlich, haben in Oesterreich, Deutschland und/oder der Deutschschweiz oft ueber viele Jahre/Besuche ihre Erfahrungen gesammelt.

Alle, selbst absolut "deutsch-BESOFFENE" jedoch zeigten sich entsetzt, wenn sie von den "Todesengel der CSU" und dem "CSU-Massaker Bayern" erfuhren, den vielen Opfern in staatl. Kliniken Bayerns und den massenhaft dort beschaftigten falschen "Dr. med.". Solches waere in Frankreich kaum moeglich, denn Franzosen sind in diesem Punkt sehr, sehr allergisch. Internet: "Alex Zouras Award"".
D.Egger, 23. 04. '12 08:55
Situation der TU Wien
Zwei Ungenauigkeiten im Artikel von F. Dzugan:
1) Leiter des Instituts für Mikroelektronik ist Erasmus Langer, nicht Siegfried Selberherr.
2) Zu den Studiengebühren, "Nun zahlen auch Ausländer und Langzeitstudenten nichts mehr": Man sollte das Wort "Ausländer" durch "Angehörige von Drittstaaten" ersetzen, damit klar wird, was gemeint ist. (EU-Bürger sind den österreichischen Studierenden gleichgestellt und zahlen daher keinen Studienbeitrag.)
Gsandtner, 22. 04. '12 16:26
@ Citoyen : So eine Pauschaleinschätzung wertet Sie ab !
Ich hatte schon gehofft, in Ihnen eine/n sachorienterte/n Poster/in sehen zu können ! Aber mit Formulierungen wie "Ihr Frauen" nehmen Sie sich selbst dann vom Feld, wenn es ironisch gemeint sein sollte. Es handelt sich nämlich beim Niedergang der TU Wien NICHT um ein "Gähn-der"-"Problem", sondern um eine Entscheidung über Gesellschaftliche Prioritäten !

EIN Beitrag dazu -

SWR-Tele-Akademie :

Winfried Kretschmann: Universitäten - Quo vadis?

http://www.sr-online.de/fernsehen/1288/

Für mich ist die Tele-Akademie des Süd-Westdeutschen Rundfunks ohnehin ein wöchentlicher Pflichttermin zum Sonntagmorgen.
Gsandtner, 22. 04. '12 16:15
@ BertelMann : SINN-verstehend lesen (Siehe PISA-Test) !
zum Ihrem ´P.S.: "ALS Frau Seidel Rektorin ..." ´ : NICHT der Zeitpunkt war gemeint, sondern das "Wie" ihrer Laufbahn !

Besserwisser/innen sind Schlechterposter/innen !
Gsandtner, 22. 04. '12 16:09
Politik und Lehre haben sich der Juristerei unterworfen !
Dabei ist (oder war ?) die (Rechts-)Meinung der so genannten "Lehre" (örtlich und fachlich zuständige Fakultät) die maßgebliche Grundlage für die "Erkenntnisse" der Höchstgerichte (gegebenenfalls einzuholende "Fakultätsgutachten").

http://www.ris.bka.gv.at/JustizEntscheidung.wxe?Abfrage=Justiz&Dokumentnummer=JJT_19830426_OGH0002_0100OS00023_8300000_000&IncludeSelf=False

Und da sprechen die Universitäten von "Rechtsunsicherheit" ?
Citoyen, 21. 04. '12 23:16
Rücktritt Frau Seidler
Es ist so ziemlich das Schäbigste, heute den Alt-Rektor Skalicky für die Pleite der aktuellen TU-Wien-Rektorin Seidler verantwortlich zu machen.

Die Neo-TU-Wien-Rektorin Seidler hat es innert weniger Monate geschafft, die TU-Wien mit fast (alten) 300-Mio öS konkursreif zu machen. Der vorgebliche Glanz von angeblich gar so innovativer und großartiger Weiblichkeit an der Spitze ist ganz schnell entzaubert, auch wenn PROFIL das verschleiern möchte.

Wie Frau Seidler Rektorin geworden ist, hat sie im ORF mit Verve gesudert, was sie alles erdulden musste, weil sie Frau sei. Nun hat sie ihren Leistungsnachweis erbracht, sie sollte rasch zurücktreten.
mikegr, 21. 04. '12 23:49
Re: Rücktritt Frau Seidler
Die Renovierungen waren dringend notwendig und von meiner Warte als Student von großen Teilen der TU gewollt. Diese Belastungen wurden noch unter unserem alten Rektor beschlossen.
Ich finde die Formulierung "über unsere Verhältnissen gelebt" sehr ungeschickt. Die Verhältnisse sind ziemlich beschissen und von den Professoren bis zu den Tutoren mühen sich alle ab, um einigermaßen qualitätsvolle Lehre mit dem geringen Budget zu vermitteln. Die Forschung kann sowieso seit Jahren nur mehr durch Drittmittel wie EU-Gelder aufrecht erhalten werden.

Wie Frau Seidler für das alles verantwortlich sein soll, ist mir schleierhaft. Aber frauenfeindliche Aussagen richten sich von selbst.
Gsandtner, 22. 04. '12 04:23
Re: Rücktritt Frau Seidler
Sabine Seidler war 4 Jahre unter Peter Skalicky Vizerektorin !

Obwohl die Zahlungen der TU Wien längst nur durch "Absicherung" durch die Projektgelder des TU-Wien-Personals durchgeführt werden (können), wurde dieser Umstand seit langem verTUscht, um - laut Aussage eines weiblichen Universitätsatsmitgliedes einer anderen Technischen Universität - "die FRAU Seidler zu schützen".
Citoyen, 22. 04. '12 09:46
Re: Rücktritt Frau Seidler: Wahr ist wahr ist wahr
Da hat Frau Seidler die TU in wenigen Monaten in die Pleite getrieben - und dann werden die Feststellungen, es handle sich um eine unfähige Frau gleich wieder mit der uralten Leier von wegen Frauenfeindlichkeit vertuscht (versucht zu vertischen).

Das zieht nicht mehr, stellte eure Frau oder zieht ab, so wie die Männer auch. Und diese Frau sollte abziehen, je rascher dest besser.

Und wahr bleibt wahr bleibt wahr, trotz eures Gesuders.
BertelMann, 22. 04. '12 10:14
Re: Rücktritt Frau Seidler
Frau Seidler ist seit 1.10.2011 Rektorin und Sie glauben tatsächlich, dass sie das Millionendefizit verursacht hat?

Das ist nicht einmal mehr schäbig...

P.S.: "ALS Frau Seidel Rektorin ..."
Citoyen, 22. 04. '12 10:17
Re: Rücktritt Frau Seidler, ja
Ja, das gesteht sie ja selbst ein.

Was ihr Frauen da aller herauskramt um euch nicht der Verantwortung stellen zu müssen ist ganz typisch. DESHALB kriegt ihr keine Spitzenjobs, erst wenn das anders wird, wenn ihr da endlich dazulernt, dann wird das in fernen Tegan anders.
Zenon2k, 22. 04. '12 23:01
Re: Rücktritt Frau Seidler
ISt es nicht verwegen, nach nur halbjähriger Amtszeit von Rektorin Seidler über deren "Beitrag" zur desaströsen Situation zu richten? Wäre es nicht interessanter die Rolle des Vizerektors für Finanzen in dieser Angelegenheit zu beleuchten? Der derzeitige Vizerektor f Finanzen war bereits unter Alt-Rektor Skalicky in dieser Funktion tätig.




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