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Die Schlösser von Stronach und Co spiegeln die Machtverhältnisse. In der einst eleganten jüdisch-intellektuellen Sommerfrische residieren heute Hypo-Profiteure und Haider-Freunde.
Zu Nebel wird die Welt am Wörthersee nicht allein in dunkler Jahreszeit. Ein Schleier liegt seit je über den Besitzverhältnissen der Reichen und Schönen. Vom See her offenbaren sich Herrschaftsvillen, Badehäuser und Stege wachsen aus Wiesengründen ins Wasser. Auch moderne Bauten mit verglasten Terrassen, Säulen und Türmchen. Straßenseitig stößt man auf Mauern, Einfahrten mit allen Schikanen, die die Security-Branche zu bieten hat.
Am Südufer des Wörthersees leben die Milliardärswitwen Heidi Horten und Ingrid Flick, um deren Nähe der verunglückte Landeshauptmann Jörg Haider so sehr bemüht war.
In den Haider-Jahren haben sich auch Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser, Finanzjongleur Tilo Berlin und Frank Stronach hier angesiedelt. In Nachbarschaft zum VW-Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch und Porsche-Urenkel Daniel Porsche, deren Familien schon den Zweiten Weltkrieg am Wörthersee verbracht haben.
Der Grün-Politiker Rolf Holub, der am Nordufer selbst eine Villa geerbt hat, kämpft seit Jahren gegen diverse Schandbauten und für öffentliche Badestrände. Der See gehört der Allgemeinheit, aber auch den Zugang müsste die Politik gewährleisten, meint Holub.
Die Ersten, die sich in den Wörthersee verliebten, waren jüdische Künstler, Intellektuelle und Geschäftsleute. Gustav Mahler, Alban Berg und Johannes Brahms haben hier komponiert. Dann kamen gänzlich unjüdische Nachkriegsmillionäre. Was dazwischen war, liegt im Ungefähren.
Wehrmachtsgeneral Wilhelm Keitel, der später in Nürnberg als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde, verbrachte seine Urlaubstage im Schloss Sekirn am Südufer des Sees. Nazi-Bonzen feierten hier Gelage. Der 21-jährige Harvardstudent John F. Kennedy, später US-Präsident, war 1939 ein paar Wochen zu Gast, von seinem Vater, dem US-Botschafter in London, der den Nazis freundlich gesinnt war, empfohlen.
Der Schriftsteller Erwin Riess hat solche historischen Fakten fiktional in seinem jüngsten Wörthersee-Krimi Herr Groll im Schatten der Karawanken (Otto Müller Verlag) verarbeitet und es innerhalb kurzer Zeit zur dritten Auflage gebracht.
Schloss Sekirn wurde nach dem Krieg von Helmut Horten erworben und umgebaut. Horten war in der NS-Zeit Reichsverteiler für Textilien gewesen. Sein Vermögen gründete auf arisierten Warenhäusern. Seine Witwe Heidi Horten, eine Kärntnerin, die den Milliardär in den sechziger Jahren in einer Wörthersee-Bar kennen gelernt hatte, jettet heute zwischen Sekirn und den Bahamas.
Am Südufer herrscht traditionell Weltangewandtheit. Zuletzt versuchte die Flick-Erbin, die Politik dazu zu bringen, die Uferstraße, die ihre Liegenschaften durchschneidet, vom See weg auf den Hügel zu verlegen. Die Freiheitlichen unterstützten sie dabei kräftig. Die SPÖ wurde mit dem Versprechen eines neuen Fahrradwegs geködert. Am Ende waren die Verträge so gestaltet, dass Ingrid Flick geringe Kosten, aber eine große Wertsteigerung aus dem Vorhaben erwachsen wäre. Wären nicht empörte Bürger, die Grünen und sogar Flicks Nachbarin Heidi Horten auf den Plan getreten, wären wohl schon Bagger aufgefahren.
Das jährliche Golf-GTI-Treffen wiederum erlaubt trotz Ruhezone ein paar Tage lang organisiertes Rowdytum. Für den Volkswagenkonzern eine unbezahlbare Werbung. 200.000 Autofreaks verwandeln das Südufer von Sekirn bis Reifnitz in eine Partyhölle, bringen die Motoren bei angezogener Handbremse zum Aufheulen und saufen sich ins Koma. Piëch wird wie ein Rockstar umjubelt.
Mit dem politischen Engagement des ehemaligen Magna-Chefs Frank Stronach ist auch sein Erwerb von Schloss Reifnitz in Korruptionsverdacht geraten.
Ein Refugium am Wörthersee war seit je sein Traum gewesen. Früher wollte er die Halbinsel Walterskirchen mit ihren unberührten Wäldern und verschwiegenen Buchten erwerben. Der damals aufstrebende Landespolitiker Karl-Heinz Grasser mit einer Witterung für Geld und Macht tat sein Möglichstes, doch Haider war dagegen. Haider war schon Hans Tilly im Wort, dem größten privaten Forstbesitzer Österreichs und alten Freund der Familie. Es kam zum Zerwürfnis. Grasser verließ die Politik und heuerte bei Stronach an.
Doch Tilly hat mit Walterskirchen kein Glück gehabt. Vor zehn Tagen bekam er einen Abrissbescheid für die protzige Villa, die er mitten im Naturschutzgebiet hatte bauen lassen im Vertrauen darauf, dass Haider, dem Tilly seinerseits bei einer Gaddafi-Reise zur Seite gestanden war, das Unerlaubte möglich machen würde.
Auch Stronach könnte nervös werden. Es war an einem Weihnachtsabend vor sechs Jahren, am 22. Dezember 2004. Der Gemeinderat von Maria Wörth wurde zu unüblich später Stunde, von 21 Uhr bis 23 Uhr, angesetzt. Landeshauptmann Haider höchstpersönlich war erschienen, um den Verkauf von Schloss Reifnitz an Stronach durchzusetzen. Die Einwände, der Preis von 6,4 Millionen Euro für ein 62.000 Quadratmeter großes Grundstück am See und ein Schloss aus der Jahrhundertwende sei verdächtig niedrig und rieche nach einer geschobenen Partie, ließ Haider nicht gelten. Ihr müsst mir vertrauen, fuhr Haider den eigenen Leuten in die Parade.
Dort, wo die Bosse sich wohlfühlen, siedelt sich auch die Wirtschaft an, hatte Stronach damals vollmundig verkündet und die Umwandlung des Schlosses in ein Luxushotel in Aussicht gestellt.
Mittlerweile ist Schloss Reifnitz Stronachs Privatvergnügen geworden, das er sich mit seinem ehemaligen Magna-Manager Siegfried Wolf teilt. Die Gemeinde hatte zehnfach unter dem Wert verkauft. Eine bescheidene Villa unweit von Stronachs Schloss mit 2000 Quadratmetern Grund wechselte vor Kurzem für zwei Millionen Euro den Besitzer. Sacher-Chefin Elisabeth Gürtler zahlte kürzlich 10.000 Euro pro Quadratmeter für ein Penthouse in Pörtschach.
An der Abwicklung des Haider-Stronach-Deals hat jedenfalls der Kärntner Wirtschaftsanwalt Gert Seeber gut verdient. Eine Summe von 900.000 Euro wird kolportiert. Davon hat Seeber bald danach 240.000 Euro an eine BZÖ-eigene Werbeagentur gezahlt. Bei der Korruptionsstaatsanwaltschaft sagte Seeber vor einigen Wochen aus, Haider habe damals eine Art Schutzgeld von ihm gefordert. Andernfalls hätte er betuchte Klienten wie Stronach verloren.
Seeber war jahrzehntelang Teil des Systems gewesen. 2011 musste er als Messepräsident zurücktreten. Seine anderen Geschäfte sind davon nicht berührt. Derzeit wickelt er für den Kärntner Heimatdienst einen Grundstücksverkauf bei Schiefling am Wörthersee ab. Seeber sitzt im Vorstand mehrerer Kärntner Privatstiftungen und managt das Hotel-Areal Werzer in Krumpendorf.
Dort, am Nordufer des Wörthersees, haben sich in den vergangenen zehn Jahren, parallel zum überhitzten Expansionskurs der Hypo Alpe-Adria, ehemalige Hypo-Manager wie Günter Striedinger eingekauft. Hypo-Investoren, die durch den Verkauf ihrer Anteile an die Bayerische Landesbank binnen kürzester Zeit zwischen 40 und 60 Prozent Rendite erzielten wie Möbelhauskrösus Herbert Koch , haben hier Villen erworben.
Einer der medienscheuesten Industriellen, Gaston Glock und seine Familie, besitzen gleich drei der schönsten Seevillen am Nordufer des Wörthersees. Am Hypo-Investment hatte sich der Milliardär trotz Überredungskünsten von Tilo Berlin nicht beteiligt, weil er geplanten Betrug gewittert habe. Velden und Pörtschach waren einmal die Sommerfrische des jüdischen Wiener Mittelstands gewesen. Die begüterten Klagenfurter hatten Krumpendorf bevorzugt. Die weniger Reichen hatten sich in Bauernhöfen eingemietet.
Nur Industrielle und erfolgreiche Geschäftsleute aus der Bundeshauptstadt Wien konnten in den zwanziger Jahren hier noch eine Villa erwerben.
Anfangs waren die Seegrundstücke gar nicht die begehrtesten Lagen gewesen. Der Fernblick, die Aussicht waren wichtiger als die Nähe zum Wasser. Die Gleise der k. k. Südbahn waren sehr, sehr nahe an das Ufer gelegt worden, um die Zugfahrt kurzweiliger zu gestalten. Die Wörtherseeluft wurde in der Monarchie als Nachkur zu einem Aufenthalt in Karlsbad oder Marienbad empfohlen.
Um die Jahrhundertwende kam am Nordufer der Tourismus in Schwung. Es wurde schick, Sonnenbäder zu nehmen und zu schwimmen. Es entstanden Hotels mit Tanzsälen, Bibliotheken und Spielsalons, Vergnügungsetablissements und Restaurants am See. Die Gäste kamen aus Budapest, Prag, Warschau, London und Paris. Wiener Schauspieler und Künstler trafen sich beim Wallerwirt, der ein Herz für arme Schlucker hatte. Der Wörthersee war ein kosmopolitisches Pflaster.
In Pörtschach stieg der jüdische Porzellanfabrikant Ernst Karl David Wahliss zum größten Hotelier auf. Seine Werbeprospekte gestaltete er immer mit einer großen, an einer Leine hängenden Badehose, und zu Kaisers Geburtstag inszenierte er einen Blumenkorso am See. 1891 hatte er auch das Schloss Velden erworben und zu einem Hotel umgebaut, das vom jüdischen Großbürgertum frequentiert wurde. Wahliss ehemaliges Parkhotel in Pörtschach wurde in den sechziger Jahren abgerissen. An seiner Stelle steht heute ein hässlicher Siebziger-Jahre-Kasten. Sein größter Konkurrent am See war Franz Jakob Werzer aus Feldkirchen. Ihm gehörte das Weiße Rössl in Pörtschach, eine riesige Badeanstalt, ein Kino und ein Vergnügungsetablissement.
Wahliss starb schon Anfang des 20. Jahrhunderts. Den aufkeimenden Antisemitismus bekam er nicht mehr zu spüren. Seine Anna führte die Hotels eine Zeit lang weiter, verkaufte jedoch in den zwanziger Jahren. Der Austausch des Publikums ging allmählich vor sich. Schon Ende der zwanziger Jahre waren immer mehr Deutsche nach Kärnten gekommen. Antisemitismus war gesellschaftsfähig geworden. Die Hotellerie begann sich auf den reichsdeutschen Gast einzustellen. Jüdische Villenbesitzer wurden angepöbelt.
Im Frühsommer 1938 triumphierte die Pörtschacher Kurzeitung, jetzt habe es ein Ende mit dem Verpörtschachern. Im Strandbad wurden Tafeln aufgestellt, die den Juden das Betreten der Anlage verboten. Das Schlosshotel Velden wurde mit Hakenkreuzen beflaggt. In Kraft durch Freude-Sonderzügen wurde die Volksgemeinschaft nach Kärnten gekarrt.
Ein Dutzend Villen in Velden, eine ganze Reihe von Häusern in Pörtschach waren arisiert oder Hypotheken fällig gestellt und zwangsweise veräußert worden. Die Besitzer wurden nach Wien in ein Sammellager transportiert, wo sich die Spuren meist verlieren. Die Geschichte der Kärntner Juden am Wörthersee ist ein unbekanntes Kapitel in der Geschichte Kärntens. In den achtziger Jahren hat August Walzl, ein engagierter Gymnasialprofessor, Die Juden in Kärnten und das Dritte Reich herausgebracht. Eine systematische Erfassung der arisierten Wörthersee-Villen und der Geschichte ihrer Rückstellung gibt es nicht. Im Zuge der Forschungen der Wiener Historikerkommission wurden nur die Enteignungen und Vertreibungen der Kärntner Slowenen aufgearbeitet.
Einzelfälle berichten von beschämenden, aber typischen Vorgängen. Dem Wiener Literaten und Sprachwissenschafter Leon Spitzer gehörte die Villa Leonstein, eine der schönsten Villen in Pörtschach. Doch als die Nazis die Macht übernahmen, entpuppten sich freundliche Nachbarn als Illegale. Spitzer überlebte den Holocaust in Übersee. Bei der Rückstellung seiner Villa musste er Rechnungen für Schäden aus den Kriegsjahren an die Ariseure bezahlen.
Im Nachkriegstaumel wollte keiner wissen, wo die verschwundenen Nachbarn geblieben waren. Einmal noch, für kurze Zeit, entwickelte sich am Wörthersee etwas Neues, Schräges. Der Glamour der Filmbranche zog nicht nur Schlagersänger, Unterhaltungskünstler und Sportler an, sondern auch den internationalen Jetset. Am Wörthersee trafen sich Playboy Gunter Sachs, Brigitte Bardot, Sophia Loren, Ingrid Bergman und Alain Delon. Diskotheken wurden zu Hotspots. Regisseur Otto Retzer, der mit der Fernsehserie Ein Schloss am Wörthersee, in der Roy Black und Uschi Glas spielten, bekannt wurde, war damals noch 5-Uhr-Tee-Kellner beim Werzer. Gunter Sachs kaufte später das Schlosshotel, reichte den Prachtbau aber dann an die Hypo weiter, die das Luxushotel mit großem Verlust an Billa-Gründer Karl Wlaschek weiterverkaufte.
Die vergangenen Jahre zeugen vom Niedergang. Der Jetset wurde von den Haider-Buben abgelöst. Am Monte-Carlo-Platz in Pörtschach bei der Promi-Bar von Rainer Husar trafen sich Haider-Aficionados, die oft vom Fleck weg für die Politik rekrutiert wurden. Doch auch der Kult-Barkeeper ist mittlerweile weitergezogen.
Die Hautevolee ist jetzt auf den Hugo gekommen, das In-Getränk des vergangenen Sommers. Und wie es heißt, so schmeckt es auch.

























