USA: Egal, wer die Wahl gewinnt - er wird ein geteiltes Land regieren

16.10.2012, 15:46
US-Präsidentschaftswahl 2012 • USA: Egal, wer die Wahl gewinnt - er wird ein geteiltes Land regieren
 

Mitt Romney legt in den Umfragen zu, der Ausgang der US-Präsidentschaftswahl ist wieder offen. Das Ergebnis allerdings steht jetzt schon fest: Der Gewinner wird das halbe Land gegen sich haben.

Von Sebastian Hofer, Detroit

So gern sich Kid Rock als biertrinkender, fahnenschwingender Totalprolet mit schlechtem Hutgeschmack inszeniert, so vif ist er natürlich in Wirklichkeit - zumindest, wenn es um Timing-Fragen geht. Montag vergangener Woche moderierte der deklariert konservative Rockmusiker (an dessen Villa am Detroit River übrigens eine bemerkenswerte Anzahl großformatiger US-Flaggen weht) bei einer Wahlkampfveranstaltung in Michigan noch den republikanischen Vize-Kandidaten Paul Ryan an, und zwar als einen "Jäger wie ich, einen Rock-’n’-Roll-Fan wie ich“.

Zwei Tage später veröffentlichte Herr Rock dann ein rührendes Online-Video, das sich Amerika noch ein bisschen näher zur Brust nimmt, beziehungsweise beide Amerikas, personifiziert in zwei Männern mit Charaktergesicht und Triefauge: Hier Kid Rock, da Sean Penn; hier der kriegstreibende, benzingurgelnde, Waffen-aufs-Auto-montierende Redneck, da der bäumestreichelnde, tofubratende, Schwulenehen-befürwortende Großstädter; hier der Romney-Wähler, da der Obama-Fan.

Hier und da: Amerika, das unvereinbare.


Die Pointe: Nach ein paar bösen Worten und noch böseren Blicken vertragen sich Rock und Penn am Ende doch noch ganz gut, tauschen T-Shirts und reiten auf Fahrrädern zu schwerem Gitarrenrock in den Sonnenuntergang. Die Botschaft: Wir können auch anders. Amerika, das vereinte. Eine schöne Fiktion.

Die Realität ist leider weniger schön. Sie wird von einem Krypto-Islamisten namens Barack Hussein Obama bevölkert, der vor vier Jahren von undurchsichtigen Mächten ins Weiße Haus befördert wurde und dort seither seine unamerikanische Agenda verfolgt. Man muss sich nur die Wirtschaftsdaten ansehen: Billionendefizit, Wirtschaftskrise, außenpolitische Schwachbrüstigkeit - der Präsident hat das Land böswillig in den Abgrund gesteuert.

In diesem Fall handelt es sich um kein Online-Video. Sondern um eine annähernd mehrheitsfähige Meinung, die einem im amerikanischen Alltags-Smalltalk nicht (nur) von augenrollenden Spinnern aufgetischt wird, sondern von völlig normalen, vollkommen unauffälligen und durch und durch durchschnittlichen Mittelklasse-Amerikanern. Sie sagen es nicht so, aber meinen genau das: Der schwarze Mann im Weißen Haus tut Amerika nicht gut. Und ja, Hautfarben spielen in dieser Frage leider eine Rolle.

Die Frage, ob Barack Obama seinen Job gut mache, bejahten laut Gallup-Umfrage zuletzt nur noch 41 Prozent der weißen Wählerschaft, während 91 Prozent der Schwarzen den Präsidenten okay fanden. Ähnlich deutliche Unterschiede ergeben sich zwischen Jugendlichen und Senioren, Gut- und Schlechtverdienern, Religiösen und Agnostikern, Männern und Frauen, Verheirateten und Unverheirateten. Auch die konkrete Wahlentscheidung wird, so legen es Umfragen nahe, entlang Rassen- und Klassengrenzen getroffen (was in den USA oft immer noch auf dasselbe hinausläuft): Über die Hälfte der weißen Wahlberechtigten favorisieren Mitt Romney, rund vier Fünftel der Nichtweißen (also Schwarze und Latinos) deklarieren sich als Obama-Anhänger. Bezeichnend auch, dass zwar 89 Prozent der bekennenden Demokraten die Arbeit des Präsidenten goutieren, aber nur acht Prozent der Republikaner. Macht 81 Prozentpunkte Unterschied. So viele waren es nicht einmal unter George W. Bush.

Mit jeder Umfrage, jedem Bargespräch, jedem Kaffeetratsch vertieft sich der Eindruck (mit jeder Fernsehminute sowieso): Die Vereinigten Staaten von Amerika sind eine gespaltene Nation. Zwei ideologische Lager stehen einander gegenüber, und sie stehen fest und unverrückbar. Wer auch immer am 7. November als Wahlsieger aufwacht, wird die Hälfte des Landes hinter sich haben. Aber nur diese.

Die Wirtschaft sei das zentrale Thema dieses Wahlkampfs, trommeln beide Parteien und erzählen dabei nur die halbe Wahrheit. Denn im Grunde geht es hier um Amerika, um "die größte Nation der Welt“ und ihr Selbstverständnis, und dieses wiederum geht weit über ökonomische Eckdaten und politische Ansätze hinaus. Die ideologischen Gräben ziehen sich durch sämtliche Lebensbereiche. Es gibt kaum gemeinsame oder zumindest neutrale Zonen, egal, wie die Frage lautet: Welchen Beitrag sollen die reichsten Amerikaner leisten? (Romney: Steuererleichterungen, Obama: Steuererhöhungen) Welcher Anteil wird staatlichen Institutionen zugestanden? (Romney: noch weniger, Obama: noch mehr) Wie halten Sie es mit Abtreibung und Schwulenehe? (Romney: dagegen, Obama: dafür) Was soll mit illegalen Einwanderern passieren? (Romney: Rückkehr "fördern“; Obama: Abschiebung erschweren) Außenpolitik? (Romney: Militärbudget erhöhen; Obama: Diplomatie versuchen) Energiepolitik? (Romney: Kohle, Obama: Wind) Es lebe die Differenz.

Ein Teil dieser Unterschiede hat zweifellos wahlkampfrhetorische Grundlagen. Ein Großteil davon geht tiefer. Die Ursachen sind vielfältig, die wesentlichen aber an einer Hand abzählbar.

Da wären, erstens, die Medien: Die Parteilichkeit der US-Massenmedien ist weltweit unerreicht, hat sich durch deren Verbreitung im Internet noch intensiviert, mit verheerenden Folgen: Es wird nicht mehr miteinander gesprochen, weil es nichts zu besprechen gibt. Fox-News-Fans (konservativ) und MSNBC-Seher (liberal) haben nicht nur unterschiedliche Fernsehgewohnheiten und politische Ansichten. Sie leben in grundverschiedenen Welten.

Dann ist da, zweitens, der Crash. Die Wirtschaftskrise hat die USA verändert, ihr Selbstbewusstsein angeknackst und damit einen Grundpfeiler ihrer Politik. Der republikanische Vordenker und ehemalige Bush-Redenschreiber David Frum formulierte es gegenüber profil im Frühjahr so: "Seit dem großen Crash sind die USA nicht mehr dasselbe Land. Die Amerikaner, vorwiegend die Babyboom-Generation, also Bürger, die heute kurz vor der Pension stehen, haben das starke Gefühl, dass bald etwas Schreckliches passieren wird, wenn man nicht dagegen ankämpft.“

Angst macht aber keine gute Politik. Und Panik treibt die Menschen auseinander.

Und schließlich ist da auch noch der amtierende Präsident. Barack Obama hat sein großes Versprechen des Jahres 2008, ein neues, harmonischeres Amerika anzustreben, nicht gehalten, konnte es wohl auch nicht halten - wozu auch die Republikaner eifrig beigetragen haben. Weil aber eine schlichte Wiederholung dieses Projektvorhabens nach vier fruchtlosen Jahren politisch fatal wäre, beschritt er den zweitbesten, schlechtesten Weg: den Gegner anpatzen. Es ist tatsächlich bemerkenswert, wie wenig Positives der Obama-Kampagne in den vergangenen Monaten einfiel, auch über sich selbst, und wie sehr sie sich darauf beschränkte, Mitt Romney als gefühllosen Technokraten und ökonomische Heuschrecke darzustellen. Alex Castellanos, ehemaliger Wahlkampfberater für George W. Bush und Mitt Romney, hat diesen Ansatz so beschrieben: "Wenn du die Mitte nicht gewinnen kannst, schrumpf die Mitte. Polarisiere, bis es keine Mitte mehr gibt.“ Das ist dem Präsidenten zweifellos gelungen. Seinen Gegnern aber auch. Das Ergebnis: ein gespaltenes Land. Republikaner sind Republikaner, Demokraten sind Demokraten. In den Umfragen liegen sie, mit kleinen Schwankungen, gleichauf. In ihrer Ausrichtung könnten sie nicht weiter auseinander sein. Und je knapper das Rennen, desto mehr Menschen werden am 7. November enttäuscht sein.

Nicht, dass die Menschen diesen Zustand wirklich mögen würden. Sie wären schon gern Teil einer großen, starken, vereinigten Nation. Und so klein die Hoffnung auf einen politischen Ausgleich sein mag, so sehr wirkt sie weiter. Dass Mitt Romney in den jüngsten Umfragen wieder an Obama anschließen, ihn in manchen Studien sogar überholen konnte, liegt nicht zuletzt daran, dass er in der für ihn so vorteilhaft verlaufenen ersten TV-Debatte glaubhaft versichern konnte (ohne dabei freilich allzu konkret zu werden), dass in ihm ein Querverbinder steckt, einer, der auch die andere Seite sieht und versteht. Hope und Change funktioniert offenbar auch seitenverkehrt. Oder, um es mit Kid Rock zu formulieren: "Was wirklich zählt, ist, dass wir alle Amerikaner sind.“ Wie gesagt: eine schöne Fiktion.

eulenauge, 19. 10. '12 17:59
Ein gespaltenes Land?
Naja, wie in Österreich halt: Es gibt die Erben und die, die nix erben.

Und die, die dafür bezahlt werden, daß sie behaupten, daß jeder etwas werden könne, wodurch seine Kinder auch Erben werden werden.
Tingulv, 20. 10. '12 01:02
Re: Ein gespaltenes Land?
Naja, was gescheit’s lernen und fleißig sein, müsste man schon, damit man ein kleines Vermögen machen kann.
Die SPÖ ist halt immer noch die Partei der arbeitsscheuen Neidhammeln, denn die Arbeiter sind längst bei den Blauen.
Tingulv, 17. 10. '12 23:46
Schlecht recherchiert: Die Ursache der Unversöhnlichkeit wird nicht erklärt.
Boston Tea Party war ein Aufstand gegen die Ausbeutung der Britischen Kolonie in Nord Amerika, wobei man hauptsächlich die als zu hoch empfundene Steuern kritisierte. Damit ist der Gründungsmythos der USA ein Steueraufstand. Die moderne Tea-Party-Bewegung greift diese Idee wieder auf und erklärt, den modernen Staat, der sich über Steuern finanziert, zum Ausbeuter oder Sklavenhalter schlechthin. Um das zu illustrieren, empfehle ich euch diesen Videolink:
http://www.youtube.com/watch?v=Xbp6umQT58A
Tingulv, 17. 10. '12 23:54
Die Demokraten predigen aus Sicht der Tea-Party die Versklavung.
Der von den Demokraten angestrebte Ausbau des Wohlfahrtsstaates wird hingegen nur als stärkere Ausbeutung durch den Sklavenhalter namens Staat empfunden. Daher auch die Auflehnung gegen das staatliche Krankenversicherungssystem. Aus Sicht der Tea-Party kann der Sklave (= Bürger) mit dem Staat (= Sklavenhalter) keinen Kompromiss eingehen, denn egal ob man die Steuern rauf oder runter diskutiert, es ändert nichts daran, dass ein Steuersystem als Versklavung empfunden wird. Daher muss aus Sicht der Tea-Party den Sklavenhaltern die Freiheit zurückgegeben werden, d.h. der Staat muss weg.

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